Ostthüringer Zeitung 19.09.2014

Hilfe, wenn Mathe zum Schreckgespenst wird

Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche in der Region Gera-Altenburg feiert heute zehnjähriges Jubiläum

Gera/Altenburg. Hilfe, wenn Mathe nicht nur fürs verzweifelte Kind, sondern für die ganze Familie zum Schreckgespenst wird, bringt seit zehn Jahren das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche in der Region Gera-Altenburg. Heute feiert das zehnköpfige Team aus Mathematiklehrern, Sonder- und Sozialpädagogen und Psychologen um Chefin Karina Heyber in der Geraer Gutenbergstraße 3 und der Altenburger Puschkinstraße 7 sein zehnjähriges Jubiläum. „Rund 700 Kindern ab Vorschulalter, Jugendlichen und jungen Erwachsenen konnten wir in dieser Zeit helfen“, resümiert Karina Heyber, die 20 Jahre Berufserfahrung als Mathelehrerin im März 2004 in das neue Aufgabengebiet mitbrachte. „Es ist eine erfüllende Aufgabe für uns alle, mitzuerleben, wie die psychische Belastung von den Kindern genommen wird und ihr Leben sich normalisiert.“

Rechnen ist für diese Kinder ein Blindflug

Ein Kollege Karina Heybers fand für den Leidensdruck der mit Rechenschwäche (Dyskalkulie) Geschlagenen einen treffenden Vergleich: „Rechnen ist für diese Schüler der reinste Blindflug!“ Was setzen die Verzweifelten nicht alles ein, um über die Mathestunden zu kommen! Finger, Zahlenskalen auf dem Schullineal, Auswendiglernen…. Was tun Eltern sich und ihren Sprösslingen nicht alles an: üben, üben, üben. Nachhilfestunden und schließlich der Gang zum Schulpsychologen. Verzweiflung, wenn das alles nichts hilft. „Der vernichtende Trugschluss: Wer nicht rechnen kann, kann nicht logisch denken und ist dumm, macht betroffene Kinder traurig, aggressiv. Ihr Versagen in Mathematik übertragen sie auch auf andere Gebiete, das Selbstbewusstsein sinkt in den Keller“, beschreibt Karina Heyber die Situation. „Dabei hat Rechenschwäche nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun“, sagt sie. Es existiere hier ein Unverständnis für die Grundlagen der Mathematik. „Auch gut ausgebildete Mathelehrer und Sonderpädagogen können es nicht schaffen, solchen Kindern zu helfen. Es fehlt ihnen nicht nur die Ausbildung, immerhin 240 Stunden in drei Jahren, sondern auch der notwendige Rahmen: Völlig andere Arbeitsmaterialien und didaktische Ansätze sowie Einzeltherapie über zwei bis drei Jahre. Das kann Schule nicht leisten.“ Denn fast detektivische Arbeit sei nötig, so die Spezialistin, um jene Stelle und jenen Zeitpunkt herauszufinden, wo das Unverständnis für Mathematik begonnen hat. Dieses behutsame, auf jedes Kind zugeschnittene analytische Testverfahren unterscheide sich von standardisierten Verfahren. Karina Heyber lehrte dazu an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und das Zentrum ist Praktikumsstätte für Studierende. „Es hat mich sehr erschüttert, dass die Befragung von Erwachsenen innerhalb unserer wissenschaftlichen Arbeit ergab, dass enorm viele von ihnen untherapiert geblieben sind.“

Zeit-und Geldeinteilung oft schwierig

Die unbehandelte Dyskalkulie birgt nicht nur Hürden in der Schulmathematik, sondern im ganzen Leben. „Betroffenen fehlt oft das Zeitgefühl, sie können Geld nicht einteilen. Ganz abgesehen davon, dass schlechte Schulabschlüsse die Berufsbiografie nicht gerade fördern.“ Zweigstellen hat das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche auch in Jena, Saalfeld, Rudolstadt und Hof. Das zeigt, wie hoch der Bedarf ist. Die Therapiekosten für eine so langwierige und umfassende Therapie können bei drohender seelischer Schädigung des Kindes beim Jugendamt beantragt werden. „Das Geraer Jugendamt war da mal richtig gut und hatte Vorreiterfunktion“, so Karina Heyber. Doch aufgrund der Finanzsituation der Stadt würden im Vergleich zu früher nur noch zehn Prozent der Anträge positiv beschieden. Damit ginge für Kinder aus weniger betuchten Elternhäusern die Chance auf Hilfe verloren. Denn bei 90 Prozent der Betroffenen ließe sich die Rechenschwäche durch eine spezielle Diagnose sowie lernproblemorientierte Therapie nachhaltig beseitigen. Für die Zukunft sehe sie ihre Aufgabe darin, Eltern und Lehrer noch besser über die Rechenschwäche aufzuklären. „Damit kann viel Leid verhindert und Lebensfreude zurück erobert werden.“

Von Elke Lier