JUVEMUS - Vereinigung zur Förderung von Kindern und Erwachsenen mit Teilleitungsschwächen Ausgabe II 2004, Nr. 13, S. 21 ff.

Turbulenzen bei der Eingliederungshilfe

Offener Brief zum Artikel: „Sozialamt zahlt für Millionärskinder“, vom 22.02.2004, Nr. 8/04, Bild am Sonntag

Sehr geehrte Redaktion,
zur besseren Einschätzung meiner folgenden Bemerkungen zu Ihrem o. a. Artikel erwähne ich zu meiner Person, dass ich wissenschaftlicher Leiter eines Instituts in Halle und Leipzig bin, dass sich ausschließlich mit der Erforschung (u. a. Kooperation mit Charité Berlin, Uni Jena, Uni Leipzig), Diagnostizierung sowie Therapie von Dyskalkulie („Rechenschwäche“) beschäftigt. Ich bin Gutachter zum Thema Dyskalkulie des Sächsischen Landtags und Ausbilder für Bildungsanbieter im Auftrag des Landesarbeitsamts Sachsen. Unsere Institute an den verschiedensten Standorten sind (überwiegend vertragliche) Partner der örtlichen Jugendämter. Es findet im Rahmen dieser Kooperationen ein stetiges Qualitätsmanagement statt. Aus diesen Zusammenhängen ersehen Sie, dass wir gleichsam mitten in der Praxis des § 35a SGB VIII nebst seinen im Sommer 2001 novellierten Ergänzungen im SGB IX stehen.

Wenn nunmehr, aufgezogen an einem in der Tat auch mich abschreckenden spektakulären Einzelfall, von Ihren Reportern sogleich die Forderung nach Abschaffung des § 35a erhoben wird, so stellt sich für mich zunächst die Frage, ob die Herrn Deupmann, Keller und Marten tatsächlich wissen, worüber bzw. über welche Zusammenhänge sie eigentlich reden. Inhalt und Intention des Gesetzes, also die Frage, warum und wofür Kinder und Jugendliche Maßnahmen von Krankenkassen, Jugend- und Sozialämtern erhalten, kommen nämlich bezeichnenderweise gleich überhaupt nicht vor. Ich werde angesichts der fachlichen Unkenntnis Ihrer Reporter – so wird behauptet, dass die Diagnose Dyskalkulie auf Basis schlechter Mathenoten erfolgen und dies bereits zur Zahlung von Eingliederungshilfen führen würde – den Eindruck nicht los, dass ein Fernsehbericht von Plus-Minus am 20.02.04 lediglich im journalistisch sehr bedenklichen Schnellverfahren von Ihren Redakteuren aufgearbeitet wurde, um eine Sozialneiddebatte zu inszenieren. Da ich Einblick habe in weit über tausend Dyskalkuliefälle kann ich Ihnen versichern, dass es blanker Unsinn ist, dass diejenigen, die von Jugendämtern finanziert werden, überwiegend den familiären Hintergrund von „Besserverdienern“ aufweisen. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Auch liegt die Jugendamtsquote an Therapiefällen (zumindest bei uns) weit unter 10%.

Weiter stellt es sich mir als eine journalistische Unterlassung dar, wenn lediglich auf Grundlage von interessierten Aussagen von Landräten und Stadtkämmerern die Öffentlichkeit unterrichtet wird. Nach meiner Auffassung läuft die BamS damit Gefahr, sich vor den Karren rein finanzpolitisch motivierter Argumentationen von Kommunalpolitikern spannen zu lassen. Denen geht es meiner Erfahrung nach nämlich überhaupt nicht um die sachlichen Notwendigkeiten der Hilfen, sondern lediglich um die Kosten, die sie – egal wie die finanziellen Verhältnisse in den Familien tatsächlich sind – generell weghaben wollen. Dies führt in der Praxis des Gesetzes einerseits zu Schikanierungen und Versuchen der Einflussnahme auf medizinische Diagnosen sowie andererseits bis hin zu Versuchen, dass Bundesgesetz für sich außer Kraft zu erklären.

Diese Kostenabwehrmaßnahmen sind es erst, die zu einer Scheidung bei der Antragstellung in erfolglosere „Arme“ und erfolgreichere „Reiche“ führen, wobei ausdrücklich erwähnt werden muss, dass in der Regel diejenigen, die es sich leisten können, Selbstzahler sind, um die notwendigen zusätzlichen kinder- und jugendpsychiatrischen Untersuchungen ihren Kindern zu ersparen. Wer die Linie der puren Kostenabwehr mit nicht repräsentativen Stimmungsbeispielen unterstützt – für die ich Ihnen viele dokumentierte Beispiele vorlegen könnte -, redet letztlich Zuständen wie in „Bananenrepubliken“, in den politisch willkürliche Entscheidungen getroffen werden können, das Wort. Ich möchte Sie auf eine weitere Konsequenz Ihrer mangelhaften Sorgfalt aufmerksam machen. Sie berichten in derselben Ausgabe (nur eine Seite weiter) über die drohenden katastrophalen Auswirkungen der Gesundheitsreform bei Arzthelferinnen und machen damit berechtigterweise auf den Zusammenhang von Leistungsstreichungen der Sozialkassen und steigender Arbeitslosigkeit aufmerksam.

Wissen Sie eigentlich, dass Sie mit der Forderung nach Abschaffung des § 35a der Erhöhung der Dauerarbeitslosigkeit das Wort reden? Ich finde es schizophren, wenn Sie gegen die Intention des Gesetzes den Zusammenhang von untherapierter Dyskalkulie und sehr wahrscheinlicher späterer Arbeitslosigkeit durch präventive Intervention zu durchbrechen, Stimmung machen. Diese Argumentation wird auch nicht durch Verweis auf die in der Tat beklagenswerten Haushaltszustände der Städte und Kommunen besser, sie verwandelt sich dadurch vielmehr in eine „Milchmädchenrechnung“. Wenn bei Dyskalkulie nicht fachgerecht geholfen wird – und dies scheitert nicht selten an den beschränkten finanziellen Mitteln der betroffenen Familien -, erlernen diese Kinder und Jugendlichen nicht einmal ein Verständnis für Zahlen und die darauf aufbauende Elementararithmetik. Sie bleiben deshalb dauerhaft unter ihren Bildungsmöglichkeiten, konzentrieren sich völlig unnötig in Lernbehinderten- und Hauptschulen und gehören in hohen Raten zur Gruppe der frühzeitigen Schulabgänger bzw. Scheitern am Schulabschluss. Da ihnen weder in den Schulen noch in berufsvorbereitenden Maßnahmen geholfen werden kann, bleiben sie dauerhaft ohne Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Diese Zusammenhänge kennt das Gesetz ebenso wie die völlig unkalkulierbaren Folgekosten von Existenzen außerhalb der gewünschten Sozialintegration (für berufsvorbereitende Maßnahmen gibt die Arbeitsagentur jährlich weit mehr als 1 Mrd. € aus). Wissen Sie eigentlich, dass die Bild-Zeitung gerade erst vor ein paar Monaten über unser Institut (www.ZTR-Rechenschwaeche.de), unsere Arbeit, deren Sinn und Notwendigkeit berichtet hat?

Gebrauch, aber auch Missbrauch sowie Verwendung von Gesetzen gegen ihren Geist liegen in der (geschäftlich organisierten) Praxis häufig eng beieinander. Wie gesagt, Ihr geschildertes Beispiel trifft keinesfalls auf meine Billigung. Gerade deshalb und wegen des sensiblen Bereichs Sozial- und Bildungspolitik bei Kindern und Jugendlichen ist es aber für einen verantwortungsvollen Journalismus umso notwendiger, eine äußerst kenntnisreiche und differenzierte Berichterstattung vorzunehmen. Ich möchte sie daher – eingeschränkt auf den Bereich Dyskalkulie – auf einige wissenschaftliche Grundlagen des § 35a aufmerksam machen:

1. Dyskalkulie ist als psychische Störung durch die WHO in ICD-10, , F81.2 gelistet, hat also evident nichts mit schlechten Zensuren zu tun. Dyskalkulie ist abhängig vom Alter a. die Abwesenheit von Verständnis für Zahlen und Zahloperationen, b. der Versuch zur Kompensation des Nicht-Rechnen-Könnens durch z. B. Zählen, begriffsloses Auswendiglernen etc. und mündet c. wg. Stigmatisierung und Sanktionierung ein in eine psychische bis psychosomatische Sekundärsymptomatik. Rechenschwäche kann durch Krankheiten ausgelöst worden sein und – vor allen Dingen – sie macht krank und stellt die soziale Integrierbarkeit radikal in Frage.

2. Stichprobenartige, aber repräsentative empirische Untersuchungen des ZTR* in verschiedenen Schularten und Klassenstufen haben für Dyskalkulie eine Prävalenz von 20-30% (in Grundschulen) ergeben. In der Tat, Deutschlands Schüler können immer weniger Rechnen (wie ja auch schon PISA gezeigt hat). Hier schließen sich Fragen auch an das Bildungssystem resp. präventiver Maßnahmen an.

3. Ohne fachgerechte Intervention kommt es zu einer Chronifizierung der Dyskalkulie. Die Schulen können nicht oder nur sehr eingeschränkt helfen, da a. spezielle Ausbildungen nötig sind (ZTR-intern: 3 Jahre, supervidiert), b. spezielle didaktische Verfahren erlernt und Materialien zur Anwendung kommen müssen und c. ca. 80 – 120 Std. Einzeltherapie für eine nachhaltige Heilung erforderlich sind. Das sprengt den schulischen Rahmen und sollte das starre Schulsystem sukzessive in die Richtung verändern, dass externe Experten temporär für spezielle Hilfen eingebunden werden können.

4. Einzeltherapeutische Maßnahmen überfordern häufig die finanziellen Möglichkeiten der privaten Haushalte. Erfolgt keine sachgemäße Intervention (mit Hilfe von § 35a bis zum 19. Lebensjahr), ist der Weg ins soziale Abseits irreparabel vorgezeichnet. Die Folgekosten (Gesundheit, Kriminalität etc.) übersteigen bei Weitem diejenigen der Prävention. In diesem Sinne ist der § 35a des SGB VIII/IX außerordentlich sinnvoll und nützlich.

Der effektiven Anwendung des Gesetzes wirkt z. Z. im Wesentlichen entgegen, dass die Städte und Kommunen nicht über die notwendigen finanziellen Ausstattungen verfügen. Man versucht unsachgemäß auf Schulen abzuwälzen und übt Druck auf die medizinische Diagnostik aus. All dies zielt einzig auf Vermeidung von Rechtsansprüchen und damit auf Vermeidung von Kosten ab.

Die Frage, welche gesellschaftliche Konsequenz es hat, wenn 20-30% der Bürger nicht mehr Rechnen lernen, wird ebenso konsequent vermieden, wie die nach den subjektiven seelischen Folgewirkungen bei den Betroffenen und deren Familien („drohende seelische Behinderung“). Insofern dies ein sehr realer Zusammenhang ist, kann nicht von „Gummiparagraph“ gesprochen werden (Sie übernehmen da die interessierten Formulierungen der Landräte, Stadtbeigeordneten und Jugendamtsleitungen). Allerdings würde ich Ihnen Recht geben, dass dann, wenn der Bund das Gesetz will, auch sichergestellt sein muss, dass seine Umsetzung finanzierbar ist. Diese Argumentationsrichtung vermisse ich aber in Ihrem Artikel.

In einer anderen Hinsicht würde ich weitestgehend mit Ihnen konform gegen können, nämlich der Einarbeitung der privaten Einkommen in die Höhe der finanziellen Hilfen durch die Städte und Kommunen. Hier muss jedoch Vorsicht walten bzw. eine Abwägung getroffen werden, denn die jetzige Reglung, nach der im Fall des Falles keine Anrechnung der Einkommen erfolgt, ist kein Fehler, sie folgt vielmehr dem Gesichtspunkt, dass das gesellschaftliche Interesse an Prävention im Zweifelsfall höher steht als im Einzelfall eine private Abwägung zwischen Therapieteilfinanzierung und Anschaffung z. B. eines neuen Autos.

Abschließend möchte ich Ihnen das Angebot machen, nach Leipzig zu kommen, um eine fundierte Reportage über das Thema „Eingliederungshilfen bei Rechenschwäche“ zu erarbeiten. Ich könnte Ihnen erfolgreich therapierte Einzelfälle (unsere Erfolgsquote liegt bei über 90%) ebenso vorstellen wie untherapierte und deswegen im späteren Leben gescheiterte Existenzen. In jedem Fall könnten Sie Einblick nehmen, mit Eltern und Kindern über Ge- resp. Missbrauch von § 35a sprechen.

Ich bin gespannt, ob Sie den Mut zur (Teil-) Korrektur Ihres tendenziösen Artikels aufbringen werden. Für weitere Nachfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Olaf Steffen
Wissenschaftlicher Leiter der ZTR-Institute Halle, Leipzig, Markkleeberg und Naumburg

Dr. Olaf Steffen
Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche – ZTR
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