Leipziger Volkszeitung 02.09.2008, S. 18

Qualen mit Zahlen

Therapeut stellt neue Forschungsergebnisse zu Rechenschwäche vor / Streit mit Jugendamt
Für einige Kinder erscheinen Zahlen wie chinesische Schriftzeichen, die für sie keinen Sinn ergeben. Dieses Phänomen wird Dyskalkulie (Rechenschwäche) genannt. Der promovierte Therapeut Olaf Steffen wird am 25. September an der Leipziger Universität ein neues diagnostisches Verfahren vorstellen, wie Betroffenen geholfen werden kann. Derweil gibt er den Kampf gegen die Behörden nicht auf. Seiner Ansicht nach verweigern diese oft die mögliche Hilfe, weil sie die Kosten für eine Therapie sparen wollen. Das wirft er auch dem Jugendamt vor – zum wiederholten Mal.

Gute Leistungen in anderen Fächern, schlechte in Mathe. Obwohl ihre Noten in vielen Fächern gut oder akzeptabel sind, können viele Kinder die einfachsten Rechenaufgaben nur mit sturem Abzählen lösen. Oder sie versuchen, Rechenaufgaben wie Gedichte auswendig zu lernen. „Typisch ist Folgendes: Die Kinder werden gedrängt zu üben. Es geht mit schulischem Förderunterricht los, parallel geht es zu Hause weiter. Oftmals steigert das die Angst vor Mathe noch. Helfen kann lediglich eine Therapie, um seelische Schäden zu vermeiden“, sagt Olaf Steffen, der Zentren zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Erfurt, Halle, Leipzig und Naumburg leitet.

Wie am besten therapiert werden kann, ist allerdings umstritten, da verschiedene Anbieter unterschiedliche Ansätze haben. „Viele Verfahren haben grundlegende Mängel. Wenn der Rechenweg richtig ist, bedeutet das noch lange nicht, dass die Kinder auch verstanden haben, wie er funktioniert“, behauptet der Therapeut. An der Universität Jena ist nun laut Steffen „ein wissenschaftlicher Durchbruch“ gelungen. Dort wurde ein neues Testverfahren entwickelt und mit Hilfe von Studenten in der Praxis erprobt. Es wird „Jenaer Rechentest“ genannt. „Dieser ist in der Lage, inhaltlich exakt für jeden Schüler zu analysieren, welche Bereiche der Zahlenmathematik er verstanden oder eben nicht verstanden hat“, so Steffen. Erst dadurch könne eine genaue, die individuellen Wissenslücken berücksichtigende Hilfe eingeleitet werden. Das Testverfahren soll am 25. September interessierten Leipziger Ärzten, Lehrern, Therapeuten und Eltern vorgestellt werden.

Steffen hofft, dass dann auch die Experten vom Leipziger Jugendamt vorbeischauen, denen er Unkorrektheiten beim Umgang mit Dyskalkulie vorwirft. Das geht auch aus Briefen ans Jugenddezernat hervor, die der LVZ vorliegen. „Wenn die Kompetenz der Schule, die Betroffenen zu fördern, nicht ausreicht, ist die Jugendhilfe dem Gesetz nach verpflichtet, die nötigen Eingliederungshilfen zu bewilligen“, sagt er. Oftmals würden aber die Sozialarbeiter entscheiden, ob eine Hilfe bewilligt wird oder nicht. Diese Erfahrung hat auch Steffi S. gemacht: „Meine Tochter machte immer wieder dieselben Fehler. Ich habe einen Test machen lassen, bei dem Dyskalkulie festgestellt wurde“, erzählt die Grünauerin. „Seit Mai ist sie in Therapie, es geht ihr besser uns sie ist viel selbstbewusster geworden“. Doch die Schule wollte von Dyskalkulie nichts wissen. Das Jugendamt habe einen Antrag auf Beihilfe abgelehnt. „Die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialdienstes sind angehalten, die Angebote allein unter Kostengesichtspunkten zu betrachten“, kritisiert Steffen.

Jugendamtsleiter Siegfried Haller weist dies entschieden zurück: „Wir prüfen immer den Einzelfall und entscheiden, welche Hilfe erforderlich und geeignet ist.“ Natürlich müssten die Möglichkeiten des Schulsystems ausgenutzt werden. „Wenn das versagt, gibt es keinen Automatismus, dass die Jugendhilfe einspringen muss.“ Daher werde Fall für Fall geschaut, ob dem betroffenen Kind eine seelische Störung drohe und die Teilhabe an der Gesellschaft gefährdet sei. Liege eine Störung vor, zahle das Amt die vorgeschriebene Eingliederungshilfe. In diesem Jahr betreffe das allein 56 Dyskalkulie-Fälle, die Kosten betragen knapp 300 000 Euro. Haller: „Der Vorwurf ist gegenstandslos.“ Therapeut Steffen hat da so seine Zweifel: „Eltern berichten, dass Sozialarbeiterinnen gegen ihr Wunsch- und Wahlrecht verstoßen. Eben auf das kostengünstigste Angebot orientieren, ohne auf fachliche Qualitätskriterien zu achten.“ Haller nimmt’s gelassen: „Wer die Diagnose erstellt, kann nicht gleichzeitig die Therapie übernehmen.“

Mathias Orbeck