Mitteldeutsche Zeitung Halle 24. September 2009

Zahlen wie Hieroglyphen

In Halle werden erfolgreich Kinder mit Rechenschwäche behandelt

HALLE/MZ – Seit rund einem Jahr grübelt Pia auch nachmittags über Zahlen, die für sie lange wie Hieroglyphen waren: unverständlich. Die Neunjährige arbeitet sich nicht an Hausaufgaben ab, sondern lernt einmal in der Woche in einer Einzeltherapie neu rechnen. Pia leidet unter Dyskalkulie, der Rechenschwäche. „In der Schule war es früher schlimm, ich habe nichts kapiert. Jetzt geht es besser“, erzählt das aufgeweckte Mädchen. Doch noch immer ergeben für sie 3 mal 60 mitunter lediglich 18. Oder eine gerade erst ausgetüftelte Lösung muss sie sich wenige Sekunden später wieder ganz neu erarbeiten. Wer nicht rechnen kann, ist dumm oder faul, so lautet das gängige Urteil. Pias Noten aber sind gut, auch in Mathe hat sie immerhin eine Drei auf dem Zeugnis, erzählt sie. Trotz der Rechenschwäche-Diagnose. „Es geht ja hier nicht um Noten, sondern wir trainieren die Fähigkeit, wirklich zu rechnen“, sagt Pias Therapeutin Martina Kleymann. Denn die Probleme türmten sich immer mehr auf, wenn die Basis nicht stimme. „Rund ein Viertel der Grundschüler kann nicht verständig rechnen“, behauptet Olaf Steffen. Und selbst in den Gymnasien seien in den 7. Klassen zwischen acht und elf Prozent der Schüler betroffen. Steffen ist Geschäftsführer des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Halle. Seit zehn Jahren gibt es die Einrichtung in der Reichardtstraße. Die Dyskalkulie sei ein gesellschaftliches Problem. „Wer unter Rechenschwäche leidet, kann alle Zahlen, er versteht aber nicht ihre Wertigkeiten zueinander. Die Betroffenen lernen stattdessen auswendig und entwickeln Kompensationsstrategien. Etwa das Fingerabzählen“, so der Mathematiker. Wenn in der 2. und 3. Klasse die einfache Subtraktion oder Addition nicht funktioniere, wenn Umkehroperationen nicht ausgeführt werden könnten, dann sei Hilfe nötig. Mit einem rund einstündigen anerkannten Test des ZTR könne die Schwäche zuverlässig diagnostiziert werden. „Dyskalkulie ist vollständig therapierbar, einfaches Üben hilft aber gar nichts. Man muss zurückgehen bis zu jener Stelle des mathematischen Lernens, an welcher der Bruch erfolgte. Und dann ganz neu aufbauen“, so Steffen. Ein bis zwei Jahre lang wöchentliche „Mathestunden“ seien dafür notwendig. Im ZTR werden ständig rund 70 Klienten, zumeist Schüler aus der Region, betreut. Rund 30 Kinder aus Halle bekommen übrigens die rund 3 900 Euro Kosten für die Therapie erstattet. „Das Jugendamt bezahlt das, wenn die Rechenschwäche zu einer seelischen Behinderung der Betroffenen zu führen droht“, sagt Tobias Kogge, Halles Sozialdezernent. Fachärzte und Psychotherapeuten beurteilen, ob diese Gefahr besteht. Dies sei häufig der Fall, denn oft genug, so Steffen, „kippen mit der Rechenschwäche die Bildungsbiografien“, würden Betroffene zu gesellschaftlichen Außenseitern. Pia hat gute Chancen, dass es nicht so weit kommt: „Mir macht das Rechnen hier wirklich Spaß“, sagt sie.

Michael Falgowski