Mitteldeutsche Zeitung Weißenfels 04.01.2012

Probleme wachsen mit der Größe der Zahlen

von Heike Riedel

WEISSENFELS/MZ. Mirja Lienau ist glücklich. Die Drittklässlerin hat es geschafft, den Zahlen den Schleier des Unverständnisses abzunehmen. Vor einem Jahr hat sie sich mit ihrem Eltern einem besonderen Lernproblem gestellt, der Rechenschwäche. Nicht, dass sie deswegen schon in der Schule aufgefallen war. Doch ihre Eltern sind fast verzweifelt, wenn sie mit ihr die Hausaufgaben gemacht haben.
„Ab der zweiten Klasse waren wir völlig rat- und hilflos“, blickt Harry Lienau zurück. Nirgends sonst habe es Lernprobleme gegeben, Mirja sei sprachbegabt, ein aufgewecktes Mädchen, kreativ und sportlich, schätzt der Vater ein.
Doch wenn es ans Rechnen ging, habe sich niemand erklären können, warum sie überhaupt kein Zahlen- und Mengenverständnis aufbauen konnte.
Nach 3 plus 5 hat sie die Aufgabe 3 plus 6 von vorn mit den Fingern gelöst. Auch wenn später nicht mehr vordergründig zu erkennen war, dass sie einfach nur durchzählte, die Schwierigkeiten wuchsen, als die zu beherrschenden Zahlen größer wurden. Alles Üben half nichts.
Auf der Suche nach den Ursachen sind Lienaus im Internet auf die Seite des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) gestoßen. „Und das war unser Glück“, freut sich Lienau und stellt sich deswegen jetzt an die Seite von Olaf Steffen, dem promovierten Wissenschaftler, der die private Einrichtung leitet, die einen ihrer sechs Standorte in Naumburg hat. Dort hat sich das ZTR vor zehn Jahren niedergelassen.
Heute betreut es am Markt 14 in Naumburg und in der Beuditzstraße 89 in Weißenfels mit vier Therapeuten kontinuierlich etwa 70 Kinder, die gemeinsam mit Eltern und Lehrern die exakt als Arithmasthenie / Dyskalkulie bezeichnete Rechenschwäche überwinden wollen. Denn „rechtzeitig erkannt und therapiert muss eine Rechenschwäche nicht zum Hindernis im Lebenslauf werden“, sagt Olaf Steffen.
Aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums des ZTR lädt er Interessierte, Eltern, Großeltern, Lehrer und Erzieher zu kostenlosen Informationsveranstaltungen zum Problem Rechenschwäche ein und bietet zusätzlich an, möglicherweise davon betroffene Kinder einer kostenlosen Kurzdiagnostik zu unterziehen.
Unter anderem wird Harry Lienau von seinen eigenen familiären Erfahrungen berichten und davon, wie er zukünftig als CDU-Landtagspolitiker darauf Einfluss nehmen möchte, dass für weit mehr Menschen die Rechenschwäche innerhalb des Bildungssystems erkannt und behoben werden kann. Denn es brauche besondere therapeutische Methoden, mit Üben und Förderunterricht in der Schule seien die Schwierigkeiten nicht zu überwinden.
In der Schule stoße man schnell an die Grenzen. „Ohne richtige therapeutische Behandlung werden Bildungsmöglichkeiten eingeschränkt, sind Schul- und Berufsabschlüsse gefährdet, gehen wertvolle Potenziale der Menschen verloren“, zeichnet Lienau die schlimmsten Folgen unerkannter Rechenschwäche auf.
Nur ein Jahr lang einmal wöchentlich hat Mirja Lienau zum Beispiel ein bis zwei Unterrichtsstunden mit ihrer Therapeutin Kathleen Koch in Weißenfels spielerisch gearbeitet. Jetzt hat sie die Erfolgserlebnisse in der Schule, kann den Faden zum gewöhnlichen Unterrichtsstoff in Mathematik ohne Schwierigkeiten aufnehmen. „Ich möchte anderen Kindern helfen, damit sie Spaß am Lernen haben, auch am Rechnen. Sie sollen wie ich einmal das werden können, was sie möchten“, sagt das Mädchen. Und Mirja wünscht sich, dass über die Rechenschwäche mehr bekannt gemacht wird.