Thüringer Allgemeine 10.12.2005

Licht im Dschungel – Mathematik als Angstfach …

Mathematik als Angstfach, Zahlen als Hieroglyphen. Rechenoperationen als Dschungel, in dem es dunkel ist und fremd. Viele Menschen leiden lebenslang an der Mathematik, weiß Dr. Olaf Steffen vom Zentrum zur Therapie der

Ein junger Mann aus der Nähe Weimars erzählt seine Geschichte: Dirk hatte schon in der Schule Probleme mit dem Kopfrechnen. Sie fielen ihm während der Lehre als Einzelhandelskaufmann auf die Füße. Weil er nicht rechnen konnte, durfte er nicht an die Kasse. Er ging ohne Abschluss, wurde später nur für Hilfsarbeiten eingesetzt. Depressionen und Phobien folgten und die Behandlung in einer Tagesklinik. Bei einer Qualifizierungsmaßnahme der Arbeitsagentur sollte er kürzlich ohne Hilfsmittel einfache Aufgaben rechnen. Ich habe wieder total versagt, schreibt der 32-Jährige. Gibt es eine Lösung für mein Problem?

Dr. Olaf Steffen vertritt Deutschlands größte Spezialeinrichtung zur Therapie der Rechenschwäche. Sie vereint Mediziner, Psychologen, Sonderpädagogen und Mathematiker ( alle zusätzlich ausgebildet zu Spezialisten für Diagnostik und Therapie der Rechenschwäche. Das ZTR ist mittlerweile in vielen deutschen Großstädten zu finden, seit ein paar Wochen auch in Erfurt.

Das fehlende Verständnis für Zahlen und Zahlenoperationen hat objektive und subjektive Ursachen, weiß der Sozialwissenschaftler. Es beginnt beim deutschen Schulsystem, das die Pädagogen frühzeitig zum Differenzieren und Selektieren anhält. So landet manches Kind mit chronischen Mathe-Problemen sehr schnell in der Förderschule. Die Didaktik in Grundschulen lasse zu wünschen übrig. Das Rechnen aber basiere auf Lernschritten, die aufeinander aufbauen ( wer den kardinalen Zahlenbegriff nicht verstehe, der verpasse schon Mitte der ersten Klasse den Anschluss. Nicht selten werde eine unselige Kettenreaktion in Gang gesetzt.

Eine Studie der Universität Jena an vier Grundschulen ergab, dass 25 Prozent der Grundschüler nicht verständig rechnen können, so Steffen. Und selbst in Gymnasien seien in den siebenten Klassen zwischen acht und elf Prozent der Schüler betroffen. Dyskalkulie selbst ist keine Krankheit, aber sie macht seelisch krank, wenn sie nicht sachgerecht behandelt wird, verweist der Wissenschaftler auf Schulversagen, vorzeitigen Schulabgang, auf Bildungsabschlüsse unter den realen Möglichkeiten der Kinder, auf Krankheiten oder soziale Desintegration. Wenn nicht sachgerecht geholfen wird, sind das die Arbeitslosenhilfe-Empfänger von morgen.

Mehrere Elterninitiativen befassen sich inzwischen mit dem Problem, organisierten sogar Tagungen. Zu ihren Kritikpunkten gehört, dass Schulen Mathe-Probleme oft herunter spielen oder falsche Ratschläge geben. Nachhilfe in der Gruppe von nicht speziell geschulten Lehrern bringe kaum weiter. Noch immer gebe es keine Standards für Lerntherapien. Die Initiativen fordern u. a., den Umgang mit Rechenschwäche zum Ausbildungsbestandteil für Lehrer zu machen. Das sei illusionär, sagt Dr. Steffen. Das Thüringer Kultusministerium hält Dyskalkulie für nicht heilbar, es mangelt sowohl an Ausbildung als auch an Materialien.

Steffen ist überzeugt: Der Dyskalkulie kann man nur interdisziplinär beikommen. Je eher sie erkannt wird, desto besser. Wichtig sei, schon in der ersten Klasse vorbeugend zu arbeiten, die Uni Jena habe mit dem ZTR eine spezielle Präventions-Diagnostik entwickelt. Frühzeitig müssten Eltern und Lehrer auf Symptome achten. Bei Rechenschwäche kommt nichts von allein. Auch verstärktes Üben hilft nicht weiter. Auf später zu vertrösten ist absoluter Quatsch. Man müsse auf Symptome achten: Wenn in Klasse 2 oder 3 die einfache Substraktion oder Addition nicht klappt, wenn noch gezählt und nicht abstrahiert wird, wenn Umkehroperationen nicht ausgeführt werden können, dann ist Hilfe nötig. An deren Anfang steht ein Test. Die Mitarbeiter des ZTR, die meist mit medizinischen Einrichtungen zusammenarbeiten – in Berlin mit der Charitè, in Erfurt mit dem Sozialpädiatrischen Zentrum des Helios-Klinikums -, analysieren den Lernstand, erheben auch eine medizinische Biografie, beleuchten soziale Einflüsse und besondere psychische Belastungen des Kindes. Sie erarbeiten für jedes Kind einen individuellen Weg. In mehr als neunzig Prozent der Fälle könne man helfen, allerdings daure der Prozess oft zwei Jahre oder länger.

Zur integrierten Lerntherapie gehört unbedingt eine Einzeltherapie für die Kinder, auch Eltern und Schule werden einbezogen. Die Finanzierung kann privat erfolgen ( oder es muss bei Krankenkassen, Jugend- und Sozialämtern ein Antrag auf Kostenübernahme gestellt werden. Eltern können laut Kinder- und Jugendhilfegesetz bei Jugendämtern Hilfe zur Erziehung beantragen für den Fall, dass Schule nicht helfen kann und das Kind von einer seelischen Behinderung bedroht ist, macht Dr. Steffen deutlich. Früherkennung und frühzeitige Therapie seien aber allemal bezahlbarer als eine Lebenskarriere, bei der Versagensängste drohen und die nicht selten in Arbeitslosigkeit münde, argumentiert Dr. Steffen, der Lehrer sensibilisieren und den Kindern konfliktreiche Schulbiografien ersparen möchte. Rechenschwäche müsse kein Lebensproblem sein.

Birgit Kummer