Leipziger Volkszeitung 24. August 2010

Die Qual mit Zahlen

Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche feiert 10. Geburtstag

Gute Leistungen in anderen Fächern, schlechte in Mathe. Obwohl ihre Noten sonst ansprechend oder akzeptabel sind, können viele Kinder die einfachsten Rechenaufgaben nur mit sturem Abzählen lösen. Oder sie versuchen, Rechenaufgaben wie Gedichte auswendig zu lernen. Dieses Phänomen wird Dyskalkulie (Rechenschwäche) genannt und muss therapiert werden. Beispielsweise im Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in der Kreuzstraße 3b, das dieser Tage seinen 10. Geburtstag begeht.
„Rechenschwäche, die nicht behandelt wird, kann zur Leidensodyssee für die Betroffenen werden, die ihr ganzes Leben beeinflussen kann“, so der promovierte Therapeut Olaf Steffen. Laut einer Studie der Universität Paderborn, sagt er, seien 25 Prozent aller Grundschüler von Dyskalkulie betroffen. Sichtbar werde das in der Regel von der zweiten Klasse an, sobald im Matheunterricht zweistellige Zahlen behandelt werden. „Wer in der Grundschule nicht Rechnen lernt, ist mit hoher ‚Wahrscheinlichkeit der Dauerarbeitslose von morgen.“
Typisch ist seiner Ansicht nach Folgendes: Die Kinder werden gedrängt zu üben. Und zwar etwas, was sie nicht grundlegend verstanden haben. Es beginnt mit schulischem Förderunterricht, parallel geht es zu Hause weiter. Oftmals steigert das die Angst vor Mathe noch. Die Kinder werden gezwungen, mit Scheinrechenverfahren ein Ergebnis zu produzieren. „Das kann zu keinem Erfolg führen, oft werden die Kinder dann einfach auf die Förderschule abgeschoben“, so Steffen. Solche Beispiele kennt Psychologin Antje-Katrin Schumann zuhauf. „Die Kinder leben regelrecht in Angst, zu versagen.“ Deshalb müsse die Therapie dort ansetzen, wo es den Verständnisbruch gegeben habe. Schließlich baue ein Lernabschnitt auf dem anderen auf.
Psychologin Schumann erzählt von Manuela, die bereits in der ersten Klasse Mengen nicht ordnen konnte. Sie wusste nicht, ob eine Drei mehr oder weniger als eine Vier ist. Die Lehrer ließen sie das Schuljahr wiederholen, später wurde eine Lese- und Rechtschreibschwäche diagnostiziert. Dank professioneller Hilfe sei sie nun aber über dem Berg, hat nach sechs Jahren die Mittelschule-Empfehlung geschafft. „Jetzt macht sie einen selbstbewussten Eindruck.“
Betroffene von Dyskalkulie sind aber auch Erwachsene, die sich – ähnlich wie Analphabeten – jahrelang durchs Schulsystem gemogelt haben. „Viele haben keine Wertvorstellungen, wissen nicht, wie viel Geld sie für den Einkauf brauchen“, so Schumann.
Das ZTR behandelt im Durchschnitt 120 Therapiefälle gleichzeitig. Eine Behandlung kann bis zu zweieinhalb Jahre dauern. Die Erfolgsquote liegt laut Steffen bei etwa 90 Prozent. Für eine 45-minütige Therapie einmal in der Woche, einschließlich Elterngespräche, Kooperation mit der Schule oder dem Jugendamt, werden im Monat 230 Euro fällig. Viele Betroffene haben Anspruch, dass die Therapie vom Jugendamt oder der Arbeitsagentur bezahlt wird.

Mathias Orbeck