Leipziger Volkszeitung 05. Mai 2004

Wenn Zahlen zur Qual werden

Die Abneigung gegen Mathe hat bei einigen Schülern nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Sie leiden an einer Rechenschwäche, die behandelt werden kann. Ob Förderunterricht oder Therapie nötig ist, darüber wird jedoch seit Monaten in Leipzig heftig gestritten. Olaf Steffen, wissenschaftlicher Leiter des privaten Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche(ZTR) in der Kreuzstraße, gibt den Kampf gegen die Behörden nicht auf. Seiner Ansicht nach werden die Betroffenen teilweise unsachgemäß gelenkt und auf Förderschulen geschickt. Manchmal unterbleibt mögliche Hilfe, um Kosten für die Therapie zu sparen.
Für einige Kinder (und auch Erwachsene) erscheinen Zahlen wie chinesische Schriftzeichen, die für sie einfach keinen Sinn ergeben. Obwohl ihre Leistungen in anderen Fächern gut oder akzeptabel sind, können viele die einfachsten Aufgaben nur mit sturem Abzählen lösen. Oder sie versuchen, Rechenaufgaben wie Gedichte auswendig zu lernen, was zu stetem Wiedervergessen führt. „Dies kommt häufiger vor als man denkt. In Grundschulen haben wir bis zu 30 Prozent Rechenschwäche festgestellt“, sagt Olaf Steffen: „Dyskalkulie ist nicht die Folge mangelnder Wahrnehmung oder fehlenden logischen Denkvermögens. Sie kann durch eine Lerntherapie beseitigt werden. Unbehandelt drohen aber schwere seelische Schäden und Integrationsprobleme.“

Die wollte Sabine Werner (Name geändert) für ihren Sprössling, der eine dritte Klasse besucht, in Anspruch nehmen. Sie ging zum Jugendamt, um eine so genannte Eingliederungshilfe zu erbitten. Doch das lehnte ab. Therapeut Steffen kennt viele solcher Fälle, spricht sogar von einem „Abwehrwesen“ im Jugendamt. „Grundsätzlich ist zu sagen, dass die Förderung von Kindern mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche und analog Rechenschwäche im Aufgabenbereich der Schule liegt“, heißt es in Briefen des Amtes an betroffene Eltern, die sich um eine Förderung der Therapie bemühen.
Das Rathaus beruft sich auf eine sächsische Verwaltungsvorschrift vom August 2001. Die regelt allerdings nur die Lese- und Rechtschreibschwäche. Einem Brief des Kultusministeriums vom Juli 2003, der der LVZvorliegt, ist zu entnehmen, dass Rechenschwäche „nicht Regelungsgegenstand“ dieser Vorschrift sei. Deshalb könnten Elternanträge mit ihr auch nicht abgelehnt werden. „Sie sind immer nach Einzelfallprüfung auf Grundlage der geltenden Rechtsvorschriften zu bescheiden.“

„Wie bei allen anderen Hilfen auch prüfen wir im Einzelfall, was für die Kinder erforderlich und am Besten geeignet ist“, entgegnet Dagmar von Hermanni, die Referatsleiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes. Auch Jugendamtschef Siegfried Haller weist Vorwürfe zurück, dass sein Amt aus Kostengründen die nötigen Hilfen bei Dyskalkulie verwehre. „Natürlich müssen wir sparen, aber nicht auf Kosten der Kinder.“ Das Rathaus fördere – entsprechend des Kinder- und Jugendhilfegesetzes – derzeit die Therapie bei 17 Dyskalkulie-Fällen. Allerdings: Im Jahr 2000 waren es noch 46 (2002: 34). Haller: „Wie bei Legasthenie muss sich aber die Schule dieser Thematik stärker stellen. Bei dieser Forderung bleibe ich.“
Das Regionalschulamt Leipzig arbeite seit längerem an diesem Problem und habe bereits Fortbildungskurse für Lehrer in Leipzig, Eilenburg, Torgau und Grimma organisiert, die bis 2005 laufen, sagt dort Behördensprecher Roman Schulz. „Dyskalkulie ist anders als Legasthenie in Sachsen noch keine anerkannte Teilleistungsstörung. Dennoch machen wir Grundschullehrer damit vertraut, damit sie mit dem Problem besser umgehen können.“

Für Steffen reicht das nicht: „Bemühungen, den Kindern durch zusätzliche Förderstunden den Schulstoff zu vermitteln, scheitern fast immer und fördern wahrscheinlich eher die Angst vor Mathe. Rechenschwäche muss diagnostiziert werden, helfen kann daher nur eine Therapie, für die 100 bis 120 Stunden erforderlich sind.“ Reiche die Kompetenz der Schule nicht aus, die Betroffenen zu fördern, sei die Jugendhilfe verpflichtet, bei drohender seelischer Behinderung die nötigen Eingliederungshilfen zu bewilligen.
„Derzeit stelle ich jedoch eine Tendenz fest, die Betroffenen eher auf eine Förderschule zu schicken“, so der Leiter des ZTR. Seit Monaten setzt er Himmel und Hölle in Bewegung, um Politiker für dieses Thema zu sensibilisieren. So war er als Experte bei einer Anhörung im Landtag und hat bei der Bundesregierung über die Praktiken zur Aushebelung des Gesetzes berichtet. Leipzig habe nicht das einzige Jugendamt, das sich aus der Förderung der Dyskalkulie-Therapie immer mehr zurückzieht. Sein Wunsch: Er möchte auch im Jugendhilfeausschuss über das Problem reden. Insbesondere sollte auf Landesebene ein Finanztopf geschaffen werden, der es Schulen ermöglicht, externe Experten in die Schulen zu holen.

Darüber hinaus spricht Therapeut Steffen hiesige Firmen an, ob sie Therapien für betroffene Kinder teilweise sponsern können. Sein Motiv: „Wir müssen helfen. Ansonsten werden aus den Rechenschwachen von heute die Sozialhilfeempfänger von morgen.“
Mathias Orbeck