Mitteldeutsche Zeitung Naumburg 23.01.2012

Wenn Kindern Einmaleins zur seelischen Qual wird

von Albrecht Günther

NAUMBURG. 78 plus 124? Kein Problem, 202. Für viele Schüler birgt diese Rechenaufgabe keinerlei Schwierigkeiten. Was aber, wenn bereits das Addieren einfacher Zahlen zur unüberwindbaren Hürde wird? Zwar versuchen Kinder, die unter Rechenschwäche leiden, mit Hilfsmitteln wie Fingern, Zahlenskalen auf Linealen, Auswendiglernen sowie mit Zählen und anderen Kompensationsverfahren einen Ausweg zu finden, dennoch wird ihnen der Mathematikunterricht zur psychischen Qual. Auch gut gemeinte Hinweise, es müsse mehr geübt, die Faulheit nur überwunden werden, führen nicht zum Erfolg. „Rechnen ist für diese Schüler der reinste Blindflug“, beschreibt Olaf Steffen diese quälende Situation.
Oft werden falsche Wege gewählt
Vor zehn Jahren gründete der promovierte Wissenschaftler das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) Naumburg-Weißenfels. Zwei Ziele haben sich Steffen und dessen Mitarbeiter gesetzt. Einerseits bieten sie entsprechende Therapien an, mit denen Betroffene ihre Dyskalkulie – so die wissenschaftliche Bezeichnung der Rechenschwäche – überwinden können. Andererseits wollen sie Eltern und Lehrer, Psychologen sowie Mitarbeiter sozialer Dienste über die Problematik aufklären. „Rechenschwäche wird oft viel zu spät erkannt. Außerdem werden die falschen Wege gewählt, um sie zu beheben“, sagt Steffen im Tageblatt / MZ-Gespräch.
Zusätzliches Üben ist zwecklos
„Uns werden häufig Kinder und Jugendliche vorgestellt, die wahre Leidens-Odysseen hinter sich haben, bis sie endlich an die richtige Adresse für ihre Lern- und Verständnisprobleme im Umgang mit Mengen, Zahlen und Rechenoperationen gelangen.“ Verhängnisvoll ist dabei laut Steffen, dass Grundschullehrer den Kern des Problems oftmals nicht erkennen. „Den Eltern wird empfohlen, die Übungsintensität im Fach Mathematik zu erhöhen. Eltern, die diese Empfehlung in der Regel als Aufforderung verstehen, den aktuellen Schulstoff in Mathematik verstärkt einzupauken, berichten daher immer wieder, dass zusätzliches Üben zwecklos geblieben sei und letztlich nicht nur das Verhältnis Kind – Eltern, sondern auch die seelische Entwicklung des Kindes insgesamt negativ beeinflusst wurde.“ Auch der übliche Nachhilfeunterricht bringt keine Verbesserung. So folgt als weiteres Glied in dieser Negativ-Kette der Gang zum Psychologen. Steffen schildert: „In der Schule wird die Frage nach womöglich mangelnder Begabung gestellt und durch Schulpsychologen untersucht. Führt der Intelligenz-Test dann – nicht zuletzt, weil er eine Reihe von Rechenaufgaben beinhaltet – zu einer Quote von unter 85, sehen sich Eltern plötzlich mit der Frage konfrontiert, ob nicht die Förderschule die geeignete Schulform für das Kind sei.“ Dabei lässt sich bei 90 Prozent der Betroffenen die Rechenschwäche durch eine spezielle qualitative Diagnose sowie lernproblemorientierte Therapieformen nachhaltig beseitigen. Hinzu kommt, dass Jugend- und Sozialämter unter bestimmten Voraussetzungen gesetzlich verpflichtet sind, die Therapie zu finanzieren, weil mit Beseitigen der Rechenschwäche oftmals auch seelische Störungen, die bis hin zur Schädigung des Sozialverhaltens führen können, behoben werden.
Mit einer Reihe von Vorträgen, die am 26. Januar beginnt und in Naumburg stattfinden wird, will das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche Naumburg-Weißenfels über seine Arbeit informieren. Eingeladen dazu sind vor allem Lehrer und Erzieher, aber auch Mitarbeiter von Schul- und Jugendämtern sowie weiterer sozialer Einrichtungen der Region.
Gemeinsames Forschungsprojekt
„Wir möchten in den Vorträgen zeigen, wie ein effektiver Umgang mit Rechenschwäche aussehen kann und muss. Von dieser Grundlage aus lässt sich erklären, warum die oben erwähnten Hilfsversuche scheitern müssen. Dies wird hinführen zu einer realistischen Beurteilung der Möglichkeiten in Schule und Elternhaus. Dabei wird hervorzuheben sein, dass effektive schulische Interventionsmöglichkeiten nur im Rahmen eines präventiven Erstklassenunterrichts liegen können. Eine dafür nötige qualitative Präventionsdiagnostik, die in der Vorschuluntersuchung sowie in der Schuleingangsphase zum Einsatz kommen könnte, ist vom ZTR und im Rahmen einer Forschungskooperation mit den Universitäten Jena und Paderborn entwickelt worden“, charakterisiert Olaf Steffen Ziel und Inhalt der Vorträge.
OB Küper spricht Grußwort
Dabei wird Naumburgs Oberbürgermeister Bernward Küper die erste Vortragsveranstaltung mit einem Grußwort eröffnen. Zu den bildungspolitischen Dimensionen des Themas Rechenschwäche wird der Weißenfelser CDU-Landtagsabgeordnete Harry Lienau zu Beginn der zweiten Veranstaltung sprechen. Der abschließende Vortrag wird von Landrat Harri Reiche mit einem Grußwort eingeleitet.