Sächsische Zeitung 24.04.2004

Heimliches Zählen

Rechenschwäche liegt dann vor, wenn kein Verständnis für grundlegende
mathematische Einsichten vorhanden ist.

Voller Ungeduld hatte sich Martin auf seinen Schulanfang gefreut. Er wollte
endlich lesen können und war neugierig auf das, was er in der Schule sonst noch
lernen würde. In der ersten Klasse freute er sich jeden Tag darauf, in die
Schule zu gehen. Er lernte lesen und wurde beim Zählen immer schneller. Als er
in die 2. Klasse kam, sollte er auf einmal nicht mehr zählen. Martin wunderte
sich, wie die anderen Kinder ohne das Zählen trotzdem zu richtigen Ergebnissen
kamen. Da er nicht wusste, wie das Rechnen ohne das Zählen geht, zählte er von
nun an heimlich. Bei immer größer werdenden Zahlen wurde es jedoch immer
schwieriger, die Ergebnisse durch das Zählen zu ermitteln. Martin versuchte,
sich Aufgaben auswendig zu merken und Rechenwege einzuprägen, kam dabei jedoch
häufig durcheinander. Trotz intensiven Übens bekam er schlechtere Noten. Die
Eltern übten mit Martin fast jeden Tag, aber er verstand nicht, warum die
Eltern alle Aufgaben als „einfach“ bezeichneten. Als Martin merkte, dass er es
auch bei intensiver Anstrengung niemandem recht macht, verlor er zunächst das
Interesse an der Mathematik. Da seine Eltern jedoch nicht das Interesse an
seiner Mathematiknote verloren, musste er sich weiter mit den täglichen Übungen
quälen, was nach und nach dazu führte, dass das Interesse an den anderen
schulischen Fächern nachließ. Freizeit wollte Martin schließlich auch noch
haben.

Viertklässler mit Prüfungsangst

An der Universität Jena wurde in einer Magisterstudie der Zusammenhang von
Rechenschwäche und Schulangst bzw. Schulunlust untersucht. Die Ergebnisse – bei
zirka 30 Prozent der untersuchten Viertklässler wurde eine Dyskalkulie
festgestellt – zeigen, dass rechenschwache Kinder bereits in diesem Alter mehr
Prüfungsangst haben und eine größere Schulunlust zeigen als Schüler ohne
Rechenschwäche. Auffällig ist, dass rechenschwache Kinder sozial angepasster
antworten als Kinder ohne dieses Problem. Ihre Erfahrungen mit Misserfolgen und
den Reaktionen der Umwelt darauf, führen die Mädchen und Jungen zu der
Überzeugung, dass ein offener Umgang mit den eigenen Problemen die ersehnte
Anerkennung eher verhindert als ermöglicht.

Erkannt wird die Rechenschwäche oft erst im fortgeschrittenen Schulalter, da ein
bestimmter Prozentsatz von Kindern mit schlechten Leistungen von vornherein
einkalkuliert wird, und zum anderen das Vorliegen einer Rechenschwäche sich,
gerade in der Grundschule, nicht unbedingt in den Zensuren widerspiegeln muss.
Eine Rechenschwäche liegt dann vor, wenn kein Verständnis für grundlegende
mathematische Einsichten vorhanden ist. Anhand von Leistungstests lassen sich
diese Einsichten nicht überprüfen.

Eine qualitative Untersuchung der Gedanken, die sich die Kinder über ihre
Rechenwege machen, ist zur Diagnostik nötig. Die Methodik des „Lauten Denkens“
eignet sich, um die, teilweise hochkomplizierten, eigenen Theorien der Kinder
über die Mathematik sichtbar zu machen. Ziel ist es, den mathematisch
bedeutsamen Punkt zu finden, bei dem das Kind aus der streng hierarchischen
mathematischen Logik „ausgestiegen“ ist. Da die Kinder dem, was der Lehrer
sagt, nicht mehr folgen können, versuchen sie nach dem Versuch-Irrtum-Prinzip
eigene Regeln zu finden, die sie mit relativ großer Wahrscheinlichkeit zum
richtigen Ergebnis führen. Die angestrengte Suche nach logischen Erklärungen
führt dazu, dass immer mehr eigene Regeln entstehen. In Klassenarbeiten mit
verschiedenen Aufgaben kommt es dann regelmäßig zu Verwechslungen.

Immer größere Lücken

Als Hauptgrund für das Entstehen einer Rechenschwäche ist die mangelhafte
Vermittlung mathematischer Zusammenhänge in der Schule zu sehen. Der Lehrplan,
der für alle Kinder das gleiche Lernpensum in der gleichen Zeit vorschreibt,
wird ebenso wenig den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Kinder gerecht,
wie die Methoden der Vermittlung. Dem Verständnis der mathematischen
Zusammenhänge wird gegenüber dem Üben bestimmter Verfahren zu wenig Beachtung
geschenkt. Ist ein grundlegender Gedanke nicht verstanden, entstehen
zwangsläufig immer größere Lücken. In einigen wenigen Fällen kommen als
Auslöser für das Entstehen einer Rechenschwäche medizinische Ursachen in Frage,
denen die Therapeuten allerdings auch meist machtlos gegenüber stehen.

Verzweifeltes Üben

Erkannt wird das Problem des Kindes in der Schule in der Regel erst dann, wenn
die Leistungen schlechter werden. Suchen die Eltern das Gespräch mit dem
Lehrer, erhalten sie in der Regel den Ratschlag, mehr zu üben. Obgleich die
Eltern merken, dass das Üben nicht den gewünschten Erfolg bringt, üben sie
meist verzweifelt weiter, da sie die Zukunftschancen ihrer Kinder gefährdet
sehen. Nicht selten enden aufreibende Übungssituationen in Schuldzuweisungen
und Tränen.

Viele falsche Antworten und Ergebnisse führen in der Klasse oft zu Hänseleien
bis zur Ausgrenzung. Auch der Außenwelt bleibt das Problem nicht verborgen,
Verwandte und Bekannte äußern sich zum Problem. Das rechenschwache Kind wird
von mehreren Seiten mit Negativurteilen konfrontiert.

Körperliche und seelische Probleme sind eine häufige Folge des psychischen
Drucks. Was können die Eltern tun? Damit eine Rechenschwäche so früh wie
möglich erkannt wird, ist den Eltern zu raten, ihre Kinder beim Erledigen der
Hausaufgaben aufmerksam zu beobachten. Wenn die Anzeichen für eine vorliegende
Rechenschwäche (siehe Kasten) sich häufen, nützt dem Kind weder stundenlanges
Üben, noch Eselsbrücken oder das Androhen von Strafen. Informationen erhalten
Eltern über das Internet. Das Gespräch mit dem Lehrer sollte gesucht werden, um
mit ihm gemeinsam mögliche Hilfen zu besprechen. Dabei sollten die Eltern
gezielt Möglichkeiten für individuelle Fördermaßnahmen zur Behebung der
mathematischen Probleme erfragen als auch auf die psychische Situation des
Kindes aufmerksam machen. Auf Weiterbildungsmaßnahmen, die z. B. durch das ZTR
angeboten werden, ist hinzuweisen. Zu Hause können Eltern ihre Kinder
unterstützen, in dem sie die Ängste der Kinder ernst nehmen und den
Leistungsdruck durch Anerkennung der Anstrengungen ersetzen. Verständnis und
Zuwendung stärken das beeinträchtigte Selbstwertgefühl des Kindes.
Irmgard Slotta

Rechnen in der Schule macht Spaß. Bei einigen Kindern hört der allerdings in
höheren Klassen auf, weil sie kein Verständnis für grundlegende mathematische
Einsichten entwickeln können. Sie haben eine Rechenschwäche. Foto: dpa

Typische Symptome

Typische Symptome, die eine Rechenschwäche vermuten lassen, sind:
Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen.
Rechnen bleibt stures Abzählen.
Alle aus der Logik des Zahlenaufbaus und dem Zusammenhang der Operationen sich
ergebenden Rechenerleichterungen bleiben stets ungenutzt.
Rechenarten werden verwechselt.
Multiplikationsreihen werden begriffslos wie ein Gedicht aufgesagt.
Offensichtlich falsche Lösungen werden nicht erkannt.
Bei Textaufgaben zeigt sich Unverständnis.

Psychische bzw. psychosomatische Auffälligkeiten:
Ein- und Durchschlafschwierigkeiten, Ängste vor Leistungsanforderungen, Tränenausbrüche
bei den Hausaufgaben, direkte/indirekte Verweigerungsstrategien, Misserfolgserwartungen, beeinträchtigtes Selbstwertgefühl, Kopf- und Bauchschmerzen.

Kontakt: ZTR Dresden, Obergraben 19, 01097 Dresden, Telefon: 0351/8 10 45 42,
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E-Mail: dresden@ztr-rechenschwaeche.de
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