Kids und Co Ausgabe Sommer 2006

Ausgezählt fürs ganze Leben

Wenn das Wertegefühl völlig aus den Fugen gerät, ist der Nullpunkt schnell erreicht. Wie muss sich ein Kind fühlen, wenn es so etwas durchlebt? Und das nur, weil es im Matheunterricht nicht mitkommt, einfach nichts mit der Bedeutung von Zahlen anfangen kann. Das kann doch in unserer zivilisierten und strukturierten Gesellschaft gar nicht möglich sein?! Leider doch. Fälschlicherweise wird Rechenschwäche (im Fachjargon Arithmasthenie/ Dyskalkulie genannt) völlig unterschätzt – geschweige denn überhaupt erkannt.

Nachhilfe und üben, üben, nochmals üben heißt es bei Kindern, die keine Mathe-Asse sind. Ohne mit Zahlen umgehen zu können, kommt man heutzutage einfach nicht durch, wird oft als dumm abgestempelt.
Nicht selten bedeutet das nicht nur Förderschule, sondern im Endeffekt lebenslange Schwierigkeiten. Fakt ist und bleibt aber, das Hauptfach Mathematik ist in unserem Schulsystem nicht abwählbar. Laut IHK und Berufsschulen ist ohne Rechnen zu beherrschen keine Ausbildung möglich. Das stellt die betroffenen Kinder und ihre Eltern vor ein schier unlösbares Problem. Arbeitslosigkeit ist vorprogrammiert, genau wie die drohende seelische Behinderung. Man vermag kaum in Worte zu fassen, wie es den Einzelnen in seiner Entwicklung hemmt, das ganze Umfeld beeinflusst. Rechenschwäche: Was bedeutet das?
Dr. Olaf Steffen ist wissenschaftlicher Leiter im Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR). Er kämpft seit Jahren, verstärkt auch auf politischer Ebene, um Einsicht. Denn hier besteht dringender Handlungsbedarf. Keinesfalls krankhafte Zustände sind Schuld, obwohl die Mehrzahl der Kinder zu allererst beim Arzt landet. Denn da kann ja irgendetwas nicht stimmen. Für uns definiert er die Problematik: „Rechenschwäche ist ein systematisches Lernversagen beim Erwerb der arithmetischen Grundkenntnisse“. An irgendeiner Stelle im Lernprozess liegt ein Bruch vor. Wodurch? Das kann nach Angaben des Experten ganz unterschiedliche Ursachen haben. In erster Linie krankt es aber im Schulsystem. Auch emotionale Erlebnisse, wenn sich Eltern z.B. trennen oder soziale Aspekte wie Armut in der Familie können eine Rolle spielen. Momentan wird in einer Studie der Charité Berlin erarbeitet, ob Erkrankungen im Zusammenhang mit Rechenschwäche stehen. Bisher gibt es dazu keine Annahme.

Das heißt im Klartext: Rechnen ist für Betroffene der reinste Blindflug. Im Grunde haben sie keine Ahnung von Zahlen und Mengenverhältnissen. Bei den scherzhaften Fragen, ob ein 12-Meter langes Schiff in den Therapieraum passe und wie alt der Kapitän wohl sei, gerieten die Kinder wie bei einer Prüfung ins Schwitzen. „Sie entwickeln eine ganz eigene Logik, meist hochkomplexe lineare Vorstellung. Im Prinzip können sie die Grundrechenarten und Zahlenkombinationen auswendig“, erklärt Dr. Steffen weiter. Man erkennt von Rechenschwäche betroffene Kinder an vielerlei Symptomen. Ein ganz vordergründiges Anzeichen ist beispielsweise das ständige Zählen mit den Fingern. Außerdem ist zu beobachten, dass jegliche schlüssige Folgerungen ausbleiben, keine Vorstellungen von Raum und Zeit rechnerisch dargelegt werden können. Ein ganzer Katalog an Anzeichen hilft Eltern, Lehrern und auch Ärzten Rechenschwäche zu erkennen.

Wie viel ist 100 minus 99? Kaum vorstellbar, aber diese Aufgabe kann zur blanken Qual für Kinder mit Rechenschwäche werden. „Das Ergebnis zählen sie mühsam aus. Bei einer ähnlichen Aufgabenstellung mit logischem Zusammenhang wiederholen sie das wieder, zum Beispiel 100-2″, schildert Dr. Steffen seine Erfahrungen. Noch erschreckender wirkt die Bilanz einer empirischen Untersuchung im Auftrag des ZTR: Demnach können 25% aller Grundschüler in Mitteldeutschland nicht rechnen. Da läuten die Alarmglocken, meint man.
Das Dilemma beginnt in der Grundschule und endet häufig im Rechtsstreit.
Es wäre nun ganz einfach zu sagen: Zum Erlernen fundamentaler mathematischer Kenntnisse ist die Schule, sind Lehrer da. Gerade das scheint aber der Ausgangspunkt und gleichzeitig auch die Endstation des Übels zu sein. Der Lehrplan im Grundschulalter schreibt vor, das Rechnen von Grund auf zu lehren. Es ist aber auch Realität, dass Pädagogen befähigte Kinder für das Gymnasium „aussieben“ müssen. Hingegen sitzen die Schüler mit Rechenschwäche unter dem schulischen Druck vor einem riesigen Berg von unverständlichen Zahlen, haben keinen Begriff von Mengen und sind bereits schon „ausgezählt“.

Vergeblich suchen Betroffene, die merken, dass da etwas nicht stimmt nach einem Rettungsanker. Hilfe und Vertrauenspersonen finden sie jedoch nicht in Lehrern oder Ärzten. Diese leisten zumeist gut gemeinte, dennoch aber falsche Unterstützung. Oft bleibt nur eine jahrelange Tortur zum Leidwesen des betroffenen Kindes bis zur qualifizierten Diagnostik der Rechenschwäche.
Ein weiterer Aspekt mischt sich nun in das Dilemma, der nicht von der Hand zu weisen ist. Wurde Rechenschwäche durch Experten festgestellt, sind die Erziehungsberechtigten in der Regel finanziell persönlich verantwortlich. „Jugendämter sowie Krankenkassen verwehren Hilfen gern bei entsprechenden Anträgen. Therapien müssen nicht selten vor Gericht erkämpft werden“, bedauert Dr. Steffen die Lage und zeigt auch hierzu ein Beispiel auf. Erst kürzlich habe demnach eine Mutti aus dem Leipziger Land durch nachgewiesene seelische Behinderung ihres Kindes die Kosten für therapeutische Maßnahmen verweigert bekommen. Ein Gegengutachten des Gesundheitsamtes minderte den Grad der Betroffenheit. Nach unzähligen Streitereien vor Gericht, alarmierte die Frau die Presse. Erst dann wurde ihr Antrag genehmigt.

Im Geschäftsbericht des Jugendamtes der Stadt Leipzig (2004) ist eine Passage zum Umgang mit Rechenschwäche zu finden. Darin heißt es: „Prinzipiell hat die Schule für die gesamtschulische Förderung von Schülern mit entsprechendem Bedarf die Verantwortung zu tragen. Da die Förderung der Teilleistungsschwäche Dyskalkulie in der Verwaltungsvorschrift nicht explizit benannt ist, aber der Bedarf bei den Schülern ebenfalls hoch ist, sollte diese Förderung ebenfalls durch die Schule ermöglicht werden.“ Wie soll das funktionieren, wenn Pädagogen das gar nicht leisten können?
Wie sich Eltern verhalten können und womit Experten reagieren …
Es scheint, als wären Schüler wie Eltern unserem Schulsystem hilflos ausgeliefert. Doch durch Aufklärung über Dyskalkulie lässt sich zunächst ein großer Schritt in die richtige Richtung machen. Beobachten, Symptome richtig deuten, nachdrücklich Lehrer und andere Eltern aufmerksam machen, sind wichtige Aufgaben hierbei. Und vor allem die betroffenen Kinder verstehen und unterstützen. Trifft ein Großteil der erwähnten Anzeichen zu, nutzen Sie rechtzeitig die Diagnose- und Therapiemöglichkeiten. Scheuen Sie den Weg zu und den Kampf mit Behörden nicht. Setzen Sie zum Wohle Ihres Kindes alle Hebel in Bewegung. Nehmen Sie die Unterstützung durch Experten an. Geben Sie Ihrem Kind das Gefühl, nicht dumm oder abgeschrieben zu sein. Das motiviert es, offen mit der Schwäche umzugehen und es selbst zu schaffen. Hinterfragen Sie Urteile von Lehrern und Ärzten zu diesem Thema kritisch. Tauschen Sie Ihre Beobachtungen mit Ihnen aus. Vorbeugend ist es wichtig, mathematische Ansätze den Kindern zu erklären. So entwickeln sie fast wie von selbst das Verständnis für Zahlen und deren Verhältnisse. Spielerisch kann man bereits im Kindergartenalter Mengenangaben in den Alltag einbauen, natürlich ohne zu übertreiben. So könnte der Kuchen in Stücke aufgeteilt oder Interesse für unterschiedliche Mengen beim Einkaufen sowie Bezahlen beim Kind geweckt werden.
Dr. Steffen und sein Team vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche gehen aktiv vor, um den Kindern zu helfen und die Verantwortlichen dem Problem zu stellen. Weiterbildungsangebote für Pädagogen und Ärzte sowie offene Briefe an das Kultusministerium und an die Jugendämter sind nur einige Maßnahmen. Langfristig möchte man an der Universität Jena einen Lehrstuhl zur Thematik errichten. Schon heute forschen und lehren die Fachleute hier vor Ort. Vielleicht ist der Weg zum Ziel, dass zukünftig alle Schüler rechnen können, mathematisch vergleichbar? Dann bleibt die Aufgabe für Politik, Wissenschaft und Bildung bald ein positives Ergebnis zu erzielen. Die Lösung liegt bereits durch die Arbeit und das Engagement zahlreicher Initiativen und Zentren vor. Um wirklich helfen zu können, müssen jedoch alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

Alarmzeichen für Eltern und Lehrer, die auf Rechenschwäche von Kindern deuten:
– mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen
– Rechnen bleibt stures Abzählen
– es wird auch da gezählt, wo es sich eigentlich erübrigt (nach 7+8=15 wird 7+9 erneut ausgezählt)
– dekadische Transferleistungen sind nicht möglich (3+4=7; 13+4 wird neu „durchgezählt“)
– alle aus der Logik des Zahlenaufbaus und dem Zusammenhang der Operationen sich ergebenden
Rechenerleichterungen bleiben systematisch ungenutzt (3+4=7; 7-4 wird neu abgezählt)
– an die Stelle des stupiden Zählens tritt häufig das begrifflose, rein mechanische Rechnen – auch da, wo sich die
Mechanik logisch „verbietet“ (13-12 wird gerechnet als 10-10=0; 3-2=1)
– Rechenarten werden verwechselt
– an Stelle der Operationslogik treten subjektive Rechenregeln (10+10=200)
– Zahlendreher/Zahlenreversionen (24 statt 42) permanente Missachtung der Stellewerte (30+25=82)
– Multiplikationsreihen werden begrifflos wie ein Gedicht aufgesagt (9×9=81; 8×9=72; 81-9 muss neu abgezählt
werden
– offensichtlich falsche Lösungen werden nicht erkannt, häufige Produktion von „Traumergebnissen“ (200:2=1)
– analytische Aufgaben können nicht gelöst werden (x-4=6)
– bei Textaufgaben zeigt sich völliges Unverständnis
– der rechnerische und praktische Umgang mit Größen (Strecken, Geld, Zeit) gelingt nicht
– das räumliche und/oder zeitliche Vorstellungsvermögen ist nicht altersgemäß entwickelt
– es können Lernblockaden und psychosomatische Störungen aller Art auftreten
Durch entsprechende Therapien ist Rechenschwäche zu weit über 90 Prozent heilbar, allerdings nicht von heute auf morgen:
Es gibt also Hoffnung durch Förder- und Verlaufsdiagnostik. 100 bis 120 Stunden sind über ca. 2 bis 3 Jahre nötig, um Rechenschwäche zu heilen. Einmal pro Woche jeweils eine Stunde dauert eine Sitzung. Voraussetzung dafür ist, dass sie durch eine qualitative Diagnose von Experten festgestellt wurde. Das ist wichtig, um mit der Therapie an der Lernausgangslage des Kindes ansetzen zu können. Gezielt werden Veranschaulichungsmaterialien und spezielle Arbeitsblätter genutzt. Dabei beobachten Therapeut und auch Eltern das Lösungsverhalten. Wissensfortschritte wirken motivierend und bauen Angst vor Mathematik schrittweise ab. Selbstverständlich führt auch Vertrauen zum gewünschten Lernerfolg. Gelingt dies, hat das Kind wieder Anschluss im Matheunterricht wie seine Mitschüler. Ist es bereit, dass Gelernte in der Schule anzuwenden kann es unter Umständen sogar zu den Besten gehören.