MDR.DE Nachrichten 29.11.2004

Rechenschwäche – Die falsche Gleichung: Mathe fünf = dummes Kind

„Rechensschwäche – ein Lebensproblem?“ So der Titel des Kongresses, zu dem mitteldeutsche Elterninitiativen zur Förderung rechenschwacher Kinder nach Leipzig geladen haben. Etwa 180 Teilnehmerinnen, meist Lehrerinnen und Eltern betroffener Kinder, sitzen lose verstreut im Hörsaal.

Betroffene Catrain Bretschneider – kann sich an drei Fingern abzählen, dass sie an der Supermarktkasse keine Kontrolle hat.
Unter ihnen Catrain Bretschneider, eine Betroffene. Die heute 40-Jährige musste in der neunten Klasse ihrer schlechten Mathenoten wegen zum Psychologen. „Die wollten feststellen, ob ich zu blöd bin oder zu faul.“ Keines von beiden. Experten erklärten der Mutter, bei phantasievoller Vermittlung habe Catrain keine Verständnisprobleme. „Mehr ist dann aber nicht passiert“, erinnert sich die heute 40-Jährige. Abgesehen von der vier in Mathe auf ihrem 10.-Klasse-Abschlusszeugnis, also „ausreichend“.

Von wegen, ausreichend. „Beim Einkaufen tu ich immer so, als ob ich beim Wechselgeld mitrechne. Aber ob mir richtig rausgegeben wird? Keine Ahnung.“ Als ihre eigene Tochter in die Schule kam, hoffte Catrain auf eine neue Chance. „Einfach bei der Tochter mitlernen, noch mal von Anfang an.“ Pustkuchen. Catrain verstand Bahnhof wie zu Schulzeiten, rechnet noch heute mit den Fingern und schickte die Tochter zwecks Hausaufgabenhilfe zur Oma.

Catrain hangelte sich von Job zu Job, erst Klavierbauerin, Polstermacherin, Fliesenlegerin, zuletzt eine ABM in einem Jugendclub – ausgerechnet hinterm Tresen. Catrain schüttelt sich. „Abrechnen, Geld nehmen, Wechselgeld rausgeben – das war der blanke Horror.“ Stimmte die Abrechnung nicht, ging das auf Catrains Kosten. Vom Kongress erhofft sie sich einerseits Rechentipps und zum anderen Hinweise, wie sie die Klammer sprengt, die ihr das fehlende Zahlenverständnis im Leben aufzwingt.

Jeder vierte Zweitklässler kann nicht rechnen

Die Leipzigerin ist kein Einzelfall. Zahlen über betroffene Erwachsene existieren nicht. Dafür aber über Kinder: „25 Prozent aller Zweitklässler können nicht rechnen“, zitiert Olaf Steffen vom Leipziger Zentrum zur Therapie von Rechenschwäche das Ergebnis einer Studie. Für Olaf Steffen rechnen die Behörden falsch: Früherkennung und Therapie ist langfristig billiger, als Rechenschwache in die Arbeitslosigkeit zu treiben.

Eine Katastrophe, die ihr Potenzial langfristig entfaltet. Steffen skizziert, wie das Dilemma seinen Lauf nimmt: Schwache Rechner werden abgeschoben auf Sonderschulen, scheitern in Berufsschulen, landen in der Arbeitslosigkeit. Endstation: Sozialhilfe. Andere quälen sich mühselig durch Mittelschulen und Gymnasien. Auch bei ihnen bestimmt mangelndes Mathematikverständnis ihre Berufswahl und damit ihr Leben.

Nicht umsonst gilt die Note in Mathematik landläufig als Maßstab für Intelligenz. Für diese falsche Gleichung zahlen Betroffene lebenslang. „Dabei ist die Behebung einer Rechenschwäche in 90 Prozent aller Fälle möglich“, behauptet Therapeut Steffen. Doch das kostet. Je nach Anbieter 200 bis 250 Euro pro Monat. Für Privathaushalte ist das meist unbezahlbar, vor allem, wenn Therapien bis zu drei Jahre dauern.

Hilfe aus dem Sozialgesetzbuch

Trotzdem gibt es Möglichkeiten, Kindern den Weg zum Mathematikverständnis zu erstreiten. Erste Hilfe bieten Elterninitiativen. Sie kennen die Problematik aus Erfahrung mit den eigenen Sprösslingen, geben Hinweise auf Therapeuten und Anlaufstellen, Tipps für den Umgang mit Behörden und Gutachten. Für die Kosten der Therapien gibt es verschiedene Träger. Das ist das Spezialgebiet von Peter-Christian Kunkel, Abitur mit Mathe-Fünf, heute Professor an der Fachhochschule Kehl: Spezialgebiet Sozialrecht. Als potenzielle Leistungsträger nennt Kunkel Sozialamt, Jugendamt und Arbeitsamt.

Peter-Christian Kunkel: Arbeitsagentur denkbar als Träger von Rechenschwäche-Therapie.

Arbeitsamt? Catrain horcht auf. „Damit können Sie der Bundesagentur den Angstschweiß auf die Stirn treiben,“ grinst Kunkel, denn schließlich behindert eine Rechenschwäche die Eingliederung ins Arbeitsleben, es drohen seelische Schäden. Kunkel zitiert aus dem Sozialgesetzbuch: „Behinderten Menschen können Leistungen zur Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben erbracht werden, (…), um ihre Erwerbsfähigkeit zu erhalten, verbessern, herzustellen oder wiederherzustellen und ihre Teilhabe am Arbeitsleben zu sichern.“

Ein Weg, sich auch als Erwachsener doch noch die Welt der Mathematik und des Berufslebens zu ebnen – eben durch das Hindernis des fehlenden Zahlenverständnisses. Kunkel hält den Weg übe die Arbeitsagentur für gangbar. Doch ob ihn jemand einschlägt? Der Offenbarungseid „Ich kann nicht rechnen“ vor Beamten in einer Behörde erfordert Selbstbewusstsein. Und das ist bei vielen Betroffenen vermutlich so groß wie ihr Verständnis für Zahlen.

Liane Watzel