Badische Zeitung, 16. Mai 2017

In Müllheim geht ein neues Angebot gegen Rechenschwäche an den Start

Mit Mathe auf Kriegsfuß stehen: Das ist nicht ungewöhnlich. Doch es gibt Menschen, Kinder wie Erwachsene, denen bereitet der Umgang mit Zahlen so große Schwierigkeiten, dass es zu einem echten Problem wird – in der Schule, im Beruf, im Alltag. Um mit Rechenschwäche umgehen zu können, braucht es mehr als klassische Nachhilfe, sagen Thomas Royar und Jörg Kwapis. Ihr Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) Freiburg macht in Müllheim eine Niederlassung auf. Am Donnerstag gibt es im Bürgerhaus einen Eröffnungsvortrag.

Wie lernen Menschen? Das ist eine Frage, die ihn schon lange beschäftigt, erzählt Thomas Royar. Eine Frage, aus der er eine Lebensaufgabe gemacht hat. Der gelernte Grund- und Hauptschullehrer hat sich speziell mit der Didaktik der Mathematik auseinandergesetzt, hat an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg weiter an dem Thema geforscht und 2013 darüber promoviert. Den Anstoß dafür bekam Royar, als er selbst als Lehrer tätig war. Ihm fiel nicht nur auf, dass es doch etliche Kinder gibt, die erhebliche Probleme mit dem Rechnen haben, sondern auch, „dass die bestehenden Methoden, diese Probleme in den Griff zu bekommen, oft fruchtlos sind.“

Rechenschwäche, oft auch als Dyskalkulie bezeichnet, wird in unterschiedlichen Ausprägungen beobachtet, weshalb es sich nur schwer beziffern lässt, wie viele Menschen davon betroffen sind. Unter dem Begriff „Rechenstörung“ ist das Phänomen im internationalen WHO-Katalog der Gesundheitsprobleme ICD-10 sogar als Krankheit klassifiziert. Es gibt Schätzungen, die von vier bis sechs Prozent betroffener Kinder ausgehen – das wäre pro durchschnittlich großer Klasse mindestens ein Kind.

Fakt ist: Rechenschwäche liegt nicht vor, wenn man mit höherer Mathematik nicht klar kommt. „Es geht hier um grundlegende Probleme, die im Bereich der Grundschulmathematik, meist schon in den ersten zwei Jahren auftreten“, erklärt Thomas Royar. Menschen, die unter Rechenschwäche leiden, kommen über das zählende Operieren mit Zahlen oft nicht hinaus, sie haben massive Schwierigkeiten mit dem Zahlbegriff an sich und können mathematische Muster nicht von einer Aufgabe auf eine andere übertragen. Sehr häufig festzustellen sind auch große Probleme, das Stellenwertsystem zu verstehen, was in der deutschen Sprache noch dadurch verstärkt wird, dass Zahlwörter (zum Beispiel „Vier-Zehn“) im Grunde genommen falsch herum gesprochen werden.
Was die Ursachen von Rechenschwäche sind, das sei immer noch nicht wirklich geklärt, sagt Royar. Vermutlich kommen verschiedene Faktoren zusammen, zudem sind die Ausprägungen der Rechenschwäche individuell unterschiedlich. „Deshalb gibt es hier auch keine fertige Maßnahme.“ Sehr wichtig ist eine intensive Diagnostik, betont Thomas Royar. In herkömmlichen Verfahren werde Rechenschwäche meist mit quantitativen Verfahren festgestellt, das heißt, wenn in einem Test eine gewisse Anzahl von zu lösenden Aufgaben falsch ist, wird Rechenschwäche diagnostiziert. Royar und seinen Kollegen ist es hingegen wichtig, „die Denkbewegungen herauszufinden. Ein Kind macht fast nie zufällige Fehler“, so der Didaktikexperte. Diese Beobachten können helfen, den richtigen Ansatzpunkt in der Therapie der Rechenschwäche zu finden.

Bedarf an solchen Therapien ist durchaus vorhanden, denn Rechenschwäche sorgt nicht nur für schlechte Noten in Mathematik. Betroffene bekommen oft Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl, gut gemeinte, aber oft scheiternde Unterstützungsversuche, etwa in der Familie oder über die klassische Nachhilfe, verstärken die Probleme. Nicht nur Eltern und Lehrer von Grundschülern wenden sich an Royar und seine Kollegen, sondern auch Jugendliche, die in ihrer Ausbildung nicht mehr weiterkommen oder sogar Erwachsene. „Es gibt da gewisse Parallelen zum versteckten Analphabetismus“, sagt Thomas Royar. Viele Betroffene hätten gelernt, sich mit ihrem Problem irgendwie durchzuschlängeln. Teilweise mit gravierenden Folgen, etwa wenn Betroffene an der Supermarktkasse nicht nachvollziehen können, ob das Wechselgeld stimmt. „Solche Menschen sind sehr anfällig dafür, über den Tisch gezogen zu werden“, weiß Royar, in der Folge seien auch finanzielle Probleme nicht selten.

Für ihn waren das Gründe genug, sich mit der Therapie der Rechenschwäche ein zweites Standbein aufzubauen. Im Hauptberuf ist Thomas Royar Dozent für Mathematik und Mathematikdidaktik an den Pädagogischen Hochschulen der FH Nordwestschweiz. Vor vier Jahren eröffnete er eine kleine Praxis in Freiburg, dann schaute er sich nach Partnern um und fand diese im Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR), einem Verbund selbständiger Therapeuten, die sich auf diesem Gebiet spezialisiert haben.

Mit der Niederlassung, die dieser Tage Am Torhaus 3 in Müllheim eröffnet wird, gehen Thomas Royar und sein Kollege Jörg Kwapis den nächsten Schritt, zumal sie jetzt schon Kinder aus der Region betreuen.