Sächsische Zeitung 01.02.2003

Mathematik mit Fingern in Klasse 9? Wenn das Verständnis für grundlegende mathematische Einsichten fehlt.

Katrin G. ist 16 Jahre, lebenslustig, intelligent und hat einen Berufswunsch: Krankenschwester. Ihre Lehrer bescheinigen ihr eine hohe sprachliche und künstlerische Begabung, im Umgang mit anderen Menschen zeigt sie sich einfühlsam, offen und interessiert. Gute Voraussetzungen, um den Beruf als Krankenschwester auszuüben, wäre da nicht ein Problem, das Katrin seit der Grundschule begleitet.

Katrin hat von Beginn an Schwierigkeiten mit den Zahlen. Anfangs konnte sie die Anforderungen in Mathe noch durch das Auf- und Abwärtszählen mit den Fingern bewältigen. Als die Zahlen jedoch immer größer wurden und die Multiplikation und Division hinzukamen, reichten die Finger nicht mehr aus und sie musste neue Methoden erfinden, um die Mathearbeiten zu schaffen. Im Laufe der Jahre kamen zu den Fingerzählverfahren einige auswendig gewusste Aufgaben hinzu und auswendig gelernte Rechenverfahren. Mit viel zusätzlichem Üben und Nachhilfe schaffte Katrin dann meistens gerade so eine 4 auf dem Zeugnis in Mathe. Erst als sie die 9. Klasse auch beim zweiten Anlauf wegen einer 6 in Mathe nicht schaffte, erfuhren die Eltern aus der Zeitung, dass es eine Teilleistungsschwäche auch im Bereich des Rechnens gibt.

Methode des „Lauten Denkens“ als Test

Dyskalkulie oder Arithmasthenie lauten die Fachbegriffe für diese Teilleistungsstörung, die auch in Verbindung mit der Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) auftreten kann. Nach Untersuchungen der Charite (Prof. Neumärker) liegt bei 6,6 Prozent aller Grundschüler eine Rechenschwäche vor. Erkannt wird diese jedoch oft erst im fortgeschrittenen Schulalter, da das Vorliegen einer Rechenschwäche sich, gerade in der Grundschule, nicht in den Zensuren widerspiegeln muss. Eine Rechenschwäche liegt dann vor, wenn kein Verständnis für grundlegende mathematische Einsichten vorhanden ist. Anhand von Leistungstests lassen sich diese Einsichten jedoch nicht überprüfen.

Die Methodik des „Lauten Denkens“ wird in einem qualitativen Test genutzt, um die, teilweise hochkomplizierten, eigenen Theorien der Kinder über die Mathematik sichtbar zu machen. Das Problem der Kinder mit einer Rechenschwäche ist es gerade nicht, dass sie nicht logisch denken können. Sie haben lediglich die Grundlagen der Mathematik nicht verstanden und sind deshalb gezwungen, sich ihre eigene Theorie zu basteln, deren innere Logik oft verblüffend ist. Durch den speziellen Test lässt sich feststellen, an welcher Stelle der Mathematik das rechenschwache Kind „ausgestiegen“ ist.

Meistens ist es den Kindern in der Schule nicht gelungen, Quantitäten zu begreifen. Zwar kennen sie die Ziffern und die Zahlwörter, können diese gedanklich aber nicht mit mathematischen Mengen in Verbindung bringen. Fehlt der hinter den Ziffern stehende Inhalt, ist die Zahlenreihenfolge nichts anderes als eine Abfolge von Zeichen, die auswendig gelernt werden muss, wie das Alphabet. Wenn ein Kind große Probleme beim Rechnen hat, muss es nicht dumm oder faul sein. Es kann eine Teilleistungsstörung vorliegen, die in neun von zehn Fällen behoben werden kann. Als Auslöser für das Entstehen einer Rechenschwäche kommen medizinische Ursachen in Frage, denen die Therapeuten allerdings auch meist machtlos gegenüber stehen. Häufiger sind psychischer Druck oder Erkrankungen in entscheidenden Lernphasen die Ursachen. Als Hauptgrund ist jedoch die mangelhafte Vermittlung mathematischer Zusammenhänge in der Schule zu sehen. Der Lehrplan, der für alle Kinder das gleiche Lernpensum in der gleichen Zeit vorschreibt, wird ebenso wenig den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Kinder gerecht wie die Methoden der Vermittlung.

Üben bringt nicht den gewünschten Erfolg

Erkannt wird das Problem des Kindes in der Schule in der Regel erst dann, wenn die Leistungen schlechter werden. Meist fordern die Lehrer die Eltern dann auf, mehr zu üben. Die Eltern merken jedoch relativ schnell, dass das Üben nicht den gewünschten Erfolg bringt. Da sie die Zukunftschancen ihrer Kinder gefährdet sehen, üben sie oft dennoch verzweifelt weiter, was zu einer erheblichen Belastung der Eltern-Kind-Beziehung führt. Nicht selten enden aufreibende Übungssituationen in Schuldzuweisungen und Tränen. Oft sind körperliche und seelische Probleme eine Folge des psychischen Drucks. Zur Prophylaxe oder zur Behebung dieser Folgewirkungen hat der Gesetzgeber im Kinder- und Jugendhilfegesetz für die Eltern der betroffenen Kinder die Möglichkeit geschaffen, die so genannte „Eingliederungshilfe“ zu beantragen. Die Hilfe sieht vor, die Ursachen für die „drohende seelische Behinderung“ oder die bereits eingetretene „seelische Behinderung“ zu beseitigen. Im Fall der Rechenschwäche sind die Leistungsprobleme in Mathematik die Ursache. Zum Antrag, der beim Allgemeinen Sozialen Dienst der Stadt oder im Landkreis zu stellen ist, werden verschiedene Expertenmeinungen eingeholt. In Dresden bietet das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) nach einer umfangreichen Diagnostik Therapiemöglichkeiten an. Die Mitarbeiter sind Psychologen und Pädagogen, die eine institutsinterne Weiterbildung zum Dyskalkulietherapeuten absolviert haben.

Damit eine Rechenschwäche so früh wie möglich erkannt wird, ist den Eltern zu raten, ihre Kinder beim Erledigen der Hausaufgaben aufmerksam zu beobachten. Wenn die Anzeichen für eine vorliegende Rechenschwäche (siehe Kasten) sich häufen, nützt dem Kind weder stundenlanges Üben, noch Eselsbrücken oder das Androhen von Strafen. Bei dauerhaft anhaltenden Problemen sollte ein Fachmann konsultiert werden.

Typische Symptome für eine Rechenschwäche
Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen
Rechnen bleibt stures Abzählen
Es wird auch da gezählt, wo Zählen sich erübrigt (nach 7+8=15 wird 7+9 erneut ausgezählt)
Dekadische Transferleitungen sind nicht möglich (3+4=7; 13+4 wird neu durchgezählt)
Alle aus der Logik des Zahlaufbaus und dem Zusammenhang der Operationen sich ergebenden Rechenerleichterungen bleiben systematisch ungenutzt (3+4=7; 7-4 wird neu abgezählt)
An die Stelle des stupiden Zählens tritt häufig das begriffslose, rein mechanische Rechnen, auch da, wo sich die Mechanik logisch „verbietet“ (13-12 wird gerechnet als 10-10=0, 3-2=1)
Rechenarten werden verwechselt
Zahlendreher (24 statt 42), Missachtung der Stellenwerte (30+25=82)
Multiplikationsreihen werden begriffslos wie ein Gedicht aufgesagt (9×9=81, 8×9=72; 81-9 muss neu abgezählt werden)
Offensichtlich falsche Lösungen werden nicht erkannt, häufige Produktion von Traumergebnissen“ (200:2=1)
Platzhalteraufgaben wie x-8 =6 können nicht gelöst werden
Bei Textaufgaben zeigt sich völliges Unverständnis (falsche Frage, Frage nach schon gegebenen falsche Rechnung, Antwort passt nicht zur Frage)
Der rechnerische und praktische Umgang mit Größen (Strecken, Gewichten, Geld, Zeiten) gelingt nicht

Irngard Slotta