Potsdamer Neueste Nachrichten 07.06.2005

Gar nicht dumm – 65 Kinder werden am Potsdamer Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche unterrichtet

„Wenn es im großen Kinosaal 650 Plätze gibt und im kleinen Kinosaal 90 Plätze, wie viele Plätze gibt es dann insgesamt?“, fragt Steffen Grosse vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) den zehnjährigen Matthias. Kurz überlegt der Junge, dann fragt er schüchtern: „740?“ und schaut seinen Therapeuten für Dyskalkulie (Rechenschwäche) unsicher aus großen blauen Augen an. So richtiges Zutrauen in die eigenen Rechenkünste hat der Viertklässler noch nicht. Doch Grosse bestärkt ihn: „Na klar, ganz richtig! Nun machen wir es etwas schwerer: Wenn im großen Saal schon 380 Leute sitzen und der kleine Saal zur Hälfte besetzt ist, wie viele Karten gibt es dann noch zu kaufen?“ Für einen Augenblick ist es ganz still in dem Raum mit den gelben Wänden und den hellen, schlichten Holzmöbeln. „Hm, ich weiß nicht“, meint Matthias mutlos. Die Aufgabe erscheint ihm viel zu schwierig.

Doch so schnell gibt Diplom-Pädagoge Grosse nicht auf. Er weiß, dass er die Komplexität der Aufgabe nun auflösen muss, indem er sie in überschaubare Teilaufgaben gliedert. Darum schlägt er Matthias vor, zuerst den einen und dann den anderen Saal zu betrachten. Und siehe da, schon dieser kleine Denkanstoß hilft. Ohne große Mühe kommt Matthias auf noch 270 freie Plätze im großen Kinosaal. Doch was genau bedeutet, dass der kleine Saal „zur Hälfte“ besetzt ist? Muss man hier subtrahieren oder dividieren? Matthias steht vor einem Rätsel. An dieser Stelle setzt Grosse auf „Mathematik zum Anfassen“. Er holt längliche Holzbausteine hervor, die immer in zehn Abschnitte unterteilt sind. Sechs dieser Bausteine legt er auf den Tisch: „Nimm doch mal die Hälfte der Bausteine weg.“ Problemlos teilt Matthias die Bauklötze und versteht, dass halbieren bedeutet „durch zwei“ zu rechnen. Nun ist die 6 aber auch eine gerade Zahl – da ist das Teilen leicht. Die 9 hingegen ist eine ungerade Zahl, die man in der vierten Klasse noch nicht teilen kann. „90 durch zwei – geht denn das überhaupt?“, wundert sich Matthias. „Na, kannst du denn 60 durch zwei rechnen?, fragt sein Lehrer. „Ja, das ist 30“, antwortet Johannes. „Siehst du, das zeigt uns, dass alle Zehner gerade Zahlen sind, auch die 90. Wie viele Plätze sind dann im kleinen Saal besetzt?“ Schnell kommt Matthias mit diesem Hinweis zur richtigen Lösung: „315 Karten gibt es noch.“

Vor der Tür unterhält sich der Leiter des ZTR, Jörg Kwapis, mit der Mutter von Matthias. Der Erziehungswissenschaftler ist überzeugt, dass Rechenschwäche ein pädagogisches und kein neurologisches Problem ist. Er erklärt Matthias’ Mutter, dass rechenschwache Kinder nicht dümmer seien als ihre Altersgenossen, sondern nur völlig anders denken. In Bezug auf mathematische Prozesse müssen diese Denkmuster möglichst frühzeitig korrigiert werden. Seit mehr als drei Jahren arbeitet Kwapis in Potsdam mit Mathematikern, Psychologen und Pädagogen in einem interdisziplinären Team zusammen, um die Ursachen von Rechenschwäche zu erforschen, Therapien zu entwickeln und durchzuführen. Zur Zeit erhalten 65 Kinder eine Einzelförderung.

J.Schoenherr

Weitere Informationen unter Tel.: (0331) 550 77 67.