Badische Zeitung, 17.03.2018

Stolpersteine der Mathematik

Vortrag im Martin-Schongauer-Gymnasium über Rechenschwäche / Defizite entstehen früh

BREISACH (BZ). Um Rechenschwäche ging es bei einem Vortrag, den der Pädagoge Thomas Royar am Martin-Schongauer-Gymnasium hielt. Dabei waren es durchaus einfache Rechenaufgaben, an denen die Stolpersteine der Mathematik für Kinder verdeutlicht wurden.

Pädagogisches Dilemma

Dass der Vortrag dennoch auch am Gymnasium mit großem Interesse verfolgt wird, liegt möglicherweise an der Tatsache, dass Defizite, die beim Rechnen bereits in der Grundschule entstehen, von manchen Kindern erfolgreich und mit viel Mühe so gut kompensiert werden, dass größere Schwierigkeiten erst in der achten Klasse offen zutage treten. Genau hier befindet sich dann das Gymnasium in einem pädagogischen Dilemma: Die Lehrer können auf diese Kinder trotz binnendifferenzierten Unterrichts irgendwann keine besondere Rücksicht mehr nehmen, wenn Grundkenntnisse fehlen, schließlich müssen sie den Lernstoff durchbekommen. Keinem Sportlehrer käme es hingegen in den Sinn, ein Kind, das in der Grundschule das Schwimmen nicht gelernt hat, auf die 200 Meter-Schwimm-Bahn zu schicken.

Keine Krankheit

Der gutgemeinte Mathe-Nachhilfeunterricht schafft dann auch selten Abhilfe, denn hier wird in der Regel der Unterrichtsstoff „aufgearbeitet“, anstatt den wirklichen Problemen nachzugehen, die oft auf viel elementarerer Ebene liegen. „Was also tun?“, lautet die Frage an den Experten. Thomas Royar ist Dozent an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz und Leiter des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche Oberrhein mit Standorten in Karlsruhe, Freiburg und Müllheim. Er befasst sich wissenschaftlich und als Therapeut mit Rechenstörungen. Zudem ist er der Vater einer Schülerin am MSG. Der Fachmann in Sachen Dyskalkulie – so der Fachbegriff für Rechenschwäche – wies zunächst einmal darauf hin, dass es wenig Sinn mache, Rechenschwäche als Krankheit zu betrachten. Es gebe zwar Zusammenhänge zwischen neurologischen Problemen und Rechenschwierigkeiten, der Großteil der Betroffenen sei aber durchschnittlich begabt und gesund.

Wann liegt ein Problem vor?

Ein Fünftel aller Fünfzehnjährigen weisen in Deutschland laut Pisa-Test 2003 mangelhafte Kompetenzen in Mathematik auf, in anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden und der Schweiz liegt ihr Anteil mit 10 Prozent etwas niedriger. Ab wann aber liegt ein wirkliches Problem vor? Eine Rechenschwäche liegt dann vor, „wenn es im kindlichen Denken zu Fehlvorstellungen, fehlerhaften Denkweisen und letztendlich nicht zielführenden Lösungsmustern zu den ‚einfachsten‘ mathematischen Grundlagen kommt.“

Typische Probleme entwickeln sich bereits in der ersten und zweiten Klasse. Fehlendes Zahlenverständnis oder ein unzureichendes Teile-Ganzes-Konzept spiegeln grundlegende Verständnisschwierigkeiten, die einen Lernfortschritt schon früh sehr schwer machen. Zudem verbieten manche Lehrer den Kindern, bei einfachen Rechenvorgängen die Finger zu verwenden. Dabei hat sich bei der Therapie von rechenschwachen Kindern gezeigt, so Royar, dass es durchaus Sinn macht, die Hände einzusetzen und auch die soziale Lebenswirklichkeit in Rechenprozesse miteinzubeziehen. Ein Kind, das auf dem Blatt die 5 nicht von der 13 abziehen kann, mag sehr wohl zu einem richtigen Ergebnis kommen, wenn man es fragt, wie viele Kinder übrig bleiben, wenn an seinem Geburtstag 13 Kinder schwimmen gehen und dann 5 früher abgeholt werden.

Keine Pauschallösungen

Bei der Therapie von Rechenschwäche gibt es leider keine Pauschallösungen. Es hat es sich bewährt, den Teufelskreis von Misserfolg, verstärktem „falschen“ Üben, negativem Selbstbild und erneutem Misserfolg aktiv zu durchbrechen, denn selten geben sich Rechenprobleme „von selbst“. Am Anfang steht immer eine eingehende individuelle Diagnose. Viele Kinder unterscheiden sich in ihrer Rechenschwäche deutlich voneinander. So gibt es genaue Diagnosemethoden, die zeigen, in welchem Bereich mit viel Geduld und Verständnis nachgeholfen werden kann, damit das Rechnen wieder klappt. So wachsen dann wieder das Selbstvertrauen und die Freunde an Zahlen.