Thüringer Allgemeine 17.09.07

Mathematische Analphabeten

Testzentrum für Rechenschwäche in Jena ist bedroht – dabei sind 25 Prozent der Schüler betroffen
Das bundesweit erste Testzentrum zur Erforschung der Rechenschwäche muss wohl ein Jahr nach dem Start schließen. Schüler mit Dyskalkulie sind damit weiter vom guten Willen der Schulämter abhängig.

Für Christina Werner war die Diagnose eine Erleichterung. Denn sie sieht ihre Tochter Sophia nach Jahren der pädagogischen Irrfahrt nun auf einem guten Weg. Ich war entsetzt, erinnert sich die Erfurterin, als in der zweiten Klasse bei Mathematik nichts im Kopf hängen blieb. Die Betriebswirtin war selbst ein Mathe-Ass. Dass Sophia an Dyskalkulie leidet, also Rechenschwäche, kam Frau Werner nicht in den Sinn. So wurde Sophia auf die Förderschule geschickt, bis in der fünften Klasse wieder Chaos in Mathe herrschte. Erst ein Test am Zentrum für Rechenschwäche Erfurt legte Sophias Leiden offen.
Dr. Olaf Steffen, wissenschaftlicher Leiter dieses Privatinstitutes, kennt derartige Biografien seit langem: Es existiert kein vollständiger kardinaler Zahlenbegriff. Die Schüler verstünden es nicht, Mengen abstrakt zu benutzen.

Zum Beginn der Schulzeit ließe sich das vertuschen. Aufgaben werden wie Gedichte auswendig gelernt, oder mit Fingern gerechnet. Die Schüler agieren als begriffslose Mechaniker, da nach Schema gerechnet wird, wo es Logik verbietet. Schulkarrieren geraten aus den Fugen, weil Kinder in Sonderschulen abgeschoben werden. Das Lernversagen führt zu körperlichen Beschwerden. Dr. Steffen formuliert es noch härter: Rechenschwäche entsteht im Erstklassen-Unterricht. Erkennt und behandelt man das nicht, werden die Schüler zu mathematischen Analphabeten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind sie die Dauerarbeitslosen von morgen. Um dem Lernversagen vorzubeugen, ist vor einem Jahr an der Universität Jena das bundesweit erste Testzentrum zur Erforschung der Rechenschwäche eingerichtet worden.
Pro Semester wurden bis zu 60 Thüringer getestet. Über 95 Prozent können nicht richtig rechnen, berichtet Dr. Steffen, der als Lehrbeauftragter die freiwilligen Tests betreut. Diese Zahl klingt dramatisch. Tatsächlich haben viele Probanden ein derartiges Ergebnis erwartet. Wie verbreitet die Dyskalkulie ist, belegt auch eine Studie Jenaer Studenten. Danach leiden im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt 25 Prozent aller Grundschüler der 4.Klassen unter Rechenschwäche.

Doch ausgerechnet das Testzentrum, das in Langzeitstudien Phasen der Lernschwäche erforschen will, ist jetzt gefährdet. Nachdem Prof. Günther Scholz vom Fachbereich Erziehungswissenschaften Ende März in den Ruhestand ging, werde die Kooperation mit dem Zentrum derzeit nicht fortgesetzt; die Stelle sei ausgeschrieben, erklärt eine Universitäts-Sprecherin. Ob ein neuer Professor dieser Forschung verbunden sein wird, sei Spekulation.
Wie sehr man bei Dyskalkulie auf den guten Willen der Behörden angewiesen ist, weiß Christina Werner. Dass ihre Tochter Sophia die Integrierte Gesamtschule besuchen kann, verdankt sie einer Ausnahmeregelung des Schulamtes. Dazu bezahlt das Jugendamt die Therapie gegen die Rechenschwäche 230 Euro im Monat.

Karsten JAUCH