Potsdamer Neueste Nachrichten 31.01.2013

Lernen in Potsdam: Reine Fehlkalkulation

von Grit Weirauch

Potsdam spart bei den Hilfen für Kinder mit Rechenschwäche. Die Kostensenkung für die Stadt sei minimal, sagen Experten. Die Folgen für die Eltern und Kinder aber sind verheerend
Mathematik ist für Emma-Marie ein wackeliges Kartenhaus. Jeden Tag droht es ihr aufs Neue einzustürzen. Die Achtjährige geht in die 3.Klasse der Grundschule im Bornstedter Feld. Doch schon vor mehr als einem Jahr fiel ihrer Mutter, Melanie Winter, auf, „dass da etwas nicht hinhaut“, wie sie sagt: „Mit dem Überschreiten der Zehner hatte sie unheimlich Schwierigkeiten.“
Emma-Marie hat Dyskalkulie, Rechenschwäche. Das bedeutet, ihr fällt es schwer, zwischen zwei Zahlen einen inneren Zusammenhang herzustellen. Mathe ist für sie wie eine Fremdsprache, deren Satzstruktur sie nicht versteht. Eigentlich nicht weiter schlimm, könnte man sagen, statistisch gesehen sitzt in jeder Klasse mindestens ein Dyskalkuliker. Und genau wie sich eine Sprache lernen lässt, kann man auch Rechenschwäche erfolgreich therapieren. Doch so einfach ist es nicht in einer Stadt wie Potsdam.Für Emma-Marie wird die Schule schon mit Beginn der 2. Klasse zum Horror. „Ihre Leistungen brachen ein, der Freundeskreis brach weg, denn es wollte niemand mehr mit ihr als ,Absackerin’ zu tun haben“, erzählt ihre Mutter. Melanie Winter muss ihre Tochter immer öfter frühzeitig aus der Schule abholen. Das Kind hat Bauchschmerzen, erbricht sich, schläft in den Nächten schlecht.
Psychologische Sekundärfolgen nennt das Jörg Kwapis, Leiter des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR). Die Kinder fühlten sich als Versager, nicht selten komme auch Mobbing durch Mitschüler hinzu. „Oftmals weint sie ganz doll“, sagt ihre Mutter, „und erklärt, dass ihr alles zuviel ist und sie es niemals schaffen kann, im Unterricht ganz normal mitzukommen.“
Auf Drängen der Eltern führt die Schule bei Emma-Marie einen Test durch, der den Verdacht der Rechenschwäche bestätigt. Die Eltern beginnen eine Therapie am ZTR, dem Kind geht es zunehmend wieder besser. Anders als Zuhause lasse sie sich von der Therapeutin Rechenwege erklären und mache nicht sogleich dicht, sagt Melanie Winter.
Doch der Preis für die Eltern ist hoch. Mehr als 300 Euro im Monat kosten die wöchentlichen Sitzungen. Nach einem halben Jahr kann sich die Familie die Therapie nur noch alle zwei Wochen leisten. Inzwischen sind Kosten in Höhe von mehreren tausend Euro angefallen. Familie Winter beschließt, beim Jugendamt Hilfe zu beantragen. Dort wurde Melanie Winter aber gleich mitgeteilt, dass sie „generell keine Chance“ habe.
Der Ablehnungsbescheid kam innerhalb einer Woche. Auf ihren Widerspruch Mitte November hat Familie Winter bis heute keine Antwort erhalten.
Das Gutachten einer Psychologin bestätigt zwar die Rechenschwäche und die daraus resultierende drohende seelische Gefährdung. Doch das Amt sieht das anders. Die Schule sei dafür zuständig, Emma-Marie zu fördern. Auch habe das Kind keine Schulphobie ausgebildet.
Eine Standardablehnung, wie sie Jörg Kwapis vom ZTR immer öfter begegnet. „Hier steckt ein gewisser Wille drin“, vermutet er. Der Wille, die Zahl der positiven Bescheide nach unten zu drücken und Kosten zu sparen. Die Stadt Potsdam hat im vergangenen Jahr von 49 Anträgen auf Hilfen bei Dyskalkulie nur 12 statt gegeben, im Jahr zuvor waren es noch mehr als doppelt soviele. Seit 2010 ist die Zahl der positiv beschiedenen Anträge auf ein Drittel geschrumpft. Das hat die Antwort auf eine Anfrage der Fraktion Die Anderen bei der Stadt ergeben. „Man muss ganz klar sagen, die Gesetzeslage hat sich nicht geändert, aber der sozialpolitische Wille in der Stadt“, sagt Dyskalkulie-Experte Kwapis.
Allein das Verfahren des Jugendamtes sei äußerst fragwürdig. Nicht nur die Schule und die Eltern würden per Fragebogen befragt, sondern die Kinder selbst von den Mitarbeitern des Jugendamts interviewt, etwa ob sie Freunde hätten. In den meisten Fällen stellen die Fallmanager fest, dass das Kind sozial nicht völlig ausgegrenzt ist. „Das ist eine methodische Katastrophe“, sagt Kwapis vom ZTR. Auch der Kinder- und Jugendpsychologe Günter Esser von der Universität Potsdam kritisiert: „Die seelische Gefährdung eines Kindes kann nicht durch einen Fallmanager festgestellt werden. Das kann nur jemand diagnostizieren, der dafür ausgebildet ist.“
Folgt man der Logik des Amts, dann hätten nur jene Kinder Anspruch auf eine Lerntherapie, die sich bereits total verweigern oder sich aus jedem sozialen Kontakt zurückgezogen haben. „Wenn es soweit gekommen ist, erübrigt sich die Maßnahme“, sagt Uni-Professor Esser. Der Präventivcharakter einer Therapie, die Kinder vor einer seelischen Behinderung zu bewahren, gehe völlig verloren, sagt auch Dyskalkulie-Experte Kwapis.
Einen mittleren fünfstelligen Betrag dürfte die Stadt im vergangenen Jahr auf diese Art eingespart haben. Ein minimaler Prozentsatz, gemessen am Gesamthaushalt der Stadt, wie Esser vermutet. Für ihn eine unverhältnismäßig geringe Kosteneinsparung.
Die Folge dieser äußerst restritktiven Rechtspraxis ist laut Kwapis klar und zugleich verheerend: Eine verstärkte soziale Auslese in der Stadt. Die wenigsten Eltern könnten sich die Therapie leisten. Die anderen müssten notgedrungen darauf verzichten. Dabei sind sich die Experten einig: Wird die Rechenschwäche frühzeitig erkannt und das Kind beginnt bis etwa Mitte der dritten Klasse eine Therapie, stehen die Chancen gut, dass es etwa nach zwei Jahren dem Unterricht aus eigener Kraft folgen kann.
Emma-Maries Mutter, Melanie Winter, hat sich nun Anfang dieser Woche mit einem Brief an den Oberbürgermeister und alle Fraktionen gewandt. Die Fraktion Die Andere will in der kommenden Stadtverordnetenversammlung Anfang März das Thema auf die Tagesordnung setzen lassen.
Und auch Jörg Kwapis vom Zentrum zur Therapie der Lernschwäche sucht das Gespräch mit Jann Jakobs. „Es ist absolut dringlich“, sagt er. „Bei einigen Eltern kocht es wahnsinnig. Wir müssen uns alle an einen Tisch setzen.“
Emma-Maries Mutter überlegt derzeit, ob sie per Gericht eine Förderung für ihr Kind erstreitet. Aber: „Es drängt mir die Zeit so“, sagt sie. Und das Geld für den Anwalt wäre ihrer Meinung nach besser in eine Therapie ihres Kindes investiert.