Freies Wort, Suhl 29.09.2011

„Rechenschwäche rasch behandeln“

Wenn sich in der Schule oder im Alltag Probleme mit Zahlen und der Mathematik häufen, kommt der Begriff Dyskalkulie zur Sprache. Dazu befragten wir die Suhler Dyskalkulietherapeutin Christin Osterhaus

Frau Osterhaus, immer häufiger hört man bei Schwierigkeiten im Mathematikunterricht den Begriff Dyskalkulie. Was verbirgt sich dahinter?

Als Dyskalkulie, zu deutsch Rechenschwäche, wird ein systematisches Lernversagen beim Erwerb fundamentaler arithmetischer Einsichten bezeichnet. Das Kind hat kein Zahlenverständnis entwickelt, es denkt Zahlen nicht als Repräsentanten abstrakter Mengen. Wer nicht weiß, welche Zahl aus drei und vier besteht, kann die Rechenaufgabe drei plus vier ebenfalls nicht lösen, sondern muss sie zählen. Rechenschwäche ist keine Frage mangelnder Intelligenz oder fehlenden logischen Denkvermögens, sondern ein reines Verständnis- und Kenntnisdefizit.

Durch welche Symptome fällt eine Rechenschwäche auf?

Das Erscheinungsbild setzt sich meist aus mehreren Symptomen zusammen. Zunächst treten die Probleme im Bereich der Mathematik isoliert auf. Trotz täglichem Üben wird das eben Gelernte permanent wieder vergessen, die einfachsten Rechnungen dauern unverhältnismäßig lange oder können nur unter Zuhilfenahme von Abzählmaterialien gelöst werden. Der rechnerische und praktische Umgang mit Größen wie Strecken, Gewichten, Geld oder Zeiten gelingt nicht, daher haben betroffene Kinder große Probleme beim Umgang mit Geld und/oder Zeitangaben. Sollten bei einem Kind mehrere der genannten Symptome auftreten, ist es empfehlenswert, das Vorliegen einer möglichen Dyskalkulie abklären zu lassen.

Warum ist frühzeitige Betreuung und Förderung so wichtig?

Die Zahlenmathematik hat eine hierarchische Gedankenstruktur. Probleme in Mathematik beruhen deshalb überwiegend darauf, dass vorherige Lerninhalte nicht verstanden worden sind und somit die Lerngrundlage für nachfolgende Inhalte nicht vorhanden ist. Bei Lernproblemen ist es daher wichtig, die früheste Bruchstelle im mathematischen Verständnis des Kindes zu ermitteln, damit eine Rechenschwäche sich nicht „auswächst“. An diesem Punkt muss eine Förderung ansetzen. Der Schulstoff muss nachgeholt werden, beginnend an der Verständnisbruchstelle. Je früher die Dyskalkulie erkannt und behandelt wird, umso kleiner ist die Lücke und desto eher sind betroffene Kinder in der Lage, dann den aktuellen Schulstoff selbstständig zu meistern.

Vielen Betroffenen fehlt aber der entscheidende Impuls, sich Hilfe zu suchen.

Das ist aber falsch. Hilfe sollte so früh wie möglich in Anspruch genommen werden. Denn Rechenschwäche wächst sich nicht aus und „der Knoten platzt“ nicht von allein. Auch massives Üben oder Nachhilfeunterricht kann sie nicht beseitigen, denn dieser setzt nicht am Kenntnisstand des Kindes an und stellt somit keine adäquate Hilfe dar. Im Gegenteil: Der Teufelskreis setzt sich fort mit Stigmatisierungen im sozialen, schulischen Umfeld der Betroffenen, die als „dumm“ abgestempelt werden und Hänseleien ausgesetzt sind, sodass neben dem mathematischen Kenntnisdefizit psychische und psychosomatische Symptome wie Bauchweh, Kopfschmerzen, Schulunlust, Schulangst bis hin zur Schulverweigerung oder sogar Suizidgedanken auftreten können.

Kann Dyskalkulie vollständig beseitigt werden?

Ja, wenn die Bruchstelle im mathematischen Verständnis im Rahmen einer fundierten Eingangsdiagnostik, anhand des Jenaer Rechentests, identifiziert wird und die mathematische Abstraktionskette von dieser Bruchstelle ausgehend aufgebaut wird. In Ausnahmefällen kann es auch sein, dass die Therapie keinen Erfolg hat. Dies liegt aber meist daran, dass noch andere Beeinträchtigungen vorhanden sind wie eingeschränkte kognitive Fähigkeiten.

Wie viele Schüler leiden darunter? Nehmen die Zahlen zu?

Die Zahlen nehmen wahrscheinlich nicht unbedingt zu, aber das Problembewusstsein steigt. Laut einer Studie der Charité Berlin muss bei etwa 6,6 Prozent der Grundschüler von einer Rechenschwäche ausgegangen werden. Eine Studie der Universität Jena hat sogar eine Häufigkeit von 25 Prozent nachgewiesen.

Gibt es eine große Dunkelziffer?

Die Dunkelziffer wird sicher höher liegen, da das schulische Engagement und auch das Engagement der Eltern wesentliche Faktoren darstellen. Man muss nicht unbedingt mathematisches Verständnis an den Tag legen, um richtige Ergebnisse zu produzieren. Betroffene Schüler leiden außerdem oftmals darunter, dass Angehörige und die Schule die auftretenden Probleme als Faulheit oder mathematisches Unvermögen interpretieren und als gegeben und unveränderlich hinnehmen.

Wo finden Betroffene, Eltern oder Lehrer Ansprechpartner?

Beim Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) als Facheinrichtung für Dyskalkuliediagnostik, -beratung und -therapie. Wir sind auch in Suhl vertreten und stehen gerne beratend zur Verfügung. Außerdem bieten wir eine fundierte Diagnostik und Therapie an. Man erreicht uns im Internet unter www.ztr-rechenschwaeche.de oder telefonisch unter 0361 / 6 01 06 96 im ZTR Erfurt. Unter dieser Telefonnummer sind auch die Ansprechpartner des ZTR Suhl erreichbar. Eine eigene Telefonnummer für das ZTR Suhl wird in Kürze eingerichtet.

Interview: Georg Vater