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Aktuelles vom ZTR

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Kleine Zahlen, große Probleme

Rechenschwäche oder Dyskalkulie tritt auch bei begabten Gymnasiasten auf. Nur eine Lerntherapie schafft Abhilfe Gymnasiasten haben so etwas nicht. Das ist nur Faulheit, Unkonzentriertheit oder einfach mangelnde Begabung. Solche Kinder gehören nicht auf eine höhere Schule.“ Mit diesen Vorurteilen wird Hans-Joachim Lukow, der Leiter des Osnabrücker Zentrums für mathematisches Lernen, oft konfrontiert, wenn es um Dyskalkulie, die sogenannte Rechenschwäche, geht. Rechnen ist eben doch nicht immer nur ein Kinderspiel und die Dyskalkulie heute als „Teilleistungsschwäche“ unter Pädagogen allgemein anerkannt. Rund sechs Prozent der Grundschüler haben mit den grundlegenden Anforderungen der Mathematik Probleme, was aber nichts über ihre sonstigen Begabungen aussagt. Denn selbst Kinder, die in allen anderen Fächern gute Leistungen bringen und auf dem Gymnasium problemlos mitkommen, können unter Dyskalkulie leiden. Lukow, der seine Erfahrungen in zahlreichen Vorträgen und Seminaren weitergibt, weiß, daß rechenschwache Kinder und Jugendliche allein mit ständigem Üben zu Hause nicht weiterkommen. „Wer grundlegende Zusammenhänge nicht verstanden hat, für den sind Mathematikaufgaben eine Katastrophe“, sagt er. Gerade wenn ein Kind sehr lernstark sei, entwickle es im Fach Mathematik durch Fleiß vielfältige – hinderliche – Kompensationsstrategien. Es lernt zum Beispiel vieles auswendig, ohne die Logik der Sache zu erfassen. Gerade überdurchschnittliche Konzentrationsleistungen zeigen diese Kinder, wenn am Ende der Grundschulzeit neben den sonst guten Noten in den anderen Fächern in Mathematik nur ein „befriedigend“ erscheint. Richtige Ergebnisse, passable Noten und die Selbsteinschätzung der betroffenen Schüler – „man kann ja nicht überall gut sein“ – verschleiern bei Grundschülern mit einer Teilleistungsschwäche, wie wenig sie in Wirklichkeit beim Rechnen verstanden haben. Einzelne ausgesprochen auffällige Fehlleistungen der Kinder werden vorschnell als „Blackout“ interpretiert und damit verharmlost. Hier ist Aufklärung in den Schulen erforderlich, denn im Gymnasium erfolgt sonst der Absturz. „Wie in Beton gegossen erscheinen die Fehler-Algorithmen“, erläutert Lukow aus seiner langjährigen Praxiserfahrung. „Kinder, die Aufgaben wie 73 minus 48 oder 48 plus 25 nicht flüssig im Kopf lösen können, müssen im Gymnasium in Mathematik scheitern. Sie haben die Grundrechenarten nicht abgeschlossen und werden diese Probleme ohne gezielte Hilfe nicht mehr los. Hauptproblem für viele dieser Kinder ist, daß die Verknüpfungen von Zahlen und Mengen nicht abgeschlossen wurden und daher Größen und Stellenwerte nicht sicher in Beziehung zueinander gesetzt werden können. Statt zu rechnen, wird, wie im Alphabet, einfach durchgezählt. Wobei Kinder im Gymnasium Meister darin sind, diese Strategie zu verbergen. Der Grundstein für Mathematikfähigkeiten wird nach Ansicht Lukows bereits im frühen Kindesalter gelegt. Schon als Grundschüler können rechenschwache Kinder lange Zeit nicht verstehen, welche Zahl größer und welche kleiner ist – und verlieren darüber den Anschluß. Einfache Aufgaben wie „Was ist mehr, acht Elefanten oder acht Ameisen?“ beantworten die Kinder mit „Die Elefanten natürlich!“ Sie schreiben Ziffern seitenverkehrt und verwechseln Rechenarten. Rechenschwache Kinder benötigen immer wieder Zählhilfen: Finger, Zehen, Stifte, und wenn alles nicht mehr reicht, stellen sie sich Luftfinger vor. „Aus den vielen Anfragen von ratsuchenden Eltern wissen wir, daß Schüler, die Mechanismen wie Auswendiglernen entwickelt haben, sich noch durch die Grundschulzeit durchhangeln, aber spätestens im Gymnasium scheitern“, sagt Jürgen Rösener, Landesvorsitzender der IFRK (Initiative zur Förderung rechenschwacher Kinder e.V.) in Niedersachsen. „Wir geben Hilfestellungen für ratsuchende Eltern. Wichtig ist die Kommunikation zwischen allen Beteiligten, also Eltern, Schule, Behörden, Therapeuten und den Kindern und Jugendlichen. Erst wenn diese Zahnräder ineinandergreifen, kann es zu einer erfolgreichen Hilfe für Kinder mit einer Rechenschwäche kommen.“ Seit November 2005 gibt es in Niedersachsen einen Erlaß des Kultusministeriums, nach dem rechenschwache Kinder frühzeitig gefördert werden sollen. „In Einzelfällen ist die Förderung bis zur zehnten Klasse möglich“, sagt Ludwig Woll, Leiter eines Gymnasiums im Landkreis Osnabrück. „An unserer Schule sind die Mathematiklehrer durch Fortbildungen und Vorträge sensibilisiert, was Dyskalkulie betrifft.“„Da hilft kein Pauken, der Dyskalkulie muß grundlegend abgeholfen werden. Erst durch eine Lerntherapie sind betroffene Schüler in der Lage, Mathematik zu begreifen“, so Lukow. Eine Förderdiagnostik gibt Aufschluß, ob eine Lerntherapie erforderlich ist.
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Licht im Dschungel – Mathematik als Angstfach …

Mathematik als Angstfach, Zahlen als Hieroglyphen. Rechenoperationen als Dschungel, in dem es dunkel ist und fremd. Viele Menschen leiden lebenslang an der Mathematik, weiß Dr. Olaf Steffen vom Zentrum zur Therapie der Ein junger Mann aus der Nähe Weimars erzählt seine Geschichte: Dirk hatte schon in der Schule Probleme mit dem Kopfrechnen. Sie fielen ihm während der Lehre als Einzelhandelskaufmann auf die Füße. Weil er nicht rechnen konnte, durfte er nicht an die Kasse. Er ging ohne Abschluss, wurde später nur für Hilfsarbeiten eingesetzt. Depressionen und Phobien folgten und die Behandlung in einer Tagesklinik. Bei einer Qualifizierungsmaßnahme der Arbeitsagentur sollte er kürzlich ohne Hilfsmittel einfache Aufgaben rechnen. Ich habe wieder total versagt, schreibt der 32-Jährige. Gibt es eine Lösung für mein Problem? Dr. Olaf Steffen vertritt Deutschlands größte Spezialeinrichtung zur Therapie der Rechenschwäche. Sie vereint Mediziner, Psychologen, Sonderpädagogen und Mathematiker ( alle zusätzlich ausgebildet zu Spezialisten für Diagnostik und Therapie der Rechenschwäche. Das ZTR ist mittlerweile in vielen deutschen Großstädten zu finden, seit ein paar Wochen auch in Erfurt. Das fehlende Verständnis für Zahlen und Zahlenoperationen hat objektive und subjektive Ursachen, weiß der Sozialwissenschaftler. Es beginnt beim deutschen Schulsystem, das die Pädagogen frühzeitig zum Differenzieren und Selektieren anhält. So landet manches Kind mit chronischen Mathe-Problemen sehr schnell in der Förderschule. Die Didaktik in Grundschulen lasse zu wünschen übrig. Das Rechnen aber basiere auf Lernschritten, die aufeinander aufbauen ( wer den kardinalen Zahlenbegriff nicht verstehe, der verpasse schon Mitte der ersten Klasse den Anschluss. Nicht selten werde eine unselige Kettenreaktion in Gang gesetzt. Eine Studie der Universität Jena an vier Grundschulen ergab, dass 25 Prozent der Grundschüler nicht verständig rechnen können, so Steffen. Und selbst in Gymnasien seien in den siebenten Klassen zwischen acht und elf Prozent der Schüler betroffen. Dyskalkulie selbst ist keine Krankheit, aber sie macht seelisch krank, wenn sie nicht sachgerecht behandelt wird, verweist der Wissenschaftler auf Schulversagen, vorzeitigen Schulabgang, auf Bildungsabschlüsse unter den realen Möglichkeiten der Kinder, auf Krankheiten oder soziale Desintegration. Wenn nicht sachgerecht geholfen wird, sind das die Arbeitslosenhilfe-Empfänger von morgen. Mehrere Elterninitiativen befassen sich inzwischen mit dem Problem, organisierten sogar Tagungen. Zu ihren Kritikpunkten gehört, dass Schulen Mathe-Probleme oft herunter spielen oder falsche Ratschläge geben. Nachhilfe in der Gruppe von nicht speziell geschulten Lehrern bringe kaum weiter. Noch immer gebe es keine Standards für Lerntherapien. Die Initiativen fordern u. a., den Umgang mit Rechenschwäche zum Ausbildungsbestandteil für Lehrer zu machen. Das sei illusionär, sagt Dr. Steffen. Das Thüringer Kultusministerium hält Dyskalkulie für nicht heilbar, es mangelt sowohl an Ausbildung als auch an Materialien. Steffen ist überzeugt: Der Dyskalkulie kann man nur interdisziplinär beikommen. Je eher sie erkannt wird, desto besser. Wichtig sei, schon in der ersten Klasse vorbeugend zu arbeiten, die Uni Jena habe mit dem ZTR eine spezielle Präventions-Diagnostik entwickelt. Frühzeitig müssten Eltern und Lehrer auf Symptome achten. Bei Rechenschwäche kommt nichts von allein. Auch verstärktes Üben hilft nicht weiter. Auf später zu vertrösten ist absoluter Quatsch. Man müsse auf Symptome achten: Wenn in Klasse 2 oder 3 die einfache Substraktion oder Addition nicht klappt, wenn noch gezählt und nicht abstrahiert wird, wenn Umkehroperationen nicht ausgeführt werden können, dann ist Hilfe nötig. An deren Anfang steht ein Test. Die Mitarbeiter des ZTR, die meist mit medizinischen Einrichtungen zusammenarbeiten - in Berlin mit der Charitè, in Erfurt mit dem Sozialpädiatrischen Zentrum des Helios-Klinikums -, analysieren den Lernstand, erheben auch eine medizinische Biografie, beleuchten soziale Einflüsse und besondere psychische Belastungen des Kindes. Sie erarbeiten für jedes Kind einen individuellen Weg. In mehr als neunzig Prozent der Fälle könne man helfen, allerdings daure der Prozess oft zwei Jahre oder länger. Zur integrierten Lerntherapie gehört unbedingt eine Einzeltherapie für die Kinder, auch Eltern und Schule werden einbezogen. Die Finanzierung kann privat erfolgen ( oder es muss bei Krankenkassen, Jugend- und Sozialämtern ein Antrag auf Kostenübernahme gestellt werden. Eltern können laut Kinder- und Jugendhilfegesetz bei Jugendämtern Hilfe zur Erziehung beantragen für den Fall, dass Schule nicht helfen kann und das Kind von einer seelischen Behinderung bedroht ist, macht Dr. Steffen deutlich. Früherkennung und frühzeitige Therapie seien aber allemal bezahlbarer als eine Lebenskarriere, bei der Versagensängste drohen und die nicht selten in Arbeitslosigkeit münde, argumentiert Dr. Steffen, der Lehrer sensibilisieren und den Kindern konfliktreiche Schulbiografien ersparen möchte. Rechenschwäche müsse kein Lebensproblem sein. Birgit Kummer
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Gar nicht dumm – 65 Kinder werden am Potsdamer Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche unterrichtet

„Wenn es im großen Kinosaal 650 Plätze gibt und im kleinen Kinosaal 90 Plätze, wie viele Plätze gibt es dann insgesamt?“, fragt Steffen Grosse vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) den zehnjährigen Matthias. Kurz überlegt der Junge, dann fragt er schüchtern: „740?“ und schaut seinen Therapeuten für Dyskalkulie (Rechenschwäche) unsicher aus großen blauen Augen an. So richtiges Zutrauen in die eigenen Rechenkünste hat der Viertklässler noch nicht. Doch Grosse bestärkt ihn: „Na klar, ganz richtig! Nun machen wir es etwas schwerer: Wenn im großen Saal schon 380 Leute sitzen und der kleine Saal zur Hälfte besetzt ist, wie viele Karten gibt es dann noch zu kaufen?“ Für einen Augenblick ist es ganz still in dem Raum mit den gelben Wänden und den hellen, schlichten Holzmöbeln. „Hm, ich weiß nicht“, meint Matthias mutlos. Die Aufgabe erscheint ihm viel zu schwierig. Doch so schnell gibt Diplom-Pädagoge Grosse nicht auf. Er weiß, dass er die Komplexität der Aufgabe nun auflösen muss, indem er sie in überschaubare Teilaufgaben gliedert. Darum schlägt er Matthias vor, zuerst den einen und dann den anderen Saal zu betrachten. Und siehe da, schon dieser kleine Denkanstoß hilft. Ohne große Mühe kommt Matthias auf noch 270 freie Plätze im großen Kinosaal. Doch was genau bedeutet, dass der kleine Saal „zur Hälfte“ besetzt ist? Muss man hier subtrahieren oder dividieren? Matthias steht vor einem Rätsel. An dieser Stelle setzt Grosse auf „Mathematik zum Anfassen“. Er holt längliche Holzbausteine hervor, die immer in zehn Abschnitte unterteilt sind. Sechs dieser Bausteine legt er auf den Tisch: „Nimm doch mal die Hälfte der Bausteine weg.“ Problemlos teilt Matthias die Bauklötze und versteht, dass halbieren bedeutet „durch zwei“ zu rechnen. Nun ist die 6 aber auch eine gerade Zahl – da ist das Teilen leicht. Die 9 hingegen ist eine ungerade Zahl, die man in der vierten Klasse noch nicht teilen kann. „90 durch zwei – geht denn das überhaupt?“, wundert sich Matthias. „Na, kannst du denn 60 durch zwei rechnen?, fragt sein Lehrer. „Ja, das ist 30“, antwortet Johannes. „Siehst du, das zeigt uns, dass alle Zehner gerade Zahlen sind, auch die 90. Wie viele Plätze sind dann im kleinen Saal besetzt?“ Schnell kommt Matthias mit diesem Hinweis zur richtigen Lösung: „315 Karten gibt es noch.“ Vor der Tür unterhält sich der Leiter des ZTR, Jörg Kwapis, mit der Mutter von Matthias. Der Erziehungswissenschaftler ist überzeugt, dass Rechenschwäche ein pädagogisches und kein neurologisches Problem ist. Er erklärt Matthias’ Mutter, dass rechenschwache Kinder nicht dümmer seien als ihre Altersgenossen, sondern nur völlig anders denken. In Bezug auf mathematische Prozesse müssen diese Denkmuster möglichst frühzeitig korrigiert werden. Seit mehr als drei Jahren arbeitet Kwapis in Potsdam mit Mathematikern, Psychologen und Pädagogen in einem interdisziplinären Team zusammen, um die Ursachen von Rechenschwäche zu erforschen, Therapien zu entwickeln und durchzuführen. Zur Zeit erhalten 65 Kinder eine Einzelförderung. J.Schoenherr Weitere Informationen unter Tel.: (0331) 550 77 67.
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Rechenschwäche bei einem Drittel der Schüler

Untersuchungen mit Schülern einer Potsdame Gesamtschule / Mängel stammen schon aus Grundschule Rechenschwächen in erheblichem Umfang hat das Potsdamer Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) bei Tests mit Schülern der siebten Klassen einer Potsdamer Gesamtschule festgestellt. Jörg Kwapis, Leiter des ZTR Potsdam, stellte die Ergebnisse gestern im Vorfeld eines Vortrags zur „Prävention von Rechenschwäche im Erstklassen-Unterricht“ an der Universität Potsdam vor. Demnach haben fünf der 79 untersuchten Schüler der Potsdamer Schule, deren Name Kwapis nicht nannte, eine „gravierende Rechenschwäche“. Bei 21 Schülern stellte das ZTR eine „normale Rechenschwäche“ fest. Bei 26 von 79 Schüler, das sind 32,91 Prozent, konstatierte Kwapis demzufolge eine Rechenschwäche. Laut Kwapis sind nach der PISA-Studie die schlechten Rechenleistungen deutscher Schüler wiederholt Gegenstand von Diskussionen, leider mangele es an geeigneten Vorhaben, um den erheblichen Mängeln im elementaren mathematischen Wissen abzuhelfen. Kwapis zufolge stammten die Rechenschwächen bei den untersuchten Siebtklässlern bereits aus der Grundschule. Die Schüler mit Rechenschwächen hätten es nie gelernt, Zahlen als Mengenbeziehungen zu verstehen, sie wüssten, dass die Zahl 7 größer sei als die Zahl 5, weil die 7 nach der 5 komme, nicht jedoch, weil 7 mehr ist als 5. Wenn Schüler mit Rechenschwäche mit einem Zwei-Euro-Stück ein Produkt kaufen, dass 1,99 Euro kostet, wüssten sie nicht, wie viel Geld sie zurück bekommen. Die Addition von 5 und 4 zu 9 erfolge durch Fingerzählen, nicht durch Begreifen des mathematischen Problems. „Der Übergang vom Konkreten zum Abstrakten erfolgt nicht“, so Kwapis. Je früher eine Rechenschwäche erkannt werde, um so kürzer sei die Therapiezeit. „Schön wäre es, wenn eine Rechenschwäche bereits in der ersten Klasse erkannt wird, dann benötigt die Therapie vielleicht nur drei Wochen“, sagte Kwapis. Er kündigte an, mit den Schulbehörden über eine Umstrukturierung des Anfangsunterrichts in Kontakt zu treten. Ziel sei es, Rechenschwäche frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Seiner Ansicht nach kann eine unbehandelte Rechenschwäche zu einer eingeschränkten Alltagstauglichkeit im späteren Leben des Betroffenen führen. gb
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Turbulenzen bei der Eingliederungshilfe

Offener Brief zum Artikel: „Sozialamt zahlt für Millionärskinder“, vom 22.02.2004, Nr. 8/04, Bild am Sonntag Sehr geehrte Redaktion, zur besseren Einschätzung meiner folgenden Bemerkungen zu Ihrem o. a. Artikel erwähne ich zu meiner Person, dass ich wissenschaftlicher Leiter eines Instituts in Halle und Leipzig bin, dass sich ausschließlich mit der Erforschung (u. a. Kooperation mit Charité Berlin, Uni Jena, Uni Leipzig), Diagnostizierung sowie Therapie von Dyskalkulie („Rechenschwäche“) beschäftigt. Ich bin Gutachter zum Thema Dyskalkulie des Sächsischen Landtags und Ausbilder für Bildungsanbieter im Auftrag des Landesarbeitsamts Sachsen. Unsere Institute an den verschiedensten Standorten sind (überwiegend vertragliche) Partner der örtlichen Jugendämter. Es findet im Rahmen dieser Kooperationen ein stetiges Qualitätsmanagement statt. Aus diesen Zusammenhängen ersehen Sie, dass wir gleichsam mitten in der Praxis des § 35a SGB VIII nebst seinen im Sommer 2001 novellierten Ergänzungen im SGB IX stehen. Wenn nunmehr, aufgezogen an einem in der Tat auch mich abschreckenden spektakulären Einzelfall, von Ihren Reportern sogleich die Forderung nach Abschaffung des § 35a erhoben wird, so stellt sich für mich zunächst die Frage, ob die Herrn Deupmann, Keller und Marten tatsächlich wissen, worüber bzw. über welche Zusammenhänge sie eigentlich reden. Inhalt und Intention des Gesetzes, also die Frage, warum und wofür Kinder und Jugendliche Maßnahmen von Krankenkassen, Jugend- und Sozialämtern erhalten, kommen nämlich bezeichnenderweise gleich überhaupt nicht vor. Ich werde angesichts der fachlichen Unkenntnis Ihrer Reporter – so wird behauptet, dass die Diagnose Dyskalkulie auf Basis schlechter Mathenoten erfolgen und dies bereits zur Zahlung von Eingliederungshilfen führen würde – den Eindruck nicht los, dass ein Fernsehbericht von Plus-Minus am 20.02.04 lediglich im journalistisch sehr bedenklichen Schnellverfahren von Ihren Redakteuren aufgearbeitet wurde, um eine Sozialneiddebatte zu inszenieren. Da ich Einblick habe in weit über tausend Dyskalkuliefälle kann ich Ihnen versichern, dass es blanker Unsinn ist, dass diejenigen, die von Jugendämtern finanziert werden, überwiegend den familiären Hintergrund von „Besserverdienern“ aufweisen. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Auch liegt die Jugendamtsquote an Therapiefällen (zumindest bei uns) weit unter 10%. Weiter stellt es sich mir als eine journalistische Unterlassung dar, wenn lediglich auf Grundlage von interessierten Aussagen von Landräten und Stadtkämmerern die Öffentlichkeit unterrichtet wird. Nach meiner Auffassung läuft die BamS damit Gefahr, sich vor den Karren rein finanzpolitisch motivierter Argumentationen von Kommunalpolitikern spannen zu lassen. Denen geht es meiner Erfahrung nach nämlich überhaupt nicht um die sachlichen Notwendigkeiten der Hilfen, sondern lediglich um die Kosten, die sie – egal wie die finanziellen Verhältnisse in den Familien tatsächlich sind – generell weghaben wollen. Dies führt in der Praxis des Gesetzes einerseits zu Schikanierungen und Versuchen der Einflussnahme auf medizinische Diagnosen sowie andererseits bis hin zu Versuchen, dass Bundesgesetz für sich außer Kraft zu erklären. Diese Kostenabwehrmaßnahmen sind es erst, die zu einer Scheidung bei der Antragstellung in erfolglosere „Arme“ und erfolgreichere „Reiche“ führen, wobei ausdrücklich erwähnt werden muss, dass in der Regel diejenigen, die es sich leisten können, Selbstzahler sind, um die notwendigen zusätzlichen kinder- und jugendpsychiatrischen Untersuchungen ihren Kindern zu ersparen. Wer die Linie der puren Kostenabwehr mit nicht repräsentativen Stimmungsbeispielen unterstützt – für die ich Ihnen viele dokumentierte Beispiele vorlegen könnte -, redet letztlich Zuständen wie in „Bananenrepubliken“, in den politisch willkürliche Entscheidungen getroffen werden können, das Wort. Ich möchte Sie auf eine weitere Konsequenz Ihrer mangelhaften Sorgfalt aufmerksam machen. Sie berichten in derselben Ausgabe (nur eine Seite weiter) über die drohenden katastrophalen Auswirkungen der Gesundheitsreform bei Arzthelferinnen und machen damit berechtigterweise auf den Zusammenhang von Leistungsstreichungen der Sozialkassen und steigender Arbeitslosigkeit aufmerksam. Wissen Sie eigentlich, dass Sie mit der Forderung nach Abschaffung des § 35a der Erhöhung der Dauerarbeitslosigkeit das Wort reden? Ich finde es schizophren, wenn Sie gegen die Intention des Gesetzes den Zusammenhang von untherapierter Dyskalkulie und sehr wahrscheinlicher späterer Arbeitslosigkeit durch präventive Intervention zu durchbrechen, Stimmung machen. Diese Argumentation wird auch nicht durch Verweis auf die in der Tat beklagenswerten Haushaltszustände der Städte und Kommunen besser, sie verwandelt sich dadurch vielmehr in eine „Milchmädchenrechnung“. Wenn bei Dyskalkulie nicht fachgerecht geholfen wird – und dies scheitert nicht selten an den beschränkten finanziellen Mitteln der betroffenen Familien -, erlernen diese Kinder und Jugendlichen nicht einmal ein Verständnis für Zahlen und die darauf aufbauende Elementararithmetik. Sie bleiben deshalb dauerhaft unter ihren Bildungsmöglichkeiten, konzentrieren sich völlig unnötig in Lernbehinderten- und Hauptschulen und gehören in hohen Raten zur Gruppe der frühzeitigen Schulabgänger bzw. Scheitern am Schulabschluss. Da ihnen weder in den Schulen noch in berufsvorbereitenden Maßnahmen geholfen werden kann, bleiben sie dauerhaft ohne Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Diese Zusammenhänge kennt das Gesetz ebenso wie die völlig unkalkulierbaren Folgekosten von Existenzen außerhalb der gewünschten Sozialintegration (für berufsvorbereitende Maßnahmen gibt die Arbeitsagentur jährlich weit mehr als 1 Mrd. € aus). Wissen Sie eigentlich, dass die Bild-Zeitung gerade erst vor ein paar Monaten über unser Institut (www.ZTR-Rechenschwaeche.de), unsere Arbeit, deren Sinn und Notwendigkeit berichtet hat? Gebrauch, aber auch Missbrauch sowie Verwendung von Gesetzen gegen ihren Geist liegen in der (geschäftlich organisierten) Praxis häufig eng beieinander. Wie gesagt, Ihr geschildertes Beispiel trifft keinesfalls auf meine Billigung. Gerade deshalb und wegen des sensiblen Bereichs Sozial- und Bildungspolitik bei Kindern und Jugendlichen ist es aber für einen verantwortungsvollen Journalismus umso notwendiger, eine äußerst kenntnisreiche und differenzierte Berichterstattung vorzunehmen. Ich möchte sie daher – eingeschränkt auf den Bereich Dyskalkulie – auf einige wissenschaftliche Grundlagen des § 35a aufmerksam machen: 1. Dyskalkulie ist als psychische Störung durch die WHO in ICD-10, , F81.2 gelistet, hat also evident nichts mit schlechten Zensuren zu tun. Dyskalkulie ist abhängig vom Alter a. die Abwesenheit von Verständnis für Zahlen und Zahloperationen, b. der Versuch zur Kompensation des Nicht-Rechnen-Könnens durch z. B. Zählen, begriffsloses Auswendiglernen etc. und mündet c. wg. Stigmatisierung und Sanktionierung ein in eine psychische bis psychosomatische Sekundärsymptomatik. Rechenschwäche kann durch Krankheiten ausgelöst worden sein und – vor allen Dingen – sie macht krank und stellt die soziale Integrierbarkeit radikal in Frage. 2. Stichprobenartige, aber repräsentative empirische Untersuchungen des ZTR* in verschiedenen Schularten und Klassenstufen haben für Dyskalkulie eine Prävalenz von 20-30% (in Grundschulen) ergeben. In der Tat, Deutschlands Schüler können immer weniger Rechnen (wie ja auch schon PISA gezeigt hat). Hier schließen sich Fragen auch an das Bildungssystem resp. präventiver Maßnahmen an. 3. Ohne fachgerechte Intervention kommt es zu einer Chronifizierung der Dyskalkulie. Die Schulen können nicht oder nur sehr eingeschränkt helfen, da a. spezielle Ausbildungen nötig sind (ZTR-intern: 3 Jahre, supervidiert), b. spezielle didaktische Verfahren erlernt und Materialien zur Anwendung kommen müssen und c. ca. 80 – 120 Std. Einzeltherapie für eine nachhaltige Heilung erforderlich sind. Das sprengt den schulischen Rahmen und sollte das starre Schulsystem sukzessive in die Richtung verändern, dass externe Experten temporär für spezielle Hilfen eingebunden werden können. 4. Einzeltherapeutische Maßnahmen überfordern häufig die finanziellen Möglichkeiten der privaten Haushalte. Erfolgt keine sachgemäße Intervention (mit Hilfe von § 35a bis zum 19. Lebensjahr), ist der Weg ins soziale Abseits irreparabel vorgezeichnet. Die Folgekosten (Gesundheit, Kriminalität etc.) übersteigen bei Weitem diejenigen der Prävention. In diesem Sinne ist der § 35a des SGB VIII/IX außerordentlich sinnvoll und nützlich. Der effektiven Anwendung des Gesetzes wirkt z. Z. im Wesentlichen entgegen, dass die Städte und Kommunen nicht über die notwendigen finanziellen Ausstattungen verfügen. Man versucht unsachgemäß auf Schulen abzuwälzen und übt Druck auf die medizinische Diagnostik aus. All dies zielt einzig auf Vermeidung von Rechtsansprüchen und damit auf Vermeidung von Kosten ab. Die Frage, welche gesellschaftliche Konsequenz es hat, wenn 20-30% der Bürger nicht mehr Rechnen lernen, wird ebenso konsequent vermieden, wie die nach den subjektiven seelischen Folgewirkungen bei den Betroffenen und deren Familien („drohende seelische Behinderung“). Insofern dies ein sehr realer Zusammenhang ist, kann nicht von „Gummiparagraph“ gesprochen werden (Sie übernehmen da die interessierten Formulierungen der Landräte, Stadtbeigeordneten und Jugendamtsleitungen). Allerdings würde ich Ihnen Recht geben, dass dann, wenn der Bund das Gesetz will, auch sichergestellt sein muss, dass seine Umsetzung finanzierbar ist. Diese Argumentationsrichtung vermisse ich aber in Ihrem Artikel. In einer anderen Hinsicht würde ich weitestgehend mit Ihnen konform gegen können, nämlich der Einarbeitung der privaten Einkommen in die Höhe der finanziellen Hilfen durch die Städte und Kommunen. Hier muss jedoch Vorsicht walten bzw. eine Abwägung getroffen werden, denn die jetzige Reglung, nach der im Fall des Falles keine Anrechnung der Einkommen erfolgt, ist kein Fehler, sie folgt vielmehr dem Gesichtspunkt, dass das gesellschaftliche Interesse an Prävention im Zweifelsfall höher steht als im Einzelfall eine private Abwägung zwischen Therapieteilfinanzierung und Anschaffung z. B. eines neuen Autos. Abschließend möchte ich Ihnen das Angebot machen, nach Leipzig zu kommen, um eine fundierte Reportage über das Thema „Eingliederungshilfen bei Rechenschwäche“ zu erarbeiten. Ich könnte Ihnen erfolgreich therapierte Einzelfälle (unsere Erfolgsquote liegt bei über 90%) ebenso vorstellen wie untherapierte und deswegen im späteren Leben gescheiterte Existenzen. In jedem Fall könnten Sie Einblick nehmen, mit Eltern und Kindern über Ge- resp. Missbrauch von § 35a sprechen. Ich bin gespannt, ob Sie den Mut zur (Teil-) Korrektur Ihres tendenziösen Artikels aufbringen werden. Für weitere Nachfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Mit freundlichen Grüßen Dr. Olaf Steffen Wissenschaftlicher Leiter der ZTR-Institute Halle, Leipzig, Markkleeberg und Naumburg Dr. Olaf Steffen Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche – ZTR Üderseestraße 1 10318 Berlin Tel.: 030 - 50 38 29 25 0341 - 26 89 520 0345 – 52 20 572 0171 – 86748667 Fax: 030 – 50 38 29 24 E-Mail: RIOSt@t-online.de www.ZTR-Rechenschwaeche.de

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