Potsdamer Neueste Nachrichten 07. Oktober 2009

Macht Mathe Spaß?

Paul hasst die Welt der Zahlen – wie kann er einen Weg durch das Zahlenlabyrinth finden?

Bei Umfragen nach dem beliebtesten Schulfach dürfte das Fach Mathematik einen der letzten, wenn nicht sogar den allerletzten Platz belegen. Viele Schulkinder mögen das Rechnen in der Schule nicht und die Rechenübungen zu Hause erst recht nicht. Und viele Erwachsene erinnern sich mit Grausen an die langweiligen Mathematikstunden. Warum ist die Mathematik und dabei besonders das Rechnen so unbeliebt?
Zwei Gründe fallen dazu ein: Erstens muss man zum Verstehen der Zahlenwelt viel nachdenken und das ist manchmal anstrengend. Besonders anstrengend ist dies, wenn Kinder die Mathematik wie eine Schnipseljagd – nur mit fehlenden Hinweisen – erleben. Das hängt zweitens damit zusammen, dass es vielfach im Schulunterricht Mathematik unklar ist, worauf es beim Rechnenlernen eigentlich ankommt.
Folgen wir Paul auf seinem Weg in die Welt der Zahlen: Das richtige Verständnis für Zahlen ist Paul wie allen anderen Menschen nicht in die Wiege gelegt. Es muss erlernt werden. Der Ort dafür ist die Schule, wo sich Paul im ersten Schuljahr die wichtigsten Einsichten in die Welt der Zahlen erarbeiten soll. Nur wenn er hier die Logik der Zahlen und der Rechenoperationen Schritt für Schritt richtig verstehen lernt, kann er die darauf aufbauenden Lerninhalte des weiteren Mathematikunterrichtes begreifen. Gelingt Paul dies nicht, entwickelt er eine Rechenschwäche und findet sich in der Dyskalkulietherapie zum nachholenden mathematischen Lernen wieder.
Doch zunächst ist Paul wie alle Kinder wissbegierig. Wie funktioniert das mit den Zahlen? Er möchte wissen, wie viele Bonbons er noch für sich übrig hat, wenn er seinem Freund Peter vier von seinen 13 Bonbons abgibt.
In der Schule merkt er schnell, dass es gar nicht so wichtig ist, die vielen Geheimnisse der Zahlenwelt herauszufinden und zu verstehen. Viel wichtiger ist es, wer zuerst ein richtiges Ergebnis in die Klasse rufen kann. Aha, denkt Paul, dann muss ich die ganzen Aufgaben einfach auswendig lernen. So werde ich genauso schnell wie die anderen…
Wie Pauls Geschichte weiter geht, bleibt hier offen. Viele werden sich daran erinnern: Mathematik war das Fach, wo es darum ging, die Ergebnisse möglichst schnell auszurechnen. Doch genau das ist nicht der Witz der Zahlenmathematik. Wer die Zahlenwelt verstanden hat, muss nämlich häufig gar nicht rechnen. Wenn Paul die Aufgabe 13–12 erst auszählen muss – vielleicht mit seinen Fingern oder mit Würfelaugenbildern, die er im Kopf bewegt – hat er die Mengenlogik von 12 und 13 nicht verstanden. Bei 13–12 verbietet sich jeder rechnerische Aufwand – für den, der die Logik verstanden hat. Unser schulischer Mathematikunterricht ist viel zu sehr davon geleitet Kinder zu Rechenautomaten zu machen. Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Oder? Mathematisieren heißt, zu wissen, warum bei 13 – 12 nur eins und nichts anderes im Ergebnis stehen darf. Mathematik ist ein Denkwerkzeug zum Begreifen der Welt und kein Wettrennen beim Ausrechnen von Aufgaben. Das Benutzen dieses Denkwerkzeuges beim Umgang mit Mengen, beim Verstehenlernen von Zahlen und ihren Zusammenhängen macht Kindern viel Spaß. Dazu brauchen sie im Kindergarten und in der Schule Erwachsene, die selbst Spaß beim Nutzen ihrer mathematischen Denkwerkzeuge haben und die wissen, worauf es beim Rechnenlernen ankommt. In den Köpfen von Erziehern und Lehrern finden sich viel zu häufig ungenaue oder sogar falsche Vorstellungen davon, was Zahlen sind und wie wir sie verstehen lernen können. Kinder lernen Zahlen nicht dadurch verstehen, dass wir sie dazu ermuntern, statt der Finger jetzt Punkte oder Striche im Kopf zu zählen oder zu bewegen. Kinder lernen Zahlen verstehen, indem Erwachsene mit ihnen darüber nachdenken, sprechen und diskutieren, was Zahlen bedeuten, was sie miteinander zu tun haben und wie sie Pauls Frage nach seinen Bonbons beantworten können. Das mathematische Lernen ist eine Denkschule, zu der wir unsere Kinder einladen sollten – zu Hause, in der Kita und vor allem in der Schule.

Dr. Jörg Kwapis
Der Autor ist Leiter des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche Potsdam. Er analysiert mathematische Lernprobleme bei Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen.