Schwäbische Zeitung 28. September 2013

„Rechenschwäche muss man nicht erdulden“

Therapiezentrumsleiter Olaf Steffen zu Diagnose und Behandlung von Dyskalkulie bei Kindern

RAVENSBURG – Vielen Schülern macht das Fach Mathematik keinen Spaß. Mancher von ihnen hat sogar massive Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen, Mengen und Größen. So eine Rechenschwäche wächst sich zwar nicht aus, aber man kann und sollte sie behandeln. „Denn die Auswirkungen auf die Bildungs- und Berufschancen und damit auf das Leben der Betroffenen sind in der Regel gravierend“, sagt Olaf Steffen, Leiter der Zentrale des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Potsdam, im Interview mit Antje Merke. Der Wissenschaftler unterstützt derzeit den Auf- und Ausbau von ZTR-Anlaufstellen im Raum Bodensee-Oberschwaben.

Was versteht man unter Rechenschwäche, auch Dyskalkulie genannt?

Die WHO versteht darunter eine „Beeinträchtigung von Rechenfertigungen“ in der Elementararithmetik. Die betroffenen Kinder haben große Schwierigkeiten beim Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren und Dividieren. Sie begreifen den rechnerischen und praktischen Umgang mit Zahlen, Größen und Mengen nicht, weil sie kein richtiges Zahlenverständnis entwickelt haben. Die logischen Prinzipien der Mathematik sind für sie völlig unverständlich. Ihnen fehlt die Einsicht, dass Zahlen absolute und relative Werteigenschaften besitzen. Deshalb können sie nicht rechnen.

Kinder haben beim Rechnen ja immer wieder mal Blockaden im Gehirn. An welchen Alarmzeichen erkennen Eltern, dass ihr Nachwuchs eine ausgeprägte Rechenschwäche hat? Kann man das schon im Kindergarten feststellen oder erst in der Schule?

Fehlt das Mengenverständnis, können wir das schon vor Einschulung feststellen, aber die eigentliche Rechenschwäche macht sich erst in der Grundschule bemerkbar. Interessanterweise „rechnen“ die betroffenen Kinder nicht alles falsch, denn sie entwickeln Strategien, die Nicht-Rechnen sind, aber Aufgaben lösen können. Ganz typisch für Kinder mit Rechenschwäche ist: Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen. Rechnen bleibt stures Abzählen – meistens mit den Fingern –, mehrstellige Zahlen werden stets mit unverstandenen Schemata behandelt oder auswendig gelernt. Oft werden die Rechenarten auch verwechselt, und häufig falsche Lösungen bei den einfachsten Aufgaben nicht erkannt. Das größte Feindesland für solche Kinder aber sind die Textaufgaben. Die Eltern wiederum begreifen oft die Welt nicht mehr, warum ihr Kind sich mit Mathe so schwer tut.

Gibt es solche Menschen mit Rechenschwäche schon immer? Oder ist das eher ein Phänomen unserer Zeit?

Seit Erfindung der Mathematik wird es wohl immer auch Menschen gegeben haben, die diese nicht verstanden haben. Heute liegt der wesentliche Grund allerdings im Schulsystem, das sehr auf Leistung und Gleichbehandlungsnormen aufgebaut ist. Wer diese Prinzipien auf das Mathe-Lernen anwendet, produziert automatisch auch schwache Schüler. Mathematik ist ein aufeinander aufbauender Lernstoff. Es dürfte erst weitergemacht werden, wenn alle Schüler den Stoff verstanden haben. Dagegen aber verstößt der Unterricht systematisch, statt individueller Förderung wird aussortiert. Hinzu kommt, dass viele Grundschullehrer keine mathematische Ausbildung haben, Mathe aber unterrichten müssen. Sprich, der Lehrer kann das Verständnis für Zahlen, Mengen und Größen den Kinder oft nicht entsprechend vermitteln. Man müsste also einerseits die Ausbildung der Grundschullehrer professionalisieren und andererseits den Unterricht mehr individualisieren, um auf jeden Schüler besser eingehen zu können.

Von wie viel Prozent der Bevölkerung reden wir da eigentlich?

Etwa 25 Prozent der Schüler sind mehr oder weniger gravierend betroffen.

Wie viel Prozent der Kinder leiden im Vergleich dazu unter Lese- Rechtschreib-Schwäche?

Ich weiß es nicht genau, aber es sind so zwischen fünf und sechs Prozent der Bevölkerung. Also deutlich weniger als bei der Dyskalkulie.

Was läuft bei Dyskalkulie im Gehirn schief? Arbeiten da die beiden Gehirnhälften nicht richtig zusammen?

Nein, diese Menschen haben keine geistigen Ausfälle. In der Regel zeigen die Betroffenen in allen anderen Bereichen keine Auffälligkeiten-Das heißt: Sie sind nicht mehr oder weniger intelligent als der Rest der Bevölkerung. Nur in Mathematik hakt es.

Wohin können sich betroffene Eltern mit ihren Kindern im Raum Oberschwaben/Bodensee wenden?

Wir vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) werden jetzt zum 1. Oktober in Konstanz und Kreuzlingen zwei Anlaufstellen einrichten. Bis Ende des Jahres kommt eine weitere in Friedrichshafen hinzu, es fehlen hier nur noch die Räumlichkeiten. Unser Ziel ist letztlich, in der gesamten Bodenseeregion bis nach Oberschwaben und ins Allgäu hinein Beratungsstellen aufzubauen. Alle unsere Mitarbeiter am See haben ein abgeschlossenes Studium der Psychologie und eine dreijährige Ausbildung zum Dyskalkulie-Therapeuten absolviert.

Kann man Rechenschwäche dauerhaft beheben? Oder muss man damit leben?

Ja, Rechenschwäche kann behoben werden, man muss sie nicht als Schicksal erdulden. Wichtig ist, dass sie von Experten diagnostiziert und entsprechend behandelt wird. Apropos. Wie behandeln Sie unter Rechenschwäche leidende Kinder? Zuerst einmal erfolgt die Diagnostik. Dabei wird der qualitative Jenaer Rechentest (JRT) durchgeführt, der von mir an der Universität Jena entwickelt wurde. In diesem Test werden alle mathematischen Gebiete angesprochen, so dass man sehr gut sehen kann, wo es bei den Betroffenen hakt. Erst dann setzt die Behandlung ein – und zwar wird ab der Verständnisbruchstelle die Wissenslücke peu à peu geschlossen.

Aber so ein Test ist doch wieder eine Stresssituation für die Kinder, oder? Kann das nicht das Ergebnis verfälschen?

Natürlich werden die Kinder hier an ihrer wundesten Stelle getroffen. Aber nach unseren langjährigen Erfahrungen entwickeln die Schüler schon bald Vertrauen zu uns, denn wir können quasi in ihre Köpfe schauen. Sie dürfen nicht vergessen, welchen Leidensweg manche Eltern mit ihren Kindern schon hinter sich haben. Die Betroffenen sind also erleichtert, dass sie endlich jemand versteht.

Und wie lange dauert so eine Therapie?

Normalerweise kommt ein Kind einmal pro Woche 45 Minuten lang zur Behandlung zu uns. Wobei nur Einzeltherapie Sinn macht. So kann man beispielsweise in drei Jahren den Mathe-Schulstoff von der 1. bis zur 10. Klasse aufholen. Je früher die rechenschwachen Kinder zu uns kommen, umso kürzer dauert die Therapie. Die Erfolgsquote liegt nachhaltig bei mehr als 90 Prozent. Und sobald die Kinder die Welt der Zahlen verstanden haben, wird Mathe für sie sogar oft zum Lieblingsfach.