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Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche Forum
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Nadine1978
Anmeldedatum: 28.02.2010 Beiträge: 1
Wohnort: 99086 Erfurt Thüringen, Deutschland
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Verfasst am: 28.02.2010 - 18:00 Titel: Meine Geschichte |
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Dieses Forum ist sehr interessant. Die Geschichten sind teilweise wirklich erschütternd, und ich frage mich, ob man überhaupt mitreden darf, wenn man selber Abitur gemacht hat? Viele hier werden finden, daß ich keinen Grund zum Jammern habe. Ich will mich auch gar nicht beklagen, sondern einfach schildern, wie es mir in der Schule und im späteren Leben mit der Mathematik ergangen ist.
Als ich 1985 eingeschult wurde, habe ich mich wie die meisten Kinder auf die Schule gefreut. Lesen und schreiben habe ich sehr schnell gelernt, aber rechnen nicht. Ich kann im Nachhinein nicht mehr sagen, was eigentlich das Problem war bzw. ist. Meine Grundschullehrerin stellte fest, es ginge manchmal "wie aus der Pistole geschossen" und manchmal so, als hätte ich ein "Brett vorm Kopf".
Die Beurteilung war überhaupt sehr wechselhaft – manchmal hieß es, ich sei zu langsam, und dann wieder, ich sei zu flüchtig. Der Widerspruch fiel offenbar keinem auf, ebensowenig wunderte sich jemand, daß ich beim Lesen und Schreiben weder unkonzentriert noch langsam war.
Der Förderunterricht in der Grundschule war keine Hilfe, ich empfand es als Strafe, länger in der Schule bleiben zu müssen. Häusliches Üben mit den Eltern war eine Qual und endete meistens mit Krach und Tränen; ich denke mit einer Gänsehaut daran.
Die anderen in der Grundschulklasse waren entweder in Deutsch UND Mathe gut oder in beiden Fächern schlecht; nur bei mir gab es einen krassen Unterschied. Ich fühlte mich als Außenseiterin.
Manchmal klappte es auch einigermaßen, und das Einmaleins u. ä. habe ich eben auswendig gelernt. In den Arbeiten hatte ich meistens Dreien, aber immer wieder kamen Fünfen dazwischen. So hatte ich in der Grundschule hatte immer noch eine 3 im Zeugnis, wenn auch ab und zu mit der Bemerkung "tendiert zur 4".
Im 5. und 6. Schuljahr war ich auf der Orientierungsstufe, aber schon im 2. Halbjahr der 5. Klasse begann die Auslese. Die Klasse wurde in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathe in zwei Gruppen aufgeteilt; ich war in Deutsch und Englisch in Gruppe 1 und in Mathe in Gruppe 2. In der 6. Klasse wurde noch einmal geteilt. In Deutsch blieb es bei den zwei Gruppen, in Englisch und Mathe wurde in A-, B- und C-Kurs aufgeteilt. Ich war in Englisch im A-Kurs und in Mathe trotz einer 3 im Zeugnis im C-Kurs, also bei den allerschlechtesten – durfte jedoch später in den B-Kurs wechseln.
Am Ende der 6. Klasse stellte sich die Frage: Gymnasium, Realschule oder Hauptschule? Die Empfehlung lautete Realschule, dank des Wechsels vom C- in den B-Kurs. Wenn man in Englisch und Mathe in verschiedenen Kursen war (A und B oder B und C), zählte für die Empfehlung der schlechtere; was bei A und C passiert wäre, weiß ich nicht. Falls nun jemandem der Kopf schwirrt: Deutschland ist eben Weltmeister im Sortieren. Die OS gab es übrigens nur noch in Niedersachsen, sie ist mittlerweile abgeschafft. Deutschland ist mit 16 verschiedenen Schulsystemen wirklich ein multikulturelles Land.
Da meine Eltern und ich es nicht akzeptieren konnten, daß ein einziges Fach alles verbauen sollte, bin ich ohne Empfehlung aufs Gymnasium gegangen (in Niedersachsen konnten damals die Eltern allein entscheiden).
Auch auf dem Gymnasium hatte ich in den meisten Fächern gute Noten, aber in Mathe wurde es immer schlimmer.
Glücklicherweise habe ich ein gutes Gedächtnis und konnte durch stumpfes Auswendiglernen (früher das Einmaleins, später binomische Formeln usw.) noch lange Zeit (etwa bis zur 8. Klasse) noch einiges kompensieren. Aber es wurde immer schwieriger, unverstandene Regeln zu behalten und anzuwenden. Daß man in einer Summe nicht kürzen darf, habe ich mir gemerkt – ohne zu verstehen, WARUM man es nicht darf. Es war frustrierend, alle Regeln im Kopf zu haben, aber nicht zu wissen, wo man welche benutzen soll! In der 8. Klasse hatte ich meine letzte 3 in einer Mathearbeit, danach folgten Vieren und immer häufiger Fünfen und sogar Sechsen.
Nachhilfe hatte ich übrigens auch (von Klasse 7 – 11, bei nacheinander drei verschiedenen Leuten), aber die 5 im Zeugnis blieb trotzdem. Deshalb fand ich die Nachhilfe nutzlos, aber wer weiß – vielleicht wäre es ohne auf eine 6 heruntergegangen.
Glücklicherweise konnte ich die Dauerfünf mit anderen Fächern ausgleichen. Dank guter Noten in Deutsch, Englisch und Latein bin ich nie sitzengeblieben. Ich wurde nie als dumm oder faul abgestempelt, sondern galt als "einseitig begabt". Das Außenseitergefühl milderte sich auch ein wenig, weil im Laufe der Jahre immer mehr Mitschüler ebenfalls Probleme in Mathe bekamen. Trotzdem war ein dickes Fell nötig, um den Fünfen- und Sechsenhagel wegzustecken. Es hat mich oft gewurmt, daß viele, die ansonsten viel schlechter in der Schule waren als ich, in Mathe besser waren!
Zuletzt ging es nur noch darum, die 5 zu halten, denn mit einer 5 konnte man durchs Abitur kommen, mit einer 6 nicht, d. h. ich brauchte einen einzigen Gnadenpunkt.
Mein Abitur war nicht überragend, aber akzeptabel.
Irgendwann wurde die Ansicht modern, Mädchen würde nur in ihrer Kindheit eingeredet, sie seien nicht begabt für Mathe, und es sei alles nur Einbildung und fehlendes Selbstvertrauen. Ich war erstaunt, weil ich mich nicht erinnern konnte, daß mir jemand so etwas eingeredet hätte.
Von Dyskalkulie oder Rechenschwäche hörte ich an der Uni zum ersten Mal. In Buchhandlungen findet man viel Literatur zu dem Thema, ganz zu schweigen von den zahllosen Internetseiten, aber die Ansichten der Experten sind höchst unterschiedlich.
Mir stehen die Haare zu Berge angesichts der vielen Widersprüche, wenn es um die Definition und die Ursachen von Rechenproblemen geht, hier mal eine Auswahl:
Hirnschaden (minimale cerebrale Dysfunktion), gestörte Wahrnehmung, AD(H)S, kein Gefühl für Mengen, fehlendes räumliches Vorstellungsvermögen, Probleme mit links und rechts, visuelle Störung, Erziehung, erlernte Hilflosigkeit, schlechter Anfangsunterricht, Konzentrationsschwäche, falsche Ernährung, (Lern-)Behinderung, fehlendes logisches Denkvermögen, Bewegungsmangel, bildungsfernes Elternhaus, angeboren, nicht angeboren, Krankheit, keine Krankheit, heilbar, unheilbar, "kompensierbar", nur in den ersten beiden Schuljahren therapierbar, nur bis zum 15. Lebensjahr therapierbar, auch bei Erwachsenen noch zu beheben, "zu weit über 90 Prozent therapierbar", "Rechenschwäche läßt sich selten behandeln", "hartnäckige Lernstörung", unbewußte Entscheidung des Kindes für die Rechenschwäche, Ausrede für Faulheit und Dummheit, unnötige und schädliche Pathologisierung, sich selbst erfüllende Prophezeiung, Suggestion...
Auf einer Internetseite steht, rechenschwache Kinder seien häufig körperlich ungeschickt, auf einer anderen heißt es, Rechenschwache könnten besser turnen als andere. Laut WHO ist Dyskalkulie eine Krankheit, aber auch die WHO ist nicht unfehlbar – bis vor kurzem galt dort Homosexualität auch noch als Krankheit. Der eine Experte sagt, Dyskalkulie läge nur vor, wenn die Leistungen in anderen Fächern deutlich besser seien, der andere erklärt, die Diskrepanz-Theorie sei nicht sinnvoll, da sich Versagen in einem so wichtigen Fach auf andere Fächer ausweiten könne. Also Widersprüche ohne Ende.
Noch merkwürdiger finde ich Feststellungen wie: "Nicht jedes Kind, das schlecht rechnet, hat eine Rechenschwäche." Was soll das heißen? Einige schlechte Rechner haben Dyskalkulie, andere sind einfach nur doof? Sollte es nicht eher so sein, daß ALLE Kinder mit Matheproblemen Hilfe bekommen, egal, wie man das Problem nun nennt?!
Ich habe meine Verwirrung auf der Diskussionsseite des Wikipedia-Artikels kundgetan und eine Antwort von jemandem erhalten, der offenbar für das ZTR arbeitet. Der empfohlene Artikel war sehr interessant, u. a. wird erklärt, daß Noten und Auslese fehl am Platz sind, wenn wirklich ALLE Kinder lesen, schreiben und rechen lernen sollen. Das ist sicher richtig, von der Realität in der Schule aber natürlich meilenweit entfernt. Auch auf der besagten Diskussionsseite wird heftig gestritten.
Da die Meinungen der Fachleute so sehr auseinanderklaffen, darf man wohl annehmen, daß auch die unterschiedlichsten Therapien angeboten werden. Ich habe im Internet gelesen, daß eine Grundschülerin (allerdings wegen Legasthenie) in ihrer Therapie u. a. balancieren mußte – 3 Jahre lang, und die Eltern wunderten sich ernsthaft, daß die Lese- und Schreibleistungen ihrer Tochter nicht besser wurden! Ist für rechenschwache Kinder vielleicht ähnlicher Unsinn im Angebot? Ich befürchte es...
Ich frage mich: Soll ich mich ärgern, daß bei mir keine Dyskalkulie festgestellt wurde? Bei einem etwaigen Notenschutz wäre meine Schulzeit deutlich entspannter und mein Abitur wesentlich besser gewesen.
Oder soll ich vielleicht lieber froh sein, daß ich nicht zu einem "Fall" gemacht wurde und nicht in einen Therapiedschungel hineingeraten bin?
Ich bin jetzt 31, habe natürlich Fächer ohne Mathe studiert (Philologie) und Arbeit damit gefunden (also doch keine völlig brotlose Kunst).
Im Alltag komme ich einigermaßen zurecht, d. h. ich habe einen Überblick darüber, wieviel ich verdiene und ausgebe. Die Grundrechenarten habe ich m. E. begriffen – bin aber trotzdem keine gute Rechnerin. Ich nehme heute noch die Finger zu Hilfe und muß fast alles schriftlich ausrechnen. Und es ist bis heute so, daß die "Tagesform" wichtig ist, d.h. manchmal kann ich etwas ausrechnen und manchmal nicht. Daß ich bis heute nicht über mein Grundschulniveau hinausgekommen bin, ist schon irgendwie bitter. Den Aufwand und die Kosten einer Therapie würde ich mir heute nicht mehr antun – es lohnt sich nicht mehr. Mit meinem heutigen Leben bin ich zufrieden, aber der Weg war steinig – und alles nur wegen Mathe... |
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Dr. K. Retzlaff
Anmeldedatum: 09.03.2006 Beiträge: 27
Wohnort: Sachsen-Anhalt Deutschland
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Verfasst am: 11.03.2010 - 19:22 Titel: Danke für den Beitrag |
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Hallo Nadine,
vielen Dank für Ihren sehr ausführlichen Beitrag, neben den Schilderungen Ihres persönlichen Werdegangs hat mir die Auflistung der Widersprüche zum Thema Rechenschwäche gefallen. Dies macht deutlich wie sehr das schlichte Nichtrechnenkönnen immer noch mit Vor- und Fehlurteilen, teilweise auch aus den Wissenschaften behaftet ist. Die Hauptursache liegt nicht bei den betroffenen Kindern auch nicht bei den Eltern, sondern die Hauptursache liegt eindeutig im Schulsystem, denn Mathematikverstehen setzt das Durchlaufen einer Hierarchie von Lernschritten voraus. Diese Hierarchie wird schulische regelmäßig durchbrochen, weil es nicht einfach nur um Wissensvermittlung geht, sondern zugleich das Wissen zum Mittel der Leistungsdifferenzierung eingesetzt wird, Lernen pro Zeit und Lernen in Konkurrenz bricht notwendige Lernprozesse ab, bevor sie zum Ende gekommen sind oder bevor sie bei manchen Kindern überhaupt erst beginnen konnten. Das Unterrichtssystem ist hier rücksichtslos gegen die diversen individuellen Lernausganglagen und individuellen Lerntempi der Schüler. Darum zählen lt. PISA ca. 25% der Schüler zur so genannten Risikogruppe, das sind Schüler, die an der Schule die Grundschulmathematik nicht oder nur in Ansätzen erlernt haben und die dem entsprechend nicht berufsfähig sind.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. K. Retzlaff _________________ Dr. K. Retzlaff
ZTR Magdeburg |
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