Schwäbische Zeitung 03.06.2014

Die Qualen mit den Zahlen

Im Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche in Ravensburg lernen Kinder mit Dyskalkulie das Rechnen

Ravensburg. Malin freut sich. Glücklich strahlt sie mit ihren leuchtenden Kinderaugen ihre Therapeutin an. Die siebenjährige Zweitklässlerin hat gerade eine für sie knifflige Aufgabe gelöst: 34+7. Für die meisten Menschen sind derlei Rechnungen eine Leichtigkeit, für Kinder mit einer Rechenschwäche, auch Dyskalkulie genannt, jedoch eine unfassbar große Herausforderung.
„Viele Kinder erzielen durch Auswendiglernen oder eine eigene Strategie das richtige Ergebnis. Oder sie rechnen mit den Fingern, ohne die eigentliche Matheaufgabe verstanden zu haben“, sagt Dyskalkulie-Therapeutin Monika Spohrs vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR), das es seit Dezember in der Ravensburger Banneggstraße gibt. In Einzelunterricht werden den Kindern, die zwischen sieben und 15 Jahre alt sind, die Grundlagen der Mathematik beigebracht. Da die Rechenschwäche meist schon in der ersten Klasse auftritt, kann eine Therapie schon mal zwei bis drei Jahre dauern, bis alle Defizite aufgeholt sind. Auch bei Malin machte sich die Rechenschwäche schon in der ersten Klasse bemerkbar.
Leidensdruck der Kinder ist hoch
Das Problem bei Dyskalkulie: Betroffene Menschen haben kein richtiges Zahlenverständnis entwickelt. „Die logischen Prinzipien der Mathematik sind ihnen völlig unbegreiflich. Ihnen fehlt das Verständnis, dass Zahlen absolute und relative Werteigenschaften besitzen und nicht nur Wörter sind. Das sind allerdings die Grundvoraussetzungen, um rechnen zu können“, erklärt Olaf Steffen vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche.
„Wenn man merkt, dass Kinder elementare Rechenaufgaben nur durch Abzählen hinbekommen, besteht ein unmittelbarer Verdacht auf eine Dyskalkulie“, so der 57-Jährige, der seit mehr als 20 Jahren in der Dyskalkulie-Forschung tätig ist und viele Jahre als Lehrbeauftragter für Dyskalkulie-Diagnostik und -Therapie an der Universität Jena gearbeitet hat.
„Etwa ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland hat eine Rechenschwäche“, führt Steffen weiter aus. Empirische Untersuchungen hätten gezeigt, dass es drei bis vier rechenschwache Grundschüler pro Klasse gibt. Auch im Kreis Ravensburg gibt es Betroffene. 20 Kinder werden derzeit im ZTR in Ravensburg behandelt, denn: „Rechenschwäche kann behoben werden“, so Olaf Steffen. Weil das so ist und der Leidensdruck der Kinder und auch der Eltern sehr hoch ist, kommen die Kinder nicht nur aus dem näheren Umkreis wie Bad Waldsee oder Wangen, sondern auch aus Bad Saulgau und sogar aus Uhldingen und Lindau ins ZTR nach Ravensburg.
Dort finden sie neben hellen und freundlichen Räumen, die keine Spielzimmer sind, aber auch nicht an Schule erinnern sollen, verständnisvolle Therapeuten, die keinen Leistungsdruck erzeugen. „Bei uns werden sie nicht veralbert oder diskriminiert, sondern ernst genommen“, sagt Olaf Steffen und spricht seelische Beeinträchtigungen an, die bei Kindern mit Dyskalkulie entstehen können. „Der Druck kommt von der Gesellschaft, nach dem Motto: Wer nicht rechnen kann, ist dumm und kann nicht logisch denken. Das ist fatal, denn die Kinder entwickeln teilweise schwere seelische Störungen.“ Neben Ängsten, die mit körperlichen Symptomen wie Durchfall, Magen- oder Kopfschmerzen und sogar Bettnässen einhergehen, können laut Steffen schwerwiegende Depressionen entstehen. „In den ZTR-Instituten in ganz Deutschland erleben wir auch Kinder mit aufgeritzten Armen und Suizidgedanken.“
Und Malin? Das fröhliche und aufgeweckte Mädchen aus Sattelbach bei Horgenzell kommt seit Dezember einmal pro Woche zur Therapie nach Ravensburg. „Das Rechnen hier macht mir Spaß“, sagt sie stolz. Ihre Rechenfähigkeiten sind schon besser geworden, und auch in der Schule macht sich das bemerkbar. „Malin bekommt hier viel Selbstbewusstsein, das merkt man richtig“, sagt ihre Mutter Sabine Engstler. Auch Malins Klassenlehrerin würde das bestätigen.
„Davor war sie still in der Schule, hatte Angst, etwas Falsches zu sagen. Das übertrug sich auf alle Fächer“, führt Sabine Engstler weiter aus. Sätze wie „Ich bin eh doof und kann sowieso nix“, habe sie vor der Therapie öfters mal von ihrer Tochter gehört. „Das ist jetzt zum Glück nicht mehr so. Deshalb bin ich total froh, dass es das Therapie-Zentrum in Ravensburg gibt. Aber ich wäre auch nach Konstanz gefahren, damit mein Kind Hilfe bekommt.“
Das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) hat in Baden-Württemberg bislang zwei Institute: in Konstanz und in Ravensburg. Auch in Kreuzlingen in der Schweiz ist das ZTR vertreten, in Friedrichshafen soll es Mitte 2015 eröffnet werden. Bislang sind drei Dyskalkulie-Therapeuten für die Institute in Konstanz, Ravensburg und Kreuzlingen tätig, zwei weitere sind derzeit noch in Weiterbildung und stoßen im Herbst dazu.

Karin Kiesel