Ostthüringer Zeitung 25.03.2004

Zukunftssorge Rechenschwäche

Leiterin Karina Heyber und Dr. Olaf Steffen, wissenschaftlicher Leiter der Institute Halle, Leipzig, Naumburg, gaben bei OTZ Antwort auf die Frage: „Warum solch ein Zentrum?“. Bis zu 30 Prozent aller Grundschüler, so jüngste Forschungsergebnisse der Universitäten Jena und Potsdam in Kooperation mit ZTR, leiden unter Rechenschwäche (Dyskalkulie). Bei berufsunfähigen Jugendlichen – Landesarbeitsämter gehen von 25 Prozent jedes Jahrgangs aus- kämpfen bis zu 85 Prozent mit dem Problem. Rechenschwäche lässt ihnen kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Dr. Steffen: „Zahlenmathematik ist ein aufeinander aufbauendes Wissensgebiet. Wenn sehr früh wesentliche Abstraktionsschritte nicht begriffen wurden, kommt es zum Verständnisbruch. Dem Schulstoff kann nicht mehr gefolgt werden. Dyskalkulie ist ein erworbenes Wissensdefizit, aber keine Krankheit.“ Als „Verschiebebahnhof“ bezeichnet der Sozialwissenschaftler den Umgang mit Kindern, die oft unsinnig in Förderschulen und mathematischen Therapien landen. Karina Heyber, 20 Jahre Mathelehrerin in Gera: „Auch gut ausgebildete Lehrer und Sonderpädagogen können es nicht schaffen, solchen Kindern zu helfen. Dafür ist eine Spezialausbildung nötig.“

Rechenschwäche ist begründet im fehlenden kardinalen Zahlverständnis. Sie ist nicht Folge von Dummheit, fehlendem Fleiß, mangelnder Konzentration oder logischem Denkvermögen, betonen die Gesprächspartner. Sie verweisen dabei auf seltene Fälle gesundheitlicher Ursachen wie „Frühgeburt, Hör- und Sehschwächen sowie Mittelohrentzündungen, die mit der Charité gerade erforscht werden.“

Dr. Steffen führt Ursachen auch aufs Schulsystem zurück: „Anders als vor 1989 findet einerseits keine Anleitung zum Verständnis von Zahlen und Mengen mehr im Kindergarten statt. Dies setzt der Lehrplan der 1. Klasse aber voraus. Andererseits werden Wissensdefizite der Erstklässler zu sehr früher Differenzierung herangezogen, so dass Lernprobleme schnell zur Privatsache werden.“Üben, üben, üben – das Rezept versage bei Rechenschwäche.

„Wer nicht rechnen kann, ist dumm.“ Diese These nennt Dr. Steffen „Unsinn“ und einen „Frontalangriff auf das Kind“. Mathematische Lerndefizite seien korrigierbar, unbehandelt fühlen sich Kinder immer mehr als Versager. Ihnen zu helfen, sei neben Forschung und Wissenstransfer Ziel der für alle offenen Therapieeinrichtung in der Altenburger Gabelentzstraße 6.

„Nach einem ersten persönlichen Beratungsgespräch mit Kind und Eltern „, so Karina Heyber, „wird entschieden, ob das Zentrum für das Mathe-Sorgenkind zuständig ist. Dann beginnt die Diagnostik. Bei nötiger Motivation und tatsächlicher Rechenschwäche leiten wir altersunabhängig eine Einzeltherapie von 45 Minuten einmal pro Woche ein.“ Zwischen 100 und 120 Stunden sind notwendig, um das Mathedefizit zu beseitigen.

Privat finanziert ist dies nicht ganz billig. Eine Elite- Nachhilfe? Karina Heyber und Dr. Steffen verneinen das. Nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz könnten bei drohender seelischer Behinderung infolge Dyskalkulie gemäß den Paragraphen 35a sowie 27 des Sozialgesetzbuches VIII Therapiekosten beim Jugendamt beantragt werden. Jedoch solle nicht die ganze Problematik dort abgeladen werden. Für die Präventionsarbeit an den Schulen stehe das ZTR Schulämtern und Ministerien schon jetzt zur Seite.