FOCUS 16/2004 10.April 2004, S. 56/57

Verlassen von Adam Riese – Kinder, die einfach nicht rechnen können, sollen in Zukunft statt zur Nachhilfe in die Therapie

Zwei mal drei macht vier“, trällert Pippi Langstrumpf. Das freche Mädchen aus Astrid Lindgrens Klassiker darf sich mit ihrem Matheversagen brüsten. Wenn ein realer Erstklässler an den Grundrechenarten scheitert, etwa einfache Additionen nur durch Abzählen an den Fingern bewältigt, ist Gefahr im Verzug. An Rechenschwäche, der so genannten Dyskalkulie, leiden viele Kinder mit oft verheerenden Folgen für ihren Lebensweg.
Offiziell sollen nur vier bis fünf Prozent aller Schüler Zahlennieten sein. Der Erziehungswissenschaftler Rudolf Wieneke allerdings wartet jetzt mit weitaus dramatischeren Daten auf. So ermittelte er bei Stichproben in Jena, Potsdam und Berlin, dass bis zu 25 Prozent der Schüler in Mathematik total versagen. In Hauptschulklassen sind es womöglich noch viel mehr. Wieneke, Sprecher der Zentren zur Therapie der Rechenschwäche in Ostdeutschland und Berlin, stellte beim Besuch von acht Hauptschulklassen fest: Jeder zweite Schüler leidet an einer Rechenschwäche. 35 000 Grund , Haupt , Real und Gesamtschüler der Hauptstadt, so schätzt der Erziehungswissenschaftler, haben gravierende Rechenstörungen. Bundesweit sollen laut Wieneke 900 000 Schüler betroffen sein.
„Eine deutliche Zunahme“ der Dyskalkulie registriert auch Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder und Jugendärzte. Der Praktiker weiß: „Die Eltern fühlen sich mit dem Problem allein gelassen.“ Auch die Schüler verzweifeln. „Ich bin nicht dumm und faul“, hören Lehrer von mathemiesen Schützlingen, die häufig tatsächlich stundenlang ohne jeden Erfolg pauken. Kindern, die an Dyskalkulie leiden, fehlt so sagen die Experten die Fähigkeit zu verständigem Rechnen“. Diese Kinder müssen erst lernen, hinter den abstrakten Ziffern Mengen konkret zu erfassen, zu vergleichen und in Rechenhandlungen umzusetzen. Spezialisten sind der Lage, dies etwa einem Erstklässler in zirka 20 Therapieeinheiten zu vermitteln.
Die Krankenkassen zahlen dafür allerdings nur, wenn ein Kind zusätzliche, zum Beispiel seelische Störungen hat. Kinderarzt Hartmann fordert dagegen, die Rechenschwäche als Krankheit anzuerkennen. Für einen „Nachteilsausgleich“ kämpft Simone Wejda, Bundesbeauftragte des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). Rechenschwache Schüler sollten wegen ihres Handicaps nicht sitzen bleiben dürfen. „Oft ist ihnen nur wegen der Sechs in Mathe der Weg auf das Gymnasium verwehrt“, weiß die Sonderpädagogin sie konnte selbst nicht rechnen. Die 32 Jährige will sich noch nicht festlegen, ob Rechenschwäche als Behinderung gelten sollte, da dies womöglich diejenigen benachteilige, die zwar Probleme mit Mathe hätten, aber nicht offiziell als behindert eingestuft wären.
Eine Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz diskutierte das heikle Thema im vergangenen Dezember zwar, einigte sich aber wegen eines Vetos aus Bayern nicht auf Empfehlungen. Noch immer wird Dyskalkulie als Problem unterschätzt, meinen die Experten. So mogeln sich Rechenschwache dank Taschenrechner besser durch als Kinder, die nicht lesen und schreiben können. Doch in Berufssituationen sind sie oft aufgeschmissen. Als Maler können sie Materialmengen nicht kalkulieren, als Friseurin das Mischverhältnis von Tönungen nicht bestimmen.
Etwa ein Drittel der Jugendlichen, mahnt Wieneke, sei auf Grund von Rechenschwäche „nicht ausbildungsfähig „. Die Dyskalkulie „fängt mit einem Schulproblem an, entwickelt sich zu einem Lebensproblem und wird so auch zu einem Problem des Sozialstaats. “
Der Horror mit den Zahlen sei ein „sich ausweitendes gesellschaftliches Problem, aber keine Krankheit“, stellt der Freiburger Mathematikdidaktiker Hans Dieter Gerster fest. Der emeritierte Professor plädiert für Mathe Unterricht mit anschaulicheren Aufgaben, gezielte Förderung und eine möglichst frühe Diagnose der Schwäche. Daran hapert es. Grundschulpädagogen, sind sich die Experten einig, sollten schon im Studium das Rüstzeug zum Erfassen der Dyskalkulie erhalten. In der „fehlenden Anregung im Elternhaus“ sieht Gerster einen Hauptgrund für die Mathe Misere. Zu Hause werde wenig gesprochen und noch seltener gerechnet. Gerster: „Den Kindern fehlen banale Erfahrungen mit Zahlen im Alltag.

A. Desselberger / U. Plewnia