Freies Wort, 01.11.2010

Wenn Mathe wie Chinesisch klingt

Dass viele Kinder an einer Rechenschwäche leiden, wird oft nicht erkannt. Geschulte Therapeuten können helfen – meist mit dauerhaftem Erfolg.

Dass viele Kinder an einer Rechenschwäche leiden, wird oft nicht erkannt. Geschulte Therapeuten können helfen – meist mit dauerhaftem Erfolg. Von Marco Schreiber
Die achtjährige Katja Liese hatte in Mathe den Anschluss verloren. Eine Rechenschwäche-Therapeutin bringt ihr nun die Grundlagen des Rechnens bei.

Gotha – Das kleine Einmaleins war für Katja die blanke Quälerei. Schon die Zweierreihe wollte sich partout nicht einprägen. „Ich hatte das Gefühl, wir fangen immer wieder bei Null an“, sagt Anja Liese. Die Mutter der Achtjährigen machte sich auch Sorgen wegen der Kopfschmerzen, über die ihre Tochter im vergangenen Schuljahr immer häufiger klagte.
Nach den Sommerferien nahm die Lehrerin die Eltern beiseite und berichtete von Schwierigkeiten auch in anderen Fächern. Irgendetwas stimme mit der Schülerin nicht. „Katja hatte keine Energie mehr und konnte sich nicht konzentrieren“, sagt Anja Liese. Sollte das von Katjas Problemen mit dem Rechnen herrühren? In einem Vortrag hatte die Lehrerin von der Rechenschwäche gehört und wie sich diese Lernstörung auf das gesamte Verhalten auswirken kann.

Die Eltern tippten das Wort in eine Internet-Suchmaschine ein – und fanden dort neben anderen privaten Instituten auch das ZTR, das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche, vertreten in allen ostdeutschen Bundesländern sowie Hessen und Niedersachsen. Der Test bei den Therapeuten fiel eindeutig aus: Katja leide an einer Dyskalkulie, ihr fehle ein grundlegendes Verständnis für Zahlen. Eher froh als bestürzt sei sie über die Diagnose gewesen, sagt Anja Liese. „Wir hatten ja jemanden gefunden, der helfen kann.“
Neun von zehn Betroffenen könne nachhaltig geholfen werden, schätzt ZTR-Chef Olaf Steffen. Der promovierte Sozialwissenschaftler sagt, er habe das Phänomen Rechenschwäche an der Uni Jena jahrelang erforscht, bevor er als wissenschaftlicher Leiter zum Rechenschwäche-Zentrum gekommen ist. Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Potsdam und Paderborn habe er den Jenaer Rechentest entwickelt, mit dem eine Rechenschwäche entdeckt und der vorhandene Lernstand ermittelt werden kann.

Schaue man sich nur die Ergebnisse an, die die Kinder beim Rechnen fabrizieren, bleibe das Problem oft unerkannt, sagt Steffen. „Eine Rechenschwäche fällt nicht auf, die Betroffenen entwickeln Verfahren, richtige Ergebnisse zu produzieren, ohne etwas vom Rechnen verstanden zu haben.“ Scheinrechnen nennt der Experte, womit sich die Kinder durch den Schulstoff mogeln. An den Zensuren falle die Mogelei bis zur siebten Klasse kaum auf. Dann werden die Aufgaben so komplex, dass sie nur noch für Gedächtniskünstler beherrschbar sind.
In der ersten Klasse müssten sich rechenschwache Kinder lediglich 132 Zahlenkombinationen merken. „Es ist für sie wie das Auswendiglernen eines chinesischen Gedichtes, dessen Inhalt sie nicht kennen“, sagt Steffen. Aus der Lernforschung wisse man jedoch, dass nur dann etwas im Langzeitgedächtnis verankert wird, wenn der Sinn erfasst worden ist. Deshalb könnten die Betroffenen „üben, dass die Schwarte kracht“ – und müssten trotzdem am nächsten Tag von vorn beginnen.

Von vorn – das bedeutet für die Behandlung oft, ein fehlendes Zahlverständnis zu beheben. Vielen Rechenschwachen erschließt sich nicht, dass jede Zahl für eine Menge steht. Und dass bei einer Addition zwei Mengen vereinigt werden. „Sie zählen einfach von der einen Zahl aus weiter“, sagt Steffen. Weil sich für sie die Sieben also nicht aus einer Drei und einer Vier zusammensetzt, bleibt auch die Subtraktion ein Rätsel _ das mühsam ausgezählt werden muss. Zuerst mit den Fingern, und, wenn das verboten ist, an den Rippen der Heizung, dem Lineal, den Stiften in der Federmappe. „Es gibt Kinder, die klopfen sich mit dem Finger auf die Hand oder sie nicken mit dem Kopf“, sagt Steffen.
In der zweiten Klasse geraten die Kinder jedoch an die Grenzen der Zählbarkeit. Sie entwickeln eben jenes Scheinrechnen, dessen Logik einem normal begabten Menschen nahezu unverständlich ist. Glaubt man dem ZTR-Chef, bedeutet das einen schier unerträglichen Stress. Schnell spreche man den Kindern die natürliche Begabung für Mathe ab, stelle eine verminderte Intelligenz fest – „Intelligenztests beinhalten zu 15 Prozent Rechentests“ -, malträtiere sie mit Förderunterricht und Nachhilfe, sagt Steffen. Mathe sei ein wichtiges Hauptfach, der Druck entsprechend hoch, das Lernziel zu erreichen.

Die Betroffenen müssen sich dafür immer mehr anstrengen, worunter die Leistungen in den anderen Fächern leiden. „Rechenschwache Kinder sind die Gehetzten des Lehrplans“, sagt Steffen. Stufe für Stufe wird das Gebäude der Mathematik errichtet, baut ein Gedanke auf dem anderen auf. „Jedes Kind muss jeden Lernschritt verstehen.“ Fehlt einer, ist die Lücke da. „Verständnisbruch“ nennt Steffen diese Lücke. Der falle kaum auf, wenn der Lernerfolg nur am richtigen Ergebnis und mit einer Zensur gemessen wird. Wie das Kind zum Ergebnis gekommen sei, ob es wirklich verstanden habe, spiele dabei keine Rolle.
Ein Skandal, findet Steffen. Er geht davon aus, dass ein Viertel aller Kinder an einer Rechenschwäche leidet. „25 Prozent der Grundschüler haben keinen verständigen Zugang zur Mathematik“, sagt der ZTR-Chef. „Und das wird von den Schulen nicht erkannt.“ Im Gegenteil. Der straffe Lehrplan zwinge die Pädagogen, weiterzumachen, „auch wenn kleinere oder größere Teile der Klasse nicht alles verstanden haben“.

Michael Schmitz von der Uni Jena relativiert diese Zahlen. „Sie hängen davon ab, was man unter einer Rechenschwäche versteht“, sagt der promovierte Mathematiker. „Es ist ein sehr komplexes Thema, zu dem es viele verschiedene Auffassungen gibt.“ Schmitz beschäftigt sich an der Fakultät für Mathematik und Informatik unter anderem damit, wie Mathe an Schulen verständlich vermittelt werden kann. Er zitiert Studien, nach denen zwischen drei und sieben Prozent der Grundschüler extrem rechenschwach und etwa 15 Prozent förderbedürftig sind.
Dem Thüringer Bildungsministerium sind Zahlen zum Thema Rechenschwäche unbekannt. „Unserer Meinung nach sind 25 Prozent zu hoch“, sagt Ministeriumssprecher Gregor Hermann. „Rückmeldungen aus den Schulen bestätigen das nicht.“ Hermann warnt davor, das Problem zu dramatisieren. Lehrer seien die ersten, denen Schwierigkeiten auffallen und Schule der richtige Ort, Kindern zu helfen – mit Förderunterricht und Einzelförderung bekomme man die Probleme in den Griff.

Beides nicht erfolgversprechend, sagt ZTR-Chef Steffen. „Alle Verfahren doktern nur am aktuellen Schulstoff herum.“ Vor einer Therapie an seinem Institut werde getestet, an welcher Stelle angesetzt werden muss. „Ohne Zeitdruck, bis zum Anschluss an den aktuellen Schulstoff.“ Da Rechenschwäche keine Krankheit sei, lasse sie sich meistens auch erfolgreich beseitigen.
Drittklässlerin Katja zeichnet in ihrer Therapiestunde am ZTR in Gotha einen Zahlenstrahl. Der erste Strich steht für die Eins, ein weiterer, genauso langer, für die Zwei. „Bau mal aus der Zwei eine Drei“, sagt die junge Therapeutin. Katja klemmt sich die Zunge zwischen die Lippen, legt das Lineal an und verlängert die Linie. Später steckt sie bunte Plastikwürfel zusammen und zerlegt sie – sieben Stück für die Zahl Sieben, die aus der drei und vier bestehen kann, aus zwei und fünf oder sieben mal der Eins. Und die Acht? „Nein, die passt nicht in die Sieben“, sagt Katja und schüttelt den Kopf.

Mathe macht ihr wieder Spaß, sagt sie – in der Schule muss das schmächtige Mädchen vorerst nicht den Stoff der dritten Klasse lernen. Sie bekommt mit einigen anderen Kindern Einzelunterricht, abgestimmt mit der Therapeutin des ZTR. „Es geht ihr wieder besser“, sagt Mutter Anja Liese. „Und die Kopfschmerzen sind weg.“ Bald sollen auch Südthüringer Kinder von den Therapeuten des ZTR behandelt werden. Das Institut plant die Eröffnung einer eigenen Filiale in Suhl.