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Aktuelles vom ZTR

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Partnerschaft entwickelt sich zur Herzog-August-Stiftung

RECHENSCHWÄCHE Zetrum zur Therapie gibt es seit neun Jahren in Naumburg. Im September öffnet es eine Außenstelle in Weißenfels. Weg für Betroffene wird kürzer. WEISSENFELS/DROYSSIG - Im September wird das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) ein Büro in Weißenfels eröffnen und zwar in Räumen der Herzog-August-Stiftung. Das bestätigt der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Günther Beese, Vorsitzender des Präsidiums. Damit geht ein Wunsch von Olaf Steffen, der die wissenschaftliche Gesamtleitung des ZTR in Naumburg vor neun Jahren übernommen hat, in Erfüllung. In der Kreisstadt würden viele Schüler auch aus der Region Weißenfels, Hohenmölsen und Zeitz therapiert. Um den Eltern die Fahrten zu ersparen, suchte er nach einer Lösung und hat die Idee bereits in einer Informationsveranstaltung für betroffene Schüler, deren Eltern, Lehrer und Therapeuten im Juni in Weißenfels mitgeteilt. "Das Problem hat eine Tragweite, die den Lebensweg von Kindern vernichten kann." Hans-Günther Beese Herzog-August-Stiftung Rechtsanwalt Matthias Wahl, Mitglied des Präsidiums der Stiftung, wurde darauf aufmerksam, spricht von persönlichen Erfahrungen. Bei seiner eigenen Tochter hat der promovierte Olaf Steffen Rechenschwäche diagnostiziert. Zwar erst in der 11. Klasse, doch die Therapie habe ihr geholfen, sie habe das Abitur bewältigt und darf ihr Berufsleben so gestalten, wie sie es will. Wahl machte Beese auf Steffens Büro-Suche in Weißenfels aufmerksam. Da haben sich zwei gefunden, die die Berufschancen der Schüler aus der Region verbessern wollen. Denn Rechenschwäche, nicht vom Fachmann festgestellt und behandelt, könne zur Leidensodyssee für Kinder und Jugendliche werden, sie jahrelang ein falsches Verständnis für Zahlen entwickeln lassen, das am Ende bis hin zur Berufsunfähigkeit führen kann. Wer Verständnisprobleme mit Mengen, Zahlen und Rechenoperationen vorweist, dem werde oft mangelnde Intelligenz auch von Schulpsychologen zugeschrieben. Viele der Schüler werden an die Förderschulen versetzt. Mit der Rechenschwäche seien ratlose Eltern und auch noch zu viele Lehrer überfordert, meint Steffen. Beese macht darauf aufmerksam, dass, wer keinen Ausbildungsplatz finde, gleich nach Schulende dem Staat auf der Tasche liege. "Das Problem hat eine Tragweite, die den Lebensweg von Kindern vernichten kann", sagt er. 50 Kinder würden zurzeit im ZTR in Naumburg therapiert, von Grundschülern von der zweiten Klasse an bis hin zu Gymnasiasten, sagt Steffen. Mit Unterstützung der Eltern bekommen sie eine Chance. "Doch Einzeltherapie einmal in der Woche kostet Geld", sagt er. Das können Sozialschwache oft nicht aufbringen. Das Jugendamt des Burgenlandkreises sei da ein Ansprechpartner. Die Arbeitsagentur finanziert, wenn es um die Berufsfähigkeit von Auszubildenden geht und Anträge gestellt werden. Doch die Zusammenarbeit zwischen ZTR und Herzog-August-Stiftung wird sich in der Zukunft wohl nicht nur auf die Außenstelle und die dafür zu vereinbarenden Betriebskosten begrenzen. Die Wirtschaftsakademie der Herzog-August-Stiftung arbeite mit Universitäten zusammen. Beese denkt darüber nach, ein Forschungsprojekt zum Thema Rechenschwäche und deren Auswirkungen in Weißenfels anzusiedeln, kann sich eine Dissertationsarbeit für Studenten in Halle dazu vorstellen. Er sieht die methodische Herangehensweise bei der Therapie für Rechenschwäche auch als nützlich an "für Leute, die rechnen können", sie könnte in der Wirtschaftsakademie genutzt werden. Eileens Mathematik-Note hat sich durch die Therapie schon verbessert Eltern bringen Droyßiger Grundschülerin seit einem Jahr einmal nach Naumburg DROYSSIG/MZ – Eileen Kresse genießt die Sommerferien, ist nach den ersten Tagen zu Hause in Droyßig schon gut gebräunt, wirkt ausgeruht. Die Grundschülerin ist mit guten Noten in die vierte Klasse versetzt worden. Auch in Mathematik hat sie sich von einer Drei auf eine Zwei verbessert. Das bedeutet ihr und ihren Eltern Heike und Rico Kresse eine Menge. Denn Eileen hat Rechenschwäche und wird seit einem guten Jahr von Mutter, Vater oder Opa nach Naumburg ins Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche gebracht. „Die Einzeltherapie funktioniert“, sagt die Mutter. Eileen werde dort systematisch gefördert und an den Stoff herangeführt und irgendwann auf dem gleichen Stand im Fach Mathematik sein wie ihre Mitschüler ohne Rechenschwäche. „Solange fahren wir zur Therapie und zahlen das Geld“, sagt Vater Rico, der gelernte Dachdecker. Weil beide Eltern Arbeit haben, wollen sie die Kosten übernehmen und ihrer Tochter die Chance bieten, einen guten Schulabschluss zu erreichen, damit sie den Beruf erlernen kann, den sie will. Dabei werden sie auch von Eileens Lehrerin Christiane Biehl unterstützt. „In der ersten Klasse war alles o.k.“, erzählt Heike Kresse. Im zweiten Schuljahr, als in Mathematik die Multiplikation auf dem Plan stand, begann Eileen mit dem Fingerrechnen. Doch der Mensch hat nur zehn Finger, die reichen nicht lange. Bei den Hausaufgaben habe sie mitbekommen, dass etwas nicht stimmt. Nach einem Elterngespräch in der Droyßiger Grundschule sei Eileen von der Schulpsychologin getestet worden. Die habe die Versetzung an die Lernbehindertenschule empfohlen. Doch das wollten weder die Eltern noch Eileens Lehrerin zulassen, weil das Mädchen in allen anderen Fächern gute Noten hat und eine fleißige Schülerin ist. „Eine Bekannte hat mir vom Zentrum für Rechenschwäche in Naumburg erzählt“, sagt die Mutter. Dort habe der promovierte wissenschaftliche Leiter Olaf Steffen nur eine halbe Stunde gebraucht, um Eileen zu testen und die Rechenschwäche zu diagnostizieren. Dann habe er zwei Stunden mit den Eltern gesprochen und einen Therapieplan ganz speziell für Eileens Probleme entwickelt. Seit März 2009 erhält die Schülerin einmal in der Woche 45 Minuten einen ganz speziellen Therapie-Unterricht in der Kreisstadt. Dort wird ihr das Zahlenverständnis beigebracht. Unterstützt werde sie dabei aber auch in der Grundschule. Eileens Lehrerin hat sie anfangs zu einer Therapiestunde begleitet. Die Kommunikation zwischen der Therapeutin und der Lehrerin funktioniert seit einem Jahr per Heft, damit beide wissen, wie sich die Schülerin entwickelt. Eileen erhält auch Hausaufgaben. Bis sie an den Mathematikstoff herangeführt wird, erhält sie im Unterricht andere und auch weniger Rechenaufgaben als die Mitschüler, wird zudem besonders benotet. Die Mitschüler stört das nicht, bestätigt die Neunjährige, die selbstbewusst auf ihr Zeugnis blickt. Jetzt macht sie Ferien, aber bald geht sie wieder zur Therapie. Von Karin Grossmann
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Anlaufstelle in Weißenfels jetzt geplant

RECHENSCHWÄCHE: Eltern, Schüler, und Lehrer sind in Kulturhaus zur Informationsveranstaltung eingeladen. WEISSENFELS/MZ. Seit neun Jahren gibt es das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) Naumburg-Weißenfels. Es hat seinen Sitz in Naumburg, Markt 14. Dort lassen auch Eltern aus Weißenfels, Zeitz und Hohenmölsen ihre Kinder therapieren, sagt der promovierte Olaf Steffen, der das ZTR wissenschaftlich leitet. Zwar finden Rechenschwäche und ihre Folgen für die Betroffenen und deren Familien im Schulalltag immer noch viel zu wenig Beachtung, sagt er. Doch immer mehr Anfragen von Eltern und auch von Lehrern aus Zeitz und Hohenmölsen seien bei ihm gelandet. Deshalb habe er vor, auch in Weißenfels ein ZTR-Institut zu etablieren, in dem er und seine Mitarbeiter bei betroffenen Schülern Rechenschwäche diagnostizieren, sie beraten und eine individuelle Lerntherapie beginnen können. Weil sich ratlose Eltern und auch Lehrer an ihn gewendet haben, lädt er am Mittwoch, 9. Juni, 18 Uhr, zu einer Informationsveranstaltung ins Kulturhaus der Stadt Weißenfels ein. Im Klubraum in der ersten Etage will er Interessenten aufklären, was Rechenschwäche für betroffene Kinder - das seien nicht nur Grundschüler, sondern auch Sekundarschüler und Gymnasiasten - bedeutet. Berichte aus der Wissenschaft und aus der Praxis zum Thema Rechenschwäche will er weitergeben. "Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben oftmals eine wahre Leidensodyssee hinter sich, bis sie an die richtige Anlaufstelle für Lern- und Verständnisprobleme beim Umgang mit Mengen, Zahlen und Rechenoperationen gelangen", sagt der Wissenschaftler. Bereits in der ersten Schulklasse fallen die Verständnisdefizite im Bereich der Zahlenmathematik auf. Doch das Versagen werde häufig auf mangelnde Intelligenz oder mit fehlendem Willen zum Lernen gleichgestellt. Oft landen Schüler deshalb in der Förderschule. "Dies steht jedoch überwiegend im Gegensatz zu den anderen schulischen Leistungen, wo von Rechenschwäche Betroffene normale bis sehr gute Leistungen erzielen können", erklärt Steffen. Er will aufklären, wie sich das Wissensdefizit, wenn es unerkannt bleibt, auf die Psyche der Kinder, auf Bildungsmöglichkeiten, auf schlechte bis gar keine Schulabschlüsse und mangelhafte Berufsausbildungsfähigkeit auswirken kann. Es müsse herausgefunden werden, wie diese Wissenslücken entstanden seien. Im Anschluss müsse die Förderung genau dort ansetzen. Steffen hat den Jenaer Rechentest entwickelt, mit dem die mathematischen Fehler aus ihrem Grund heraus erklärt werden. Die Diagnostik mit diesem Test ist zur Zeit nur im ZTR Naumburg möglich. Doch der Einzeltest bilde die Grundlage für eine sinnvolle Förderpraxis. Die Informationsveranstaltung in Weißenfels soll eine Orientierung für Betroffene sein, damit meint Steffen Eltern und Schüler. "Die Veranstaltung ist auch als Lehrerfortbildung geeignet", sagt Steffen. Eingeladen sind ebenso Mediziner und Ergotherapeuten der Region. Informationsveranstaltung 9.Juni, 18 Uhr, Kulturhaus Weißenfels. Von Karin Grossmann
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Macht Mathe Spaß?

Paul hasst die Welt der Zahlen – wie kann er einen Weg durch das Zahlenlabyrinth finden? Bei Umfragen nach dem beliebtesten Schulfach dürfte das Fach Mathematik einen der letzten, wenn nicht sogar den allerletzten Platz belegen. Viele Schulkinder mögen das Rechnen in der Schule nicht und die Rechenübungen zu Hause erst recht nicht. Und viele Erwachsene erinnern sich mit Grausen an die langweiligen Mathematikstunden. Warum ist die Mathematik und dabei besonders das Rechnen so unbeliebt? Zwei Gründe fallen dazu ein: Erstens muss man zum Verstehen der Zahlenwelt viel nachdenken und das ist manchmal anstrengend. Besonders anstrengend ist dies, wenn Kinder die Mathematik wie eine Schnipseljagd - nur mit fehlenden Hinweisen – erleben. Das hängt zweitens damit zusammen, dass es vielfach im Schulunterricht Mathematik unklar ist, worauf es beim Rechnenlernen eigentlich ankommt. Folgen wir Paul auf seinem Weg in die Welt der Zahlen: Das richtige Verständnis für Zahlen ist Paul wie allen anderen Menschen nicht in die Wiege gelegt. Es muss erlernt werden. Der Ort dafür ist die Schule, wo sich Paul im ersten Schuljahr die wichtigsten Einsichten in die Welt der Zahlen erarbeiten soll. Nur wenn er hier die Logik der Zahlen und der Rechenoperationen Schritt für Schritt richtig verstehen lernt, kann er die darauf aufbauenden Lerninhalte des weiteren Mathematikunterrichtes begreifen. Gelingt Paul dies nicht, entwickelt er eine Rechenschwäche und findet sich in der Dyskalkulietherapie zum nachholenden mathematischen Lernen wieder. Doch zunächst ist Paul wie alle Kinder wissbegierig. Wie funktioniert das mit den Zahlen? Er möchte wissen, wie viele Bonbons er noch für sich übrig hat, wenn er seinem Freund Peter vier von seinen 13 Bonbons abgibt. In der Schule merkt er schnell, dass es gar nicht so wichtig ist, die vielen Geheimnisse der Zahlenwelt herauszufinden und zu verstehen. Viel wichtiger ist es, wer zuerst ein richtiges Ergebnis in die Klasse rufen kann. Aha, denkt Paul, dann muss ich die ganzen Aufgaben einfach auswendig lernen. So werde ich genauso schnell wie die anderen… Wie Pauls Geschichte weiter geht, bleibt hier offen. Viele werden sich daran erinnern: Mathematik war das Fach, wo es darum ging, die Ergebnisse möglichst schnell auszurechnen. Doch genau das ist nicht der Witz der Zahlenmathematik. Wer die Zahlenwelt verstanden hat, muss nämlich häufig gar nicht rechnen. Wenn Paul die Aufgabe 13–12 erst auszählen muss – vielleicht mit seinen Fingern oder mit Würfelaugenbildern, die er im Kopf bewegt – hat er die Mengenlogik von 12 und 13 nicht verstanden. Bei 13–12 verbietet sich jeder rechnerische Aufwand – für den, der die Logik verstanden hat. Unser schulischer Mathematikunterricht ist viel zu sehr davon geleitet Kinder zu Rechenautomaten zu machen. Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Oder? Mathematisieren heißt, zu wissen, warum bei 13 – 12 nur eins und nichts anderes im Ergebnis stehen darf. Mathematik ist ein Denkwerkzeug zum Begreifen der Welt und kein Wettrennen beim Ausrechnen von Aufgaben. Das Benutzen dieses Denkwerkzeuges beim Umgang mit Mengen, beim Verstehenlernen von Zahlen und ihren Zusammenhängen macht Kindern viel Spaß. Dazu brauchen sie im Kindergarten und in der Schule Erwachsene, die selbst Spaß beim Nutzen ihrer mathematischen Denkwerkzeuge haben und die wissen, worauf es beim Rechnenlernen ankommt. In den Köpfen von Erziehern und Lehrern finden sich viel zu häufig ungenaue oder sogar falsche Vorstellungen davon, was Zahlen sind und wie wir sie verstehen lernen können. Kinder lernen Zahlen nicht dadurch verstehen, dass wir sie dazu ermuntern, statt der Finger jetzt Punkte oder Striche im Kopf zu zählen oder zu bewegen. Kinder lernen Zahlen verstehen, indem Erwachsene mit ihnen darüber nachdenken, sprechen und diskutieren, was Zahlen bedeuten, was sie miteinander zu tun haben und wie sie Pauls Frage nach seinen Bonbons beantworten können. Das mathematische Lernen ist eine Denkschule, zu der wir unsere Kinder einladen sollten – zu Hause, in der Kita und vor allem in der Schule. Dr. Jörg Kwapis Der Autor ist Leiter des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche Potsdam. Er analysiert mathematische Lernprobleme bei Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen.
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Zahlen wie Hieroglyphen

In Halle werden erfolgreich Kinder mit Rechenschwäche behandelt HALLE/MZ - Seit rund einem Jahr grübelt Pia auch nachmittags über Zahlen, die für sie lange wie Hieroglyphen waren: unverständlich. Die Neunjährige arbeitet sich nicht an Hausaufgaben ab, sondern lernt einmal in der Woche in einer Einzeltherapie neu rechnen. Pia leidet unter Dyskalkulie, der Rechenschwäche. "In der Schule war es früher schlimm, ich habe nichts kapiert. Jetzt geht es besser", erzählt das aufgeweckte Mädchen. Doch noch immer ergeben für sie 3 mal 60 mitunter lediglich 18. Oder eine gerade erst ausgetüftelte Lösung muss sie sich wenige Sekunden später wieder ganz neu erarbeiten. Wer nicht rechnen kann, ist dumm oder faul, so lautet das gängige Urteil. Pias Noten aber sind gut, auch in Mathe hat sie immerhin eine Drei auf dem Zeugnis, erzählt sie. Trotz der Rechenschwäche-Diagnose. "Es geht ja hier nicht um Noten, sondern wir trainieren die Fähigkeit, wirklich zu rechnen", sagt Pias Therapeutin Martina Kleymann. Denn die Probleme türmten sich immer mehr auf, wenn die Basis nicht stimme. "Rund ein Viertel der Grundschüler kann nicht verständig rechnen", behauptet Olaf Steffen. Und selbst in den Gymnasien seien in den 7. Klassen zwischen acht und elf Prozent der Schüler betroffen. Steffen ist Geschäftsführer des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Halle. Seit zehn Jahren gibt es die Einrichtung in der Reichardtstraße. Die Dyskalkulie sei ein gesellschaftliches Problem. "Wer unter Rechenschwäche leidet, kann alle Zahlen, er versteht aber nicht ihre Wertigkeiten zueinander. Die Betroffenen lernen stattdessen auswendig und entwickeln Kompensationsstrategien. Etwa das Fingerabzählen", so der Mathematiker. Wenn in der 2. und 3. Klasse die einfache Subtraktion oder Addition nicht funktioniere, wenn Umkehroperationen nicht ausgeführt werden könnten, dann sei Hilfe nötig. Mit einem rund einstündigen anerkannten Test des ZTR könne die Schwäche zuverlässig diagnostiziert werden. "Dyskalkulie ist vollständig therapierbar, einfaches Üben hilft aber gar nichts. Man muss zurückgehen bis zu jener Stelle des mathematischen Lernens, an welcher der Bruch erfolgte. Und dann ganz neu aufbauen", so Steffen. Ein bis zwei Jahre lang wöchentliche "Mathestunden" seien dafür notwendig. Im ZTR werden ständig rund 70 Klienten, zumeist Schüler aus der Region, betreut. Rund 30 Kinder aus Halle bekommen übrigens die rund 3 900 Euro Kosten für die Therapie erstattet. "Das Jugendamt bezahlt das, wenn die Rechenschwäche zu einer seelischen Behinderung der Betroffenen zu führen droht", sagt Tobias Kogge, Halles Sozialdezernent. Fachärzte und Psychotherapeuten beurteilen, ob diese Gefahr besteht. Dies sei häufig der Fall, denn oft genug, so Steffen, "kippen mit der Rechenschwäche die Bildungsbiografien", würden Betroffene zu gesellschaftlichen Außenseitern. Pia hat gute Chancen, dass es nicht so weit kommt: "Mir macht das Rechnen hier wirklich Spaß", sagt sie. Michael Falgowski
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Wenn Zahlen terrorisieren

Deutschlands größte private Rechenschwäche-Spezialeinrichtung hat auch in Erfurt einen Sitz. TA sprach mit ZTR-Institutsleiter Dr. Olaf Steffen. Sind Matheversager einfach nur dumm? Beim Thema Rechenschwäche/Dyskalkulie geht es überhaupt nicht um Intelligenzfragen. Rechenschwache denken und handeln nicht unlogisch. Zumeist tritt das Matheproblem isoliert auf, das heißt, in anderen Schulfächern genügen sie den schulischen Anforderungen beziehungsweise sie sind dort häufig sogar ausgesprochen gut. Ihr Zentrum erforscht Lernprozesse und therapiert Rechenschwächen. Wer wendet sich an Sie? Eltern, deren Kinder Auffälligkeiten beim Erlernen elementarer Rechenfunktionen zeigen. Wir kooperieren aber auch mit Ministerien, Ämtern, Universitäten, Schulen und anderen Institutionen. Häufig beauftragen uns Jugendämter, Rechenschwächetherapien durchzuführen, um seelische und sozial-integrative Störungen präventiv zu vermeiden. Welche Symptome werden Ihnen dabei in der Regel geschildert? Häufig ist das ein Cocktail aus Problemen: Verzweiflung beim täglichen Üben, weil das Kind scheinbar Gelerntes ständig wieder vergisst, angespannte Familienverhältnisse, weil das ausufernde tägliche Üben zu Weinen beziehungsweise Aggressionen führt und das Kind alles vermeidet, was mit Zahlen zu tun hat. Es entwickelt kein Mengenverständnis, kann sich die sogenannten Grundaufgaben nur sehr eingeschränkt merken, produziert daher Ergebnisse ständig nur auf mechanische Weise - nämlich durch Abzählen an den Fingern – und bemerkt gar nicht die dabei teilweise entstehenden absurden Ergebnisse, die durch vergessene Zahlen zustande kommen können. Und der Umgang mit Geld oder mit der Uhr beispielsweise gelingt einfach nicht. Woher rühren derartige Defizite nach Ihren Erfahrungen? All diese Symptome gehen zurück auf ein Problem, das bereits in der ersten Klasse entstanden ist: Das Kind hat kein Zahlenverständnis entwickelt, es denkt Zahlen nicht als Repräsentanten abstrakter Mengen. Das verhindert letztlich, dass das Kind rechnen lernt. Wer nicht weiß, welche Zahl sich aus 3 und 6 zusammensetzt, kann die Rechenaufgabe 3+6 nicht lösen, er muss zählen. Dieses Wissensdefizit wird als Dyskalkulie oder Rechenschwäche bezeichnet. Wie können Sie helfen? Mit dem Jenaer Rechentest, einem vom Zentrum zur Therapie von Rechenschwäche (ZTR) entwickelten Testverfahren, bestimmen wir das Wissensdefizit und können auf dieser Grundlage eine individuelle und problemorientierte Therapie planen und angehen. In welchem Alter kommen die Kinder zu Ihnen? Da eine unbehandelte oder falsch behandelte Rechenschwäche zur Konsequenz hat, dass sowohl die Schullaufbahn als auch die Berufsbefähigung extrem bedroht sind, werden uns Schüler aller Altersklassen vorgestellt. Es melden sich auch Erwachsene bei uns, die im Beruf wegen ihrer Rechenprobleme zu scheitern drohen. Die größte Gruppe bilden aber Grundschüler. Ist eine Rechenschwäche womöglich vererbbar? Nein, es handelt sich ja nicht um eine Krankheit. Rechnen muss gelernt werden und ist nicht angeboren. Es handelt sich um eine Kulturfähigkeit und nicht um eine Naturfähigkeit. Wie sollten Eltern damit umgehen, wenn ihr Kind mit Mathematik nicht klar kommt? Mit Mathematik nicht klar zu kommen, beruht in der Regel darauf, dass bestimmte Lerninhalte, die dem jetzigen Lernstoff der Schule vorangegangen sind, noch nicht verstanden worden sind. Dann kann man, auch bei noch so viel Fleiß und richtigen Erklärungen, den aktuellen Stoff nicht verstehen. Die Zahlenmathematik beinhaltet eine hierarchische Gedankenstruktur, die Lerninhalte bauen aufeinander auf, so dass es bei Lernproblemen notwendig ist herauszufinden, an welcher Stelle beim Schüler ein Verständnisbruch erfolgt ist und wo das früheste Nicht-Verstehen liegt. Da setzen wir an. Gespräch: Britta Hinkel

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