Mitteldeutsche Zeitung, 01.03.2015

Rechenschwäche bei Kindern: rätselhafte Mathematik

VON KATRIN LÖWE

Viele Kinder leiden unter Rechenschwäche. Im Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche in Halle steigt die Zahl der Schüler. Ein Problem ist jedoch die Finanzierung.
45 plus 23? Michaela (Name geändert) überlegt kurz, greift dann doch zu Stift und Papier und beginnt zu rechnen. Eine 68 steht wenig später auf dem Block der Drittklässlerin. Bestätigung suchend richtet sie den Blick auf ihr Gegenüber. „Vor anderthalb Jahren“, sagt Cornelius Issels, „wäre das noch nicht denkbar gewesen.“ Michaela leidet unter Dyskalkulie (Rechenschwäche), Issels ist stellvertretender Leiter des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Halle, das das Mädchen seit 2013 einmal pro Woche am Nachmittag besucht. Inzwischen stellen sich erste Erfolge ein – finanzieren müssen ihre Eltern die aber bislang selbst.
Seit 15 Jahren existiert das private Institut in Halle. In den letzten Jahren steigt laut Issels die Zahl der Kinder, die Hilfe suchen, um die Rätsel der Mathematik – für sie ein Buch mit sieben Siegeln – zu lösen. „Vor fünf Jahren hatten wir hier in Halle noch 60 Schüler, heute sind es zwischen 70 und 80“, sagt er. Und noch mehr Diagnosen, bei denen es allerdings aus verschiedenen Gründen nicht zur Therapie kommt. Die Einrichtung deckt hauptsächlich die Saalestadt, den Saalekreis und Mansfeld-Südharz ab, inzwischen existieren Ableger in weiteren Orten des Landes. Wie viele Betroffene es gibt, ist unklar. Manche Studien sprechen von fünf bis sieben Prozent der Grundschüler, das ZTR von bis zu 25 Prozent.

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Ostthüringer Zeitung 19.09.2014

Hilfe, wenn Mathe zum Schreckgespenst wird

Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche in der Region Gera-Altenburg feiert heute zehnjähriges Jubiläum

Gera/Altenburg. Hilfe, wenn Mathe nicht nur fürs verzweifelte Kind, sondern für die ganze Familie zum Schreckgespenst wird, bringt seit zehn Jahren das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche in der Region Gera-Altenburg. Heute feiert das zehnköpfige Team aus Mathematiklehrern, Sonder- und Sozialpädagogen und Psychologen um Chefin Karina Heyber in der Geraer Gutenbergstraße 3 und der Altenburger Puschkinstraße 7 sein zehnjähriges Jubiläum. „Rund 700 Kindern ab Vorschulalter, Jugendlichen und jungen Erwachsenen konnten wir in dieser Zeit helfen“, resümiert Karina Heyber, die 20 Jahre Berufserfahrung als Mathelehrerin im März 2004 in das neue Aufgabengebiet mitbrachte. „Es ist eine erfüllende Aufgabe für uns alle, mitzuerleben, wie die psychische Belastung von den Kindern genommen wird und ihr Leben sich normalisiert.“

Rechnen ist für diese Kinder ein Blindflug

Ein Kollege Karina Heybers fand für den Leidensdruck der mit Rechenschwäche (Dyskalkulie) Geschlagenen einen treffenden Vergleich: „Rechnen ist für diese Schüler der reinste Blindflug!“ Was setzen die Verzweifelten nicht alles ein, um über die Mathestunden zu kommen! Finger, Zahlenskalen auf dem Schullineal, Auswendiglernen…. Was tun Eltern sich und ihren Sprösslingen nicht alles an: üben, üben, üben. Nachhilfestunden und schließlich der Gang zum Schulpsychologen. Verzweiflung, wenn das alles nichts hilft. „Der vernichtende Trugschluss: Wer nicht rechnen kann, kann nicht logisch denken und ist dumm, macht betroffene Kinder traurig, aggressiv. Ihr Versagen in Mathematik übertragen sie auch auf andere Gebiete, das Selbstbewusstsein sinkt in den Keller“, beschreibt Karina Heyber die Situation. „Dabei hat Rechenschwäche nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun“, sagt sie. Es existiere hier ein Unverständnis für die Grundlagen der Mathematik. „Auch gut ausgebildete Mathelehrer und Sonderpädagogen können es nicht schaffen, solchen Kindern zu helfen. Es fehlt ihnen nicht nur die Ausbildung, immerhin 240 Stunden in drei Jahren, sondern auch der notwendige Rahmen: Völlig andere Arbeitsmaterialien und didaktische Ansätze sowie Einzeltherapie über zwei bis drei Jahre. Das kann Schule nicht leisten.“ Denn fast detektivische Arbeit sei nötig, so die Spezialistin, um jene Stelle und jenen Zeitpunkt herauszufinden, wo das Unverständnis für Mathematik begonnen hat. Dieses behutsame, auf jedes Kind zugeschnittene analytische Testverfahren unterscheide sich von standardisierten Verfahren. Karina Heyber lehrte dazu an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und das Zentrum ist Praktikumsstätte für Studierende. „Es hat mich sehr erschüttert, dass die Befragung von Erwachsenen innerhalb unserer wissenschaftlichen Arbeit ergab, dass enorm viele von ihnen untherapiert geblieben sind.“

Zeit-und Geldeinteilung oft schwierig

Die unbehandelte Dyskalkulie birgt nicht nur Hürden in der Schulmathematik, sondern im ganzen Leben. „Betroffenen fehlt oft das Zeitgefühl, sie können Geld nicht einteilen. Ganz abgesehen davon, dass schlechte Schulabschlüsse die Berufsbiografie nicht gerade fördern.“ Zweigstellen hat das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche auch in Jena, Saalfeld, Rudolstadt und Hof. Das zeigt, wie hoch der Bedarf ist. Die Therapiekosten für eine so langwierige und umfassende Therapie können bei drohender seelischer Schädigung des Kindes beim Jugendamt beantragt werden. „Das Geraer Jugendamt war da mal richtig gut und hatte Vorreiterfunktion“, so Karina Heyber. Doch aufgrund der Finanzsituation der Stadt würden im Vergleich zu früher nur noch zehn Prozent der Anträge positiv beschieden. Damit ginge für Kinder aus weniger betuchten Elternhäusern die Chance auf Hilfe verloren. Denn bei 90 Prozent der Betroffenen ließe sich die Rechenschwäche durch eine spezielle Diagnose sowie lernproblemorientierte Therapie nachhaltig beseitigen. Für die Zukunft sehe sie ihre Aufgabe darin, Eltern und Lehrer noch besser über die Rechenschwäche aufzuklären. „Damit kann viel Leid verhindert und Lebensfreude zurück erobert werden.“

Von Elke Lier

Schwäbische Zeitung 03.06.2014

Die Qualen mit den Zahlen

Im Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche in Ravensburg lernen Kinder mit Dyskalkulie das Rechnen

Ravensburg. Malin freut sich. Glücklich strahlt sie mit ihren leuchtenden Kinderaugen ihre Therapeutin an. Die siebenjährige Zweitklässlerin hat gerade eine für sie knifflige Aufgabe gelöst: 34+7. Für die meisten Menschen sind derlei Rechnungen eine Leichtigkeit, für Kinder mit einer Rechenschwäche, auch Dyskalkulie genannt, jedoch eine unfassbar große Herausforderung.
„Viele Kinder erzielen durch Auswendiglernen oder eine eigene Strategie das richtige Ergebnis. Oder sie rechnen mit den Fingern, ohne die eigentliche Matheaufgabe verstanden zu haben“, sagt Dyskalkulie-Therapeutin Monika Spohrs vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR), das es seit Dezember in der Ravensburger Banneggstraße gibt. In Einzelunterricht werden den Kindern, die zwischen sieben und 15 Jahre alt sind, die Grundlagen der Mathematik beigebracht. Da die Rechenschwäche meist schon in der ersten Klasse auftritt, kann eine Therapie schon mal zwei bis drei Jahre dauern, bis alle Defizite aufgeholt sind. Auch bei Malin machte sich die Rechenschwäche schon in der ersten Klasse bemerkbar.
Leidensdruck der Kinder ist hoch
Das Problem bei Dyskalkulie: Betroffene Menschen haben kein richtiges Zahlenverständnis entwickelt. „Die logischen Prinzipien der Mathematik sind ihnen völlig unbegreiflich. Ihnen fehlt das Verständnis, dass Zahlen absolute und relative Werteigenschaften besitzen und nicht nur Wörter sind. Das sind allerdings die Grundvoraussetzungen, um rechnen zu können“, erklärt Olaf Steffen vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche.
„Wenn man merkt, dass Kinder elementare Rechenaufgaben nur durch Abzählen hinbekommen, besteht ein unmittelbarer Verdacht auf eine Dyskalkulie“, so der 57-Jährige, der seit mehr als 20 Jahren in der Dyskalkulie-Forschung tätig ist und viele Jahre als Lehrbeauftragter für Dyskalkulie-Diagnostik und -Therapie an der Universität Jena gearbeitet hat.
„Etwa ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland hat eine Rechenschwäche“, führt Steffen weiter aus. Empirische Untersuchungen hätten gezeigt, dass es drei bis vier rechenschwache Grundschüler pro Klasse gibt. Auch im Kreis Ravensburg gibt es Betroffene. 20 Kinder werden derzeit im ZTR in Ravensburg behandelt, denn: „Rechenschwäche kann behoben werden“, so Olaf Steffen. Weil das so ist und der Leidensdruck der Kinder und auch der Eltern sehr hoch ist, kommen die Kinder nicht nur aus dem näheren Umkreis wie Bad Waldsee oder Wangen, sondern auch aus Bad Saulgau und sogar aus Uhldingen und Lindau ins ZTR nach Ravensburg.
Dort finden sie neben hellen und freundlichen Räumen, die keine Spielzimmer sind, aber auch nicht an Schule erinnern sollen, verständnisvolle Therapeuten, die keinen Leistungsdruck erzeugen. „Bei uns werden sie nicht veralbert oder diskriminiert, sondern ernst genommen“, sagt Olaf Steffen und spricht seelische Beeinträchtigungen an, die bei Kindern mit Dyskalkulie entstehen können. „Der Druck kommt von der Gesellschaft, nach dem Motto: Wer nicht rechnen kann, ist dumm und kann nicht logisch denken. Das ist fatal, denn die Kinder entwickeln teilweise schwere seelische Störungen.“ Neben Ängsten, die mit körperlichen Symptomen wie Durchfall, Magen- oder Kopfschmerzen und sogar Bettnässen einhergehen, können laut Steffen schwerwiegende Depressionen entstehen. „In den ZTR-Instituten in ganz Deutschland erleben wir auch Kinder mit aufgeritzten Armen und Suizidgedanken.“
Und Malin? Das fröhliche und aufgeweckte Mädchen aus Sattelbach bei Horgenzell kommt seit Dezember einmal pro Woche zur Therapie nach Ravensburg. „Das Rechnen hier macht mir Spaß“, sagt sie stolz. Ihre Rechenfähigkeiten sind schon besser geworden, und auch in der Schule macht sich das bemerkbar. „Malin bekommt hier viel Selbstbewusstsein, das merkt man richtig“, sagt ihre Mutter Sabine Engstler. Auch Malins Klassenlehrerin würde das bestätigen.
„Davor war sie still in der Schule, hatte Angst, etwas Falsches zu sagen. Das übertrug sich auf alle Fächer“, führt Sabine Engstler weiter aus. Sätze wie „Ich bin eh doof und kann sowieso nix“, habe sie vor der Therapie öfters mal von ihrer Tochter gehört. „Das ist jetzt zum Glück nicht mehr so. Deshalb bin ich total froh, dass es das Therapie-Zentrum in Ravensburg gibt. Aber ich wäre auch nach Konstanz gefahren, damit mein Kind Hilfe bekommt.“
Das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) hat in Baden-Württemberg bislang zwei Institute: in Konstanz und in Ravensburg. Auch in Kreuzlingen in der Schweiz ist das ZTR vertreten, in Friedrichshafen soll es Mitte 2015 eröffnet werden. Bislang sind drei Dyskalkulie-Therapeuten für die Institute in Konstanz, Ravensburg und Kreuzlingen tätig, zwei weitere sind derzeit noch in Weiterbildung und stoßen im Herbst dazu.

Karin Kiesel

Schwäbische Zeitung 08.10.2013

Rechenschwäche: Wenn das Einmaleins zur unüberwindbaren Hürde wird

Therapieangebot in Friedrichshafen für Kinder und Jugendliche mit Dyskalkulie geplant – Vortragsreihe startet

FRIEDRICHSHAFEN Neues Therapieangebot: Menschen mit Rechenschwäche sollen auch in Friedrichshafen eine Anlaufstelle bekommen. Das geplante Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche Friedrichshafen (ztr) will sich mit Symptomen der Diagnostik und mit therapeutischen Ansätzen der sogenannten Dyskalkulie befassen – eben der Rechenschwäche. Zwar ist ztr-Leiterin und Diplom-Psychologin Monika Spohrs in der Zeppelinstadt noch auf der Suche nach Räumlichkeiten, eine Vortragsreihe zum Thema soll aber mit ein Wegbereiter sein.

Erwachsene wie Kinder, die unter Rechenschwäche leiden, haben gewöhnlich ein Problem mit dem Zahlenverständnis. Besonders bei den Grundrechenarten. Dabei geht es nach Worten von Monika Spohrs bei der Dyskalkulie weniger um mangelnde Intelligenz oder Begabung. Auch nicht um die generell mangelnde Fähigkeit zum logischen Denken, sondern um einen defizitären Ausfall im mathematischen Lernen.

Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet die Rechenschwäche als Teilleistungsstörung. Sprich, Kinder, die unter Dyskalkulie leiden, können in Englisch, Deutsch, Religion, Erdkunde oder Geschichte durchaus eine „Eins“ sein, in Mathe aber verstehen sie nur noch „Bahnhof“. Sie haben Probleme, Mengen und Größen zu schätzen, räumliche Vorstellung ist nur schwer wenn überhaupt möglich. Es fehlt schlicht und einfach die Fähigkeit, Mathe zu verstehen.

Menschen, die keine adäquate Therapie bekommen, sind ein ganzes Leben geplagt. Fahrpläne, Preisschilder, Uhrzeiten, Börsenkurse, Mathe hört eben nicht mit Ende der Schulzeit auf. Hoffnung freilich gibt es allemal. „Rechenschwäche ist behandelbar“, sagt Monika Spohr, die momentan im Zentrum für Rechenschwäche in Konstanz sitzt. Die Psychologin und ihr Institut bieten eine therapeutische Dienstleistung für rechenschwache Kinder und Jugendliche, „damit auch für viele Eltern und Kinder einen Ausweg aus einem meist jahrelangen Leidensweg.“

Rechenschwäche ist also behandelbar: Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Im Bildungsland Deutschland ist sie eine Frage des Einkommens. Die Krankenkassen halten sich beim Thema in Sachen Kostenbeteiligung nämlich schadlos.

In Sachen Rechenschwäche bietet das Zentrum zur Therapie nun kostenlose Vorträge mit Diskussion an. Das Thema: Rechenschwäche – was ist das? Symptome, Diagnostik und therapeutische Ansätze.“ Dr. Olaf Steffen (ehemaliger Lehrbeauftragter der Uni Jena für Rechenschwäche) spricht am Donnerstag, 10. Oktober, von 18 bis 21 Uhr, in der Ludwig-Dürr-Schule in Friedrichshafen und am Montag, 21. Oktober im Überlinger Kursaal am See (ebenfalls 18 bis 21 Uhr). Am Montag, 14. Oktober, befasst sich Steffen in der Uni Konstanz (Raum C 425, 18 bis 21 Uhr) mit dem Jenaer Rechentest und der Frage, warum die Art der Diagnostik bereits über Erfolgsaussichten einer Rechenschwächetherapie entscheidet.

Alexander Mayer

Schwäbische Zeitung 28. September 2013

„Rechenschwäche muss man nicht erdulden“

Therapiezentrumsleiter Olaf Steffen zu Diagnose und Behandlung von Dyskalkulie bei Kindern

RAVENSBURG – Vielen Schülern macht das Fach Mathematik keinen Spaß. Mancher von ihnen hat sogar massive Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen, Mengen und Größen. So eine Rechenschwäche wächst sich zwar nicht aus, aber man kann und sollte sie behandeln. „Denn die Auswirkungen auf die Bildungs- und Berufschancen und damit auf das Leben der Betroffenen sind in der Regel gravierend“, sagt Olaf Steffen, Leiter der Zentrale des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Potsdam, im Interview mit Antje Merke. Der Wissenschaftler unterstützt derzeit den Auf- und Ausbau von ZTR-Anlaufstellen im Raum Bodensee-Oberschwaben.

Was versteht man unter Rechenschwäche, auch Dyskalkulie genannt?

Die WHO versteht darunter eine „Beeinträchtigung von Rechenfertigungen“ in der Elementararithmetik. Die betroffenen Kinder haben große Schwierigkeiten beim Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren und Dividieren. Sie begreifen den rechnerischen und praktischen Umgang mit Zahlen, Größen und Mengen nicht, weil sie kein richtiges Zahlenverständnis entwickelt haben. Die logischen Prinzipien der Mathematik sind für sie völlig unverständlich. Ihnen fehlt die Einsicht, dass Zahlen absolute und relative Werteigenschaften besitzen. Deshalb können sie nicht rechnen.

Kinder haben beim Rechnen ja immer wieder mal Blockaden im Gehirn. An welchen Alarmzeichen erkennen Eltern, dass ihr Nachwuchs eine ausgeprägte Rechenschwäche hat? Kann man das schon im Kindergarten feststellen oder erst in der Schule?

Fehlt das Mengenverständnis, können wir das schon vor Einschulung feststellen, aber die eigentliche Rechenschwäche macht sich erst in der Grundschule bemerkbar. Interessanterweise „rechnen“ die betroffenen Kinder nicht alles falsch, denn sie entwickeln Strategien, die Nicht-Rechnen sind, aber Aufgaben lösen können. Ganz typisch für Kinder mit Rechenschwäche ist: Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen. Rechnen bleibt stures Abzählen – meistens mit den Fingern –, mehrstellige Zahlen werden stets mit unverstandenen Schemata behandelt oder auswendig gelernt. Oft werden die Rechenarten auch verwechselt, und häufig falsche Lösungen bei den einfachsten Aufgaben nicht erkannt. Das größte Feindesland für solche Kinder aber sind die Textaufgaben. Die Eltern wiederum begreifen oft die Welt nicht mehr, warum ihr Kind sich mit Mathe so schwer tut.

Gibt es solche Menschen mit Rechenschwäche schon immer? Oder ist das eher ein Phänomen unserer Zeit?

Seit Erfindung der Mathematik wird es wohl immer auch Menschen gegeben haben, die diese nicht verstanden haben. Heute liegt der wesentliche Grund allerdings im Schulsystem, das sehr auf Leistung und Gleichbehandlungsnormen aufgebaut ist. Wer diese Prinzipien auf das Mathe-Lernen anwendet, produziert automatisch auch schwache Schüler. Mathematik ist ein aufeinander aufbauender Lernstoff. Es dürfte erst weitergemacht werden, wenn alle Schüler den Stoff verstanden haben. Dagegen aber verstößt der Unterricht systematisch, statt individueller Förderung wird aussortiert. Hinzu kommt, dass viele Grundschullehrer keine mathematische Ausbildung haben, Mathe aber unterrichten müssen. Sprich, der Lehrer kann das Verständnis für Zahlen, Mengen und Größen den Kinder oft nicht entsprechend vermitteln. Man müsste also einerseits die Ausbildung der Grundschullehrer professionalisieren und andererseits den Unterricht mehr individualisieren, um auf jeden Schüler besser eingehen zu können.

Von wie viel Prozent der Bevölkerung reden wir da eigentlich?

Etwa 25 Prozent der Schüler sind mehr oder weniger gravierend betroffen.

Wie viel Prozent der Kinder leiden im Vergleich dazu unter Lese- Rechtschreib-Schwäche?

Ich weiß es nicht genau, aber es sind so zwischen fünf und sechs Prozent der Bevölkerung. Also deutlich weniger als bei der Dyskalkulie.

Was läuft bei Dyskalkulie im Gehirn schief? Arbeiten da die beiden Gehirnhälften nicht richtig zusammen?

Nein, diese Menschen haben keine geistigen Ausfälle. In der Regel zeigen die Betroffenen in allen anderen Bereichen keine Auffälligkeiten-Das heißt: Sie sind nicht mehr oder weniger intelligent als der Rest der Bevölkerung. Nur in Mathematik hakt es.

Wohin können sich betroffene Eltern mit ihren Kindern im Raum Oberschwaben/Bodensee wenden?

Wir vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) werden jetzt zum 1. Oktober in Konstanz und Kreuzlingen zwei Anlaufstellen einrichten. Bis Ende des Jahres kommt eine weitere in Friedrichshafen hinzu, es fehlen hier nur noch die Räumlichkeiten. Unser Ziel ist letztlich, in der gesamten Bodenseeregion bis nach Oberschwaben und ins Allgäu hinein Beratungsstellen aufzubauen. Alle unsere Mitarbeiter am See haben ein abgeschlossenes Studium der Psychologie und eine dreijährige Ausbildung zum Dyskalkulie-Therapeuten absolviert.

Kann man Rechenschwäche dauerhaft beheben? Oder muss man damit leben?

Ja, Rechenschwäche kann behoben werden, man muss sie nicht als Schicksal erdulden. Wichtig ist, dass sie von Experten diagnostiziert und entsprechend behandelt wird. Apropos. Wie behandeln Sie unter Rechenschwäche leidende Kinder? Zuerst einmal erfolgt die Diagnostik. Dabei wird der qualitative Jenaer Rechentest (JRT) durchgeführt, der von mir an der Universität Jena entwickelt wurde. In diesem Test werden alle mathematischen Gebiete angesprochen, so dass man sehr gut sehen kann, wo es bei den Betroffenen hakt. Erst dann setzt die Behandlung ein – und zwar wird ab der Verständnisbruchstelle die Wissenslücke peu à peu geschlossen.

Aber so ein Test ist doch wieder eine Stresssituation für die Kinder, oder? Kann das nicht das Ergebnis verfälschen?

Natürlich werden die Kinder hier an ihrer wundesten Stelle getroffen. Aber nach unseren langjährigen Erfahrungen entwickeln die Schüler schon bald Vertrauen zu uns, denn wir können quasi in ihre Köpfe schauen. Sie dürfen nicht vergessen, welchen Leidensweg manche Eltern mit ihren Kindern schon hinter sich haben. Die Betroffenen sind also erleichtert, dass sie endlich jemand versteht.

Und wie lange dauert so eine Therapie?

Normalerweise kommt ein Kind einmal pro Woche 45 Minuten lang zur Behandlung zu uns. Wobei nur Einzeltherapie Sinn macht. So kann man beispielsweise in drei Jahren den Mathe-Schulstoff von der 1. bis zur 10. Klasse aufholen. Je früher die rechenschwachen Kinder zu uns kommen, umso kürzer dauert die Therapie. Die Erfolgsquote liegt nachhaltig bei mehr als 90 Prozent. Und sobald die Kinder die Welt der Zahlen verstanden haben, wird Mathe für sie sogar oft zum Lieblingsfach.

Südkurier, 23.09.2013

Olaf Steffen: „Der Fehler liegt im Bildungssystem“

Olaf Steffen spricht im Café Wessenberg mit SÜDKURIER-Redakteurin Kirsten Schlüter über Dyskalkulie und Therapie.

Herr Steffen, wie gut sind Sie in Mathe?

Die Frage ist, woran wir das messen wollen. Die Schulmathematik bis zur gymnasialen Oberstufe gehört zu dem Wissensstoff, den all unsere Mitarbeiter beherrschen müssen, also auch ich. Dieses Wissen reicht von der Zahlbegriffsentwicklung bis zur Differential- und Integralrechnung. Was darüber hinausgeht, wie zum Beispiel Analysis, brauchen wir für unsere Arbeit nicht. Denn Dyskalkulie, also Rechenschwäche, bedeutet zunächst die Beschäftigung mit der Elementararithmetik. Die Betroffenen haben in der Regel bereits den Schulstoff der ersten Klasse nicht verstanden, sie verfügen über keinen kardinalen Zahlbegriff, haben also den Sinn oder mathematischer gesagt, die Werteigenschaften der natürlichen Zahlen nicht verstanden. Wir müssen bei diesen elementaren Wissensdefiziten beginnend alles so weit zum richtigen Verständnis bringen, dass der aktuelle Schulstoff am Ende der Therapie erreicht wird. In all diesen Gebieten müssen unsere Mitarbeiter erstklassige Mathematiker sein. Wir haben hier neue und wichtige Erkenntnisse gewonnen, die in der Lehrerausbildung weiterhin fehlen.

Können Sie nachvollziehen, wie es sein kann, dass jemand 100-99 nicht rechnen kann?

Ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Die genannte Aufgabe ist uns in Erinnerung geblieben.
Ein von Dyskalkulie betroffener Junge legte ein einen Meter langes Lineal auf den Tisch und zählte dann von 100 angefangen die auswendig gelernte Zahlreihe rauf: 1, 2, 3, 4, 5, 6 …, wobei jeweils der Finger auf dem Lineal um 1 runter ging. Es dauerte eine Ewigkeit, zumal er sich mehrfach verzählte oder die Orientierung auf dem Lineal verlor. Aber schließlich, bei 99 angekommen, endete er bei der Frage: ‚1?‘. Sie können daran erkennen: Wer nicht rechnen kann, führt Prozesse durch, die nicht unbedingt zu falschen Ergebnissen führen, die aber Nicht-Rechnen darstellen. Oder anders: Zählen ist nicht Rechnen, auch wenn das Ergebnis stimmt. Bei solchen Aufgaben kommen die bereits entwickelten Wissensdefizite zusammen: Zahl- und Operationsbegriff sind falsch entwickelt und das Verständnis für das Zehnersystem fehlt, sodass 99 nicht als Teil von 100 gedacht werden kann, was erst die spontane Lösung möglich macht. Ableitungsstrategien und Analogieschlüsse sind wesentliche Charakteristika des Rechnens. Wer Verständnislücken nur an falschen Ergebnissen misst, wie dies in Schulen passiert, fördert einen Selbsttäuschungsmechanismus, der mich auch gegen alle Studien über mathematische Kompetenzen bei Schülern kritisch macht.

Was ist Dyskalkulie genau? Ist da im Gehirn irgendetwas falsch?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Zur Rechenstörung gab es im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie, fortgeführt von der Kognitionspsychologie und von der Sonderpädagogik, erste Hypothesen in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Diese besagen bis heute, dass Rechenstörung/-schwäche/Arithmasthenie/Dyskalkulie – die Begriffe werden zumeist synonym verwendet – angeblich biologische Ursachen habe. Die neueste Variante zielt ab auf unnormale, also pathologische Zustände des Gehirns, verursacht angeblich durch genetische Mängel. Mit dieser Art von Theorie stehen wir auf dem Kriegsfuß, das heißt wir halten sie, zurückhaltend ausgedrückt, für wissenschaftlich nicht begründet. Theoretisch und praktisch führt sie in die Sackgasse: Erfolgreiches Lernen, was das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche in hohen Raten hinbekommt, wäre gegen eine biologische Verhinderung schlichtweg nicht möglich. Diesen Hypothesen, mehr ist es nicht, fehlt jeder Beweis. Psychiater oder Hirnforscher sind nicht in der Lage, auf Basis computertomografisch erzeugter Bilder von Gehirnen hier Dyskalkulie und dort keine zu diagnostizieren. Sie tun aber gerne so. Diese Hypothesen machen auch überhaupt keinen Sinn, denn das würde bedeuten, dass rund ein Viertel der Schüler hirnorganisch erkrankt sind. Wenn das so wäre, sollten wir uns ernsthaft Sorgen machen. Es würde weiter bedeuten, dass das Erlernen von Mathematik keine Kulturleistung wäre, sondern dass es automatisch mit der Entwicklung des Gehirns entstünde. Dabei weiß jeder: Mathematik muss aktiv, für viele angestrengt, erst erlernt werden. Mit den Inhalten der Mathematik aber, deren Erlernen oder Nichterlernen sie erforschen wollen, beschäftigen sich Mediziner und Psychologen so gut wie überhaupt nicht.

Wir haben einen anderen, eng an das mathematische Problem bei Dyskalkulie angelegten Ansatz entwickelt und beschäftigen uns mit der Frage, wie mathematisches Lernen funktioniert, in welchen Bereichen und warum es dort Verständnisprobleme geben kann. Daraus können wir erklären, ohne Kurs auf biologische Ursachen zu nehmen, warum im Zusammenspiel mit dem Schulsystem systematisch rund ein Viertel der Grundschüler nicht rechnen lernen. Im Kinderjugendhilfegesetz (SGB VIII) wurde die Definition der Weltgesundheitsorganisation zu Rechenstörung (ICD-10 F81.2) übernommen. Danach liege im mathematischen Bereich eine ‚Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten‘ vor, und zwar im Bereich Elementararithmetik, also Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division. Das ist zwar sehr ungenau, denn wichtige nicht-operative Bereiche fehlen, die genannten Gebiete sind aber die Kernzonen von Rechenschwäche. Wir, das ZTR, unterscheiden wissenschaftlich zwischen einerseits Rechenstörung (Arithmasthenie), die vermeintlich biologische, krankhafte Ursachen hat, und andererseits Rechenschwäche (Dyskalkulie), die auf mangelnden kulturellen Rahmenbedingungen beruht. Das Schulsystem ist mit seinen Leistungs- und Konkurrenzmechanismen so angelegt, dass systematisch bereits ab der ersten Klasse rund ein Viertel der Schüler keinen verständigen Zugang zur Materie des Rechnens finden. Für Exportweltmeisterschaften reicht das allerdings, auch wenn die Wirtschaftsverbände diesen Mangel ständig an ihren Auszubildenden beklagen.

Wie macht sich Dyskalkulie konkret bemerkbar?

Diese Kinder und Jugendlichen haben keinen kardinalen Zahlbegriff entwickelt. Fehlender kardinaler Zahlbegriff heißt, dass sie zwar die Reihenfolge der Zahlen rein nominell beherrschen sowie die entsprechenden Zahlsymbole zuordnen, lesen und schreiben können. Somit sind sie befähigt zu zählen. Auf diesem Niveau der noch sinnfreien Konventionen bleiben sie aber stehen. Was sie nicht mehr begreifen, ist dies: Jede natürliche Zahl, basierend auf dem Zusammenschluss einer ganz bestimmten Anzahl von Einsen (1=1×1, 2=2×1), begründet eine jeweilige abstrakte Wertigkeit. Das systematische Hinzufügen von einer weiteren Eins führt zur Reihenfolge der Zahlen und zu Wertdifferenzen zwischen ihnen. Hierin liegt der Übergang, dass Zahlen nicht nur absolute, sondern auch relative Werteigenschaften besitzen. Sie bilden Differenzen zu anderen Zahlen: 6 ist 2 größer als 4 und 1 ist 3 kleiner als 4. Und sie besitzen diese Differenzeigenschaften auch als Wertbeziehungen in sich: 5 besteht aus 3 und 2, aber auch aus 1 und 4. Nur wenn diese Kenntnisse für alle Zahlen bis 10 sinnerfassend entwickelt sind (kardinaler Zahlbegriff), besteht die Möglichkeit, Schlussfolgerungen zu denken, die in das münden, was wir Rechnen, operieren mit Zahlen nennen. Wenn 2+3=5, dann muss 2+4=6, 5-3=2, 5-2=3 sein. Das weiß ich dann und kann es jederzeit sicher aus dem Gedächtnis abrufen. Die Erkenntnis ist also: Ohne vollständigen kardinalen Zahlbegriff ist Rechnen nicht möglich oder führt schnurstracks zu Dyskalkulie, zum Lösen von Aufgaben durch Nicht-Rechen-Techniken. Trotzdem können die Kinder oder Jugendlichen richtige Lösungen produzieren. Das geht nur im Fach Mathematik. Und darauf fallen viele Lehrer, die nur nach dem Richtig-Falsch-Schema beurteilen, herein.

Das heißt, Betroffene wissen 7×9=63 und 8×9=72 auswendig, aber sie können nicht den Unterschied zwischen 72 und 63 ableiten ?

Das ist eine Folge davon. Betroffene haben kein richtiges Zahlenverständnis. Wer Dyskalulie hat, kann drei Finger an einer Hand als 3 erkennen. Doch er kann nicht die Drei verstehen oder mit ihr rechnen, ohne erneut ein Mengenbeispiel vor Augen haben zu müssen, an dem abgezählt werden kann. Die abstrakte Menge können sie nicht denken. Das basiert auf Wissen über Zahlen. Wenn Sie Betroffenen die Rechenaufgabe 3+6 geben, dann werden Sie etwas Merkwürdiges beobachten. Man sollte doch erwarten, dass die Schüler sagen: die Fingerbilder von 3, 6 und 9 kenne ich. Wenn ich also zu den drei Fingern sechs dazutue, dann habe ich neun Finger. Aber genau das passiert nicht. Sie benutzen ihr Wissen gar nicht, für sie wird es zum Rechnen so nicht benötigt. Stattdessen fangen sie an zu überlegen und entfalten erhebliche gedankliche Aktivitäten, viele fangen dann an, mit den Fingern herumzuhantieren. Sie haben ihre eigene Strategie, denn sie haben gelernt: Beim Plusrechnen darfst du die Zahlen umdrehen. Das ist mathematisch zwar sinnlos, aber für das Kind ist das praktisch, weil es weniger Zählschritte fehlermindernd zu kontrollieren hat. Das Kind dreht also die Aufgabe um und hat 6+3. Es startet bei 6 und zählt 7, 8, 9, also drei dazu. Merken Sie? So wird erkenntlich, was deren Problem ist. Die Kinder können nicht rechnen, sie zählen. Ihnen fehlen Kenntnisse, die sie eigentlich im Rahmen des schulischen Curriculums hätten erlernen sollen. Das gehört zum Anfangsunterricht der ersten Klasse. Den Kindern fehlt hinsichtlich Zahlverständnis der Übergang von der veranschaulichenden Mengenebene zur abstrakten Zahlebene. Dazu sind folgende Gedanken notwendig: Drei Finger ist ein Beispiel für die Drei, aber auch drei Zuckertüten oder drei Menschen sind Beispiele. Daran schließt sich die Frage an, was das Gemeinsame an all diesen Dingen ist, die gleichermaßen Beispiele für 3 sind. Erst wenn ich weiß, dass 3 aus 1+1+1 oder aus 3×1 besteht, beginne ich, abstrakte Mengen zu denken. Dieser Schritt zum abstrakten Wertverständnis fehlt bei Dyskalulierern, so dass sie den nächsten, darauf aufbauenden Gedanken nicht entwickeln können. Und das ist der entscheidende Schritt, der zum Rechnen führt.

Was an diesem Beispiel noch deutlich wird: Rechenschwäche fällt in der Regel nicht dadurch auf, dass diese Kinder gar keine Ergebnisse abliefern oder ständig alles falsch machen würden. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis der Dyskalkulieforschung für Schule und Eltern. Durch den Druck, den beide im Hauptfach Mathematik auf das Kind ausüben – möglichst viele Ergebnisse sollen richtig sein – entsteht nämlich eine ganz eigene Gedankenwelt für das Umgehen mit Rechenaufgaben. Die Kinder überlegen sich Methoden, mit denen sie zu einem Ergebnis kommen, die durch die wachsenden Anforderungen des Schulstoffs äußerst anstrengend und nervenzerreibend sind. Zunächst versuchen die Betroffenen, die Grundaufgaben möglichst umfänglich auswendig zu lernen. Wer deren Sinn aber nicht versteht, vergisst Ergebnisse schnell wieder. Da diverse Aufgaben und deren Ergebnisse nicht gemerkt werden können, wird parallel eine äußerst gedanken- und konzentrationsaufwendige Ergebnisproduktionstechnik eingeübt, nämlich das Zählen mit Fingern, anderen Gegenständen und im Kopf. Mitte der zweiten Klasse reichen diese Nicht-Rechen-Techniken nicht mehr, die zweistelligen Zahlen werden eingeführt. Für das Kind heißt das, dass es jetzt sehr schnell mit Zählen gar keine Ergebnisse mehr produzieren kann. Die Kontrollmöglichkeit über die Anzahl der Zählschritte geht verloren. Dies kann bereits der Ausgangspunkt für einen Weg auf die Sonderschule sein. Diese Gefahr lässt sich nur abwenden, wenn sich das Kind algorithmische Rechenverkehrsregeln antrainiert, deren Sinn allerdings verborgen bleibt. Sie werden zu Schematikern, die sich an auswendig gelernte Rechenschrittfolgen und zugehörige Regeln klammern, auch wenn dies geradezu als widersinnig erscheint. Stella Baruk hat dafür den Begriff des Automathen geprägt. Die Gefahr, dass das völlige Unverständnis für sein ‚Rechnen‘ zu Fehlern führt, steigt ab Mitte der zweiten Klasse sukzessive an. Zumeist ist dann in der siebten oder achten Klasse das Ende der Fahnenstange erreicht. Da dieses Problem auf Fächer wie Physik, Geometrie und Chemie übergreift, ist eine erfolgreich beendete Schullaufbahn – und damit der ganze Lebensverlauf – schnell radikal gefährdet.

Wenn Sie sagen, dass eine Ursache für Dyskalkulie im Schulsystem liege, wie kann es dann sein, dass in derselben Klasse Kinder sind, die das verstehen, aber andere lernen das Rechnen nicht?

Das kann ich auch erst mal nur im Rahmen empirischer Forschung konstatieren. Kinder sind unterschiedlich und lernen auch unterschiedlich. In der Schule hingegen herrscht das Gleichheitsprinzip. Rund 75 Prozent der Kinder entwickeln in diesem Rahmen ein nachhaltiges Verständnis. Die sind am Ende der ersten Klasse in der Lage, 132 Zahlenkombinationen, die in den grundlegenden Additions- und Subtraktionsaufgaben drinstecken, aus der Pistole geschossen zu präsentieren. Aber wir stellen zugleich fest, dass 25 Prozent dies nicht erfolgreich absolvieren. Der Mechanismus, der sich dahinter verbirgt, ist der Lehrplan. Er ist nach Inhalten, die zu lernen und zu lehren sind, aufgebaut und es gibt eine Zeitschiene, die dem Lehrer sagt: Du hast eine bestimmte Zeit für diesen und jenen Lernstoff, und wenn das fertig ist – das kennen wir alle aus unserer Schulzeit – dann kommt die Klassenarbeit. Dabei muss der Lehrer durch Aufgabenfülle und Zeitdruck dafür sorgen, dass er sieht, wer wie viel noch nicht verstanden hat. Obwohl er dies sieht, muss der Lehrer dem Lehrplan folgen und trotzdem mit der Stoffentwicklung weitermachen. Daraus entsteht zwangsläufig eine Falle. Die besteht darin, dass Mathematik eine Besonderheit beinhaltet, die bei anderen Fächern so nicht vorhanden ist. Wenn Sie Vokabeln in einer Sprache diese Woche nicht gelernt haben, dann kommt die Klassenarbeit und das Kind sieht alt aus. Doch wenn in der nächsten Woche neuer Stoff kommt, kann es wieder Vokabeln lernen und nach der Fünf auch wieder eine Eins schreiben. Das geht in Mathematik so nicht. Wir haben es hier mit einem lernhierarchisch strukturierten Wissensgebiet zu tun. Das heißt, es baut immer ein Gedanke auf dem anderen auf. Mathematisches Lernen basiert stetig auf Schlussfolgerungen aus bereits entwickelten Kenntnissen. Wenn dieser Prozess einmal durchbrochen ist, ist der Schüler kaum von sich aus in der Lage, das zu begreifen, was ihm in der Schule neu präsentiert wird. Die Mediziner schreiben diesen Mangel dem Kind zu, aber es liegt an der Sache selbst, an der Art, wie Mathematik in der Schule gelehrt wird. So kommt es, dass von Dyskalkulie Betroffene auch im Alter noch zählen statt zu rechnen. Wenn die Bildungspolitik vorgibt, alle Schüler sollen in Klassenverbänden die elementaren Kulturtechniken erlernen, dann bedeutet das für den Mathematikunterricht: Alle Schüler müssen stets alles verstanden haben, erst dann kann der Lernstoff weiterentwickelt werden. Gegen diese Notwendigkeit mathematischen Lernens verstoßen die Organisationsprinzipien der Schule systematisch.

Ist das Ihr Plädoyer für Montessori oder für die Gemeinschaftsschule, wo jeder individueller lernt?

Das ist ein Plädoyer dafür, dass der Mathematikunterricht extrem individualisiert werden muss, dass sich Didaktik und Organisation nach den Gesetzmäßigkeiten des Lerngegenstandes richten, und nicht umgekehrt. Es muss genau geschaut werden, womit die einzelnen Schüler Probleme haben, um ihnen diese Defizite, die weitere Lernfortschritte verhindern, möglichst schnell zu nehmen. Und genauso funktioniert es im Schulsystem eben nicht. Unsere Erkenntnisse aus der Dyskalkulieforschung über mathematische Lernprozesse münden in radikalen Reformen der mathematischen Wissensvermittlung. Verglichen mit dem Leistungs- und Konkurrenzsystem Schule führt unsere Art, Mathematik zu lehren und lernen dazu, dass so gut wie alle Kinder rechnen lernen. Im bestehenden Bildungssystem wird das Aufholen der Defizite aber privatisiert, entweder im elterlichen Paukstudio oder mit Nachhilfe. Dort wird der aktuelle Schulstoff gedrillt, den solche Kinder gar nicht mehr verstehen können, weil sie schon lange die Grundlagen verloren haben. Das gilt natürlich auch für den schulischen Förderunterricht. Weil diese Maßnahmen erfolglos bleiben müssen und die betroffenen Kinder enormem seelischen Druck ausgesetzt sind, was zu Verhaltensauffälligkeiten und psychosomatischen Erkrankungen führen kann, gehen manche dann zum Psychologen oder zum Psychiater. Das führt zu falschen Trainings, die die Ursache nicht beheben, und geht teilweise bis zur Verabreichung von Psychopharmaka. Die Pille gegen Verständnisprobleme der Arithmetik wird aber eine Illusion der Psychiatrie bleiben.

Woran erkennen Eltern, ob ihr Kind Dyskalkulie hat?

Es gibt einige Symptome, die darauf hindeuten und von Eltern als Abklärungsnotwendigkeit verstanden werden sollten. Betroffene vergessen mühsam Eingeübtes nach kurzer Zeit wieder. Aufwand und Ertrag stehen in krassem Missverhältnis zueinander. Mit diesen Kindern hat man enorm viel Übungsaufwand und nervlichen Verschleiß vor allem auf Seiten der Eltern. Sie haben ihr Kind nach vielem Üben dazu gebracht, dass es 3+4=7 scheinbar rechnen kann. Aber wenn sie dem Kind dieselbe Frage am nächsten Tag wieder präsentieren, ist alles wieder weg. Und das passiert nicht einmal, das passiert täglich. Wo das Memorieren versagt, setzt das Zählen ein – auch dann, wenn sich Zählen eigentlich erübrigt. Nach 7+8=15 wird 7+9 erneut ausgezählt. Kinder verwechseln die Rechenarten, sie denken sich eigene Regeln aus (10+10=100), verdrehen Zahlen und produzieren Traumergebnisse (200:2=1), ohne deren Widersinn erkennen zu können. Ihr Rechenverhalten ähnelt dem von Maschinen, die auf Schemata programmiert sind und davon nicht abweichen können. Aber ob das Schema zur Sache passt, können sie nicht bewerten, so dass es mal zu richtigen, mal aber auch zu total absurden Ergebnissen führen kann. Hier findet Blindflug statt. Rechenergebnisse werden daher überwiegend in Frageform präsentiert.

Ich demonstriere das einmal: Sie haben die Aufgabe 13+16. Wenn ein Kind das zählen muss, können Sie schnell ermessen, warum es bald am Ende mit seinem Latein ist. 13 Finger hat man nicht. Dann sagen die Kinder sich, dass sie sich einen Teil der Aufgabe merken müssen. Das können sie aber ganz schlecht. So können jede Menge Fehler beim Zählen entstehen. Die Eltern wollen helfen und sagen: Addiere erst mal die Zahlen vorne und merke dir das, dann nimmst du die Zahlen hinten zusammen und guckst, was du vorne hattest. Beides rechnest du zusammen und dann bist zu fertig. Das Kind rechnet also erst mal die Zehner: 1+1=2, das weiß das Kind. Aber die Aufgabe 3+6 kann es sich partout nicht merken. Also muss gezählt werden. Dieser gedankliche Aufwand kann schnell dazu führen, dass die Kinder die 2, die sie sich merken sollten, vergessen haben. 13+16=9, behauptet dieses Kind. Sie können sich vorstellen, was dann los ist. Ärger ist wieder vorprogrammiert.

Für die Älteren ist zum Beispiel 800-798 eine aberwitzige Aufgabe, weil sie keine Vorstellung von diesen Zahlen haben und auch nicht wissen, wie die in Beziehung zueinander stehen. Im Test fragen wir sie, ob sie das Ergebnis sofort erkennen. Dann gucken die einen groß an nach dem Motto: ‚Das kann man einfach so wissen?‘ Wir möchten dann, dass die Schüler das Ergebnis schätzen, aber schätzen können sie überhaupt nicht. Stattdessen versuchen sie, ihr auswendig gelerntes Schema anzuwenden: „von 7 bis 8 sind 100 … und dann noch die dahinten, ich schätze 150.“ Weiter gefragt: könntest du die Aufgabe im Kopf lösen? kommt ein klares Nein, weil das zu viele Zahlen sind, die beim Abarbeiten der vielen Rechenschrittfolgen vergessen werden würden. Bleibt also nur noch das schriftliche Verfahren, das die Kinder ohnehin bevorzugen, weil die Zahlen dann auf dem Papier stehen und nicht vergessen werden können. Jetzt kommt es sehr darauf an, ob das richtige Schema mit zugehörigen Regeln richtig erinnert werden kann. Gelingt das nicht, kann es zu widersinnigsten Ergebnissen kommen: 102 oder auch 1002. Gelingt das Erinnern, rechnet die Maschine so: „ von 8 bis 0 geht nicht, von 8 bis 10 sind 9,10, also 2, schreibe 2, merke 1. 9 plus 1 ist 10, von 10 bis 10 ist 0, schreibe 0, merke 1. 7 plus 1 ist 8, von 8 bis 8 ist 0, schreibe 0, merke 0.“ Unter der Aufgabe steht dann Geheimagent 002. Sie merken überhaupt nicht, dass auf der Einerstelle bereits alles gelaufen ist. Die Dyskalkulierer können auch nicht mit rechnerischen Größen wie Strecken, Gewichten, Geld, und Zeiten umgehen, ihr räumliches und/oder zeitliches Vorstellungsvermögen ist nicht altersgemäß richtig entwickelt. Wenn Sie diesen Schülern Textaufgaben geben, haben Sie die Hölle erreicht, denn jetzt müssen die Schüler von den textlich genannten Zusammenhängen auf Operationen schließen. Bei Rechenschwachen kann Folgendes passieren: Sie sagen, eine Frau hat drei Euro, eine andere Frau hat acht Euro und die zweite Frau hat die Telefonnummer 8978346. Und schon addieren die Schüler alle Zahlen zusammen, wenn Sie fragen, wie viel Geld die Frauen gemeinsam haben. Weil sie nicht wissen, worum es bei der Sache geht, die wir Rechnen nennen.

Entsprechend zeit- und nervenaufwändig gestaltet sich das tägliche extensive Üben, das nicht selten in Weinen und Verzweiflungsäußerungen mündet. Es können Lernblockaden und psychosomatische Störungen aller Art auftreten. Trotzdem können die Kinder ohne jedes Verständnis für die Materie zumindest eingeschränkt das produzieren, was Schule für den Ausweis von Kompetenz hält, nämlich richtige Ergebnisse. Die Zensuren gehen in den ersten Schuljahren daher immer rauf und runter, was sich Lehrer und Eltern häufig falsch mit schwankender Lust der Kinder auf Üben erklären. Ab der dritten Klasse zeigt die Zensurenkurve allerdings immer stärker nach unten. Schon taucht die Angst auf: ‚Mit meinem Kind stimmt doch irgendwas nicht.‘

Wohin führt das?

Das Kind hat sich bis weit in die zweite, dritte Klasse hinein ein Sammelsurium an Aufgaben unverstanden antrainiert und muss gleichzeitig viele Aufgaben immer wieder durch Zählen lösen. Dieses Zählen beinhaltet einen enorm aufwändigen geistigen Prozess, denn man muss die Zählschritte ständig kontrollieren: Wo bin ich gerade, wann muss ich aufhören zu zählen? Das sorgt für einen starken Verschleiß an Konzentration, das macht die Kinder platt, manche bekommen dadurch Kopfschmerzen. Und es verbraucht viel zu viel Zeit, die in der Schule immer weniger gegeben wird. Also entstehen Ängste, insbesondere bei Leistungsüberprüfungen. Wenn dann Mitte der zweiten Klasse die zweistelligen Zahlen eingeführt werden, merken Eltern und Kinder, dass eine Hürde errichtet wird, die binnen kürzester Zeit mit den bislang entwickelten Kompensationstechniken nicht mehr zu bewältigen ist. So früh scheiden sich bereits Lebenswege. Wer nicht mehr mitkommt, vermehrt schlechte Zensuren schreibt und wegen Mathe womöglich die Klasse wiederholen muss, fällt sehr schnell unter den Verdacht, dass er aus biologischen Gründen dem normalen Lernen nicht gewachsen ist. Mangelnde Begabung heißt dieser Verdacht. Oft müssen diese Kinder dann einen Intelligenztest machen und dabei ist Rechnen ein ganz wesentliches Feld der IQ-Messung. Wenn sie das nicht können, zudem unter Zeitdruck, landen die Kinder ganz schnell unter der ominösen Kategorie von 85. Das bedeutet unter schulischen Maßstäben lernbehindert, nicht mehr normal intelligent. Dafür gibt es besondere Schularten, aber auch dort lernen die Kinder das Rechnen nicht.

Vor allem können sie alle anderen Fächer zum Teil sehr gut.

Das ist ein klassisches Bild bei Rechenschwäche und steht im krassen Gegensatz zu den Ergebnissen des Intelligenztests. Beim Rechnen versagen und verzweifeln die Kinder, aber in anderen Fächern können dieselben Kinder sich alles merken und sind häufig sehr gut. Wenn wir sie behandelt haben, können sie in der Regel auch schwierigere Aufgaben in Mathe lösen, was ebenfalls den Aussagen des Intelligenztests völlig widerspricht und eigentlich gar nicht sein könnte. Glücklicherweise fangen einige kinder- und jugendpsychiatrische Einrichtungen langsam an, vom dogmatischen Gebrauch des Intelligenztests abzurücken. Dies sind zumeist Einrichtungen, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten und die gesehen haben, dass unsere Lernmethoden nicht zwingend bei niedrigem IQ versagen müssen. Eltern sollten darauf bestehen, dass nicht der IQ-Test, sondern eine praktische Lernerprobungsphase bei einem Institut darüber entscheidet, was geht und was nicht geht.

Wie versuchen die Eltern, sich und ihrem Kind zu helfen?

Sie haben mit diesen Kindern einen aberwitzig hohen täglichen Übungsaufwand. Denn sie versuchen, durch ständiges Wiederholen unverstandenes Faktenwissen irgendwie ins Gehirn zu bringen und merken, dass das nicht funktioniert. Rechenaufgaben auswendig lernen zu wollen, ist eine unsinnige Strategie, denn es gibt unendlich viele davon. Trotzdem bekommen die Eltern von den Schulen immer wieder die Empfehlung: üben, üben, üben. Dieser Aufwand führt dazu, dass enorme Spannungen auftreten, zunächst zwischen Eltern und Kind. Erwachsene verstehen einfach nicht, warum das Kind eine einfache Aufgabe wie 3+4 nicht auf die Reihe bekommt. Sie fangen an, an dem Kind zu zweifeln, und erhöhen den Druck. Das Kind merkt natürlich, dass die Mutter verzweifelt ist, der Vater übt Druck auf die Mutter aus und so weiter. Die ganze Familie hat eine unterschwellige Rechenschwäche-Belastung, die sich nervlich stark auswirkt. Deshalb ist es erforderlich, im Rahmen einer qualitativen Rechenschwäche-Diagnostik herauszufinden, was das Kind verstanden hat und wo es begonnen hat, seine eigenen Methoden anzuwenden. Dort muss man ansetzen und die Kinder nach und nach zum Verständnis bringen, bis sie den Schulstoff erreicht haben. Anschließend kann das Kind in der Regel gut im Matheunterricht mitkommen. Wenn die Eltern aber nichts unternehmen oder nur weiter üben, entwickeln sich Nöte, Ängste und Sorgen vielfach in dramatischer Form. Die Eltern kennen ja die Zusammenhänge zwischen Bildung und Berufsfindung und wissen, was es bedeutet, wenn jemand nicht rechnen kann. Ab der dritten Klasse wirkt Mathematik als Hauptselektionsfach für die Schulempfehlung. Das bedeutet, dass die Kinder bei Klassenarbeiten mehr Stoff in derselben Zeit bewältigen müssen oder weniger Zeit für gleich viel Stoff bekommen. Dieser Mechanismus wird den rechenschwachen Kindern zum Verhängnis. Sie brauchen für ihre begriffslosen Verfahren sehr viel mehr Zeit und sie können ein Viertel oder ein Drittel der Aufgaben schlichtweg nicht mehr lösen. Das wird im System der Bewertung in der Schule als nicht gelöste Aufgabe negativ sanktioniert. Die Mathenote im Zensurendurchschnitt der Hauptfächer sorgt dann dafür, dass diese Kinder keine Empfehlung mehr für das Gymnasium bekommen, obwohl sie in anderen Fächern gut sein können. Der Normalfall ist, das haben wir empirisch untersucht, dass diese Kinder eine Empfehlung für die Hauptschule bekommen. Aber auch in der Hauptschule wachsen die Anforderungen in Mathematik stetig. Zu allem Überfluss kommt dann noch hinzu, dass Fächer oder Teilfächer, mit denen die Schüler bisher überhaupt keine Probleme hatten, plötzlich auch das Benutzen der Arithmetik erfordern, zum Beispiel als Beweisverfahren in der Geometrie. Das überträgt sich auch auf Physik, Chemie und Biologie. So haben wir als Folge von Rechenschwäche die frühzeitigen Schulabgänger im System. Sie stehen häufig in Mathe und Physik ab der siebten Klasse chronisch auf Fünf und ziehen den Schluss daraus: ‚Ich kann in allen anderen Fächern sogar auf Eins stehen, aber die Fünf in Mathe und Physik führt dazu, dass ich nie einen berufsqualifizierenden Abschluss bekomme‘. Die schmeißen hin und gehen ohne Zeugnis von der Schule ab. Im Schulabschlusszeugnis darf keine Fünf in Mathe stehen, es würde sich dann um ein nicht berufsqualifizierendes Zeugnis handeln. Wenn in der Berufsschule auffällt, dass der Lehrling nicht rechnen kann, erfolgt in der Regel der Abbruch der Lehre. In eine griffige Formel gebracht: Der rechenschwache Grundschüler, dem nicht sachgemäß geholfen wird, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Dauerarbeitslose von morgen.

Dyskalkulie ist also mit großen Belastungen verbunden. Was können Eltern tun?

Sie können sich an Spezialeinrichtungen wenden, die im Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie organisiert sind. Gute Arbeit leistet zum Beispiel das Institut zur Behandlung der Rechenschwäche in München. Nur diese sind tatsächlich in der Lage, das Defizit der Kinder aufzuholen und sie von Rechenschwäche nachhaltig zu befreien. Das dauert in der Regel zwei bis drei Jahre in Einzeltherapie und ist in mehr als 90 Prozent der Fälle erfolgreich. Die Institute machen zunächst eine qualitative Diagnostik nach dem Jenaer Rechentest. Mit dieser Testmethode können wir das mathematische Bewusstsein exakt daraufhin analysieren, was verstanden wurde und was nicht. Von herausragender Bedeutung ist, dass es uns damit gelingt, exakt herauszufinden, an welcher inhaltlichen Stelle es zum ersten Mal zum Verständnisbruch gekommen ist. Dort muss die Therapie ansetzen, sonst scheitert sie. Wenn Einrichtungen Eltern nicht genau erläutern können, an welcher inhaltlichen Stelle ihr Kind anfänglich gescheitert ist, sollten sie sehr skeptisch sein. Die quantitativen Tests, die von Psychologen und anderen, die keine zusätzliche Ausbildung als Dyskalkulietherapeut haben, verwendet werden, sind hierzu nicht in der Lage. Am Bodensee eröffnen wir zum 1. Oktober zunächst in Konstanz, Friedrichshafen und Kreuzlingen jeweils ein Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR). Dahinter stehen der ZTR-Verbund und vor Ort die Konstanzer Psychologin Monika Spohrs und ich, unterstützt von den Psychologinnen Sabine Rees und Elisabeth Wehinger, die alle über eine zusätzliche Dyskalkulietherapeuten-Ausbildung verfügen.

Was machen Sie mit den Kindern?

Zunächst stellen wir anhand einer telefonischen Beratung fest, ob die Eltern bei uns richtig sind. Falls ja, folgt eine lange Analyse der Kinder, die drei bis vier Stunden dauert. Liegt Dyskalkulie vor, beginnt die Einzeltherapie ab ermittelter Verständnisbruchstelle. Wir können den Stoff bis zur zehnten Klasse innerhalb von zwei bis drei Jahren vermitteln. Eltern müssen mit 250 bis 300 Euro pro Monat rechnen, auch in den Ferien. Wenn Jugendliche durch Dyskalkulie arbeitsunfähig sind, bestehen gegebenenfalls Rechtsansprüche gegenüber den Arbeitsagenturen auf eine geeignete Therapie zur Integration in den Arbeitsprozess. Liegt ausgelöst durch Dyskalkulie eine seelische Behinderung vor oder droht diese, können unter bestimmten Umständen auch Jugend- und Sozialämter finanziell in die Pflicht genommen werden.

Fragen: Kirsten Schlüter

Potsdamer Neueste Nachrichten 31.01.2013

Lernen in Potsdam: Reine Fehlkalkulation

von Grit Weirauch

Potsdam spart bei den Hilfen für Kinder mit Rechenschwäche. Die Kostensenkung für die Stadt sei minimal, sagen Experten. Die Folgen für die Eltern und Kinder aber sind verheerend
Mathematik ist für Emma-Marie ein wackeliges Kartenhaus. Jeden Tag droht es ihr aufs Neue einzustürzen. Die Achtjährige geht in die 3.Klasse der Grundschule im Bornstedter Feld. Doch schon vor mehr als einem Jahr fiel ihrer Mutter, Melanie Winter, auf, „dass da etwas nicht hinhaut“, wie sie sagt: „Mit dem Überschreiten der Zehner hatte sie unheimlich Schwierigkeiten.“
Emma-Marie hat Dyskalkulie, Rechenschwäche. Das bedeutet, ihr fällt es schwer, zwischen zwei Zahlen einen inneren Zusammenhang herzustellen. Mathe ist für sie wie eine Fremdsprache, deren Satzstruktur sie nicht versteht. Eigentlich nicht weiter schlimm, könnte man sagen, statistisch gesehen sitzt in jeder Klasse mindestens ein Dyskalkuliker. Und genau wie sich eine Sprache lernen lässt, kann man auch Rechenschwäche erfolgreich therapieren. Doch so einfach ist es nicht in einer Stadt wie Potsdam.Für Emma-Marie wird die Schule schon mit Beginn der 2. Klasse zum Horror. „Ihre Leistungen brachen ein, der Freundeskreis brach weg, denn es wollte niemand mehr mit ihr als ,Absackerin’ zu tun haben“, erzählt ihre Mutter. Melanie Winter muss ihre Tochter immer öfter frühzeitig aus der Schule abholen. Das Kind hat Bauchschmerzen, erbricht sich, schläft in den Nächten schlecht.
Psychologische Sekundärfolgen nennt das Jörg Kwapis, Leiter des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR). Die Kinder fühlten sich als Versager, nicht selten komme auch Mobbing durch Mitschüler hinzu. „Oftmals weint sie ganz doll“, sagt ihre Mutter, „und erklärt, dass ihr alles zuviel ist und sie es niemals schaffen kann, im Unterricht ganz normal mitzukommen.“
Auf Drängen der Eltern führt die Schule bei Emma-Marie einen Test durch, der den Verdacht der Rechenschwäche bestätigt. Die Eltern beginnen eine Therapie am ZTR, dem Kind geht es zunehmend wieder besser. Anders als Zuhause lasse sie sich von der Therapeutin Rechenwege erklären und mache nicht sogleich dicht, sagt Melanie Winter.
Doch der Preis für die Eltern ist hoch. Mehr als 300 Euro im Monat kosten die wöchentlichen Sitzungen. Nach einem halben Jahr kann sich die Familie die Therapie nur noch alle zwei Wochen leisten. Inzwischen sind Kosten in Höhe von mehreren tausend Euro angefallen. Familie Winter beschließt, beim Jugendamt Hilfe zu beantragen. Dort wurde Melanie Winter aber gleich mitgeteilt, dass sie „generell keine Chance“ habe.
Der Ablehnungsbescheid kam innerhalb einer Woche. Auf ihren Widerspruch Mitte November hat Familie Winter bis heute keine Antwort erhalten.
Das Gutachten einer Psychologin bestätigt zwar die Rechenschwäche und die daraus resultierende drohende seelische Gefährdung. Doch das Amt sieht das anders. Die Schule sei dafür zuständig, Emma-Marie zu fördern. Auch habe das Kind keine Schulphobie ausgebildet.
Eine Standardablehnung, wie sie Jörg Kwapis vom ZTR immer öfter begegnet. „Hier steckt ein gewisser Wille drin“, vermutet er. Der Wille, die Zahl der positiven Bescheide nach unten zu drücken und Kosten zu sparen. Die Stadt Potsdam hat im vergangenen Jahr von 49 Anträgen auf Hilfen bei Dyskalkulie nur 12 statt gegeben, im Jahr zuvor waren es noch mehr als doppelt soviele. Seit 2010 ist die Zahl der positiv beschiedenen Anträge auf ein Drittel geschrumpft. Das hat die Antwort auf eine Anfrage der Fraktion Die Anderen bei der Stadt ergeben. „Man muss ganz klar sagen, die Gesetzeslage hat sich nicht geändert, aber der sozialpolitische Wille in der Stadt“, sagt Dyskalkulie-Experte Kwapis.
Allein das Verfahren des Jugendamtes sei äußerst fragwürdig. Nicht nur die Schule und die Eltern würden per Fragebogen befragt, sondern die Kinder selbst von den Mitarbeitern des Jugendamts interviewt, etwa ob sie Freunde hätten. In den meisten Fällen stellen die Fallmanager fest, dass das Kind sozial nicht völlig ausgegrenzt ist. „Das ist eine methodische Katastrophe“, sagt Kwapis vom ZTR. Auch der Kinder- und Jugendpsychologe Günter Esser von der Universität Potsdam kritisiert: „Die seelische Gefährdung eines Kindes kann nicht durch einen Fallmanager festgestellt werden. Das kann nur jemand diagnostizieren, der dafür ausgebildet ist.“
Folgt man der Logik des Amts, dann hätten nur jene Kinder Anspruch auf eine Lerntherapie, die sich bereits total verweigern oder sich aus jedem sozialen Kontakt zurückgezogen haben. „Wenn es soweit gekommen ist, erübrigt sich die Maßnahme“, sagt Uni-Professor Esser. Der Präventivcharakter einer Therapie, die Kinder vor einer seelischen Behinderung zu bewahren, gehe völlig verloren, sagt auch Dyskalkulie-Experte Kwapis.
Einen mittleren fünfstelligen Betrag dürfte die Stadt im vergangenen Jahr auf diese Art eingespart haben. Ein minimaler Prozentsatz, gemessen am Gesamthaushalt der Stadt, wie Esser vermutet. Für ihn eine unverhältnismäßig geringe Kosteneinsparung.
Die Folge dieser äußerst restritktiven Rechtspraxis ist laut Kwapis klar und zugleich verheerend: Eine verstärkte soziale Auslese in der Stadt. Die wenigsten Eltern könnten sich die Therapie leisten. Die anderen müssten notgedrungen darauf verzichten. Dabei sind sich die Experten einig: Wird die Rechenschwäche frühzeitig erkannt und das Kind beginnt bis etwa Mitte der dritten Klasse eine Therapie, stehen die Chancen gut, dass es etwa nach zwei Jahren dem Unterricht aus eigener Kraft folgen kann.
Emma-Maries Mutter, Melanie Winter, hat sich nun Anfang dieser Woche mit einem Brief an den Oberbürgermeister und alle Fraktionen gewandt. Die Fraktion Die Andere will in der kommenden Stadtverordnetenversammlung Anfang März das Thema auf die Tagesordnung setzen lassen.
Und auch Jörg Kwapis vom Zentrum zur Therapie der Lernschwäche sucht das Gespräch mit Jann Jakobs. „Es ist absolut dringlich“, sagt er. „Bei einigen Eltern kocht es wahnsinnig. Wir müssen uns alle an einen Tisch setzen.“
Emma-Maries Mutter überlegt derzeit, ob sie per Gericht eine Förderung für ihr Kind erstreitet. Aber: „Es drängt mir die Zeit so“, sagt sie. Und das Geld für den Anwalt wäre ihrer Meinung nach besser in eine Therapie ihres Kindes investiert.

Mitteldeutsche Zeitung Weißenfels 04.01.2012

Probleme wachsen mit der Größe der Zahlen

von Heike Riedel

WEISSENFELS/MZ. Mirja Lienau ist glücklich. Die Drittklässlerin hat es geschafft, den Zahlen den Schleier des Unverständnisses abzunehmen. Vor einem Jahr hat sie sich mit ihrem Eltern einem besonderen Lernproblem gestellt, der Rechenschwäche. Nicht, dass sie deswegen schon in der Schule aufgefallen war. Doch ihre Eltern sind fast verzweifelt, wenn sie mit ihr die Hausaufgaben gemacht haben.
„Ab der zweiten Klasse waren wir völlig rat- und hilflos“, blickt Harry Lienau zurück. Nirgends sonst habe es Lernprobleme gegeben, Mirja sei sprachbegabt, ein aufgewecktes Mädchen, kreativ und sportlich, schätzt der Vater ein.
Doch wenn es ans Rechnen ging, habe sich niemand erklären können, warum sie überhaupt kein Zahlen- und Mengenverständnis aufbauen konnte.
Nach 3 plus 5 hat sie die Aufgabe 3 plus 6 von vorn mit den Fingern gelöst. Auch wenn später nicht mehr vordergründig zu erkennen war, dass sie einfach nur durchzählte, die Schwierigkeiten wuchsen, als die zu beherrschenden Zahlen größer wurden. Alles Üben half nichts.
Auf der Suche nach den Ursachen sind Lienaus im Internet auf die Seite des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) gestoßen. „Und das war unser Glück“, freut sich Lienau und stellt sich deswegen jetzt an die Seite von Olaf Steffen, dem promovierten Wissenschaftler, der die private Einrichtung leitet, die einen ihrer sechs Standorte in Naumburg hat. Dort hat sich das ZTR vor zehn Jahren niedergelassen.
Heute betreut es am Markt 14 in Naumburg und in der Beuditzstraße 89 in Weißenfels mit vier Therapeuten kontinuierlich etwa 70 Kinder, die gemeinsam mit Eltern und Lehrern die exakt als Arithmasthenie / Dyskalkulie bezeichnete Rechenschwäche überwinden wollen. Denn „rechtzeitig erkannt und therapiert muss eine Rechenschwäche nicht zum Hindernis im Lebenslauf werden“, sagt Olaf Steffen.
Aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums des ZTR lädt er Interessierte, Eltern, Großeltern, Lehrer und Erzieher zu kostenlosen Informationsveranstaltungen zum Problem Rechenschwäche ein und bietet zusätzlich an, möglicherweise davon betroffene Kinder einer kostenlosen Kurzdiagnostik zu unterziehen.
Unter anderem wird Harry Lienau von seinen eigenen familiären Erfahrungen berichten und davon, wie er zukünftig als CDU-Landtagspolitiker darauf Einfluss nehmen möchte, dass für weit mehr Menschen die Rechenschwäche innerhalb des Bildungssystems erkannt und behoben werden kann. Denn es brauche besondere therapeutische Methoden, mit Üben und Förderunterricht in der Schule seien die Schwierigkeiten nicht zu überwinden.
In der Schule stoße man schnell an die Grenzen. „Ohne richtige therapeutische Behandlung werden Bildungsmöglichkeiten eingeschränkt, sind Schul- und Berufsabschlüsse gefährdet, gehen wertvolle Potenziale der Menschen verloren“, zeichnet Lienau die schlimmsten Folgen unerkannter Rechenschwäche auf.
Nur ein Jahr lang einmal wöchentlich hat Mirja Lienau zum Beispiel ein bis zwei Unterrichtsstunden mit ihrer Therapeutin Kathleen Koch in Weißenfels spielerisch gearbeitet. Jetzt hat sie die Erfolgserlebnisse in der Schule, kann den Faden zum gewöhnlichen Unterrichtsstoff in Mathematik ohne Schwierigkeiten aufnehmen. „Ich möchte anderen Kindern helfen, damit sie Spaß am Lernen haben, auch am Rechnen. Sie sollen wie ich einmal das werden können, was sie möchten“, sagt das Mädchen. Und Mirja wünscht sich, dass über die Rechenschwäche mehr bekannt gemacht wird.

Mitteldeutsche Zeitung Naumburg 23.01.2012

Wenn Kindern Einmaleins zur seelischen Qual wird

von Albrecht Günther

NAUMBURG. 78 plus 124? Kein Problem, 202. Für viele Schüler birgt diese Rechenaufgabe keinerlei Schwierigkeiten. Was aber, wenn bereits das Addieren einfacher Zahlen zur unüberwindbaren Hürde wird? Zwar versuchen Kinder, die unter Rechenschwäche leiden, mit Hilfsmitteln wie Fingern, Zahlenskalen auf Linealen, Auswendiglernen sowie mit Zählen und anderen Kompensationsverfahren einen Ausweg zu finden, dennoch wird ihnen der Mathematikunterricht zur psychischen Qual. Auch gut gemeinte Hinweise, es müsse mehr geübt, die Faulheit nur überwunden werden, führen nicht zum Erfolg. „Rechnen ist für diese Schüler der reinste Blindflug“, beschreibt Olaf Steffen diese quälende Situation.
Oft werden falsche Wege gewählt
Vor zehn Jahren gründete der promovierte Wissenschaftler das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) Naumburg-Weißenfels. Zwei Ziele haben sich Steffen und dessen Mitarbeiter gesetzt. Einerseits bieten sie entsprechende Therapien an, mit denen Betroffene ihre Dyskalkulie – so die wissenschaftliche Bezeichnung der Rechenschwäche – überwinden können. Andererseits wollen sie Eltern und Lehrer, Psychologen sowie Mitarbeiter sozialer Dienste über die Problematik aufklären. „Rechenschwäche wird oft viel zu spät erkannt. Außerdem werden die falschen Wege gewählt, um sie zu beheben“, sagt Steffen im Tageblatt / MZ-Gespräch.
Zusätzliches Üben ist zwecklos
„Uns werden häufig Kinder und Jugendliche vorgestellt, die wahre Leidens-Odysseen hinter sich haben, bis sie endlich an die richtige Adresse für ihre Lern- und Verständnisprobleme im Umgang mit Mengen, Zahlen und Rechenoperationen gelangen.“ Verhängnisvoll ist dabei laut Steffen, dass Grundschullehrer den Kern des Problems oftmals nicht erkennen. „Den Eltern wird empfohlen, die Übungsintensität im Fach Mathematik zu erhöhen. Eltern, die diese Empfehlung in der Regel als Aufforderung verstehen, den aktuellen Schulstoff in Mathematik verstärkt einzupauken, berichten daher immer wieder, dass zusätzliches Üben zwecklos geblieben sei und letztlich nicht nur das Verhältnis Kind – Eltern, sondern auch die seelische Entwicklung des Kindes insgesamt negativ beeinflusst wurde.“ Auch der übliche Nachhilfeunterricht bringt keine Verbesserung. So folgt als weiteres Glied in dieser Negativ-Kette der Gang zum Psychologen. Steffen schildert: „In der Schule wird die Frage nach womöglich mangelnder Begabung gestellt und durch Schulpsychologen untersucht. Führt der Intelligenz-Test dann – nicht zuletzt, weil er eine Reihe von Rechenaufgaben beinhaltet – zu einer Quote von unter 85, sehen sich Eltern plötzlich mit der Frage konfrontiert, ob nicht die Förderschule die geeignete Schulform für das Kind sei.“ Dabei lässt sich bei 90 Prozent der Betroffenen die Rechenschwäche durch eine spezielle qualitative Diagnose sowie lernproblemorientierte Therapieformen nachhaltig beseitigen. Hinzu kommt, dass Jugend- und Sozialämter unter bestimmten Voraussetzungen gesetzlich verpflichtet sind, die Therapie zu finanzieren, weil mit Beseitigen der Rechenschwäche oftmals auch seelische Störungen, die bis hin zur Schädigung des Sozialverhaltens führen können, behoben werden.
Mit einer Reihe von Vorträgen, die am 26. Januar beginnt und in Naumburg stattfinden wird, will das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche Naumburg-Weißenfels über seine Arbeit informieren. Eingeladen dazu sind vor allem Lehrer und Erzieher, aber auch Mitarbeiter von Schul- und Jugendämtern sowie weiterer sozialer Einrichtungen der Region.
Gemeinsames Forschungsprojekt
„Wir möchten in den Vorträgen zeigen, wie ein effektiver Umgang mit Rechenschwäche aussehen kann und muss. Von dieser Grundlage aus lässt sich erklären, warum die oben erwähnten Hilfsversuche scheitern müssen. Dies wird hinführen zu einer realistischen Beurteilung der Möglichkeiten in Schule und Elternhaus. Dabei wird hervorzuheben sein, dass effektive schulische Interventionsmöglichkeiten nur im Rahmen eines präventiven Erstklassenunterrichts liegen können. Eine dafür nötige qualitative Präventionsdiagnostik, die in der Vorschuluntersuchung sowie in der Schuleingangsphase zum Einsatz kommen könnte, ist vom ZTR und im Rahmen einer Forschungskooperation mit den Universitäten Jena und Paderborn entwickelt worden“, charakterisiert Olaf Steffen Ziel und Inhalt der Vorträge.
OB Küper spricht Grußwort
Dabei wird Naumburgs Oberbürgermeister Bernward Küper die erste Vortragsveranstaltung mit einem Grußwort eröffnen. Zu den bildungspolitischen Dimensionen des Themas Rechenschwäche wird der Weißenfelser CDU-Landtagsabgeordnete Harry Lienau zu Beginn der zweiten Veranstaltung sprechen. Der abschließende Vortrag wird von Landrat Harri Reiche mit einem Grußwort eingeleitet.

Mitteldeutsche Zeitung Burgenlandkreis 27.12.2012

Vorträge statt Party

von Karin Grossmann

NAUMBURG/MZ. Ein Grund zum Feiern ist es schon. Seit zehn Jahren ist das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) Naumburg-Weißenfels in der Kreisstadt als Ansprechpartner für Eltern und Lehrer, die den betroffenen Kindern helfen wollen. Ein kleines Jubiläum ist das schon, meint der wissenschaftliche Leiter Olaf Steffen. Doch gefeiert wird deshalb nicht mit einer Kinderparty.
„Wir bieten eine Vortragsreihe für Eltern, Lehrer, Ärzte, Therapeuten an“, lädt er für Januar, Februar und März nach Naumburg ein. Informationsveranstaltungen zum Thema Rechenschwäche / Dyskalkulie bietet er an. Alle Vorträge finden immer donnerstags in der Aula der Volkshochschule des Burgenlandkreises in Naumburg in der Seminarstraße 1 zwischen 18 und 21 Uhr statt, machen er und die Therapeutin Kathleen Koch aufmerksam. Da die Raumkapazitäten begrenzt sind, sollen sich die Teilnehmer vorab anmelden. Das gelinge per E-Mail oder telefonisch ab Januar wieder oder per Fax. Steffen hofft, dass die Vorträge von betroffenen Eltern von rechenschwachen Kindern gut angenommen werden. Schließlich gehe es um Symptome, um schulische und psychische für die Kinder ab der ersten Schulklasse bis hin zum Abiturienten. Rechenschwäche muss erst einmal festgestellt werden. Dazu spielen die Schulen eine Rolle, das Jugendamt kann unterstützen und macht Therapiemöglichkeiten im ZTR möglich.
Sicher, Rechenschwäche und ihre Folgen für die Betroffenen und deren Familien finden noch immer zu wenig Beachtung, meint er. Doch seit zehn Jahren, seit das ZTR in Naumburg einen Standort hat und seit einem Jahr in der Weißenfelser Beuditzstraße betroffene Grundschüler, Sekundarschüler und Gymnasiasten diagnostiziert, Eltern und Lehrer berät und individuelle Lerntherapien anbietet, hat sich das verbessert. Doch auch Hohenmölsener, Zeitzer und Droyßiger Schüler nutzen die Chance beim ZTR, die sich als richtige Anlaufstelle für Lern- und Verständnisprobleme beim Umgang mit Mengen, Zahlen und Rechenoperationen bewiesen hat. Die zehn Jahre haben sich gelohnt, um Eltern, Lehrer und Ärzte über das Wissensdefizit aufzuklären. Wenn die Symptome unerkannt bleiben, wirken sie sich auf die Psyche der Kinder aus. Das ZTR biete neben der Schule Bildungsmöglichkeiten, die dabei helfen, Betroffenen zu einem Schulabschluss zu helfen und mangelnde Berufsausbildungsfähigkeiten positiv zu verändern.
Der promovierte Olaf Steffen hat den Jenaer Rechentest entwickelt, mit dem die mathematischen Fehler aus ihrem Grund heraus erklärt werden. Der Einzeltest bilde die Grundlage für die manchmal langjährige, aber erfolgreiche und sinnvolle Förderpraxis.
Mittlerweile hat das Zentrum fünf Mitarbeiter. 60 bis 70 Therapien führen sie in jedem Jahr durch. Und, auch darauf machen Steffen und Koch aufmerksam, es gebe immer mehr Lehrer und Direktoren, die Eltern von Rechenschwäche betroffenen Kindern zur Diagnostik ins ZTR schicken, damit sie Defizite bis zum Schulende ausgleichen können.
„Wir möchten in den Vorträgen zeigen, wie ein effektiver Umgang mit Rechenschwäche aussehen kann und muss“, sagt Steffen. Eine dafür nötige qualitative Präventionsdiagnostik, die in der Vorschuluntersuchung und auch in der Schuleingangsphase zum Einsatz kommen könnte, ist vom Naumburg-Weißenfelser Zentrum im Rahmen einer Forschungskooperation mit den Universitäten Jena und Paderborn entwickelt worden, die erfolgreich umgesetzt wird.