Schwarzwälder Bote, online, 02.03.2017

Wenn Zahlen zur Qual werden

von Julia Brenner

Rund zwei von zehn Grundschülern leiden unter eine Rechenschwäche. In Bisingen informiert Expertin Monika Spohrs darüber, wie Betroffenen geholfen werden kann.

Fast 20 Prozent aller Grundschüler haben eine Rechenschwäche. Diese Schwäche, auch Arithmasthenie oder Dyskalkulie genannt, ist bei weitem nicht so bekannt wie Lese-Rechtschreib-Schwäche und bleibt deshalb oft unbehandelt. Damit sich das ändert, veranstaltet die Bisinger Grund- und Werkrealschule für Eltern und Lehrer die Vortragsveranstaltung „Rechenschwäche erfolgreich überwinden“. Eingeladen wurde dazu eine Expertin: Monika Spohrs ist Leiterin des ZTR Bodensee (Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche) und berichtet über Symptome, Diagnostik und therapeutische Ansätze. Anschließend darf diskutiert werden. Die Veranstaltung findet am Donnerstag, 16. März, von 19 bis 21 Uhr in der Grund- und Werkrealschule Bisingen, An der Halde 17, statt.

Was ist Rechenschwäche?

Als Rechenschwäche wird ein systematisches Lernversagen beim Rechnen bezeichnet. Da bei einer Rechenschwäche wichtige Grundlagen fehlen, können darauf aufbauende Gedanken nicht mehr richtig verstanden werden. Die Folge: mathematische Wissenslücken der Betroffenen werden immer größer. Rechenschwache fallen nicht nur durch ihr fehlendes Verständnis von Zahlen auf. Sie fallen vor allem dadurch auf, dass sie sich mit einer eigenen Logik bemühen, das fehlende Wissen zu kompensieren. Um Rechenaufgaben zu lösen, raten sie Ergebnisse, zählen Aufgaben mühsam aus, oder wenden unverstandene Lösungswege mechanisch an.

Wenn nicht geholfen wird

Die Auswirkungen einer unbehandelten Rechenschwäche können gravierend sein. Das Versagen in einem „zentralen Lernbereich wie dem Rechnen“ habe „psychische und sozial-integrative Folgen“, heißt es auf der Internetseite des Therapiezentrums in Konstanz. Betroffene Schulkinder orientieren sich an den eigenen Misserfolgen. Manche entwickeln eine Schulunlust, die im schlimmsten Fall zu einer regelrechten Schulangst wird. Minderwertigkeitsempfinden und Versagensängste sowie psychosomatische Reaktionen können sich daraus entwickeln.

Warum hilft Üben nicht?

Bloßes Üben hilft Betroffenen meistens nicht, die Rechenschwäche zu überwinden. Die Schüler werden damit zum Einüben von Unverstandenem gezwungen und fangen an, Aufgaben- und Merksätze auswendig zu lernen – „das hilft nur kurzfristig und wird meist sofort wieder vergessen“, sagt Monika Spohrs. Das Üben wird so zur Qual für alle Beteiligten. Ein Kind, das „übertrainiert“ wird, reagiert auf die vergeblichen Bemühungen oft frustriert und mit einer Lernabneigung. Die erfolglosen Bemühungen setzen so eine Entwicklung in Gang, in der die Kinder und Jugendlichen Versagensängste, Misserfolgserwartungen und eine negative Selbstwahrnehmung entwickeln.

Therapie kann helfen

Dabei handelt es sich bei einer Rechenschwäche weder um einen Mangel an Intelligenz oder Begabung noch um Faulheit oder fehlenden Willen. Betroffenen fehlt nicht die Fähigkeit zum logischen Denken, sondern „es geht um ein Verständnisproblem“, betont Referentin Monika Spohrs. Dyskalkulie verschwinde nicht von allein, könne aber durch gezieltes Vorgehen überwunden werden, ist sie überzeugt. Dabei werde „dort angesetzt, wo der Verständnisfaden abgerissen ist – und das ist häufig schon im Zahlenraum eins bis zehn“, erklärt Spohrs. Eltern können für rechenschwache Kinder und Jugendliche eine Kostenübernahme für die Dyskalkulietherapie beim Jugend- oder Sozialamt beantragen. Bei einem klaren somatischen Zusammenhang von Primärerkrankung und Rechenschwäche können die Krankenkassen die Kosten für eine Dyskalkulietherapie übernehmen. Die Konditionen für Therapien sowie Unterstützungsmöglichkeiten bei der Finanzierung können beim Zentrum zur Therapie von Rechenschwäche erfragt werden. ZTR-Institute in der Nähe sind in Sigmaringen und Villingen-Schwenningen.

Symptome von Rechenschwäche

Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen.

Rechnen bleibt stures Abzählen: es wird auch gezählt, wo sich Zählen erübrigt.

Alle aus der Logik des Zahlaufbaus und dem Zusammenhang sich ergebenden Rechenerleichterungen bleiben ungenutzt, Beispiel: 3+4=7, aber 7–4 wird neu abgezählt.

An die Stelle des Zählens tritt häufig das rein mechanische Rechnen.

Rechenarten werden verwechselt.

Anstelle der Operationslogik treten subjektive Rechenregeln, Beispiel: 10+10=200.

Zahlendreher/Zahlreversionen (24 statt 42).

Multiplikationsreihen werden begriffslos wie ein Gedicht aufgesagt.

Häufige Produktion von „Traumergebnissen“, Beispiel: 200:2=1.

Platzhalteraufgaben wie x–4=6 können nicht gelöst werden.

Bei Textaufgaben zeigt sich völliges Unverständnis.

Der rechnerische und praktische Umgang mit Größen wie Strecken, Gewichten, Geld und Zeiten gelingt überhaupt nicht.