Leipziger Leben, 02-2017

Menschen mit Dyskalkulie

Menschen mit Dyskalkulie stochern bei simplen Rechenaufgaben im Nebel. Allerdings haben Betroffene gute Chancen, ihre Rechenschwäche wieder loszuwerden. Sonntagmorgen beim Bäcker. Die Brötchen duften, die Verkäuferin lächelt, und die neunjährige Angelina greift zum Portemonnaie. Drei Euro und 79 Cent. Das Zusammenzählen der Münzen fällt ihr schwer.

Angelina leidet unter Dyskalkulie. Ihr fehlt das Verständnis für den Wert, den eine Zahl symbolisiert. Welche Zahl ist größer: 23 oder 94? Für etwa sechs Prozent aller Grundschüler ein Buch mit sieben Siegeln. Aktuelle Studien legen erblich bedingte Ursachen sowie untypische Entwicklungen in einer bestimmten Gehirnregion nahe. Für Angelinas Therapeut, Cornelius Issels vom Zentrumzur Therapie der Rechenschwäche in Leipzig, aber undenkbar. „Erfolgreiches Lernen wäre bei der Annahme einer biologischen Verhinderung schlicht unmöglich.“

Bis zum Erkennen einer Dyskalkulie bei einem Kind ziehen häufig unzählige Schulstunden ins Land. In den ersten Klassen schaffen noch Kompensationstechniken Abhilfe. Angelina zählt mit den Fingern oder lernt Ergebnisse auswendig. Allerdings kommt sie damit bald an ihre Grenzen, weiß Cornelius Issels: „Beim mathematischen Lernen baut eine Erkenntnis auf der anderen auf. Wer das Prinzip der Addition nicht versteht, wird auch Probleme mit den binomischen Formeln haben. Bei Menschen mit Dyskalkulie besteht ein grundsätzlicher Wissensmangel, der sie in höheren Klassenstufen scheitern lässt.“

Seine Einzelsitzungen mit Angelina tun dem Mädchen gut. Der Therapeut konzentriert sich statt auf das Training aktueller Themen lieber auf die Wurzel des Unverständnisses. „Wenn wir wissen, wie das Kind bei der Lösung von Aufgaben vorgeht, erhalten wir Rückschlüsse auf den Wissensstand. Dann können wir systematisch die Mathematik erarbeiten.“

Eine Erfolgsquote von etwa 90 Prozent lässt hoffen: In zwei bis drei Jahren kann ein Kind rechnerisch auf eigenen Füßen stehen und ist gerüstet für das Abitur. Angelina jedenfalls ist auf einem guten Weg. Issels weiß, dass ihr das Rechnen im Kopf bereits gelingt, auch wenn sie aus Gewohnheit häufig noch die Finger benutzt. Aber das Loslassen alter Muster ist auch in Mathe reine Übungssache.

ZENTRUM ZUR THERAPIE DER RECHENSCHWÄCHE
Kreuzstraße 3b 04103 Leipzig 0341 2689520/-21
leipzig@ztr-rechenschwaeche.de