Leipziger Volkszeitung (Lokales Delitzsch Eilenburg) 1. September 2010

Die Angst vor den Zahlen

Leipziger Therapiezentrum informiert über Rechenschwäche / Betroffene in Nordsachsen

Kreisgebiet. Elf Betroffene aus Nordsachsen sind zurzeit in Leipzig in Therapie. Doch die Gesamtzahl der Kinder, die unter Rechenschwäche leiden, dürfte noch um einiges höher sein. Nicht immer wird das Leiden richtig diagnostiziert, manchem Mädchen oder Jungen, dem geholfen werden könnte, bleibt nur der Weg zur Förderschule. Das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Leipzig will deshalb ab September verstärkt in Nordsachsen auf die Probleme aufmerksam machen.

„Wir planen mehrere Informationsveranstaltungen zu diesem Thema“, erklärt der stellvertretende Leiter des ZTR Leipzig, Cornelius Issels: unter anderem am 7. September von 18 bis 21 Uhr in der Aula des Martin-Rinckart-Gymnasiums in Eilenburg am Dr.-Külz-Ring 9 sowie am 8. September zur gleichen Zeit in der Aula des Gymnasiums Delitzsch, Dübener Straße 20. „Rechenschwäche/Dyskalkulie: Symptome, Diagnose und Therapieansätze“, lautet die Überschrift.
Das Therapiezentrum, das deutschlandweit vertreten ist, beschäftigt sich in der Messestadt seit nunmehr zehn Jahren mit dem Thema. Soeben wurde vor Ort das Jubiläum gefeiert. Behandelt werden im Durchschnitt rund 120 Therapiefälle gleichzeitig. Eine Behandlung kann bis zu zweieinhalb Jahre dauern, die Erfolgsquote liegt laut Einrichtungsleiter Olaf Steffen bei etwa 90 Prozent. Für eine 45-minütige Therapie einmal in der Woche – einschließlich Elterngesprächen, Kooperation mit der Schule oder dem Jugendamt – werden im Monat 230 Euro fällig. Viele Betroffene haben Anspruch, dass die Therapie vom Jugendamt oder der Arbeitsagentur bezahlt wird.
„Rechenschwäche, die nicht behandelt wird, kann zur Leidensodyssee für die Betroffenen werden, die ihr ganzes Leben beeinflussen kann“, so der promovierte Therapeut Steffen. Laut einer Studie der Universität Paderborn, sagt er, seien 25 Prozent aller Grundschüler von Dyskalkulie betroffen. Sichtbar werde das in der Regel von der zweiten Klasse an, sobald im Matheunterricht zweistellige Zahlen behandelt werden. „Wer in der Grundschule nicht Rechnen lernt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Dauerarbeitslose von morgen.“
Typisch ist seiner Ansicht nach Folgendes: Die Kinder werden gedrängt zu üben. Und zwar etwas, was sie nicht grundlegend verstanden haben. Es beginnt mit schulischem Förderunterricht, parallel geht es zu Hause weiter. Oftmals steigert das die Angst vor Mathe noch. Die Kinder werden gezwungen, mit Scheinrechenverfahren ein Ergebnis zu produzieren. „Das kann zu keinem Erfolg führen, oft werden die Kinder dann einfach auf die Förderschule abgeschoben“, so Steffen. Solche Beispiele kennt Psychologin Antje-Katrin Schumann zuhauf. „Die Kinder leben in Angst, zu versagen.“ Deshalb müsse die Therapie dort ansetzen, wo es den Verständnisbruch gegeben habe. Schließlich baue ein Lernabschnitt auf den anderen auf.
Betroffene von Dyskalkulie sind aber auch Erwachsene, die sich – ähnlich wie Analphabeten – jahrelang durchs Schulsystem gemogelt haben. „Viele haben keine Wertvorstellungen, wissen nicht, wie viel Geld sie für den Einkauf brauchen“, so Schumann. Im Leipziger ZTR wird darüber nachgedacht, auch in Nordsachsen eine feste Anlaufstelle für Therapien zu schaffen. Auf diese Weise bliebe Betroffenen aus dieser Region der Weg bis nach Leipzig erspart. „Allerdings beginnt das erst ab 15 Fällen Sinn zu machen“, erläutert Cornelius Issels. Gut möglich, dass diese Zahl nach den Informationsabenden nächste Woche rasch erreicht wird.

Kay Würker und Mathias Orbeck