Torgauer Zeitung 2. September 2010

Mathe-Erklärer auf Nordsachsen-Tour

Interview mit C. Issels vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche

Torgau/Leipzig/Nordsachsen (TZ). Das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) Leipzig-Halle ist kommende Woche auf Nordsachsen-Tournee. Die Einrichtung unterhält im Kreis zwar kein Büro, allein aus der Torgauer Region reisen regelmäßig vier Klienten zum ZTR nach Leipzig. In Delitzsch und Eilenburg stellt das Zentrum nun seine Arbeit vor. Unter anderem warum Torgau nicht zum Vortragsort wurde, wollte die TZ von Cornelius Issels, dem stellvertretenden Leiter des ZTR wissen.
TZ: Sie kommen mit Ihrer Informationsveranstaltung nach Eilenburg und Delitzsch, machen aber einen Bogen um Torgau – warum?

Cornelius Issels: Wir wären sehr gerne nach Torgau gekommen. Es ist allerdings an den unverhältnismäßig teuren Räumlichkeiten gescheitert.
Was erwartet die Besucher Ihrer Informationsveranstaltungen?

Es wird allgemein über Rechenschwäche aufgeklärt, die Diagnostik vorgestellt und natürlich auch Raum für Fragen geben. Eine Diskussion ist fest eingeplant.
Lassen Sie uns den ersten Punkt herausgreifen. Wie „funktioniert“ eine Rechenschwäche?

Das Problem tritt häufig bei Kindern auf, wenn diese nur den sogenannten originalen nominalen beziehungsweise ordinalen Zahlbegriff haben. Sie verstehen nicht, dass größere Zahlen die kleineren Einschließen. Für diese Kinder sind Zahlen nur eine besonders geordnete Reihenfolge. Sie können die Zahlen nicht zerlegen und kennen die Zahlbeziehungen nicht. Sie verstehen nicht, dass drei Einsen und vier Einsen zusammen sieben Einsen ergeben.
Also ein Denkfehler.

Nein, im Wesentlichen ein Wissensdefizit. Mathematik ist ein Konstrukt, dessen Logik erlernt werden muss. In diesem Lernprozess sind die Wege, wie die Kinder zu Ergebnissen kommen, wichtig. Wird nur darauf geachtet, ob die Ergebnisse richtig sind, fallen fehlerhafte und/oder unsinnige Lösungswege nicht auf, sodass in der Folge nicht erkannt wird, dass das Kind die Grundlagen nicht verstanden hat.
Wie das?

Kinder entwickeln Kompensationsstrategien. Oftmals gelingt es ihnen damit, für eine Zeit ihr Defizit zu kaschieren.
Wie sehen diese Strategien aus?

Die betroffenen Kinder versuchen Zahlenkombinationen aus Grundaufgaben auswendig zu lernen. Wo das Auswendiglernen aufhört, fängt das Zählen an – mit Fingern, Lineal, vorgestellten Bildern oder rein im Kopf.
Lange geht das aber nicht gut.

Wenn das Kind ein guter Zähler ist und gut auswendig lernt, kann das schon eine Weile funktionieren. Das Schlimme dabei ist, je später eine Rechenschwäche entdeckt wird, desto länger dauert es, sie erfolgreich zu beheben.
Sind rechenschwache Kinder in anderen Bereichen dafür umso besser?

Es ist oft so, dass diese Kinder in allen anderen Fächern sehr gute Leistungen bringen. Andersherum sind Fälle bekannt, in denen mathematikstarke Kinder im sprachlichen Bereich Probleme haben.
Worauf können Eltern achten, um einer Rechenschwäche ihres Kindes auf die Spur zu kommen?

Sie müssen darauf achten, wie die Kinder zu ihren Rechenergebnissen kommen. Das heißt, immer wieder nachzubohren und sich die Wege erklären zu lassen. Leider bleibt dieses Nachfragen auch in der Schule allzu oft auf der Strecke, weil die Klassen einfach zu groß sind und den Lehrern dafür die Zeit fehlt.
Angenommen, Eltern meinen, bei ihrem Kind eine Rechenschwäche entdeckt zu haben. Wie geht es dann weiter?

Bei einem Verdacht kann die Förderdiagnostik zu Rate gezogen werden. Das ZTR nutzt den anerkannten Jenaer Rechentest. Mit diesem Test wird nachvollzogen, wie Kinder auf ihre Ergebnisse kommen.
Fällt der Test positiv aus, kommen Sie ins Spiel.

Genau.
Wie lange dauert eine vollständige Therapie?

Das ist unterschiedlich und hängt davon ab, wann die Rechenschwäche festgestellt wurde. Je länger ein Kind damit lebt, desto mehr psychische Blockaden können entstanden sein, die zunächst überwunden werden müssen. Der Zeitraum variiert in der Regel zwischen eineinhalb und zweieinhalb Jahren.
Psychische Blockaden?

Sehr oft zweifeln die Kinder an ihren Fähigkeiten, denken sie können nichts. Dazu kommt Unverständnis aus dem Umfeld – Eltern, die meinen, ihr Kind lerne nicht genug, hänselnde andere Kinder. Das kann dazu führen, dass sich das betroffene Kind zurückzieht. Wie viel kostet die Therapie?
Es werden 40 Stunden im Einzelunterricht über ein ganzes Jahr verteilt gegeben. Die Kosten belaufen sich in einem Jahr auf 230 Euro monatlich.

Sebastian Stöber