Rechenschwäche ist keine Krankheit

[17.03.2018] Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP) hat eine neue Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung herausgegeben. Die Rechenstörung wird darin als eine „persistierende Störung mit Krankheitswert“ begriffen. In einem Spektrum fehlender Einsichten in die Bedeutung von Zahlen sowie von subjektiven Missverständnisse zu deren Bedeutungen und ihren Zusammenhängen wird in der Leitlinie das Fehlverständnis ab einem bestimmten Grad zu einer Krankheit erklärt.

Damit wird die Pathologisierung von Problemen beim Erlernen des Rechnens durch die DGKJP und die weiteren an der Erstellung der Richtlinie Beteiligten, darunter auch pädagogische Fachverbände, weiter vorangetrieben. In diesem Pathologisierungskonzept werden die Besonderheiten und die daraus resultierenden Erfordernisse des Rechenlernprozesses ebenso vollständig ausgeblendet wie die strukturellen Bedingungen des mathematischen Lernens in den Schulen. Mit der Auffassung, Rechenstörung als Krankheit zu begreifen, werden Probleme beim Rechnenlernen personalisiert und biologisiert. Wir halten diese sehr einseitige und keineswegs wissenschaftlich unumstrittene Sichtweise nicht nur für extrem fragwürdig, sondern sehen darin auch ein fatales Signal, die Verantwortung für das Scheitern von Bildungsprozessen „schicksalhaften“ Faktoren zuzuschreiben.

Wir halten die theoretische Grundlage der Auffassung, das Versagen beim Erlernen des Rechnens sei ab einem bestimmten Grad grundsätzlich krankhaft, für fehlerhaft begründet. Die selektiv herangezogenen Ergebnisse der empirischen Forschung basieren auf dieser Auffassung und sind artefaktbildend. Wir werden uns weiter kritisch mit den Versuchen, Rechenlernprobleme zu pathologisieren, auseinandersetzen.

Edit: Bernhard Ufholz setzt sich im Online-Magazin ‚AUSWEGE – Perspektiven für den Erziehungsalltag‘ ebenfalls kritisch mit der neuen Leitlinie auseinander. Sein Beitrag kann hier als PDF heruntergeladen werden.