Südkurier online, 24.03.2016

Vortrag beim Schulverbund: Wie Dyskalkulie therapiert werden kann

Von Claudia Ladwig

Erst kommen die Selbstzweifel und dann drohen psychische Probleme: Dyskalkulie stellt betroffene Kinder vor Riesenprobleme. Beim Schulverbund referiert eine Expertin über mögliche Therapien. Im Publikum sitzen Lehrer und interessierte Eltern.

Die Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) ist vielen Menschen ein Begriff. Dass aber laut Studien acht bis 20 Prozent der Kinder unter einer Rechenschwäche (Dyskalkulie) leiden, ist weniger bekannt. In ihrem Vortrag beim Schulverbund Nellenburg ging Monika Spohrs vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) auf das systematische Lernversagen beim Erwerb fundamentaler arithmetischer Einsichten ein. Die Frage sei: „Warum verstehen Kinder das nicht, was andere bei gleicher Erklärung verstehen?“ Im Publikum saßen Lehrer und interessierte Eltern.
Nach ihren Erkenntnissen ist eine Rechenschwäche weder die Folge mangelnder Konzentration oder fehlenden logischen Denkvermögens noch hat sie mit Dummheit oder Unwilligkeit zu tun. Förderstunden und Übungen des aktuellen Unterrichtsstoffs scheiterten fast immer, da das betroffene Kind zum Einüben von Unverstandenem gezwungen werde. Die Folgen des „Übertrainings“ könnten Selbstzweifel, sinkendes Selbstwertgefühl, Hilflosigkeit, Zweifel an der eigenen Intelligenz und auch psychologische Störungen und psychosomatische Symptome sein. Als Symptome beschrieb Monika Spohrs verschiedene Punkte: Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit vergessen, das Rechnen bleibt stures Abzählen, Rechenarten werden verwechselt, offensichtlich falsche Lösungen werden nicht erkannt zum Beispiel.
Das Problem beginnt schon früh. Wenn Kinder zur Schule kommen, können sie meist bis fünf oder zehn zählen. Sie können einzelnen Zahlen entsprechend viele Dinge zuordnen, also eine Anzahl mit einer Zahl verknüpfen. In der Schule wird es abstrakter. „Jede natürliche Zahl definiert sich durch eine Anzahl Einsen. Eine Vier besteht demnach aus vier Einsen“, erklärte Spohrs. Jede Zahl begründe eine abstrakte Wertigkeit, eine Sechs sei zwei mehr als eine Vier, eine Eins drei kleiner als eine Vier. Daraus müsse man die logischen Schlüsse ziehen, das sei Rechnen. Wenn dieses Verständnis fehle, münde das in begriffsloses Auswendiglernen. Die Kinder dächten sich auch Rechenkompensationsmethoden aus. Sie zählten offen oder verdeckt unter dem Tisch an ihren Fingern oder auch im Kopf. Das sei anfangs kein Problem, doch die Kinder sollten lernen, dass sie es auch ohne Zählen hinbekommen.
Da man auch zählend zum richtigen Ergebnis kommen könne, böten die Standard-Rechentestverfahren keine Analyse, welche mathematischen Inhalte unverstanden seien. Bei dem von ihrem Institut angewandten Jenaer Rechentest gebe es eine gezielte Beobachtung des Kindes beim Lösen und Kommentieren mathematischer Aufgabenstellungen. Das Kind müsse „laut denken“. Daraus ergäben sich Hinweise auf den aktuellen Lernstand. „Die individuelle Lernstandsanalyse zeigt uns, wo das Kind den Faden verloren hat.“ Wenn man den ersten Punkt finde, an dem das Kind das Vorgehen nicht mehr verstanden hat, setze man genau dort mit der Therapie an. „Dann kann jedes Kind rechnen lernen“, gab sich Spohrs überzeugt.
Die Therapie dauert im Durchschnitt anderthalb bis zweieinhalb Jahre bei einer Stunde pro Woche. Die Dauer hänge davon ab, wann die Dyskalkulie erkannt und behandelt werde und wie lange es dauere, bis der Schüler Anschluss an seinen momentanen Schulstoff habe. Durch das schrittweise Heranführen und den Verständnisfortschritt sei die Motivation der Kinder im Allgemeinen kein Problem, sagte die Therapeutin. Durch die Erfahrung von Kompetenz komme es zum Angstabbau und zur Stärkung des Selbstbewusstseins. Dieser Punkt sei ganz wichtig und meist der allererste Effekt der Therapie, noch weit vor besseren Noten.