Mitteldeutsche Zeitung, 01.03.2015

Rechenschwäche bei Kindern: rätselhafte Mathematik

VON KATRIN LÖWE

Viele Kinder leiden unter Rechenschwäche. Im Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche in Halle steigt die Zahl der Schüler. Ein Problem ist jedoch die Finanzierung.
45 plus 23? Michaela (Name geändert) überlegt kurz, greift dann doch zu Stift und Papier und beginnt zu rechnen. Eine 68 steht wenig später auf dem Block der Drittklässlerin. Bestätigung suchend richtet sie den Blick auf ihr Gegenüber. „Vor anderthalb Jahren“, sagt Cornelius Issels, „wäre das noch nicht denkbar gewesen.“ Michaela leidet unter Dyskalkulie (Rechenschwäche), Issels ist stellvertretender Leiter des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Halle, das das Mädchen seit 2013 einmal pro Woche am Nachmittag besucht. Inzwischen stellen sich erste Erfolge ein – finanzieren müssen ihre Eltern die aber bislang selbst.
Seit 15 Jahren existiert das private Institut in Halle. In den letzten Jahren steigt laut Issels die Zahl der Kinder, die Hilfe suchen, um die Rätsel der Mathematik – für sie ein Buch mit sieben Siegeln – zu lösen. „Vor fünf Jahren hatten wir hier in Halle noch 60 Schüler, heute sind es zwischen 70 und 80“, sagt er. Und noch mehr Diagnosen, bei denen es allerdings aus verschiedenen Gründen nicht zur Therapie kommt. Die Einrichtung deckt hauptsächlich die Saalestadt, den Saalekreis und Mansfeld-Südharz ab, inzwischen existieren Ableger in weiteren Orten des Landes. Wie viele Betroffene es gibt, ist unklar. Manche Studien sprechen von fünf bis sieben Prozent der Grundschüler, das ZTR von bis zu 25 Prozent.

Schlafstörungen und viel Aufwand

Bei Michaela wurde die Rechenschwäche Mitte der zweiten Klasse diagnostiziert. Seit dem Ende der ersten Klasse habe es viele Gespräche in der Schule gegeben, erzählt die Mutter. Und den Trost der Lehrer, der Knoten würde schon noch platzen. „Manche warten deshalb bis zur fünften Klasse, ehe sie Hilfe suchen“, sagt Issels. In Michaelas Fall war es der Kinderarzt, der den Eltern den entscheidenden Tipp gab. Bei ihrer Tochter habe es da schon richtig Frust gegeben, sagt die Mutter. „Mathe war ein rotes Tuch.“ Michaela wurde von der zweiten wieder in die erste Klasse zurückgestuft, habe Schlafstörungen entwickelt, sei plötzlich öfter weinend nach Hause gekommen. „Und ich habe Stunden für die Hausaufgaben gebraucht“, erinnert sich das Mädchen selbst.

Viele Hinweise auf Rechenschwäche

Es gibt einige Symptome, die zumindest auf eine Rechenschwäche hindeuten und deshalb näher überprüft werden sollten: Betroffene vergessen zum Beispiel mühsam Eingeübtes bereits nach kurzer Zeit wieder. Ein 3+4=7 ist am nächsten Tag wieder weg. Zudem zählen sie selbst dann, wenn sich Zählen eigentlich erübrigt. Ein Beispiel: Nach 7+8=15 wird 7+9 erneut ausgezählt. Kinder verwechseln die Rechenarten, denken sich eigene Regeln aus, verdrehen Zahlen und produzieren Traumergebnisse wie 200:2=1, ohne den Widersinn erkennen zu können. Zahlen werden auch nach „Gehör“ falsch geschrieben: aus der dreiundzwanzig wird so die 32, aus einhundertacht eine 1008.
In einem professionellen Test auf Dyskalkulie müssen Teilnehmer nicht bloß mathematische Aufgaben lösen, sondern auch erklären, wie sie zu ihren Ergebnissen kommen. Eine Diagnostik in einem Institut dauert bis zu anderthalb Stunden.
Das Problem: Betroffenen fehlt das Verständnis für Zahlbeziehungen, Rechenoperationen oder Mengen. „Sie haben schon die Zahlzusammenhänge bis zur Zehn nicht verstanden“, so Issels.

Rechenschwäche bei Kindern: rätselhafte Mathematik

Anfangs kompensieren die Kinder das beim Rechnen mit Zählen und Hilfe der Finger, später werden andere Strategien nötig. Mal funktionieren sie mit viel Konzentrationsaufwand, in vielen Fällen türmen sich die Probleme mit fortschreitendem Mathematik-Unterricht aber auf, weil den Betroffenen schlicht die Grundlagen fehlen. „Bei 800 minus 798 kommt dann ganz selten zwei heraus“, so der Therapeut.
Die Folgen können enorm sein. Das Selbstbewusstsein der Kinder leide, wenn sie trotz immer häufigeren Übens merken, dass sie nichts verstehen. „Sehr oft sind die Kinder auch mit Unverständnis ihrer Umgebung konfrontiert“, so Issels – im schlimmsten Fall mit Hänseleien und Ausgrenzung. Und: Weil Mathematik Voraussetzung für jede Berufsausbildung sei, könne selbst die scheitern – der soziale Abstieg ist dann programmiert. Schon bei der Schulabbrecherquote sei Mathematik oft ein ausschlaggebender Punkt, ist der Therapeut überzeugt.
In den meisten Fällen könne eine Therapie helfen, so Issels. Wird das Problem im ersten Halbjahr der zweiten Klasse erkannt, dauere die Therapie ein bis anderthalb Jahre, später zwei und in Einzelfällen drei Jahre. Allerdings: Eine Therapie im ZTR kostet 250 Euro im Monat.
Die Probleme in der Schule selbst zu lösen, wäre zwar grundsätzlich möglich, sagt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie. Allerdings müsse auch dort eine Einzeltherapie erfolgen. „Und dazu bräuchte man qualifizierte Pädagogen, die sind aber nur ganz dünn gesät.“ Versuche mit reiner Stoffwiederholung durch eigene Lehrkräfte seien indes zum Scheitern verurteilt. In der Konsequenz heißt das: Eine Therapie ist, weil sie oft extern stattfindet, vom sozialen Status und dem Geldbeutel der Eltern abhängig. „Das kann nicht sein“, so Höinghaus.
Kreative Förderideen
Der Verband fordert, dass Schule etwas auf die Beine stellen muss, wenn sie die Förderung selbst nicht leisten kann. Erste Beispiele, so Höinghaus, würden zeigen, dass das geht: So habe ein Schul-Förderverein genug Geld zusammengebracht, mit dem Lerntherapeuten finanziert werden, die direkt an die Schule kommen. Auch die Bundesländer müssten Finanzen für die Förderung von Dyskalkulie-Schülern bereitstellen, fordert der Verband. Aus Geld- und Lehrermangel „findet ja zum Teil aber nicht einmal der Regelunterricht statt.“
Eine weitere Möglichkeit, den Betroffenen zu helfen, ist eine Finanzierung über Jugendämter der Kommunen. Sie tragen die Kosten, wenn bei rechenschwachen Kindern eine seelische Behinderung droht. In Sachsen-Anhalt würden Jugendämter allerdings sehr unterschiedlich mit dem Problem umgehen, sagt ZTR-Therapeut Issels – während die einen durchaus zustimmten, lehnten andere eine solche Förderung generell ab. „Bei 30 Prozent unserer Schüler trägt das Jugendamt die Kosten.“ Hoffnung setzte man nun auf fünf Milliarden Euro, die die Bundesregierung den Kommunen im Rahmen des geplanten Bundesteilhabegesetzes zusätzlich zur Verfügung stellen will. „Das gibt ihnen einen größeren Spielraum, um Kindern zu helfen.“
Auf eine Finanzierung der Therapie hoffen auch Michaelas Eltern noch. Sie haben geklagt.