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Aktuelles vom ZTR

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Qualen mit Zahlen

Therapeut stellt neue Forschungsergebnisse zu Rechenschwäche vor / Streit mit Jugendamt Für einige Kinder erscheinen Zahlen wie chinesische Schriftzeichen, die für sie keinen Sinn ergeben. Dieses Phänomen wird Dyskalkulie (Rechenschwäche) genannt. Der promovierte Therapeut Olaf Steffen wird am 25. September an der Leipziger Universität ein neues diagnostisches Verfahren vorstellen, wie Betroffenen geholfen werden kann. Derweil gibt er den Kampf gegen die Behörden nicht auf. Seiner Ansicht nach verweigern diese oft die mögliche Hilfe, weil sie die Kosten für eine Therapie sparen wollen. Das wirft er auch dem Jugendamt vor – zum wiederholten Mal. Gute Leistungen in anderen Fächern, schlechte in Mathe. Obwohl ihre Noten in vielen Fächern gut oder akzeptabel sind, können viele Kinder die einfachsten Rechenaufgaben nur mit sturem Abzählen lösen. Oder sie versuchen, Rechenaufgaben wie Gedichte auswendig zu lernen. „Typisch ist Folgendes: Die Kinder werden gedrängt zu üben. Es geht mit schulischem Förderunterricht los, parallel geht es zu Hause weiter. Oftmals steigert das die Angst vor Mathe noch. Helfen kann lediglich eine Therapie, um seelische Schäden zu vermeiden“, sagt Olaf Steffen, der Zentren zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Erfurt, Halle, Leipzig und Naumburg leitet. Wie am besten therapiert werden kann, ist allerdings umstritten, da verschiedene Anbieter unterschiedliche Ansätze haben. „Viele Verfahren haben grundlegende Mängel. Wenn der Rechenweg richtig ist, bedeutet das noch lange nicht, dass die Kinder auch verstanden haben, wie er funktioniert“, behauptet der Therapeut. An der Universität Jena ist nun laut Steffen „ein wissenschaftlicher Durchbruch“ gelungen. Dort wurde ein neues Testverfahren entwickelt und mit Hilfe von Studenten in der Praxis erprobt. Es wird „Jenaer Rechentest“ genannt. „Dieser ist in der Lage, inhaltlich exakt für jeden Schüler zu analysieren, welche Bereiche der Zahlenmathematik er verstanden oder eben nicht verstanden hat“, so Steffen. Erst dadurch könne eine genaue, die individuellen Wissenslücken berücksichtigende Hilfe eingeleitet werden. Das Testverfahren soll am 25. September interessierten Leipziger Ärzten, Lehrern, Therapeuten und Eltern vorgestellt werden. Steffen hofft, dass dann auch die Experten vom Leipziger Jugendamt vorbeischauen, denen er Unkorrektheiten beim Umgang mit Dyskalkulie vorwirft. Das geht auch aus Briefen ans Jugenddezernat hervor, die der LVZ vorliegen. „Wenn die Kompetenz der Schule, die Betroffenen zu fördern, nicht ausreicht, ist die Jugendhilfe dem Gesetz nach verpflichtet, die nötigen Eingliederungshilfen zu bewilligen“, sagt er. Oftmals würden aber die Sozialarbeiter entscheiden, ob eine Hilfe bewilligt wird oder nicht. Diese Erfahrung hat auch Steffi S. gemacht: „Meine Tochter machte immer wieder dieselben Fehler. Ich habe einen Test machen lassen, bei dem Dyskalkulie festgestellt wurde“, erzählt die Grünauerin. „Seit Mai ist sie in Therapie, es geht ihr besser uns sie ist viel selbstbewusster geworden“. Doch die Schule wollte von Dyskalkulie nichts wissen. Das Jugendamt habe einen Antrag auf Beihilfe abgelehnt. „Die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialdienstes sind angehalten, die Angebote allein unter Kostengesichtspunkten zu betrachten“, kritisiert Steffen. Jugendamtsleiter Siegfried Haller weist dies entschieden zurück: „Wir prüfen immer den Einzelfall und entscheiden, welche Hilfe erforderlich und geeignet ist.“ Natürlich müssten die Möglichkeiten des Schulsystems ausgenutzt werden. „Wenn das versagt, gibt es keinen Automatismus, dass die Jugendhilfe einspringen muss.“ Daher werde Fall für Fall geschaut, ob dem betroffenen Kind eine seelische Störung drohe und die Teilhabe an der Gesellschaft gefährdet sei. Liege eine Störung vor, zahle das Amt die vorgeschriebene Eingliederungshilfe. In diesem Jahr betreffe das allein 56 Dyskalkulie-Fälle, die Kosten betragen knapp 300 000 Euro. Haller: „Der Vorwurf ist gegenstandslos.“ Therapeut Steffen hat da so seine Zweifel: „Eltern berichten, dass Sozialarbeiterinnen gegen ihr Wunsch- und Wahlrecht verstoßen. Eben auf das kostengünstigste Angebot orientieren, ohne auf fachliche Qualitätskriterien zu achten.“ Haller nimmt’s gelassen: „Wer die Diagnose erstellt, kann nicht gleichzeitig die Therapie übernehmen.“ Mathias Orbeck
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Rechnen bleibt stures Abzählen

Teilleistungsstörung Dyskalkulie oft spät oder gar nicht erkannt – Zentrum informiert Chemnitz. Dyskalkulie oder Arithmasthenie lauten die Fachbegriffe für die Teilleistungsstörung der Rechenschwäche, von der nach einer Untersuchung der Universität Jena etwa ein Viertel der Grundschüler betroffen waren. Erkannt wird diese jedoch oft erst im fortgeschrittenen Schulalter, da das Vorliegen einer Rechenschwäche sich gerade in der Grundschule nicht unbedingt in den Zensuren widerspiegeln muss. Kompensationsstrategien wie das Zählen mit Hilfe der Finger, das Auswendiglernen von Regeln und Aufgaben und das mechanische Anwenden zum Beispiel der schriftlichen Rechenverfahren ermöglichen den Kindern in der Grundschulzeit oft noch einige „Erfolge“. Ist jedoch kein Verständnis für grundlegende mathematische Einsichten vorhanden, so versagen die Kompensationsstrategien mit anspruchsvoller werdenden Aufgaben in der Mittelschule mehr und mehr, weiß Steffen Krusche, Leiter des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche in Chemnitz. Rechenschwache Kinder und Jugendliche stoßen mit ihrem Problem häufig auf Unverständnis und werden für faul, dumm, lernunwillig und unkonzentriert gehalten. Entsprechend falsch wird auf ihre Lernstörung reagiert. „Eine Rechenschwäche wächst sich nicht aus. Zusätzliches Üben und Nachhilfe muss scheitern, da der Betroffene hier nur zum Einüben von Unverstandenem angehalten wird, so Steffen Krusche. Er nennt typische Anzeichen, die eine Rechenschwäche vermuten lassen. Auffällig sind: Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen; Rechnen bleibt stures Abzählen; es wird auch da gezählt, wo Zählen sich erübrigt (nach 7+8=15 wird 7+9 erneut ausgezählt; dekadische Transferleistungen sind nicht möglich (3+4=7, 13+4 wird neu durchgezählt); Rechenarten werden verwechselt; an die Stelle des stupiden Zählens tritt häufig das begriffslose, rein mechanische Rechnen, auch da wo sich die Mechanik logisch „verbietet“ (13–12 wird gerechnet als 10–10=0, 3–2=1); bei Textaufgaben zeigt sich völliges Unverständnis; der rechnerische und praktische Umgang mit Größen (Strecken, Gewicht, Geld, Zeit) gelingt nicht. Die Auswirkungen einer Rechenschwäche auf die Bildungs- und Berufschancen und damit auf die Lebenschancen der Betroffenen sind gravierend. Das Versagen in einem solch zentralen Lernbereich verursacht bei den betroffenen Schulkindern meist eine Orientierung an den eigenen Misserfolgen. Es folgen häufig Lernverweigerungen, Schulangst und Schulunlust sowie soziale Rückzugstendenzen. Der Entzug von Lebenschancen ist nicht selten eine der Konsequenzen einer unbehandelten Rechenschwäche. Dabei kann diese durch eine spezielle qualitative Diagnose- sowie lerngegenstandsorientierte Therapieform, nachhaltig beseitigt werden. (SW) Weitere Informationen Zu diesem Thema bietet das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) Chemnitz am Samstag ab 9.30 Uhr in den Räumen am Zöllnerplatz 10 Tipps und Informationen. 10 Uhr wird es zum Thema: „Woran erkennt man eine Rechenschwäche und was kann man tun?“ einen Vortrag geben. Für Betroffene bzw. Eltern besteht die Möglichkeit zur Vereinbarung von Testterminen sowie zur individuellen Beratung über Behandlungsmöglichkeiten und Erfolgsaussichten. Kontakt: ZTR Chemnitz, Zöllnerplatz 10, 09111 Chemnitz, Telefon 0371 4331215, Fax 0371 4331216; E-Mail: chemnitz@ztr-rechenschwaeche.de; Internet: www.ztr-rechenschwaeche.de
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Mathematische Analphabeten

Testzentrum für Rechenschwäche in Jena ist bedroht - dabei sind 25 Prozent der Schüler betroffen Das bundesweit erste Testzentrum zur Erforschung der Rechenschwäche muss wohl ein Jahr nach dem Start schließen. Schüler mit Dyskalkulie sind damit weiter vom guten Willen der Schulämter abhängig. Für Christina Werner war die Diagnose eine Erleichterung. Denn sie sieht ihre Tochter Sophia nach Jahren der pädagogischen Irrfahrt nun auf einem guten Weg. Ich war entsetzt, erinnert sich die Erfurterin, als in der zweiten Klasse bei Mathematik nichts im Kopf hängen blieb. Die Betriebswirtin war selbst ein Mathe-Ass. Dass Sophia an Dyskalkulie leidet, also Rechenschwäche, kam Frau Werner nicht in den Sinn. So wurde Sophia auf die Förderschule geschickt, bis in der fünften Klasse wieder Chaos in Mathe herrschte. Erst ein Test am Zentrum für Rechenschwäche Erfurt legte Sophias Leiden offen. Dr. Olaf Steffen, wissenschaftlicher Leiter dieses Privatinstitutes, kennt derartige Biografien seit langem: Es existiert kein vollständiger kardinaler Zahlenbegriff. Die Schüler verstünden es nicht, Mengen abstrakt zu benutzen. Zum Beginn der Schulzeit ließe sich das vertuschen. Aufgaben werden wie Gedichte auswendig gelernt, oder mit Fingern gerechnet. Die Schüler agieren als begriffslose Mechaniker, da nach Schema gerechnet wird, wo es Logik verbietet. Schulkarrieren geraten aus den Fugen, weil Kinder in Sonderschulen abgeschoben werden. Das Lernversagen führt zu körperlichen Beschwerden. Dr. Steffen formuliert es noch härter: Rechenschwäche entsteht im Erstklassen-Unterricht. Erkennt und behandelt man das nicht, werden die Schüler zu mathematischen Analphabeten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind sie die Dauerarbeitslosen von morgen. Um dem Lernversagen vorzubeugen, ist vor einem Jahr an der Universität Jena das bundesweit erste Testzentrum zur Erforschung der Rechenschwäche eingerichtet worden. Pro Semester wurden bis zu 60 Thüringer getestet. Über 95 Prozent können nicht richtig rechnen, berichtet Dr. Steffen, der als Lehrbeauftragter die freiwilligen Tests betreut. Diese Zahl klingt dramatisch. Tatsächlich haben viele Probanden ein derartiges Ergebnis erwartet. Wie verbreitet die Dyskalkulie ist, belegt auch eine Studie Jenaer Studenten. Danach leiden im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt 25 Prozent aller Grundschüler der 4.Klassen unter Rechenschwäche. Doch ausgerechnet das Testzentrum, das in Langzeitstudien Phasen der Lernschwäche erforschen will, ist jetzt gefährdet. Nachdem Prof. Günther Scholz vom Fachbereich Erziehungswissenschaften Ende März in den Ruhestand ging, werde die Kooperation mit dem Zentrum derzeit nicht fortgesetzt; die Stelle sei ausgeschrieben, erklärt eine Universitäts-Sprecherin. Ob ein neuer Professor dieser Forschung verbunden sein wird, sei Spekulation. Wie sehr man bei Dyskalkulie auf den guten Willen der Behörden angewiesen ist, weiß Christina Werner. Dass ihre Tochter Sophia die Integrierte Gesamtschule besuchen kann, verdankt sie einer Ausnahmeregelung des Schulamtes. Dazu bezahlt das Jugendamt die Therapie gegen die Rechenschwäche 230 Euro im Monat. Karsten JAUCH
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Ausgezählt fürs ganze Leben

Wenn das Wertegefühl völlig aus den Fugen gerät, ist der Nullpunkt schnell erreicht. Wie muss sich ein Kind fühlen, wenn es so etwas durchlebt? Und das nur, weil es im Matheunterricht nicht mitkommt, einfach nichts mit der Bedeutung von Zahlen anfangen kann. Das kann doch in unserer zivilisierten und strukturierten Gesellschaft gar nicht möglich sein?! Leider doch. Fälschlicherweise wird Rechenschwäche (im Fachjargon Arithmasthenie/ Dyskalkulie genannt) völlig unterschätzt - geschweige denn überhaupt erkannt. Nachhilfe und üben, üben, nochmals üben heißt es bei Kindern, die keine Mathe-Asse sind. Ohne mit Zahlen umgehen zu können, kommt man heutzutage einfach nicht durch, wird oft als dumm abgestempelt. Nicht selten bedeutet das nicht nur Förderschule, sondern im Endeffekt lebenslange Schwierigkeiten. Fakt ist und bleibt aber, das Hauptfach Mathematik ist in unserem Schulsystem nicht abwählbar. Laut IHK und Berufsschulen ist ohne Rechnen zu beherrschen keine Ausbildung möglich. Das stellt die betroffenen Kinder und ihre Eltern vor ein schier unlösbares Problem. Arbeitslosigkeit ist vorprogrammiert, genau wie die drohende seelische Behinderung. Man vermag kaum in Worte zu fassen, wie es den Einzelnen in seiner Entwicklung hemmt, das ganze Umfeld beeinflusst. Rechenschwäche: Was bedeutet das? Dr. Olaf Steffen ist wissenschaftlicher Leiter im Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR). Er kämpft seit Jahren, verstärkt auch auf politischer Ebene, um Einsicht. Denn hier besteht dringender Handlungsbedarf. Keinesfalls krankhafte Zustände sind Schuld, obwohl die Mehrzahl der Kinder zu allererst beim Arzt landet. Denn da kann ja irgendetwas nicht stimmen. Für uns definiert er die Problematik: „Rechenschwäche ist ein systematisches Lernversagen beim Erwerb der arithmetischen Grundkenntnisse". An irgendeiner Stelle im Lernprozess liegt ein Bruch vor. Wodurch? Das kann nach Angaben des Experten ganz unterschiedliche Ursachen haben. In erster Linie krankt es aber im Schulsystem. Auch emotionale Erlebnisse, wenn sich Eltern z.B. trennen oder soziale Aspekte wie Armut in der Familie können eine Rolle spielen. Momentan wird in einer Studie der Charité Berlin erarbeitet, ob Erkrankungen im Zusammenhang mit Rechenschwäche stehen. Bisher gibt es dazu keine Annahme. Das heißt im Klartext: Rechnen ist für Betroffene der reinste Blindflug. Im Grunde haben sie keine Ahnung von Zahlen und Mengenverhältnissen. Bei den scherzhaften Fragen, ob ein 12-Meter langes Schiff in den Therapieraum passe und wie alt der Kapitän wohl sei, gerieten die Kinder wie bei einer Prüfung ins Schwitzen. „Sie entwickeln eine ganz eigene Logik, meist hochkomplexe lineare Vorstellung. Im Prinzip können sie die Grundrechenarten und Zahlenkombinationen auswendig", erklärt Dr. Steffen weiter. Man erkennt von Rechenschwäche betroffene Kinder an vielerlei Symptomen. Ein ganz vordergründiges Anzeichen ist beispielsweise das ständige Zählen mit den Fingern. Außerdem ist zu beobachten, dass jegliche schlüssige Folgerungen ausbleiben, keine Vorstellungen von Raum und Zeit rechnerisch dargelegt werden können. Ein ganzer Katalog an Anzeichen hilft Eltern, Lehrern und auch Ärzten Rechenschwäche zu erkennen. Wie viel ist 100 minus 99? Kaum vorstellbar, aber diese Aufgabe kann zur blanken Qual für Kinder mit Rechenschwäche werden. „Das Ergebnis zählen sie mühsam aus. Bei einer ähnlichen Aufgabenstellung mit logischem Zusammenhang wiederholen sie das wieder, zum Beispiel 100-2", schildert Dr. Steffen seine Erfahrungen. Noch erschreckender wirkt die Bilanz einer empirischen Untersuchung im Auftrag des ZTR: Demnach können 25% aller Grundschüler in Mitteldeutschland nicht rechnen. Da läuten die Alarmglocken, meint man. Das Dilemma beginnt in der Grundschule und endet häufig im Rechtsstreit. Es wäre nun ganz einfach zu sagen: Zum Erlernen fundamentaler mathematischer Kenntnisse ist die Schule, sind Lehrer da. Gerade das scheint aber der Ausgangspunkt und gleichzeitig auch die Endstation des Übels zu sein. Der Lehrplan im Grundschulalter schreibt vor, das Rechnen von Grund auf zu lehren. Es ist aber auch Realität, dass Pädagogen befähigte Kinder für das Gymnasium „aussieben" müssen. Hingegen sitzen die Schüler mit Rechenschwäche unter dem schulischen Druck vor einem riesigen Berg von unverständlichen Zahlen, haben keinen Begriff von Mengen und sind bereits schon „ausgezählt". Vergeblich suchen Betroffene, die merken, dass da etwas nicht stimmt nach einem Rettungsanker. Hilfe und Vertrauenspersonen finden sie jedoch nicht in Lehrern oder Ärzten. Diese leisten zumeist gut gemeinte, dennoch aber falsche Unterstützung. Oft bleibt nur eine jahrelange Tortur zum Leidwesen des betroffenen Kindes bis zur qualifizierten Diagnostik der Rechenschwäche. Ein weiterer Aspekt mischt sich nun in das Dilemma, der nicht von der Hand zu weisen ist. Wurde Rechenschwäche durch Experten festgestellt, sind die Erziehungsberechtigten in der Regel finanziell persönlich verantwortlich. „Jugendämter sowie Krankenkassen verwehren Hilfen gern bei entsprechenden Anträgen. Therapien müssen nicht selten vor Gericht erkämpft werden", bedauert Dr. Steffen die Lage und zeigt auch hierzu ein Beispiel auf. Erst kürzlich habe demnach eine Mutti aus dem Leipziger Land durch nachgewiesene seelische Behinderung ihres Kindes die Kosten für therapeutische Maßnahmen verweigert bekommen. Ein Gegengutachten des Gesundheitsamtes minderte den Grad der Betroffenheit. Nach unzähligen Streitereien vor Gericht, alarmierte die Frau die Presse. Erst dann wurde ihr Antrag genehmigt. Im Geschäftsbericht des Jugendamtes der Stadt Leipzig (2004) ist eine Passage zum Umgang mit Rechenschwäche zu finden. Darin heißt es: „Prinzipiell hat die Schule für die gesamtschulische Förderung von Schülern mit entsprechendem Bedarf die Verantwortung zu tragen. Da die Förderung der Teilleistungsschwäche Dyskalkulie in der Verwaltungsvorschrift nicht explizit benannt ist, aber der Bedarf bei den Schülern ebenfalls hoch ist, sollte diese Förderung ebenfalls durch die Schule ermöglicht werden." Wie soll das funktionieren, wenn Pädagogen das gar nicht leisten können? Wie sich Eltern verhalten können und womit Experten reagieren … Es scheint, als wären Schüler wie Eltern unserem Schulsystem hilflos ausgeliefert. Doch durch Aufklärung über Dyskalkulie lässt sich zunächst ein großer Schritt in die richtige Richtung machen. Beobachten, Symptome richtig deuten, nachdrücklich Lehrer und andere Eltern aufmerksam machen, sind wichtige Aufgaben hierbei. Und vor allem die betroffenen Kinder verstehen und unterstützen. Trifft ein Großteil der erwähnten Anzeichen zu, nutzen Sie rechtzeitig die Diagnose- und Therapiemöglichkeiten. Scheuen Sie den Weg zu und den Kampf mit Behörden nicht. Setzen Sie zum Wohle Ihres Kindes alle Hebel in Bewegung. Nehmen Sie die Unterstützung durch Experten an. Geben Sie Ihrem Kind das Gefühl, nicht dumm oder abgeschrieben zu sein. Das motiviert es, offen mit der Schwäche umzugehen und es selbst zu schaffen. Hinterfragen Sie Urteile von Lehrern und Ärzten zu diesem Thema kritisch. Tauschen Sie Ihre Beobachtungen mit Ihnen aus. Vorbeugend ist es wichtig, mathematische Ansätze den Kindern zu erklären. So entwickeln sie fast wie von selbst das Verständnis für Zahlen und deren Verhältnisse. Spielerisch kann man bereits im Kindergartenalter Mengenangaben in den Alltag einbauen, natürlich ohne zu übertreiben. So könnte der Kuchen in Stücke aufgeteilt oder Interesse für unterschiedliche Mengen beim Einkaufen sowie Bezahlen beim Kind geweckt werden. Dr. Steffen und sein Team vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche gehen aktiv vor, um den Kindern zu helfen und die Verantwortlichen dem Problem zu stellen. Weiterbildungsangebote für Pädagogen und Ärzte sowie offene Briefe an das Kultusministerium und an die Jugendämter sind nur einige Maßnahmen. Langfristig möchte man an der Universität Jena einen Lehrstuhl zur Thematik errichten. Schon heute forschen und lehren die Fachleute hier vor Ort. Vielleicht ist der Weg zum Ziel, dass zukünftig alle Schüler rechnen können, mathematisch vergleichbar? Dann bleibt die Aufgabe für Politik, Wissenschaft und Bildung bald ein positives Ergebnis zu erzielen. Die Lösung liegt bereits durch die Arbeit und das Engagement zahlreicher Initiativen und Zentren vor. Um wirklich helfen zu können, müssen jedoch alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Alarmzeichen für Eltern und Lehrer, die auf Rechenschwäche von Kindern deuten: - mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen - Rechnen bleibt stures Abzählen - es wird auch da gezählt, wo es sich eigentlich erübrigt (nach 7+8=15 wird 7+9 erneut ausgezählt) - dekadische Transferleistungen sind nicht möglich (3+4=7; 13+4 wird neu „durchgezählt") - alle aus der Logik des Zahlenaufbaus und dem Zusammenhang der Operationen sich ergebenden Rechenerleichterungen bleiben systematisch ungenutzt (3+4=7; 7-4 wird neu abgezählt) - an die Stelle des stupiden Zählens tritt häufig das begrifflose, rein mechanische Rechnen - auch da, wo sich die Mechanik logisch „verbietet" (13-12 wird gerechnet als 10-10=0; 3-2=1) - Rechenarten werden verwechselt - an Stelle der Operationslogik treten subjektive Rechenregeln (10+10=200) - Zahlendreher/Zahlenreversionen (24 statt 42) permanente Missachtung der Stellewerte (30+25=82) - Multiplikationsreihen werden begrifflos wie ein Gedicht aufgesagt (9x9=81; 8x9=72; 81-9 muss neu abgezählt werden - offensichtlich falsche Lösungen werden nicht erkannt, häufige Produktion von „Traumergebnissen" (200:2=1) - analytische Aufgaben können nicht gelöst werden (x-4=6) - bei Textaufgaben zeigt sich völliges Unverständnis - der rechnerische und praktische Umgang mit Größen (Strecken, Geld, Zeit) gelingt nicht - das räumliche und/oder zeitliche Vorstellungsvermögen ist nicht altersgemäß entwickelt - es können Lernblockaden und psychosomatische Störungen aller Art auftreten Durch entsprechende Therapien ist Rechenschwäche zu weit über 90 Prozent heilbar, allerdings nicht von heute auf morgen: Es gibt also Hoffnung durch Förder- und Verlaufsdiagnostik. 100 bis 120 Stunden sind über ca. 2 bis 3 Jahre nötig, um Rechenschwäche zu heilen. Einmal pro Woche jeweils eine Stunde dauert eine Sitzung. Voraussetzung dafür ist, dass sie durch eine qualitative Diagnose von Experten festgestellt wurde. Das ist wichtig, um mit der Therapie an der Lernausgangslage des Kindes ansetzen zu können. Gezielt werden Veranschaulichungsmaterialien und spezielle Arbeitsblätter genutzt. Dabei beobachten Therapeut und auch Eltern das Lösungsverhalten. Wissensfortschritte wirken motivierend und bauen Angst vor Mathematik schrittweise ab. Selbstverständlich führt auch Vertrauen zum gewünschten Lernerfolg. Gelingt dies, hat das Kind wieder Anschluss im Matheunterricht wie seine Mitschüler. Ist es bereit, dass Gelernte in der Schule anzuwenden kann es unter Umständen sogar zu den Besten gehören.
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Keine Panik vor den Zahlen

Zentrum zur Rechenschwäche-Therapie stellt in Jena Uniprojekt für Testcenter vor Die Friedrich-Schiller-Universität Jena, Fakultät Erziehungswissenschaften, und das Zentrum zur Therapie für Rechen- schwäche (ZTR) mit Sitz in Gera, Jena und Altenburg planen die Einrichtung eines Testcenters für Dyskalkulie (Rechenschwäche). Am 2. März, so ZTR-Institutsleiterin Karina Heyber, wird das Projekt interessierten Eltern, Pädagogen, Ärzten ab 18 Uhr im Hörsaal 9 der FSU Jena, Carl-Zeiss-Str.3, vorgestellt. Ab Oktober 2006 soll das Testcenter mit kostenlosen Dyskalkuliediagnosen für Forschung und Ausbildung funktionieren. Was siehst du, wenn du rechnest?, fragt Mathematiklehrerin und Therapeutin Karina Heyber den vor ihr sitzenden Jungen. Finger, antwortet Felix, der eigentlich seinem Namen nach glücklich sein sollte, aber unglücklich ist wegen seiner Mathe-Probleme. Das ZTR, das es seit 15 Jahren in Deutschland gibt, konnte in den letzten zwei Jahren seit seiner Gründung in Ostthüringen etwa 50 Kindern helfen. An 20 Ostthüringer Schulen unterstützten wir Pädagogen, mehrfach haben wir Vorträge am Lehrerfortbildungsinstitut Bad Berka (Thillm) gehalten, viele Elternabende mit Selbsthilfegruppen durchgeführt, berichtet die Institutsleiterin. Prof. Dr. Günther Scholz, verantwortlich für pädagogische Psychologie am Institut für Erziehungswissenschaften an der Jenaer Universität, freut sich über die Möglichkeit, Forschung und Praxis einander anzunähern: Die Lese-Rechtschreibschwäche wird seit rund 100 Jahren erforscht, die Rechenschwäche als Teilleistungsstörung erst seit 20 bis 30 Jahren. Noch immer kranken wir am Defizit der Antworten aus der Forschung und der tatsächlichen Therapie. Er hofft, dass seine Studenten neueste Forschungsergebnisse in den Praxisalltag einbringen. Es gibt zur Dyskalkulie bereits Magisterarbeiten, eine Dissertation wird fertig. Inwieweit bei den Mädchen und Jungen, die mit der Mathematik hadern, eine ernsthafte psychische Störung oder unzureichende Betreuung in der Schule vorliegt, muss eine gründliche Diagnostik zeigen. Dazu soll das Testcenter eingerichtet und innerhalb der studentischen Ausbildung eine kostenlose Diagnose angeboten werden. Die Zusammenarbeit des ZTR mit der Uni wird sich auch auf die Ursachenforschung der Dyskalkulie richten. Prof. Dr. Bernhard Blanz, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Jena: Ich bin froh, dass die Dyskalkulie mehr Aufmerksamkeit erfährt, denn die Auswirkungen von Spott und Hänseleien, Versagensdruck in der Schule sind enorm. Wir behandeln Kinder und Jugendliche mit Angst- und Minderwertigkeitsgefühlen und Depressionen. Oft entscheidet sich mit einer Fehleinschätzung des Problems die weitere Schul- und Lebenslaufbahn. Deshalb ist eine frühzeitige Diagnose ein guter Weg, Kindern und Eltern zu helfen. Prof. Blanz erwartet, dass durch die Praktika der Psychologiestudenten am ZTR das Problem näher an die Schulen herangetragen wird. Felix habe schon im Kindergarten nicht gern an Gruppenspielen teilgenommen, ungern mit Lego gebaut und widerwillig Fahrradfahren gelernt, erklären seine Eltern, die sein merkwürdiges Verhalten erst jetzt verstehen. Prof. Scholz bestätigt, dass neben der Erziehungseinstellung als eine der Ursachen für Dyskalkulie mangelndes räumliches Vorstellungsvermögen untersucht werde. Alexandra Wagner, die im 5. Semester in Jena Erziehungswissenschaften studiert, will Praxiserfahrung beim Umgang mit den Kindern sammeln und erkunden, wie die Dinge im wirklichen Leben funktionieren. Das Studium von Fachbüchern bringe nicht diese Erkenntnisse wie das unmittelbare Erleben mit einem Dyskalkulie-Kind. Institutsleiterin Karina Heyber kann das nur bestätigen: Eine junge Frau, die seit der 1.Klasse unter Dyskalkulie leidet, zwei Ausbildungen abgebrochen hat, bekam Panikattacken allein beim Anblick von Zahlen. Das wollen wir ihr und anderen ersparen. Nach einer Studie der Universität Jena weisen bereits 25 bis 30 Prozent der Grundschüler Dyskalkuliesymptome auf. Dyskalkulie wird im Katalog der Weltgesundheitsorganisation als Klassifiaktion psychischer Störungen definiert. Bei drohender seelischer Behinderung haben betroffene Kinder nach §35a Abs. SGBVIII Anspruch auf Wiedereingliederungshilfe in Form der Therapiekosten. Während der Studentenpraktika ist die kostenlose Diagnose bis 8. April unter Voranmeldung 036605/90794 möglich. Ansprechpartner bei Problemen: Elterninitiative Thüringen 036461/22587 Kontaktstelle Gera 0365/7106265, Kontaktstelle Altenburg 01759166716 Von OTZ-Redakteurin Elke Lier

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