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Aktuelles vom ZTR

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Wenn Mathe wie Chinesisch klingt

Dass viele Kinder an einer Rechenschwäche leiden, wird oft nicht erkannt. Geschulte Therapeuten können helfen - meist mit dauerhaftem Erfolg. Dass viele Kinder an einer Rechenschwäche leiden, wird oft nicht erkannt. Geschulte Therapeuten können helfen - meist mit dauerhaftem Erfolg. Von Marco Schreiber Die achtjährige Katja Liese hatte in Mathe den Anschluss verloren. Eine Rechenschwäche-Therapeutin bringt ihr nun die Grundlagen des Rechnens bei. Gotha - Das kleine Einmaleins war für Katja die blanke Quälerei. Schon die Zweierreihe wollte sich partout nicht einprägen. "Ich hatte das Gefühl, wir fangen immer wieder bei Null an", sagt Anja Liese. Die Mutter der Achtjährigen machte sich auch Sorgen wegen der Kopfschmerzen, über die ihre Tochter im vergangenen Schuljahr immer häufiger klagte. Nach den Sommerferien nahm die Lehrerin die Eltern beiseite und berichtete von Schwierigkeiten auch in anderen Fächern. Irgendetwas stimme mit der Schülerin nicht. "Katja hatte keine Energie mehr und konnte sich nicht konzentrieren", sagt Anja Liese. Sollte das von Katjas Problemen mit dem Rechnen herrühren? In einem Vortrag hatte die Lehrerin von der Rechenschwäche gehört und wie sich diese Lernstörung auf das gesamte Verhalten auswirken kann. Die Eltern tippten das Wort in eine Internet-Suchmaschine ein - und fanden dort neben anderen privaten Instituten auch das ZTR, das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche, vertreten in allen ostdeutschen Bundesländern sowie Hessen und Niedersachsen. Der Test bei den Therapeuten fiel eindeutig aus: Katja leide an einer Dyskalkulie, ihr fehle ein grundlegendes Verständnis für Zahlen. Eher froh als bestürzt sei sie über die Diagnose gewesen, sagt Anja Liese. "Wir hatten ja jemanden gefunden, der helfen kann." Neun von zehn Betroffenen könne nachhaltig geholfen werden, schätzt ZTR-Chef Olaf Steffen. Der promovierte Sozialwissenschaftler sagt, er habe das Phänomen Rechenschwäche an der Uni Jena jahrelang erforscht, bevor er als wissenschaftlicher Leiter zum Rechenschwäche-Zentrum gekommen ist. Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Potsdam und Paderborn habe er den Jenaer Rechentest entwickelt, mit dem eine Rechenschwäche entdeckt und der vorhandene Lernstand ermittelt werden kann. Schaue man sich nur die Ergebnisse an, die die Kinder beim Rechnen fabrizieren, bleibe das Problem oft unerkannt, sagt Steffen. "Eine Rechenschwäche fällt nicht auf, die Betroffenen entwickeln Verfahren, richtige Ergebnisse zu produzieren, ohne etwas vom Rechnen verstanden zu haben." Scheinrechnen nennt der Experte, womit sich die Kinder durch den Schulstoff mogeln. An den Zensuren falle die Mogelei bis zur siebten Klasse kaum auf. Dann werden die Aufgaben so komplex, dass sie nur noch für Gedächtniskünstler beherrschbar sind. In der ersten Klasse müssten sich rechenschwache Kinder lediglich 132 Zahlenkombinationen merken. "Es ist für sie wie das Auswendiglernen eines chinesischen Gedichtes, dessen Inhalt sie nicht kennen", sagt Steffen. Aus der Lernforschung wisse man jedoch, dass nur dann etwas im Langzeitgedächtnis verankert wird, wenn der Sinn erfasst worden ist. Deshalb könnten die Betroffenen "üben, dass die Schwarte kracht" - und müssten trotzdem am nächsten Tag von vorn beginnen. Von vorn - das bedeutet für die Behandlung oft, ein fehlendes Zahlverständnis zu beheben. Vielen Rechenschwachen erschließt sich nicht, dass jede Zahl für eine Menge steht. Und dass bei einer Addition zwei Mengen vereinigt werden. "Sie zählen einfach von der einen Zahl aus weiter", sagt Steffen. Weil sich für sie die Sieben also nicht aus einer Drei und einer Vier zusammensetzt, bleibt auch die Subtraktion ein Rätsel _ das mühsam ausgezählt werden muss. Zuerst mit den Fingern, und, wenn das verboten ist, an den Rippen der Heizung, dem Lineal, den Stiften in der Federmappe. "Es gibt Kinder, die klopfen sich mit dem Finger auf die Hand oder sie nicken mit dem Kopf", sagt Steffen. In der zweiten Klasse geraten die Kinder jedoch an die Grenzen der Zählbarkeit. Sie entwickeln eben jenes Scheinrechnen, dessen Logik einem normal begabten Menschen nahezu unverständlich ist. Glaubt man dem ZTR-Chef, bedeutet das einen schier unerträglichen Stress. Schnell spreche man den Kindern die natürliche Begabung für Mathe ab, stelle eine verminderte Intelligenz fest - "Intelligenztests beinhalten zu 15 Prozent Rechentests" -, malträtiere sie mit Förderunterricht und Nachhilfe, sagt Steffen. Mathe sei ein wichtiges Hauptfach, der Druck entsprechend hoch, das Lernziel zu erreichen. Die Betroffenen müssen sich dafür immer mehr anstrengen, worunter die Leistungen in den anderen Fächern leiden. "Rechenschwache Kinder sind die Gehetzten des Lehrplans", sagt Steffen. Stufe für Stufe wird das Gebäude der Mathematik errichtet, baut ein Gedanke auf dem anderen auf. "Jedes Kind muss jeden Lernschritt verstehen." Fehlt einer, ist die Lücke da. "Verständnisbruch" nennt Steffen diese Lücke. Der falle kaum auf, wenn der Lernerfolg nur am richtigen Ergebnis und mit einer Zensur gemessen wird. Wie das Kind zum Ergebnis gekommen sei, ob es wirklich verstanden habe, spiele dabei keine Rolle. Ein Skandal, findet Steffen. Er geht davon aus, dass ein Viertel aller Kinder an einer Rechenschwäche leidet. "25 Prozent der Grundschüler haben keinen verständigen Zugang zur Mathematik", sagt der ZTR-Chef. "Und das wird von den Schulen nicht erkannt." Im Gegenteil. Der straffe Lehrplan zwinge die Pädagogen, weiterzumachen, "auch wenn kleinere oder größere Teile der Klasse nicht alles verstanden haben". Michael Schmitz von der Uni Jena relativiert diese Zahlen. "Sie hängen davon ab, was man unter einer Rechenschwäche versteht", sagt der promovierte Mathematiker. "Es ist ein sehr komplexes Thema, zu dem es viele verschiedene Auffassungen gibt." Schmitz beschäftigt sich an der Fakultät für Mathematik und Informatik unter anderem damit, wie Mathe an Schulen verständlich vermittelt werden kann. Er zitiert Studien, nach denen zwischen drei und sieben Prozent der Grundschüler extrem rechenschwach und etwa 15 Prozent förderbedürftig sind. Dem Thüringer Bildungsministerium sind Zahlen zum Thema Rechenschwäche unbekannt. "Unserer Meinung nach sind 25 Prozent zu hoch", sagt Ministeriumssprecher Gregor Hermann. "Rückmeldungen aus den Schulen bestätigen das nicht." Hermann warnt davor, das Problem zu dramatisieren. Lehrer seien die ersten, denen Schwierigkeiten auffallen und Schule der richtige Ort, Kindern zu helfen - mit Förderunterricht und Einzelförderung bekomme man die Probleme in den Griff. Beides nicht erfolgversprechend, sagt ZTR-Chef Steffen. "Alle Verfahren doktern nur am aktuellen Schulstoff herum." Vor einer Therapie an seinem Institut werde getestet, an welcher Stelle angesetzt werden muss. "Ohne Zeitdruck, bis zum Anschluss an den aktuellen Schulstoff." Da Rechenschwäche keine Krankheit sei, lasse sie sich meistens auch erfolgreich beseitigen. Drittklässlerin Katja zeichnet in ihrer Therapiestunde am ZTR in Gotha einen Zahlenstrahl. Der erste Strich steht für die Eins, ein weiterer, genauso langer, für die Zwei. "Bau mal aus der Zwei eine Drei", sagt die junge Therapeutin. Katja klemmt sich die Zunge zwischen die Lippen, legt das Lineal an und verlängert die Linie. Später steckt sie bunte Plastikwürfel zusammen und zerlegt sie - sieben Stück für die Zahl Sieben, die aus der drei und vier bestehen kann, aus zwei und fünf oder sieben mal der Eins. Und die Acht? "Nein, die passt nicht in die Sieben", sagt Katja und schüttelt den Kopf. Mathe macht ihr wieder Spaß, sagt sie - in der Schule muss das schmächtige Mädchen vorerst nicht den Stoff der dritten Klasse lernen. Sie bekommt mit einigen anderen Kindern Einzelunterricht, abgestimmt mit der Therapeutin des ZTR. "Es geht ihr wieder besser", sagt Mutter Anja Liese. "Und die Kopfschmerzen sind weg." Bald sollen auch Südthüringer Kinder von den Therapeuten des ZTR behandelt werden. Das Institut plant die Eröffnung einer eigenen Filiale in Suhl.
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Mathe-Erklärer auf Nordsachsen-Tour

Interview mit C. Issels vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche Torgau/Leipzig/Nordsachsen (TZ). Das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) Leipzig-Halle ist kommende Woche auf Nordsachsen-Tournee. Die Einrichtung unterhält im Kreis zwar kein Büro, allein aus der Torgauer Region reisen regelmäßig vier Klienten zum ZTR nach Leipzig. In Delitzsch und Eilenburg stellt das Zentrum nun seine Arbeit vor. Unter anderem warum Torgau nicht zum Vortragsort wurde, wollte die TZ von Cornelius Issels, dem stellvertretenden Leiter des ZTR wissen. TZ: Sie kommen mit Ihrer Informationsveranstaltung nach Eilenburg und Delitzsch, machen aber einen Bogen um Torgau – warum? Cornelius Issels: Wir wären sehr gerne nach Torgau gekommen. Es ist allerdings an den unverhältnismäßig teuren Räumlichkeiten gescheitert. Was erwartet die Besucher Ihrer Informationsveranstaltungen? Es wird allgemein über Rechenschwäche aufgeklärt, die Diagnostik vorgestellt und natürlich auch Raum für Fragen geben. Eine Diskussion ist fest eingeplant. Lassen Sie uns den ersten Punkt herausgreifen. Wie „funktioniert“ eine Rechenschwäche? Das Problem tritt häufig bei Kindern auf, wenn diese nur den sogenannten originalen nominalen beziehungsweise ordinalen Zahlbegriff haben. Sie verstehen nicht, dass größere Zahlen die kleineren Einschließen. Für diese Kinder sind Zahlen nur eine besonders geordnete Reihenfolge. Sie können die Zahlen nicht zerlegen und kennen die Zahlbeziehungen nicht. Sie verstehen nicht, dass drei Einsen und vier Einsen zusammen sieben Einsen ergeben. Also ein Denkfehler. Nein, im Wesentlichen ein Wissensdefizit. Mathematik ist ein Konstrukt, dessen Logik erlernt werden muss. In diesem Lernprozess sind die Wege, wie die Kinder zu Ergebnissen kommen, wichtig. Wird nur darauf geachtet, ob die Ergebnisse richtig sind, fallen fehlerhafte und/oder unsinnige Lösungswege nicht auf, sodass in der Folge nicht erkannt wird, dass das Kind die Grundlagen nicht verstanden hat. Wie das? Kinder entwickeln Kompensationsstrategien. Oftmals gelingt es ihnen damit, für eine Zeit ihr Defizit zu kaschieren. Wie sehen diese Strategien aus? Die betroffenen Kinder versuchen Zahlenkombinationen aus Grundaufgaben auswendig zu lernen. Wo das Auswendiglernen aufhört, fängt das Zählen an – mit Fingern, Lineal, vorgestellten Bildern oder rein im Kopf. Lange geht das aber nicht gut. Wenn das Kind ein guter Zähler ist und gut auswendig lernt, kann das schon eine Weile funktionieren. Das Schlimme dabei ist, je später eine Rechenschwäche entdeckt wird, desto länger dauert es, sie erfolgreich zu beheben. Sind rechenschwache Kinder in anderen Bereichen dafür umso besser? Es ist oft so, dass diese Kinder in allen anderen Fächern sehr gute Leistungen bringen. Andersherum sind Fälle bekannt, in denen mathematikstarke Kinder im sprachlichen Bereich Probleme haben. Worauf können Eltern achten, um einer Rechenschwäche ihres Kindes auf die Spur zu kommen? Sie müssen darauf achten, wie die Kinder zu ihren Rechenergebnissen kommen. Das heißt, immer wieder nachzubohren und sich die Wege erklären zu lassen. Leider bleibt dieses Nachfragen auch in der Schule allzu oft auf der Strecke, weil die Klassen einfach zu groß sind und den Lehrern dafür die Zeit fehlt. Angenommen, Eltern meinen, bei ihrem Kind eine Rechenschwäche entdeckt zu haben. Wie geht es dann weiter? Bei einem Verdacht kann die Förderdiagnostik zu Rate gezogen werden. Das ZTR nutzt den anerkannten Jenaer Rechentest. Mit diesem Test wird nachvollzogen, wie Kinder auf ihre Ergebnisse kommen. Fällt der Test positiv aus, kommen Sie ins Spiel. Genau. Wie lange dauert eine vollständige Therapie? Das ist unterschiedlich und hängt davon ab, wann die Rechenschwäche festgestellt wurde. Je länger ein Kind damit lebt, desto mehr psychische Blockaden können entstanden sein, die zunächst überwunden werden müssen. Der Zeitraum variiert in der Regel zwischen eineinhalb und zweieinhalb Jahren. Psychische Blockaden? Sehr oft zweifeln die Kinder an ihren Fähigkeiten, denken sie können nichts. Dazu kommt Unverständnis aus dem Umfeld – Eltern, die meinen, ihr Kind lerne nicht genug, hänselnde andere Kinder. Das kann dazu führen, dass sich das betroffene Kind zurückzieht. Wie viel kostet die Therapie? Es werden 40 Stunden im Einzelunterricht über ein ganzes Jahr verteilt gegeben. Die Kosten belaufen sich in einem Jahr auf 230 Euro monatlich. Sebastian Stöber
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Die Angst vor den Zahlen

Leipziger Therapiezentrum informiert über Rechenschwäche / Betroffene in Nordsachsen Kreisgebiet. Elf Betroffene aus Nordsachsen sind zurzeit in Leipzig in Therapie. Doch die Gesamtzahl der Kinder, die unter Rechenschwäche leiden, dürfte noch um einiges höher sein. Nicht immer wird das Leiden richtig diagnostiziert, manchem Mädchen oder Jungen, dem geholfen werden könnte, bleibt nur der Weg zur Förderschule. Das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Leipzig will deshalb ab September verstärkt in Nordsachsen auf die Probleme aufmerksam machen. „Wir planen mehrere Informationsveranstaltungen zu diesem Thema“, erklärt der stellvertretende Leiter des ZTR Leipzig, Cornelius Issels: unter anderem am 7. September von 18 bis 21 Uhr in der Aula des Martin-Rinckart-Gymnasiums in Eilenburg am Dr.-Külz-Ring 9 sowie am 8. September zur gleichen Zeit in der Aula des Gymnasiums Delitzsch, Dübener Straße 20. „Rechenschwäche/Dyskalkulie: Symptome, Diagnose und Therapieansätze“, lautet die Überschrift. Das Therapiezentrum, das deutschlandweit vertreten ist, beschäftigt sich in der Messestadt seit nunmehr zehn Jahren mit dem Thema. Soeben wurde vor Ort das Jubiläum gefeiert. Behandelt werden im Durchschnitt rund 120 Therapiefälle gleichzeitig. Eine Behandlung kann bis zu zweieinhalb Jahre dauern, die Erfolgsquote liegt laut Einrichtungsleiter Olaf Steffen bei etwa 90 Prozent. Für eine 45-minütige Therapie einmal in der Woche – einschließlich Elterngesprächen, Kooperation mit der Schule oder dem Jugendamt – werden im Monat 230 Euro fällig. Viele Betroffene haben Anspruch, dass die Therapie vom Jugendamt oder der Arbeitsagentur bezahlt wird. „Rechenschwäche, die nicht behandelt wird, kann zur Leidensodyssee für die Betroffenen werden, die ihr ganzes Leben beeinflussen kann“, so der promovierte Therapeut Steffen. Laut einer Studie der Universität Paderborn, sagt er, seien 25 Prozent aller Grundschüler von Dyskalkulie betroffen. Sichtbar werde das in der Regel von der zweiten Klasse an, sobald im Matheunterricht zweistellige Zahlen behandelt werden. „Wer in der Grundschule nicht Rechnen lernt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Dauerarbeitslose von morgen.“ Typisch ist seiner Ansicht nach Folgendes: Die Kinder werden gedrängt zu üben. Und zwar etwas, was sie nicht grundlegend verstanden haben. Es beginnt mit schulischem Förderunterricht, parallel geht es zu Hause weiter. Oftmals steigert das die Angst vor Mathe noch. Die Kinder werden gezwungen, mit Scheinrechenverfahren ein Ergebnis zu produzieren. „Das kann zu keinem Erfolg führen, oft werden die Kinder dann einfach auf die Förderschule abgeschoben“, so Steffen. Solche Beispiele kennt Psychologin Antje-Katrin Schumann zuhauf. „Die Kinder leben in Angst, zu versagen.“ Deshalb müsse die Therapie dort ansetzen, wo es den Verständnisbruch gegeben habe. Schließlich baue ein Lernabschnitt auf den anderen auf. Betroffene von Dyskalkulie sind aber auch Erwachsene, die sich – ähnlich wie Analphabeten – jahrelang durchs Schulsystem gemogelt haben. „Viele haben keine Wertvorstellungen, wissen nicht, wie viel Geld sie für den Einkauf brauchen“, so Schumann. Im Leipziger ZTR wird darüber nachgedacht, auch in Nordsachsen eine feste Anlaufstelle für Therapien zu schaffen. Auf diese Weise bliebe Betroffenen aus dieser Region der Weg bis nach Leipzig erspart. „Allerdings beginnt das erst ab 15 Fällen Sinn zu machen“, erläutert Cornelius Issels. Gut möglich, dass diese Zahl nach den Informationsabenden nächste Woche rasch erreicht wird. Kay Würker und Mathias Orbeck
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Die Qual mit Zahlen

Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche feiert 10. Geburtstag Gute Leistungen in anderen Fächern, schlechte in Mathe. Obwohl ihre Noten sonst ansprechend oder akzeptabel sind, können viele Kinder die einfachsten Rechenaufgaben nur mit sturem Abzählen lösen. Oder sie versuchen, Rechenaufgaben wie Gedichte auswendig zu lernen. Dieses Phänomen wird Dyskalkulie (Rechenschwäche) genannt und muss therapiert werden. Beispielsweise im Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in der Kreuzstraße 3b, das dieser Tage seinen 10. Geburtstag begeht. „Rechenschwäche, die nicht behandelt wird, kann zur Leidensodyssee für die Betroffenen werden, die ihr ganzes Leben beeinflussen kann“, so der promovierte Therapeut Olaf Steffen. Laut einer Studie der Universität Paderborn, sagt er, seien 25 Prozent aller Grundschüler von Dyskalkulie betroffen. Sichtbar werde das in der Regel von der zweiten Klasse an, sobald im Matheunterricht zweistellige Zahlen behandelt werden. „Wer in der Grundschule nicht Rechnen lernt, ist mit hoher ‚Wahrscheinlichkeit der Dauerarbeitslose von morgen.“ Typisch ist seiner Ansicht nach Folgendes: Die Kinder werden gedrängt zu üben. Und zwar etwas, was sie nicht grundlegend verstanden haben. Es beginnt mit schulischem Förderunterricht, parallel geht es zu Hause weiter. Oftmals steigert das die Angst vor Mathe noch. Die Kinder werden gezwungen, mit Scheinrechenverfahren ein Ergebnis zu produzieren. „Das kann zu keinem Erfolg führen, oft werden die Kinder dann einfach auf die Förderschule abgeschoben“, so Steffen. Solche Beispiele kennt Psychologin Antje-Katrin Schumann zuhauf. „Die Kinder leben regelrecht in Angst, zu versagen.“ Deshalb müsse die Therapie dort ansetzen, wo es den Verständnisbruch gegeben habe. Schließlich baue ein Lernabschnitt auf dem anderen auf. Psychologin Schumann erzählt von Manuela, die bereits in der ersten Klasse Mengen nicht ordnen konnte. Sie wusste nicht, ob eine Drei mehr oder weniger als eine Vier ist. Die Lehrer ließen sie das Schuljahr wiederholen, später wurde eine Lese- und Rechtschreibschwäche diagnostiziert. Dank professioneller Hilfe sei sie nun aber über dem Berg, hat nach sechs Jahren die Mittelschule-Empfehlung geschafft. „Jetzt macht sie einen selbstbewussten Eindruck.“ Betroffene von Dyskalkulie sind aber auch Erwachsene, die sich – ähnlich wie Analphabeten – jahrelang durchs Schulsystem gemogelt haben. „Viele haben keine Wertvorstellungen, wissen nicht, wie viel Geld sie für den Einkauf brauchen“, so Schumann. Das ZTR behandelt im Durchschnitt 120 Therapiefälle gleichzeitig. Eine Behandlung kann bis zu zweieinhalb Jahre dauern. Die Erfolgsquote liegt laut Steffen bei etwa 90 Prozent. Für eine 45-minütige Therapie einmal in der Woche, einschließlich Elterngespräche, Kooperation mit der Schule oder dem Jugendamt, werden im Monat 230 Euro fällig. Viele Betroffene haben Anspruch, dass die Therapie vom Jugendamt oder der Arbeitsagentur bezahlt wird. Mathias Orbeck
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Jenseits des Zahlenstrahls

Mindestens fünf Prozent der Schüler haben eine Rechenschwäche – durch besseren Unterricht wäre das vermeidbar, sagen Experten Das Schiff ist 20 Meter lang und 5 Meter breit. Wie alt ist der Kapitän? Natürlich eine Scherzfrage, doch Klara beginnt sogleich zu rechnen: 20+5= 25 Jahre, ganz klar. Denn 20-5=15 muss ja falsch sein – mit 15 kann man schließlich noch keinen Führerschein haben. Was für kardinale Rechner sofort als sinnlose Aufgabe erkennbar wird, ist für ein sogenanntes rechenschwaches Kind wie Klara nur eines von vielen schwer lösbaren Problemen im Umgang mit Zahlen. Psychologische Studien schätzen, dass etwa fünf Prozent aller Schulkinder rechenschwach sind. Mathematik-Fachdidaktiker halten die tatsächliche Zahl der Betroffenen allerdings für mindestens dreimal so hoch. Dyskalkulie, Rechenschwäche, Rechenstörung – es gibt viele Begriffe für das Phänomen. Laut dem Krankheitsindex ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation ist Dyskalkulie als Teilleistungsstörung klassifiziert, die eine Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten bezeichnet, „welche nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine eindeutig unangemessene Beschulung erklärbar ist“. Doch manche Fachleute halten diese Definition für wenig brauchbar, klingt sie doch sehr nach einer Krankheit. Meist ist eine Rechenschwäche aber lediglich die Folge fehlgeleiteter Lernprozesse. „Und wenn es das ist, kann man diese Lernprozesse auch wieder korrigieren“, sagt Michael Gaidoschik, Mathematik-Didaktiker und Chef des Rechenschwäche-Instituts in Wien. Kinder mit Dyskalkulie haben systematische Schwierigkeiten, einen Begriff von basalen mathematischen Konzepten und Operationen zu entwickeln. Sie verfügen über keinen ausgebildeten relationalen Zahlbegriff, für sie sind Zahlen vor allem Wörter in einer Zahlwortreihe und nicht Platzhalter für Mengen. Sie sind oft abhängig von Zählhilfen wie Fingern oder Steinen und können sich von dieser Methode auch weit nach der ersten Klasse nicht lösen. Weil ihnen grundlegende „pränumerische Einsichten“ fehlen und Mathematik sehr hierarchisch aufgebaut ist, verschärfen sich im Verlauf der weiteren Grundschuljahre die Probleme. Eine gute Präventionsarbeit schon im Kindergarten und Früherkennung durch gut ausgebildete Fachlehrer beim Schuleintritt könnte die Entstehung von Rechenschwäche verhindern. Schüler mit dieser Störung sind nicht weniger intelligent als andere, und auch organische Ursachen wurden bisher nicht eindeutig festgestellt. Michael Gaidoschik sieht vielmehr den Mathematikunterricht selbst als eine wesentliche Ursache für die Entstehung von Rechenschwächen. „Das soll keine Schuldzuweisung an Lehrer sein“, beteuert er, „die Mängel liegen im System Schule.“ Es hapert vor allem an der Aus- und Fortbildung der Pädagogen, der Unterrichtsqualität, aber auch an Möglichkeiten der Einzelförderung an Schulen. „Man muss dafür sorgen, dass die Erstklässler-Unterrichtung hochprofessionell wird“, meint auch Rudolf Wieneke, Leiter des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Berlin. „Wenn frühzeitig diagnostiziert wird, kann die Mehrzahl von Rechenschwächen verhindert werden.“ In Deutschland gibt es zwar Fachlehrer für Mathematik auch an Grundschulen, doch allzu oft unterrichten Pädagogen anderer Disziplinen das Fach. Die Schwächen der Lehrerausbildung in Deutschland offenbarte kürzlich die internationale Mathematiklehrer-Studie TEDS-M. Die deutschen Mathe-Lehrer zeigten dabei mit die größten Leistungsunterschiede aller beteiligten Länder. Besonders große Probleme hatten Lehrer ohne Fachstudium in Mathematik. Dagegen schnitten die Grundschullehrer mit Fachstudium im Weltvergleich gut ab. Besonders Bundesländer wie Thüringen und Sachsen-Anhalt, die reine Grundschullehrer ausbilden, konnten dabei punkten. In Berlin sind mittlerweile alle Grundschullehrer, die im Erstklassen-Unterricht Mathematik erteilen, zu einer Weiterbildungsmaßnahme zum Thema Rechenstörungen verpflichtet. Manche Experten meinen aber, dass sich der Mathematikunterricht darüber hinaus ganz grundsätzlich ändern müsste – weg von der Fixierung auf richtige Ergebnisse hin zu den Verstehensprozessen. Schulen haben die Pflicht, für das Verstehen zumindest der grundlegenden arithmetischen Kenntnisse zu sorgen, sehen diese Aufgabe für sich oft aber gar nicht, sagt Wolfram Meyerhöfer von der Universität Paderborn: „Schule ist eine Ausleseinstitution. Sie fühlt sich nicht dafür verantwortlich, dass jeder die Inhalte versteht, sondern dass jedem die Inhalte präsentiert werden.“ Auch Klara hätte ein gut ausgebildeter Mathelehrer so manche Pein ersparen können. Ihre Schwierigkeiten wurden in der Schule – trotz mehrerer Hinweise durch die Eltern – lange nicht ernst genommen. Seit einem Jahr bekommt sie nun eine Lerntherapie an einem Rechenschwäche-Institut. Ihre Probleme in Mathe hat sie mit Hilfe der Therapie überwunden. „Jetzt machen wir aus der Rechenschwäche eine Rechenstärke“, sagt das Mädchen selbstbewusst. Von Elisa Peppel

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