Mitteldeutsche Zeitung 12. Juli 2010

Partnerschaft entwickelt sich zur Herzog-August-Stiftung

RECHENSCHWÄCHE Zetrum zur Therapie gibt es seit neun Jahren in Naumburg. Im September öffnet es eine Außenstelle in Weißenfels. Weg für Betroffene wird kürzer.

WEISSENFELS/DROYSSIG – Im September wird das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) ein Büro in Weißenfels eröffnen und zwar in Räumen der Herzog-August-Stiftung. Das bestätigt der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Günther Beese, Vorsitzender des Präsidiums. Damit geht ein Wunsch von Olaf Steffen, der die wissenschaftliche Gesamtleitung des ZTR in Naumburg vor neun Jahren übernommen hat, in Erfüllung. In der Kreisstadt würden viele Schüler auch aus der Region Weißenfels, Hohenmölsen und Zeitz therapiert. Um den Eltern die Fahrten zu ersparen, suchte er nach einer Lösung und hat die Idee bereits in einer Informationsveranstaltung für betroffene Schüler, deren Eltern, Lehrer und Therapeuten im Juni in Weißenfels mitgeteilt.
„Das Problem hat eine Tragweite, die den Lebensweg von Kindern vernichten kann.“ Hans-Günther Beese Herzog-August-Stiftung

Rechtsanwalt Matthias Wahl, Mitglied des Präsidiums der Stiftung, wurde darauf aufmerksam, spricht von persönlichen Erfahrungen. Bei seiner eigenen Tochter hat der promovierte Olaf Steffen Rechenschwäche diagnostiziert. Zwar erst in der 11. Klasse, doch die Therapie habe ihr geholfen, sie habe das Abitur bewältigt und darf ihr Berufsleben so gestalten, wie sie es will. Wahl machte Beese auf Steffens Büro-Suche in Weißenfels aufmerksam. Da haben sich zwei gefunden, die die Berufschancen der Schüler aus der Region verbessern wollen. Denn Rechenschwäche, nicht vom Fachmann festgestellt und behandelt, könne zur Leidensodyssee für Kinder und Jugendliche werden, sie jahrelang ein falsches Verständnis für Zahlen entwickeln lassen, das am Ende bis hin zur Berufsunfähigkeit führen kann. Wer Verständnisprobleme mit Mengen, Zahlen und Rechenoperationen vorweist, dem werde oft mangelnde Intelligenz auch von Schulpsychologen zugeschrieben. Viele der Schüler werden an die Förderschulen versetzt.
Mit der Rechenschwäche seien ratlose Eltern und auch noch zu viele Lehrer überfordert, meint Steffen. Beese macht darauf aufmerksam, dass, wer keinen Ausbildungsplatz finde, gleich nach Schulende dem Staat auf der Tasche liege. „Das Problem hat eine Tragweite, die den Lebensweg von Kindern vernichten kann“, sagt er. 50 Kinder würden zurzeit im ZTR in Naumburg therapiert, von Grundschülern von der zweiten Klasse an bis hin zu Gymnasiasten, sagt Steffen. Mit Unterstützung der Eltern bekommen sie eine Chance. „Doch Einzeltherapie einmal in der Woche kostet Geld“, sagt er. Das können Sozialschwache oft nicht aufbringen. Das Jugendamt des Burgenlandkreises sei da ein Ansprechpartner. Die Arbeitsagentur finanziert, wenn es um die Berufsfähigkeit von Auszubildenden geht und Anträge gestellt werden.

Doch die Zusammenarbeit zwischen ZTR und Herzog-August-Stiftung wird sich in der Zukunft wohl nicht nur auf die Außenstelle und die dafür zu vereinbarenden Betriebskosten begrenzen. Die Wirtschaftsakademie der Herzog-August-Stiftung arbeite mit Universitäten zusammen. Beese denkt darüber nach, ein Forschungsprojekt zum Thema Rechenschwäche und deren Auswirkungen in Weißenfels anzusiedeln, kann sich eine Dissertationsarbeit für Studenten in Halle dazu vorstellen. Er sieht die methodische Herangehensweise bei der Therapie für Rechenschwäche auch als nützlich an „für Leute, die rechnen können“, sie könnte in der Wirtschaftsakademie genutzt werden.
Eileens Mathematik-Note hat sich durch die Therapie schon verbessert

Eltern bringen Droyßiger Grundschülerin seit einem Jahr einmal nach Naumburg DROYSSIG/MZ – Eileen Kresse genießt die Sommerferien, ist nach den ersten Tagen zu Hause in Droyßig schon gut gebräunt, wirkt ausgeruht. Die Grundschülerin ist mit guten Noten in die vierte Klasse versetzt worden. Auch in Mathematik hat sie sich von einer Drei auf eine Zwei verbessert. Das bedeutet ihr und ihren Eltern Heike und Rico Kresse eine Menge. Denn Eileen hat Rechenschwäche und wird seit einem guten Jahr von Mutter, Vater oder Opa nach Naumburg ins Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche gebracht. „Die Einzeltherapie funktioniert“, sagt die Mutter. Eileen werde dort systematisch gefördert und an den Stoff herangeführt und irgendwann auf dem gleichen Stand im Fach Mathematik sein wie ihre Mitschüler ohne Rechenschwäche. „Solange fahren wir zur Therapie und zahlen das Geld“, sagt Vater Rico, der gelernte Dachdecker. Weil beide Eltern Arbeit haben, wollen sie die Kosten übernehmen und ihrer Tochter die Chance bieten, einen guten Schulabschluss zu erreichen, damit sie den Beruf erlernen kann, den sie will. Dabei werden sie auch von Eileens Lehrerin Christiane Biehl unterstützt. „In der ersten Klasse war alles o.k.“, erzählt Heike Kresse. Im zweiten Schuljahr, als in Mathematik die Multiplikation auf dem Plan stand, begann Eileen mit dem Fingerrechnen. Doch der Mensch hat nur zehn Finger, die reichen nicht lange. Bei den Hausaufgaben habe sie mitbekommen, dass etwas nicht stimmt. Nach einem Elterngespräch in der Droyßiger Grundschule sei Eileen von der Schulpsychologin getestet worden. Die habe die Versetzung an die Lernbehindertenschule empfohlen. Doch das wollten weder die Eltern noch Eileens Lehrerin zulassen, weil das Mädchen in allen anderen Fächern gute Noten hat und eine fleißige Schülerin ist. „Eine Bekannte hat mir vom Zentrum für Rechenschwäche in Naumburg erzählt“, sagt die Mutter. Dort habe der promovierte wissenschaftliche Leiter Olaf Steffen nur eine halbe Stunde gebraucht, um Eileen zu testen und die Rechenschwäche zu diagnostizieren. Dann habe er zwei Stunden mit den Eltern gesprochen und einen Therapieplan ganz speziell für Eileens Probleme entwickelt. Seit März 2009 erhält die Schülerin einmal in der Woche 45 Minuten einen ganz speziellen Therapie-Unterricht in der Kreisstadt. Dort wird ihr das Zahlenverständnis beigebracht. Unterstützt werde sie dabei aber auch in der Grundschule. Eileens Lehrerin hat sie anfangs zu einer Therapiestunde begleitet. Die Kommunikation zwischen der Therapeutin und der Lehrerin funktioniert seit einem Jahr per Heft, damit beide wissen, wie sich die Schülerin entwickelt. Eileen erhält auch Hausaufgaben. Bis sie an den Mathematikstoff herangeführt wird, erhält sie im Unterricht andere und auch weniger Rechenaufgaben als die Mitschüler, wird zudem besonders benotet. Die Mitschüler stört das nicht, bestätigt die Neunjährige, die selbstbewusst auf ihr Zeugnis blickt. Jetzt macht sie Ferien, aber bald geht sie wieder zur Therapie.
Von Karin Grossmann