Ostthüringer Zeitung 01.03.06

Keine Panik vor den Zahlen

Zentrum zur Rechenschwäche-Therapie stellt in Jena Uniprojekt für Testcenter vor

Die Friedrich-Schiller-Universität Jena, Fakultät
Erziehungswissenschaften, und das Zentrum zur Therapie für Rechen-
schwäche (ZTR) mit Sitz in Gera, Jena und Altenburg planen die Einrichtung
eines Testcenters für Dyskalkulie (Rechenschwäche).

Am 2. März, so ZTR-Institutsleiterin Karina Heyber, wird das Projekt
interessierten Eltern, Pädagogen, Ärzten ab 18 Uhr im Hörsaal 9 der FSU
Jena, Carl-Zeiss-Str.3, vorgestellt. Ab Oktober 2006 soll das Testcenter
mit kostenlosen Dyskalkuliediagnosen für Forschung und Ausbildung
funktionieren.

Was siehst du, wenn du rechnest?, fragt Mathematiklehrerin und Therapeutin
Karina Heyber den vor ihr sitzenden Jungen. Finger, antwortet Felix, der
eigentlich seinem Namen nach glücklich sein sollte, aber unglücklich ist
wegen seiner Mathe-Probleme. Das ZTR, das es seit 15 Jahren in Deutschland
gibt, konnte in den letzten zwei Jahren seit seiner Gründung in
Ostthüringen etwa 50 Kindern helfen. An 20 Ostthüringer Schulen
unterstützten wir Pädagogen, mehrfach haben wir Vorträge am
Lehrerfortbildungsinstitut Bad Berka (Thillm) gehalten, viele Elternabende
mit Selbsthilfegruppen durchgeführt, berichtet die Institutsleiterin.
Prof. Dr. Günther Scholz, verantwortlich für pädagogische Psychologie am
Institut für Erziehungswissenschaften an der Jenaer Universität, freut
sich über die Möglichkeit, Forschung und Praxis einander anzunähern: Die
Lese-Rechtschreibschwäche wird seit rund 100 Jahren erforscht, die
Rechenschwäche als Teilleistungsstörung erst seit 20 bis 30 Jahren. Noch
immer kranken wir am Defizit der Antworten aus der Forschung und der
tatsächlichen Therapie. Er hofft, dass seine Studenten neueste
Forschungsergebnisse in den Praxisalltag einbringen. Es gibt zur
Dyskalkulie bereits Magisterarbeiten, eine Dissertation wird fertig.

Inwieweit bei den Mädchen und Jungen, die mit der Mathematik hadern, eine
ernsthafte psychische Störung oder unzureichende Betreuung in der Schule
vorliegt, muss eine gründliche Diagnostik zeigen. Dazu soll das Testcenter
eingerichtet und innerhalb der studentischen Ausbildung eine kostenlose
Diagnose angeboten werden.

Die Zusammenarbeit des ZTR mit der Uni wird sich auch auf die
Ursachenforschung der Dyskalkulie richten. Prof. Dr. Bernhard Blanz,
Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Jena: Ich bin froh, dass die
Dyskalkulie mehr Aufmerksamkeit erfährt, denn die Auswirkungen von Spott
und Hänseleien, Versagensdruck in der Schule sind enorm. Wir behandeln
Kinder und Jugendliche mit Angst- und Minderwertigkeitsgefühlen und
Depressionen. Oft entscheidet sich mit einer Fehleinschätzung des Problems
die weitere Schul- und Lebenslaufbahn. Deshalb ist eine frühzeitige
Diagnose ein guter Weg, Kindern und Eltern zu helfen. Prof. Blanz
erwartet, dass durch die Praktika der Psychologiestudenten am ZTR das
Problem näher an die Schulen herangetragen wird.

Felix habe schon im Kindergarten nicht gern an Gruppenspielen
teilgenommen, ungern mit Lego gebaut und widerwillig Fahrradfahren
gelernt, erklären seine Eltern, die sein merkwürdiges Verhalten erst jetzt
verstehen.

Prof. Scholz bestätigt, dass neben der Erziehungseinstellung als eine der
Ursachen für Dyskalkulie mangelndes räumliches Vorstellungsvermögen
untersucht werde. Alexandra Wagner, die im 5. Semester in Jena
Erziehungswissenschaften studiert, will Praxiserfahrung beim Umgang mit
den Kindern sammeln und erkunden, wie die Dinge im wirklichen Leben
funktionieren. Das Studium von Fachbüchern bringe nicht diese Erkenntnisse
wie das unmittelbare Erleben mit einem Dyskalkulie-Kind.
Institutsleiterin Karina Heyber kann das nur bestätigen: Eine junge Frau,
die seit der 1.Klasse unter Dyskalkulie leidet, zwei Ausbildungen
abgebrochen hat, bekam Panikattacken allein beim Anblick von Zahlen. Das
wollen wir ihr und anderen ersparen.

Nach einer Studie der Universität Jena weisen bereits 25 bis 30 Prozent der Grundschüler Dyskalkuliesymptome auf.
Dyskalkulie wird im Katalog der Weltgesundheitsorganisation als
Klassifiaktion psychischer Störungen definiert.
Bei drohender seelischer Behinderung haben betroffene Kinder nach §35a
Abs. SGBVIII Anspruch auf Wiedereingliederungshilfe in Form der
Therapiekosten.
Während der Studentenpraktika ist die kostenlose Diagnose bis 8. April
unter Voranmeldung 036605/90794 möglich.

Ansprechpartner bei Problemen:
Elterninitiative Thüringen 036461/22587
Kontaktstelle Gera 0365/7106265,
Kontaktstelle Altenburg 01759166716

Von OTZ-Redakteurin Elke Lier