Frankenpost 17.10.2011

Eltern hoffen auf Hilfe

Groß ist der Ansturm zum „Tag der offenen Tür“ im Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) – dem ersten in Bayern. Leiterin Karina Heyber erklärt, was es mit der Dyskalkulie auf sich hat.

Hof – Das Gedränge ist groß. Eltern mit und ohne Kinder, Pädagogen und andere Interessierte sind zum „Tag der offenen Tür“ ins Hofer Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche gekommen. Man will sich informieren oder von der Möglichkeit eines kostenlosen Tests Gebrauch machen.

ZTR-Leiterin Karina Heyber freut sich, dass sich das neue Angebot in den Räumen der Logopädiepraxis „MitSprache“, Altstadt 16, so schnell herumgesprochen hat. „Das macht deutlich, wie groß das Problem ist“, sagt sie und stellt ihr Institut vor. Bislang habe es das ZTR in acht Bundesländern gegeben, nun erstmals auch in Bayern. Die Mitarbeiter hätten ein Hochschulstudium in verschiedenen Disziplinen, außerdem eine spezielle Ausbildung als Dyskalkulie-Therapeuten. Mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeite man eng zusammen.“ Ich wünsche mir auch in Hof eine gute Zusammenarbeit mit den Schulen“, betont Heyber.

Es gehe hier nicht darum, dass jemand schlecht in Mathe sei. „Wir sind kein Nachhilfe-Institut“, sagt die Institutsleiterin. Dyskalkulie sei eine Teilleistungsstörung des Gehirns, die durch Aufpassen und Üben nicht zu beheben sei. „Der Knoten kann nicht platzen, weil die Grundlagen im Denken fehlen. Die Bedeutung von Zahlen wird nicht erfasst. Mit mangelnder Intelligenz hat das nichts zu tun.“ Die Ursachen lägen oft in frühester Kindheit. Das Krabbelkind lerne über den Körper viel über Mengen und Räumlichkeit. Werde etwas falsch „abgespeichert“, könne sich das Zahlenverständnis nicht richtig entwickeln. „Aufgabe der Therapeuten ist es, den Punkt zu finden, ab dem etwas schief gelaufen ist, und einem neuen Verständnis den Weg zu bahnen“, erklärt die Expertin.

Gespannt verfolgen die Besucher Heybers Ausführungen, wie Menschen mit Dyskalkulie die Welt der Zahlen wahrnehmen. Dass für sie schon eine Addition oder Subtraktion im zweistelligen Zahlenbereich große Anstrengung bedeutet. „Die Zahl fünf etwa ist für Betroffene nur ein Symbol, ein Punkt in einer Zahlenreihe. Sie beinhaltet nichts und wird nicht in Zusammenhang mit anderen Zahlen gesehen.“ Da nutze auch keine Erklärung. Typisch sei, dass sich durch Üben ein vermeintlicher Lernerfolg einstelle, der aber am nächsten Tag wieder hinfällig sei.

Die Kinder entwickelten eine eigene Vorstellung von der Welt der Zahlen. Sie versuchten, auf andere Weise zum Ziel zu kommen. „Manche können unglaublich schnell zählen und auswendig lernen“, sagt Heyber. Doch reiche das nicht, um schwierigere Aufgaben zu lösen. Das Kind brauche mehr Zeit. Es fühle sich unsicher, überfordert. Oft lasse dann auch in anderen Fächern die Leistung nach. „Manche fangen schon beim Anblick von kariertem Papier an zu zittern.“

Eltern schildern ihre Beobachtungen und fragen nach den Heilungschancen. Könne man nicht schon im Kindergarten feststellen, ob das Kind an Rechenschwäche leide, um frühzeitig eingreifen zu können? Eine ganze Klasse von angehenden Erziehern ist im ZTR erschienen. Die Institutsleiterin bietet ihre Zusammenarbeit an. Eltern wollen wissen, wie lange die Therapie dauern kann und ob die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Die WHO zählt nach Worten Heybers die Dyskalkulie zu den psychischen Störungen. Leider bezahlten die Krankenkassen die Therapie nicht. Wie lange sie dauere, sei fallabhängig. Erste Lernfortschritte gebe es meist schnell. Doch könne es zwei Jahre dauern, bis der Anschluss in der Schule geschafft sei.

Lisbeth Kaupenjohann