B. Zettis Findefuchs. Magazin für Eltern und Kinder, Ausgabe Februar/März 2020

„Rechenschwäche entsteht in der Schule“

Dank Diagnose und Therapie können Schüler die Rechenschwäche überwinden

Mathematik hat bei vielen Schülern ein angstbehaftetes Image: Sie tun sich schwer, bangen vor Klassenarbeiten, obwohl sie ordentlich geübt haben. Ein Grund, warum es nicht klappen will, kann eine Rechenschwäche sein. Der Leiter des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche Oberrhein, Jörg Kwapis, gibt Antworten.

Was ist Rechenschwäche oder Dyskalkulie?
Eine Rechenschwäche liegt vor, wenn Zahlen nicht als Mengenrepräsentanten verstanden werden und deshalb nur zählend gerechnet werden kann.

Woran lässt sich das erkennen?
Beispielsweise daran, dass ein Kind in der zweiten Klasse noch 9 minus 8 mit den Fingern auszählen muss. Wer Zahlen nicht mengenmäßig versteht, weiß nicht, dass 1,99 Euro fast 2 Euro sind. Das Problem betrifft auch das Erkennen der Uhrzeit.

Wie viele Kinder sind betroffen?
Laut Kinder- und Jugendpsychiater sind 5 Prozent betroffen. Die Mediziner gehen von einer Krankheit aus. Wir halten dieses Modell der cerebralen Störung für falsch.

Warum?
Aus Schuluntersuchungen wissen wir, dass 20 bis 25 Prozent der Kinder bis Ende der zweiten Klasse die Logik der Zahlen bis 100 nicht oder nur teilweise verstanden haben. Diese Kinder haben keine Störung ihrer gedanklichen Verarbeitung; sie haben Zahlen nicht verstanden.

Was sind die Ursachen der Rechenschwäche?
Wir sehen diese im mathematischen Lehr-Lern-Prozess. Rechenschwäche entsteht in der Schule. Da kommen einige Faktoren zusammen. So wird der individuelle Lernstand des Kindes kaum beachtet. Bei einem Fach, wo die Inhalte aufeinander aufbauen, ist dies aber wichtig. Die Zahlenmathematik wird in einer methodisch für viele Schüler ungeeigneten Weise zu schnell erklärt und dann weiter gemacht. So entstehen Wissensdefizite, die weiterwachsen. Zudem wird im Mathematikunterricht zu sehr ergebnisorientiert und zu wenig verständnisorientiert gearbeitet.

Hilft üben nicht bei Rechenschwäche?
Nein. Das Problem wächst sich auch nicht aus. Wer grundlegende Zusammenhänge nicht verstanden hat, scheitert im mathematischen Lernen und zwar trotz üben und Nachhilfe.

Welche Diagnosemöglichkeiten gibt es?
Wir untersuchen in unserer Diagnostik die Lösungsprozesse der Betroffenen detailliert. Wir möchten wissen, ob die Aufgabe und damit das Konzept inhaltlich verstanden wurde. Damit stellen wir fest, bis wohin die Zahlenlogik verstanden ist und wo „ausgestiegen“ wurde. Dort setzt eine gezielte dyskalkulietherapeutische Förderung an.

Was ist das Besondere an der Dyskalkulietherapie an ihrem Zentrum?
Dass wir streng gegenstandsbezogen arbeiten. Wir machen eine mathematische Lerntherapie, in der man rechnen durch rechnen lernt. Und wir machen die Erfahrung: Jeder kann rechnen lernen.

Wie läuft eine die Therapie ab?
Wir setzen am Bruch im Aufbau der mathematischen Gedanken an. Wenn zum Beispiel 9 minus 8 nicht abgeleitet werden konnte, erarbeiten wir zunächst die Zusammenhänge im Zahlbereich bis 10. Die Idee unseres Vorgehens ist: Erkläre es selbst, dann hast du es verstanden.

Wie lange dauert eine solche Therapie?
Das liegt zwischen neun Monaten und zwei Jahren. Je eher ein Kind kommt, umso weniger ist nachzuarbeiten.

Wie ist der Erfolg?
Wir kommen in über 90 Prozent der Fälle beim Schulstoff an.

Ist die Rechenschwäche dann dauerhaft überwunden?
Ja, das ist sie. Der Inhalt wurde verstanden und damit ist das Problem überwunden. Deshalb möchten wir im inhaltlichen Austausch mit Lehrern, Erziehern und Politikern einen Wandel an den Schulen anstoßen.

Was raten Sie Eltern?
Wenn bei Kindern ein Problem auftritt, rechtzeitig zu reagieren. Lieber sollten die Eltern frühzeitig eine Lernstandsanalyse machen lassen, als abzuwarten, bis die Probleme groß sind.

von
Arwen Stock