Ostthüringer Zeitung 2. April 2011

Rechenschwäche + Mathe = Angst

Wer unter Rechenschwäche leidet, hat mehr als nur ein Problem im Alltag ? In Gera gibt es eine Therapie

Gera. Die Kinder, die zu Karina Heyber und ihren Kollegen nach Gera kommen, haben Stress in der Schule. Nicht den „normalen“ mit ein paar mäßigen Leistungen und vergessenen Hausaufgaben. Er lässt sich nicht mit mahnenden Worten lösen oder häufigeren Blicken in die Lehrbücher. Im „Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche“ (ZTR) in Gera werden Kinder und Erwachsene therapiert, die gravierende Probleme mit Mathematik haben. Sie leiden unter Dyskalkulie. Das Wort wird bewusst nicht im Institutsnamen erwähnt. „Wer unter Dyskalkulie leidet, wird häufig abgestempelt“, sagt Karina Heyber. Das wäre nicht richtig.
Heyber leitet das Institut, das es in acht Bundesländern gibt. Neben Gera sind Ostthüringer Außenstellen in Altenburg, Jena, Saalfeld und Rudolstadt. Elf Therapeuten, darunter Psychologen und Mathematiker sollen den Klienten helfen. Heyber würde gern noch mehr Menschen beschäftigen. „Doch die passenden Mitarbeiter zu finden, ist nicht einfach“, sagt sie. Eine dreijährige Ausbildung zum Dyskalkulietherapeuten erfolge am Institut.
„Die Kinder mit Rechenschwäche sind sehr oft pfiffig“, sagt Heyber. Deswegen leiden sie unter der Dyskalkulie, weil sie sich ob ihres fehlenden Könnens bewusst sind. Die Probleme liegen gewöhnlich im Zahlverständnis. Fällt das Abzählen noch leicht, gäbe es Schwierigkeiten, wenn zum Beispiel Unterschiede in Mengen erfasst werden müssen. Häufig werde das laut Heyber durch Auswendiglernen von Zahlenfolgen kompensieren. Doch dies funktioniere auch nur bis zu einem bestimmten Umfang. Irgendwann vertauschen die Betroffenen das Eingeübte, weil sie es nicht verstanden haben. „Für diese Kinder ist der Mathematikunterricht aufgrund ihrer Gedächtnisarbeit eine enorme Anstrengung“, sagt Heyber. Häufig sei das auch die Erklärung für Probleme in weiteren Unterrichtsfächern. „Die Kinder sind dann einfach zu erschöpft, um auch dort noch Höchstleistung zu vollbringen.“ Laut Studien leiden 20 bis 25 Prozent der Grundschüler unter Rechenschwäche. Um das Problem in den Griff zu bekommen und eine erfolgreiche Therapie zu ermöglichen, brauche es eine richtige Diagnose, sagt Heyber. Sehr viele standardisierte Methoden gäbe es, doch alle hätten laut der Dyskalkulietherapeutin ein Problem: Es sind ergebnisorientierte Tests. „Deswegen haben wir gemeinsam mit der Friedrich-Schiller-Universität eine qualitative Methode entwickelt“, erklärt Heyber. Mit dieser ließen sich die Probleme erkennen und Lösungen finden. Im Erkennen liegt generell das Problem. Am häufigsten bemerken Eltern die Rechenschwäche, sagt die Expertin. Dann wenn ihr Kind plötzlich nur sehr ungern und mit Angst zur Schule geht. Oder wenn Kinder beim Üben scheinbar einfache Rechenaufgaben, nicht oder erst nach sehr langer Bedenkzeit lösen können. Die Ursachen dafür sind vielfältig und die Therapie braucht viel Geduld und Erfahrung. Die Therapie beginne dann bei den Grundlagen. „Jeder einzelne Lernschritt ist notwendig, damit man Mathematik auch wirklich verstehen kann.“ Die Dauer der Therapie sei bei vielen Klienten gleich. Eineinhalb bis zwei Jahre kann sie dauern, manchmal ginge es auch schneller. „Das hängt vom jeweiligen Problem ab“, sagt Heyber, die, bevor sie die Leiterin des Geraer Zentrums wurde, als Grundschullehrerin arbeitete. Doch die Therapie sei fast immer erfolgreich. „Für uns ist es großartig zu sehen, wie die Kinder und Erwachsenen sämtliche Aufgaben lösen können, sobald sie die Grundlagen der Mathematik verstanden haben.“ Rechenschwäche wirke sich laut Heyber auf das gesamte Leben aus. Probleme kommen dann nicht nur beim Einkauf, sondern auch bei der Zeit. „Menschen mit Rechenschwäche fällt es schwer, Zeiträume einzuschätzen. Oft kommen sie viel zu früh zu einer Verabredung.“ Im Institut hat man eigens dafür eine Uhr als Zahlenstrahl entwickelt, mit der lasse sich das abstrakte System besser veranschaulichen. Der Zahlenstrahl sei schon eine von den großen Herausforderungen.

„Jeder einzelne Lernschritt ist notwendig, damit man Mathematik auch wirklich verstehen kann.“
Karina Heyber

Laut Studien leiden 20 bis 25 Prozent der Grundschüler unter Rechenschwäche. Die bereitet nicht nur in der Schule Probleme sondern auch im Alltag. Menschen, die unter Dyskalkulie leiden haben häufig Probleme, die Zeiträume und -Spannen einzuschätzen.

Martin Gerlach