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Aktuelles vom ZTR

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Zukunftssorge Rechenschwäche

Leiterin Karina Heyber und Dr. Olaf Steffen, wissenschaftlicher Leiter der Institute Halle, Leipzig, Naumburg, gaben bei OTZ Antwort auf die Frage: "Warum solch ein Zentrum?". Bis zu 30 Prozent aller Grundschüler, so jüngste Forschungsergebnisse der Universitäten Jena und Potsdam in Kooperation mit ZTR, leiden unter Rechenschwäche (Dyskalkulie). Bei berufsunfähigen Jugendlichen - Landesarbeitsämter gehen von 25 Prozent jedes Jahrgangs aus- kämpfen bis zu 85 Prozent mit dem Problem. Rechenschwäche lässt ihnen kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dr. Steffen: "Zahlenmathematik ist ein aufeinander aufbauendes Wissensgebiet. Wenn sehr früh wesentliche Abstraktionsschritte nicht begriffen wurden, kommt es zum Verständnisbruch. Dem Schulstoff kann nicht mehr gefolgt werden. Dyskalkulie ist ein erworbenes Wissensdefizit, aber keine Krankheit." Als "Verschiebebahnhof" bezeichnet der Sozialwissenschaftler den Umgang mit Kindern, die oft unsinnig in Förderschulen und mathematischen Therapien landen. Karina Heyber, 20 Jahre Mathelehrerin in Gera: "Auch gut ausgebildete Lehrer und Sonderpädagogen können es nicht schaffen, solchen Kindern zu helfen. Dafür ist eine Spezialausbildung nötig." Rechenschwäche ist begründet im fehlenden kardinalen Zahlverständnis. Sie ist nicht Folge von Dummheit, fehlendem Fleiß, mangelnder Konzentration oder logischem Denkvermögen, betonen die Gesprächspartner. Sie verweisen dabei auf seltene Fälle gesundheitlicher Ursachen wie "Frühgeburt, Hör- und Sehschwächen sowie Mittelohrentzündungen, die mit der Charité gerade erforscht werden." Dr. Steffen führt Ursachen auch aufs Schulsystem zurück: "Anders als vor 1989 findet einerseits keine Anleitung zum Verständnis von Zahlen und Mengen mehr im Kindergarten statt. Dies setzt der Lehrplan der 1. Klasse aber voraus. Andererseits werden Wissensdefizite der Erstklässler zu sehr früher Differenzierung herangezogen, so dass Lernprobleme schnell zur Privatsache werden."Üben, üben, üben - das Rezept versage bei Rechenschwäche. "Wer nicht rechnen kann, ist dumm." Diese These nennt Dr. Steffen "Unsinn" und einen "Frontalangriff auf das Kind". Mathematische Lerndefizite seien korrigierbar, unbehandelt fühlen sich Kinder immer mehr als Versager. Ihnen zu helfen, sei neben Forschung und Wissenstransfer Ziel der für alle offenen Therapieeinrichtung in der Altenburger Gabelentzstraße 6. "Nach einem ersten persönlichen Beratungsgespräch mit Kind und Eltern ", so Karina Heyber, "wird entschieden, ob das Zentrum für das Mathe-Sorgenkind zuständig ist. Dann beginnt die Diagnostik. Bei nötiger Motivation und tatsächlicher Rechenschwäche leiten wir altersunabhängig eine Einzeltherapie von 45 Minuten einmal pro Woche ein." Zwischen 100 und 120 Stunden sind notwendig, um das Mathedefizit zu beseitigen. Privat finanziert ist dies nicht ganz billig. Eine Elite- Nachhilfe? Karina Heyber und Dr. Steffen verneinen das. Nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz könnten bei drohender seelischer Behinderung infolge Dyskalkulie gemäß den Paragraphen 35a sowie 27 des Sozialgesetzbuches VIII Therapiekosten beim Jugendamt beantragt werden. Jedoch solle nicht die ganze Problematik dort abgeladen werden. Für die Präventionsarbeit an den Schulen stehe das ZTR Schulämtern und Ministerien schon jetzt zur Seite.
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Heimliches Zählen

Rechenschwäche liegt dann vor, wenn kein Verständnis für grundlegende mathematische Einsichten vorhanden ist. Voller Ungeduld hatte sich Martin auf seinen Schulanfang gefreut. Er wollte endlich lesen können und war neugierig auf das, was er in der Schule sonst noch lernen würde. In der ersten Klasse freute er sich jeden Tag darauf, in die Schule zu gehen. Er lernte lesen und wurde beim Zählen immer schneller. Als er in die 2. Klasse kam, sollte er auf einmal nicht mehr zählen. Martin wunderte sich, wie die anderen Kinder ohne das Zählen trotzdem zu richtigen Ergebnissen kamen. Da er nicht wusste, wie das Rechnen ohne das Zählen geht, zählte er von nun an heimlich. Bei immer größer werdenden Zahlen wurde es jedoch immer schwieriger, die Ergebnisse durch das Zählen zu ermitteln. Martin versuchte, sich Aufgaben auswendig zu merken und Rechenwege einzuprägen, kam dabei jedoch häufig durcheinander. Trotz intensiven Übens bekam er schlechtere Noten. Die Eltern übten mit Martin fast jeden Tag, aber er verstand nicht, warum die Eltern alle Aufgaben als "einfach" bezeichneten. Als Martin merkte, dass er es auch bei intensiver Anstrengung niemandem recht macht, verlor er zunächst das Interesse an der Mathematik. Da seine Eltern jedoch nicht das Interesse an seiner Mathematiknote verloren, musste er sich weiter mit den täglichen Übungen quälen, was nach und nach dazu führte, dass das Interesse an den anderen schulischen Fächern nachließ. Freizeit wollte Martin schließlich auch noch haben. Viertklässler mit Prüfungsangst An der Universität Jena wurde in einer Magisterstudie der Zusammenhang von Rechenschwäche und Schulangst bzw. Schulunlust untersucht. Die Ergebnisse - bei zirka 30 Prozent der untersuchten Viertklässler wurde eine Dyskalkulie festgestellt - zeigen, dass rechenschwache Kinder bereits in diesem Alter mehr Prüfungsangst haben und eine größere Schulunlust zeigen als Schüler ohne Rechenschwäche. Auffällig ist, dass rechenschwache Kinder sozial angepasster antworten als Kinder ohne dieses Problem. Ihre Erfahrungen mit Misserfolgen und den Reaktionen der Umwelt darauf, führen die Mädchen und Jungen zu der Überzeugung, dass ein offener Umgang mit den eigenen Problemen die ersehnte Anerkennung eher verhindert als ermöglicht. Erkannt wird die Rechenschwäche oft erst im fortgeschrittenen Schulalter, da ein bestimmter Prozentsatz von Kindern mit schlechten Leistungen von vornherein einkalkuliert wird, und zum anderen das Vorliegen einer Rechenschwäche sich, gerade in der Grundschule, nicht unbedingt in den Zensuren widerspiegeln muss. Eine Rechenschwäche liegt dann vor, wenn kein Verständnis für grundlegende mathematische Einsichten vorhanden ist. Anhand von Leistungstests lassen sich diese Einsichten nicht überprüfen. Eine qualitative Untersuchung der Gedanken, die sich die Kinder über ihre Rechenwege machen, ist zur Diagnostik nötig. Die Methodik des "Lauten Denkens" eignet sich, um die, teilweise hochkomplizierten, eigenen Theorien der Kinder über die Mathematik sichtbar zu machen. Ziel ist es, den mathematisch bedeutsamen Punkt zu finden, bei dem das Kind aus der streng hierarchischen mathematischen Logik "ausgestiegen" ist. Da die Kinder dem, was der Lehrer sagt, nicht mehr folgen können, versuchen sie nach dem Versuch-Irrtum-Prinzip eigene Regeln zu finden, die sie mit relativ großer Wahrscheinlichkeit zum richtigen Ergebnis führen. Die angestrengte Suche nach logischen Erklärungen führt dazu, dass immer mehr eigene Regeln entstehen. In Klassenarbeiten mit verschiedenen Aufgaben kommt es dann regelmäßig zu Verwechslungen. Immer größere Lücken Als Hauptgrund für das Entstehen einer Rechenschwäche ist die mangelhafte Vermittlung mathematischer Zusammenhänge in der Schule zu sehen. Der Lehrplan, der für alle Kinder das gleiche Lernpensum in der gleichen Zeit vorschreibt, wird ebenso wenig den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Kinder gerecht, wie die Methoden der Vermittlung. Dem Verständnis der mathematischen Zusammenhänge wird gegenüber dem Üben bestimmter Verfahren zu wenig Beachtung geschenkt. Ist ein grundlegender Gedanke nicht verstanden, entstehen zwangsläufig immer größere Lücken. In einigen wenigen Fällen kommen als Auslöser für das Entstehen einer Rechenschwäche medizinische Ursachen in Frage, denen die Therapeuten allerdings auch meist machtlos gegenüber stehen. Verzweifeltes Üben Erkannt wird das Problem des Kindes in der Schule in der Regel erst dann, wenn die Leistungen schlechter werden. Suchen die Eltern das Gespräch mit dem Lehrer, erhalten sie in der Regel den Ratschlag, mehr zu üben. Obgleich die Eltern merken, dass das Üben nicht den gewünschten Erfolg bringt, üben sie meist verzweifelt weiter, da sie die Zukunftschancen ihrer Kinder gefährdet sehen. Nicht selten enden aufreibende Übungssituationen in Schuldzuweisungen und Tränen. Viele falsche Antworten und Ergebnisse führen in der Klasse oft zu Hänseleien bis zur Ausgrenzung. Auch der Außenwelt bleibt das Problem nicht verborgen, Verwandte und Bekannte äußern sich zum Problem. Das rechenschwache Kind wird von mehreren Seiten mit Negativurteilen konfrontiert. Körperliche und seelische Probleme sind eine häufige Folge des psychischen Drucks. Was können die Eltern tun? Damit eine Rechenschwäche so früh wie möglich erkannt wird, ist den Eltern zu raten, ihre Kinder beim Erledigen der Hausaufgaben aufmerksam zu beobachten. Wenn die Anzeichen für eine vorliegende Rechenschwäche (siehe Kasten) sich häufen, nützt dem Kind weder stundenlanges Üben, noch Eselsbrücken oder das Androhen von Strafen. Informationen erhalten Eltern über das Internet. Das Gespräch mit dem Lehrer sollte gesucht werden, um mit ihm gemeinsam mögliche Hilfen zu besprechen. Dabei sollten die Eltern gezielt Möglichkeiten für individuelle Fördermaßnahmen zur Behebung der mathematischen Probleme erfragen als auch auf die psychische Situation des Kindes aufmerksam machen. Auf Weiterbildungsmaßnahmen, die z. B. durch das ZTR angeboten werden, ist hinzuweisen. Zu Hause können Eltern ihre Kinder unterstützen, in dem sie die Ängste der Kinder ernst nehmen und den Leistungsdruck durch Anerkennung der Anstrengungen ersetzen. Verständnis und Zuwendung stärken das beeinträchtigte Selbstwertgefühl des Kindes. Irmgard Slotta Rechnen in der Schule macht Spaß. Bei einigen Kindern hört der allerdings in höheren Klassen auf, weil sie kein Verständnis für grundlegende mathematische Einsichten entwickeln können. Sie haben eine Rechenschwäche. Foto: dpa Typische Symptome Typische Symptome, die eine Rechenschwäche vermuten lassen, sind: Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen. Rechnen bleibt stures Abzählen. Alle aus der Logik des Zahlenaufbaus und dem Zusammenhang der Operationen sich ergebenden Rechenerleichterungen bleiben stets ungenutzt. Rechenarten werden verwechselt. Multiplikationsreihen werden begriffslos wie ein Gedicht aufgesagt. Offensichtlich falsche Lösungen werden nicht erkannt. Bei Textaufgaben zeigt sich Unverständnis. Psychische bzw. psychosomatische Auffälligkeiten: Ein- und Durchschlafschwierigkeiten, Ängste vor Leistungsanforderungen, Tränenausbrüche bei den Hausaufgaben, direkte/indirekte Verweigerungsstrategien, Misserfolgserwartungen, beeinträchtigtes Selbstwertgefühl, Kopf- und Bauchschmerzen. Kontakt: ZTR Dresden, Obergraben 19, 01097 Dresden, Telefon: 0351/8 10 45 42, Fax: 0351/8 10 45 69 E-Mail: dresden@ztr-rechenschwaeche.de Internet: www.ztr-rechenschwaeche.de
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Verlassen von Adam Riese – Kinder, die einfach nicht rechnen können, sollen in Zukunft statt zur Nachhilfe in die Therapie

Zwei mal drei macht vier", trällert Pippi Langstrumpf. Das freche Mädchen aus Astrid Lindgrens Klassiker darf sich mit ihrem Matheversagen brüsten. Wenn ein realer Erstklässler an den Grundrechenarten scheitert, etwa einfache Additionen nur durch Abzählen an den Fingern bewältigt, ist Gefahr im Verzug. An Rechenschwäche, der so genannten Dyskalkulie, leiden viele Kinder mit oft verheerenden Folgen für ihren Lebensweg. Offiziell sollen nur vier bis fünf Prozent aller Schüler Zahlennieten sein. Der Erziehungswissenschaftler Rudolf Wieneke allerdings wartet jetzt mit weitaus dramatischeren Daten auf. So ermittelte er bei Stichproben in Jena, Potsdam und Berlin, dass bis zu 25 Prozent der Schüler in Mathematik total versagen. In Hauptschulklassen sind es womöglich noch viel mehr. Wieneke, Sprecher der Zentren zur Therapie der Rechenschwäche in Ostdeutschland und Berlin, stellte beim Besuch von acht Hauptschulklassen fest: Jeder zweite Schüler leidet an einer Rechenschwäche. 35 000 Grund , Haupt , Real und Gesamtschüler der Hauptstadt, so schätzt der Erziehungswissenschaftler, haben gravierende Rechenstörungen. Bundesweit sollen laut Wieneke 900 000 Schüler betroffen sein. "Eine deutliche Zunahme" der Dyskalkulie registriert auch Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder und Jugendärzte. Der Praktiker weiß: "Die Eltern fühlen sich mit dem Problem allein gelassen.“ Auch die Schüler verzweifeln. „Ich bin nicht dumm und faul", hören Lehrer von mathemiesen Schützlingen, die häufig tatsächlich stundenlang ohne jeden Erfolg pauken. Kindern, die an Dyskalkulie leiden, fehlt so sagen die Experten die Fähigkeit zu verständigem Rechnen". Diese Kinder müssen erst lernen, hinter den abstrakten Ziffern Mengen konkret zu erfassen, zu vergleichen und in Rechenhandlungen umzusetzen. Spezialisten sind der Lage, dies etwa einem Erstklässler in zirka 20 Therapieeinheiten zu vermitteln. Die Krankenkassen zahlen dafür allerdings nur, wenn ein Kind zusätzliche, zum Beispiel seelische Störungen hat. Kinderarzt Hartmann fordert dagegen, die Rechenschwäche als Krankheit anzuerkennen. Für einen „Nachteilsausgleich" kämpft Simone Wejda, Bundesbeauftragte des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). Rechenschwache Schüler sollten wegen ihres Handicaps nicht sitzen bleiben dürfen. "Oft ist ihnen nur wegen der Sechs in Mathe der Weg auf das Gymnasium verwehrt", weiß die Sonderpädagogin sie konnte selbst nicht rechnen. Die 32 Jährige will sich noch nicht festlegen, ob Rechenschwäche als Behinderung gelten sollte, da dies womöglich diejenigen benachteilige, die zwar Probleme mit Mathe hätten, aber nicht offiziell als behindert eingestuft wären. Eine Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz diskutierte das heikle Thema im vergangenen Dezember zwar, einigte sich aber wegen eines Vetos aus Bayern nicht auf Empfehlungen. Noch immer wird Dyskalkulie als Problem unterschätzt, meinen die Experten. So mogeln sich Rechenschwache dank Taschenrechner besser durch als Kinder, die nicht lesen und schreiben können. Doch in Berufssituationen sind sie oft aufgeschmissen. Als Maler können sie Materialmengen nicht kalkulieren, als Friseurin das Mischverhältnis von Tönungen nicht bestimmen. Etwa ein Drittel der Jugendlichen, mahnt Wieneke, sei auf Grund von Rechenschwäche "nicht ausbildungsfähig ". Die Dyskalkulie „fängt mit einem Schulproblem an, entwickelt sich zu einem Lebensproblem und wird so auch zu einem Problem des Sozialstaats. " Der Horror mit den Zahlen sei ein "sich ausweitendes gesellschaftliches Problem, aber keine Krankheit", stellt der Freiburger Mathematikdidaktiker Hans Dieter Gerster fest. Der emeritierte Professor plädiert für Mathe Unterricht mit anschaulicheren Aufgaben, gezielte Förderung und eine möglichst frühe Diagnose der Schwäche. Daran hapert es. Grundschulpädagogen, sind sich die Experten einig, sollten schon im Studium das Rüstzeug zum Erfassen der Dyskalkulie erhalten. In der „fehlenden Anregung im Elternhaus" sieht Gerster einen Hauptgrund für die Mathe Misere. Zu Hause werde wenig gesprochen und noch seltener gerechnet. Gerster: "Den Kindern fehlen banale Erfahrungen mit Zahlen im Alltag. A. Desselberger / U. Plewnia
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Wenn Zahlen zur Qual werden

Die Abneigung gegen Mathe hat bei einigen Schülern nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Sie leiden an einer Rechenschwäche, die behandelt werden kann. Ob Förderunterricht oder Therapie nötig ist, darüber wird jedoch seit Monaten in Leipzig heftig gestritten. Olaf Steffen, wissenschaftlicher Leiter des privaten Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche(ZTR) in der Kreuzstraße, gibt den Kampf gegen die Behörden nicht auf. Seiner Ansicht nach werden die Betroffenen teilweise unsachgemäß gelenkt und auf Förderschulen geschickt. Manchmal unterbleibt mögliche Hilfe, um Kosten für die Therapie zu sparen. Für einige Kinder (und auch Erwachsene) erscheinen Zahlen wie chinesische Schriftzeichen, die für sie einfach keinen Sinn ergeben. Obwohl ihre Leistungen in anderen Fächern gut oder akzeptabel sind, können viele die einfachsten Aufgaben nur mit sturem Abzählen lösen. Oder sie versuchen, Rechenaufgaben wie Gedichte auswendig zu lernen, was zu stetem Wiedervergessen führt. "Dies kommt häufiger vor als man denkt. In Grundschulen haben wir bis zu 30 Prozent Rechenschwäche festgestellt", sagt Olaf Steffen: "Dyskalkulie ist nicht die Folge mangelnder Wahrnehmung oder fehlenden logischen Denkvermögens. Sie kann durch eine Lerntherapie beseitigt werden. Unbehandelt drohen aber schwere seelische Schäden und Integrationsprobleme." Die wollte Sabine Werner (Name geändert) für ihren Sprössling, der eine dritte Klasse besucht, in Anspruch nehmen. Sie ging zum Jugendamt, um eine so genannte Eingliederungshilfe zu erbitten. Doch das lehnte ab. Therapeut Steffen kennt viele solcher Fälle, spricht sogar von einem "Abwehrwesen" im Jugendamt. "Grundsätzlich ist zu sagen, dass die Förderung von Kindern mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche und analog Rechenschwäche im Aufgabenbereich der Schule liegt", heißt es in Briefen des Amtes an betroffene Eltern, die sich um eine Förderung der Therapie bemühen. Das Rathaus beruft sich auf eine sächsische Verwaltungsvorschrift vom August 2001. Die regelt allerdings nur die Lese- und Rechtschreibschwäche. Einem Brief des Kultusministeriums vom Juli 2003, der der LVZvorliegt, ist zu entnehmen, dass Rechenschwäche "nicht Regelungsgegenstand" dieser Vorschrift sei. Deshalb könnten Elternanträge mit ihr auch nicht abgelehnt werden. "Sie sind immer nach Einzelfallprüfung auf Grundlage der geltenden Rechtsvorschriften zu bescheiden." "Wie bei allen anderen Hilfen auch prüfen wir im Einzelfall, was für die Kinder erforderlich und am Besten geeignet ist", entgegnet Dagmar von Hermanni, die Referatsleiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes. Auch Jugendamtschef Siegfried Haller weist Vorwürfe zurück, dass sein Amt aus Kostengründen die nötigen Hilfen bei Dyskalkulie verwehre. "Natürlich müssen wir sparen, aber nicht auf Kosten der Kinder." Das Rathaus fördere - entsprechend des Kinder- und Jugendhilfegesetzes - derzeit die Therapie bei 17 Dyskalkulie-Fällen. Allerdings: Im Jahr 2000 waren es noch 46 (2002: 34). Haller: "Wie bei Legasthenie muss sich aber die Schule dieser Thematik stärker stellen. Bei dieser Forderung bleibe ich." Das Regionalschulamt Leipzig arbeite seit längerem an diesem Problem und habe bereits Fortbildungskurse für Lehrer in Leipzig, Eilenburg, Torgau und Grimma organisiert, die bis 2005 laufen, sagt dort Behördensprecher Roman Schulz. "Dyskalkulie ist anders als Legasthenie in Sachsen noch keine anerkannte Teilleistungsstörung. Dennoch machen wir Grundschullehrer damit vertraut, damit sie mit dem Problem besser umgehen können." Für Steffen reicht das nicht: "Bemühungen, den Kindern durch zusätzliche Förderstunden den Schulstoff zu vermitteln, scheitern fast immer und fördern wahrscheinlich eher die Angst vor Mathe. Rechenschwäche muss diagnostiziert werden, helfen kann daher nur eine Therapie, für die 100 bis 120 Stunden erforderlich sind." Reiche die Kompetenz der Schule nicht aus, die Betroffenen zu fördern, sei die Jugendhilfe verpflichtet, bei drohender seelischer Behinderung die nötigen Eingliederungshilfen zu bewilligen. "Derzeit stelle ich jedoch eine Tendenz fest, die Betroffenen eher auf eine Förderschule zu schicken", so der Leiter des ZTR. Seit Monaten setzt er Himmel und Hölle in Bewegung, um Politiker für dieses Thema zu sensibilisieren. So war er als Experte bei einer Anhörung im Landtag und hat bei der Bundesregierung über die Praktiken zur Aushebelung des Gesetzes berichtet. Leipzig habe nicht das einzige Jugendamt, das sich aus der Förderung der Dyskalkulie-Therapie immer mehr zurückzieht. Sein Wunsch: Er möchte auch im Jugendhilfeausschuss über das Problem reden. Insbesondere sollte auf Landesebene ein Finanztopf geschaffen werden, der es Schulen ermöglicht, externe Experten in die Schulen zu holen. Darüber hinaus spricht Therapeut Steffen hiesige Firmen an, ob sie Therapien für betroffene Kinder teilweise sponsern können. Sein Motiv: "Wir müssen helfen. Ansonsten werden aus den Rechenschwachen von heute die Sozialhilfeempfänger von morgen." Mathias Orbeck
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Horror vor Mathe-Aufgaben – Ein zwölfjähriges Mädchen und ihre unerkannte Rechenschwäche – Die Kinder lachen, die Eltern sorgen sich

Von Jana Klein Stollberg. Die zwölfjährige Claudia Ebert aus dem Ortsteil Gablenz hat ein Problem mit Mathe. Sie geht in die 7. Klasse der Mittelschule Niederwürschnitz. Die Familie ist stolz, dass sie die 6. Klasse geschafft und nun die Chance zum Realschulabschluss hat. Denn es gab auch andere Zeiten. In der 2. Klasse waren die Probleme in Mathe offensichtlich. Claudia hat die sogenannte Rechenschwäche (Dyskalkulie). Sie fiel mit unlogischen Ergebnissen vorn an der Tafel auf, konnte einfachste Aufgaben nicht lösen. Die anderen Kinder fanden das lustig. Claudias Eltern waren besorgt. Doch ihre Tochter ist nicht krank. Und auch nicht dumm. Im Gegenteil: Sie muss viel mehr Energie in das Lernen stecken. Dyskalkulie ist eine Teilleistungsstörung. Bei den Kindern besteht kein Verständnis für grundlegende mathematische Einsichten. Das Rechnen bleibt stures Abzählen. Die Rechenarten werden verwechselt, Multiplikationsreihen stupide auswendig gelernt. Viele betroffene Schüler sind sogar sehr intelligent, da sie Strategien entwickeln müssen, um die Störung im Alltag zu verstecken. Deshalb sind sie oft mit anderen Fächern überfordert. Claudias frühere Lehrerin wollte nicht helfen und beruhigte die Eltern mit Phrasen. Doch sie ließen nicht locker. Anfang der 3. Klasse zogen sie die Schulpsychologin aus dem Regionalschulamt Chemnitz hinzu. Die Matheprobleme wurden das erste Mal im Zusammenhang mit einer Dyskalkulie gebracht. Trotz der richtigen Diagnose wurde das Problem falsch behandelt. Ergotherapie und Mathenachhilfe konnten die Schwäche nicht beseitigen. Nach dem Wechsel von der Grund- zur Mittelschule hatte die Mathelehrerin mehr Verständnis und informierte sich über die Schwäche. Claudia musste nicht mehr vor der Klasse rechnen. Die Eltern übten täglich mit ihr, waren aber nicht in der Lage das Wissen zu vermitteln. Das führte zu Spannungen in der Familie. Claudia stand in der 6. Klasse in Mathe und Englisch auf Fünf. Sitzenbleiben? Ende Oktober 2003 lief sie weg. Der seelische Druck war zu groß. Dann stießen die Eltern auf das Zentrum für Rechenschwäche in Leipzig (ZTR). Dort musste Claudia viele Tests durchlaufen, um den Mathebruch zu lokalisieren. Und die gute Nachricht erreichte sie, dass geholfen werden kann. In neun von zehn Fällen ist dies möglich. Heute wird Claudia im Zentrum für Rechenschwäche in Chemnitz unterrichtet. Jeden Mittwoch wird in 45 Minuten das Grundwissen vermittelt, das Claudia schon im Vorschulalter fehlte. Die Therapie dauert zwei Jahre. Das Ende 2003 eröffnete Zentrum therapiert die Betroffenen mit geschultem Fachpersonal. Das Familienleben der Eberts läuft wieder entspannter. Ines Ebert nachdenklich: „Sobald von außen Hilfe kommt, fällt es leichter.“ Und Claudia fühlt sich gut aufgehoben. Steffen Krusche, Therapeut im ZTR Chemnitz, meint, dass die Dyskalkulie häufig nicht erkannt wird. „Es ist unabdingbar, dass Lehrer besser geschult werden, um die Schwäche zu erkennen und sie nicht als Dummheit abstempeln. Denn viele Schüler mit einer Rechenschwäche werden in eine Förderschule gesteckt und damit der normale Bildungsweg verbaut.“ Typische Symptome Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit vergessen; Rechnen bleibt stures Abzählen; Rechenarten werden verwechselt; Zahlendreher (24 statt 42); Multiplikationsreihen werden wie ein Gedicht aufgesagt. Psychische Auffälligkeiten: Ein- und Durchschlafschwierigkeiten, Ängste vor Leistungsanforderungen, Tränenausbrüche bei den Hausaufgaben, Verweigerungsstrategien, Misserfolgserwartungen, beeinträchtigtes Selbstwertgefühl, Kopf- und Bauchschmerzen. Informationen: Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche Chemnitz-Zwickau Telefon: 0371 4331215; E-Mail: chemnitz@ztr-rechenschwäche.de www.ztr-rechenschwaeche.de

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