Thüringer Allgemeine 20. Januar 2009

Wenn Zahlen terrorisieren

Deutschlands größte private Rechenschwäche-Spezialeinrichtung hat auch in Erfurt einen Sitz. TA sprach mit ZTR-Institutsleiter Dr. Olaf Steffen.

Sind Matheversager einfach nur dumm?

Beim Thema Rechenschwäche/Dyskalkulie geht es überhaupt nicht um Intelligenzfragen. Rechenschwache denken und handeln nicht unlogisch. Zumeist tritt das Matheproblem isoliert auf, das heißt, in anderen Schulfächern genügen sie den schulischen Anforderungen beziehungsweise sie sind dort häufig sogar ausgesprochen gut.

Ihr Zentrum erforscht Lernprozesse und therapiert Rechenschwächen. Wer wendet sich an Sie?

Eltern, deren Kinder Auffälligkeiten beim Erlernen elementarer Rechenfunktionen zeigen. Wir kooperieren aber auch mit Ministerien, Ämtern, Universitäten, Schulen und anderen Institutionen. Häufig beauftragen uns Jugendämter, Rechenschwächetherapien durchzuführen, um seelische und sozial-integrative Störungen präventiv zu vermeiden.

Welche Symptome werden Ihnen dabei in der Regel geschildert?

Häufig ist das ein Cocktail aus Problemen: Verzweiflung beim täglichen Üben, weil das Kind scheinbar Gelerntes ständig wieder vergisst, angespannte Familienverhältnisse, weil das ausufernde tägliche Üben zu Weinen beziehungsweise Aggressionen führt und das Kind alles vermeidet, was mit Zahlen zu tun hat. Es entwickelt kein Mengenverständnis, kann sich die sogenannten Grundaufgaben nur sehr eingeschränkt merken, produziert daher Ergebnisse ständig nur auf mechanische Weise – nämlich durch Abzählen an den Fingern – und bemerkt gar nicht die dabei teilweise entstehenden absurden Ergebnisse, die durch vergessene Zahlen zustande kommen können. Und der Umgang mit Geld oder mit der Uhr beispielsweise gelingt einfach nicht.

Woher rühren derartige Defizite nach Ihren Erfahrungen?

All diese Symptome gehen zurück auf ein Problem, das bereits in der ersten Klasse entstanden ist: Das Kind hat kein Zahlenverständnis entwickelt, es denkt Zahlen nicht als Repräsentanten abstrakter Mengen. Das verhindert letztlich, dass das Kind rechnen lernt. Wer nicht weiß, welche Zahl sich aus 3 und 6 zusammensetzt, kann die Rechenaufgabe 3+6 nicht lösen, er muss zählen. Dieses Wissensdefizit wird als Dyskalkulie oder Rechenschwäche bezeichnet.

Wie können Sie helfen?

Mit dem Jenaer Rechentest, einem vom Zentrum zur Therapie von Rechenschwäche (ZTR) entwickelten Testverfahren, bestimmen wir das Wissensdefizit und können auf dieser Grundlage eine individuelle und problemorientierte Therapie planen und angehen.

In welchem Alter kommen die Kinder zu Ihnen?

Da eine unbehandelte oder falsch behandelte Rechenschwäche zur Konsequenz hat, dass sowohl die Schullaufbahn als auch die Berufsbefähigung extrem bedroht sind, werden uns Schüler aller Altersklassen vorgestellt. Es melden sich auch Erwachsene bei uns, die im Beruf wegen ihrer Rechenprobleme zu scheitern drohen. Die größte Gruppe bilden aber Grundschüler.

Ist eine Rechenschwäche womöglich vererbbar?

Nein, es handelt sich ja nicht um eine Krankheit. Rechnen muss gelernt werden und ist nicht angeboren. Es handelt sich um eine Kulturfähigkeit und nicht um eine Naturfähigkeit.

Wie sollten Eltern damit umgehen, wenn ihr Kind mit Mathematik nicht klar kommt?

Mit Mathematik nicht klar zu kommen, beruht in der Regel darauf, dass bestimmte Lerninhalte, die dem jetzigen Lernstoff der Schule vorangegangen sind, noch nicht verstanden worden sind. Dann kann man, auch bei noch so viel Fleiß und richtigen Erklärungen, den aktuellen Stoff nicht verstehen. Die Zahlenmathematik beinhaltet eine hierarchische Gedankenstruktur, die Lerninhalte bauen aufeinander auf, so dass es bei Lernproblemen notwendig ist herauszufinden, an welcher Stelle beim Schüler ein Verständnisbruch erfolgt ist und wo das früheste Nicht-Verstehen liegt. Da setzen wir an.

Gespräch: Britta Hinkel