Freie Presse, Stollberger Zeitung 29.10.2004

Horror vor Mathe-Aufgaben – Ein zwölfjähriges Mädchen und ihre unerkannte Rechenschwäche – Die Kinder lachen, die Eltern sorgen sich

Von Jana Klein

Stollberg. Die zwölfjährige Claudia Ebert aus dem Ortsteil Gablenz hat ein Problem mit Mathe. Sie geht in die 7. Klasse der Mittelschule Niederwürschnitz. Die Familie ist stolz, dass sie die 6. Klasse geschafft und nun die Chance zum Realschulabschluss hat. Denn es gab auch andere Zeiten. In der 2. Klasse waren die Probleme in Mathe offensichtlich. Claudia hat die sogenannte Rechenschwäche (Dyskalkulie).

Sie fiel mit unlogischen Ergebnissen vorn an der Tafel auf, konnte einfachste Aufgaben nicht lösen. Die anderen Kinder fanden das lustig. Claudias Eltern waren besorgt. Doch ihre Tochter ist nicht krank. Und auch nicht dumm. Im Gegenteil: Sie muss viel mehr Energie in das Lernen stecken. Dyskalkulie ist eine Teilleistungsstörung. Bei den Kindern besteht kein Verständnis für grundlegende mathematische Einsichten. Das Rechnen bleibt stures Abzählen. Die Rechenarten werden verwechselt, Multiplikationsreihen stupide auswendig gelernt.
Viele betroffene Schüler sind sogar sehr intelligent, da sie Strategien entwickeln müssen, um die Störung im Alltag zu verstecken. Deshalb sind sie oft mit anderen Fächern überfordert. Claudias frühere Lehrerin wollte nicht helfen und beruhigte die Eltern mit Phrasen. Doch sie ließen nicht locker. Anfang der 3. Klasse zogen sie die Schulpsychologin aus dem Regionalschulamt Chemnitz hinzu. Die Matheprobleme wurden das erste Mal im Zusammenhang mit einer Dyskalkulie gebracht. Trotz der richtigen Diagnose wurde das Problem falsch behandelt. Ergotherapie und Mathenachhilfe konnten die Schwäche nicht beseitigen.

Nach dem Wechsel von der Grund- zur Mittelschule hatte die Mathelehrerin mehr Verständnis und informierte sich über die Schwäche. Claudia musste nicht mehr vor der Klasse rechnen. Die Eltern übten täglich mit ihr, waren aber nicht in der Lage das Wissen zu vermitteln. Das führte zu Spannungen in der Familie. Claudia stand in der 6. Klasse in Mathe und Englisch auf Fünf. Sitzenbleiben? Ende Oktober 2003 lief sie weg. Der seelische Druck war zu groß.

Dann stießen die Eltern auf das Zentrum für Rechenschwäche in Leipzig (ZTR). Dort musste Claudia viele Tests durchlaufen, um den Mathebruch zu lokalisieren. Und die gute Nachricht erreichte sie, dass geholfen werden kann. In neun von zehn Fällen ist dies möglich.

Heute wird Claudia im Zentrum für Rechenschwäche in Chemnitz unterrichtet. Jeden Mittwoch wird in 45 Minuten das Grundwissen vermittelt, das Claudia schon im Vorschulalter fehlte. Die Therapie dauert zwei Jahre. Das Ende 2003 eröffnete Zentrum therapiert die Betroffenen mit geschultem Fachpersonal. Das Familienleben der Eberts läuft wieder entspannter. Ines Ebert nachdenklich: „Sobald von außen Hilfe kommt, fällt es leichter.“ Und Claudia fühlt sich gut aufgehoben.

Steffen Krusche, Therapeut im ZTR Chemnitz, meint, dass die Dyskalkulie häufig nicht erkannt wird. „Es ist unabdingbar, dass Lehrer besser geschult werden, um die Schwäche zu erkennen und sie nicht als Dummheit abstempeln. Denn viele Schüler mit einer Rechenschwäche werden in eine Förderschule gesteckt und damit der normale Bildungsweg verbaut.“

Typische Symptome

Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit vergessen; Rechnen bleibt stures Abzählen; Rechenarten werden verwechselt; Zahlendreher (24 statt 42); Multiplikationsreihen werden wie ein Gedicht aufgesagt. Psychische Auffälligkeiten: Ein- und Durchschlafschwierigkeiten, Ängste vor Leistungsanforderungen, Tränenausbrüche bei den Hausaufgaben, Verweigerungsstrategien, Misserfolgserwartungen, beeinträchtigtes Selbstwertgefühl, Kopf- und Bauchschmerzen.

Informationen:
Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche Chemnitz-Zwickau
Telefon: 0371 4331215; E-Mail: chemnitz@ztr-rechenschwäche.de
www.ztr-rechenschwaeche.de