Freie Presse Chemnitz, 01. November 2011

Wenn der Kopf die Zahlen verweigert

Mathematik ist bekanntlich nicht jedermanns Sache. Beruhen Schwierigkeiten beim Rechnen allerdings auf einer Teilleistungsstörung, kann das schnell auch zu psychischen Problemen führen.

Chemnitz – Zahlen sind im Alltag allgegenwärtig. Sei es, um Preise zu vergleichen, die Fahrtdauer mit dem Bus abzuschätzen oder die Anzahl der für die Renovierung benötigten Tapetenrollen zu ermitteln. Wer damit offenkundige Probleme hat, dem wird von seinem Umfeld allzu schnell mangelnde Intelligenz vorgeworfen. Dabei leiden die Betreffenden oftmals an Dyskalkulie, auch Rechenschwäche oder im Behördendeutsch „Besondere Schwierigkeiten beim Erlernen des Rechnens genannt. Studien gehen mittlerweile davon aus, dass zwischen fünf und sieben Prozent aller Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen von dieser Teilleistungsstörung betroffen sind. Wird die Rechenschwäche bei Jüngeren nicht erkannt und behandelt, bleibt sie bestehen und macht aus rechenschwachen Kindern rechenschwache Erwachsene.

In Deutschland leiden nach Angaben des Berufsverbands Deutscher Neurologen fünf bis sieben Prozent aller Schüler unter einer Rechenschwäche. Bei vielen Kindern wird die Entwicklungsstörung meist erst im dritten oder vierten Schuljahr festgestellt.

Tom hatte sich auf die Schule gefreut. In der 1. Klasse lief noch alles wie am Schnürchen. Er lernte lesen, wurde beim Zählen immer schneller und hatte Spaß am Unterricht. Als er in die 2. Klasse kam, sollte er beim Rechnen nicht mehr zählen. Weil er aber nicht wusste, wie das Rechnen ohne das Zählen funktionieren sollte, zählte er von da ab heimlich. Bei immer größer werdenden Zahlen und komplexeren Rechenoperationen versagte sein Prinzip. Toms Mathe-Noten gingen in den Keller und seine Mitschüler fingen an, ihn deswegen zu hänseln. Der Lehrer vertrat die Ansicht, der Junge würde sich nicht genügend konzentrieren und müsste mehr üben. Obwohl die Eltern daraufhin mit ihrem Sprössling fast täglich paukten, zeigte sich kaum eine Verbesserung der Matheleistungen. Stattdessen verlor Tom zusehends die Lust am Lernen und am Besuch der Schule. Für Steffen Krusche, Therapeut beim Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Chemnitz, ist der geschilderte Fall typisch dafür, dass die eigentlichen Ursachen des Leistungsabfalls nicht erkannt wurden. „Wenn ein Kind große Probleme beim Rechnen hat, muss es nicht zwangsläufig dumm oder faul sein. Es kann eine Teilleistungsschwäche vorliegen, die allerdings in neun von zehn Fällen behebbar ist“, sagt er. Was den Kindern fehle, sei das Verständnis für grundlegende mathematische Zusammenhänge. Zwar kennen sie die Ziffern und die Zahlwörter. Sie sind aber nicht in der Lage diese gedanklich mit mathematischen Mengen in Verbindung zu bringen. Die Zahlenreihenfolge wird lediglich als eine Abfolge von Zeichen verstanden, die auswendig gelernt werden muss. Verbindungen zwischen den einzelnen Zahlen werden von ihnen ebenso wenig erkannt, wie das darauf aufbauende Prinzip der Zerlegbarkeit von Zahlen. Ob es sich lediglich um Antipathie zur Mathematik oder eine echte Rechenschwäche handelt, kann nur eine zielgerichtete Diagnostik an den Tag bringen. Deren Ziel ist es, den Punkt zu finden, an dem das Kind aus der Logik der Mathematik ausgestiegen ist, seine eigenen Denkweisen und Lösungsstrategien für mathematische Probleme entwickelt hat. „Normale Leistungstests sind hierfür ungeeignet. Deren Ergebnisse legen als Kriterium lediglich die Anzahl der richtig gelösten Aufgaben zugrunde“, erläutert Steffen Krusche. Um eine Rechenschwäche so früh wie möglich zu erkennen, sollten Eltern ihre Kinder beim Erledigen der Hausaufgaben aufmerksam beobachten. Häufen sich die Anzeichen für eine vorliegende Rechenschwäche, nützen dem Kind weder stundenlanges Üben, noch Eselsbrücken oder gar das Androhen von Strafen. Als erstes sollte das Gespräch mit dem Lehrer gesucht werden, um mit ihm gemeinsam eventuelle Hilfen zu besprechen. Das Sächsische Staatsministerium für Kultus hat zu Beginn des Schuljahres 2007/2008 „Empfehlungen zur Förderung von Schülern mit besonderen Schwierigkeiten beim Erlernen des Rechnens“ veröffentlicht. Die Richtlinie zeigt vor allem die schulischen Möglichkeiten der Unterstützung auf. Darüber hinaus gibt es individuelle Hilfsangebote, die in der Regel kostenpflichtig sind. In Fällen einer bestehenden oder drohenden seelischen Behinderung kann jedoch Eingliederungshilfe nach Paragraf 35a Sozialgesetzbuch VIII beantragt werden. Weitere Auskünfte hierzu erteilen die Jugendämter.

Am Donnerstag stellt Dr. Olaf Steffen, Leiter der ZTR-Niederlassung Leipzig, den in Zusammenarbeit mit der Universität Jena entwickelten „Jenaer Rechentest“ vor. Es ist das erste qualitative Testverfahren seiner Art zur Diagnose von Rechenschwäche. Der Vortrag beginnt um 18.00 Uhr in der Technischen Universität Chemnitz, Straße der Nationen 62, Hauptgebäude, Hörsaal 305. Eintritt frei.

Von Andreas Wohland