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Aktuelles vom ZTR

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Horror vor Mathe-Aufgaben – Ein zwölfjähriges Mädchen und ihre unerkannte Rechenschwäche – Die Kinder lachen, die Eltern sorgen sich

Von Jana Klein Stollberg. Die zwölfjährige Claudia Ebert aus dem Ortsteil Gablenz hat ein Problem mit Mathe. Sie geht in die 7. Klasse der Mittelschule Niederwürschnitz. Die Familie ist stolz, dass sie die 6. Klasse geschafft und nun die Chance zum Realschulabschluss hat. Denn es gab auch andere Zeiten. In der 2. Klasse waren die Probleme in Mathe offensichtlich. Claudia hat die sogenannte Rechenschwäche (Dyskalkulie). Sie fiel mit unlogischen Ergebnissen vorn an der Tafel auf, konnte einfachste Aufgaben nicht lösen. Die anderen Kinder fanden das lustig. Claudias Eltern waren besorgt. Doch ihre Tochter ist nicht krank. Und auch nicht dumm. Im Gegenteil: Sie muss viel mehr Energie in das Lernen stecken. Dyskalkulie ist eine Teilleistungsstörung. Bei den Kindern besteht kein Verständnis für grundlegende mathematische Einsichten. Das Rechnen bleibt stures Abzählen. Die Rechenarten werden verwechselt, Multiplikationsreihen stupide auswendig gelernt. Viele betroffene Schüler sind sogar sehr intelligent, da sie Strategien entwickeln müssen, um die Störung im Alltag zu verstecken. Deshalb sind sie oft mit anderen Fächern überfordert. Claudias frühere Lehrerin wollte nicht helfen und beruhigte die Eltern mit Phrasen. Doch sie ließen nicht locker. Anfang der 3. Klasse zogen sie die Schulpsychologin aus dem Regionalschulamt Chemnitz hinzu. Die Matheprobleme wurden das erste Mal im Zusammenhang mit einer Dyskalkulie gebracht. Trotz der richtigen Diagnose wurde das Problem falsch behandelt. Ergotherapie und Mathenachhilfe konnten die Schwäche nicht beseitigen. Nach dem Wechsel von der Grund- zur Mittelschule hatte die Mathelehrerin mehr Verständnis und informierte sich über die Schwäche. Claudia musste nicht mehr vor der Klasse rechnen. Die Eltern übten täglich mit ihr, waren aber nicht in der Lage das Wissen zu vermitteln. Das führte zu Spannungen in der Familie. Claudia stand in der 6. Klasse in Mathe und Englisch auf Fünf. Sitzenbleiben? Ende Oktober 2003 lief sie weg. Der seelische Druck war zu groß. Dann stießen die Eltern auf das Zentrum für Rechenschwäche in Leipzig (ZTR). Dort musste Claudia viele Tests durchlaufen, um den Mathebruch zu lokalisieren. Und die gute Nachricht erreichte sie, dass geholfen werden kann. In neun von zehn Fällen ist dies möglich. Heute wird Claudia im Zentrum für Rechenschwäche in Chemnitz unterrichtet. Jeden Mittwoch wird in 45 Minuten das Grundwissen vermittelt, das Claudia schon im Vorschulalter fehlte. Die Therapie dauert zwei Jahre. Das Ende 2003 eröffnete Zentrum therapiert die Betroffenen mit geschultem Fachpersonal. Das Familienleben der Eberts läuft wieder entspannter. Ines Ebert nachdenklich: „Sobald von außen Hilfe kommt, fällt es leichter.“ Und Claudia fühlt sich gut aufgehoben. Steffen Krusche, Therapeut im ZTR Chemnitz, meint, dass die Dyskalkulie häufig nicht erkannt wird. „Es ist unabdingbar, dass Lehrer besser geschult werden, um die Schwäche zu erkennen und sie nicht als Dummheit abstempeln. Denn viele Schüler mit einer Rechenschwäche werden in eine Förderschule gesteckt und damit der normale Bildungsweg verbaut.“ Typische Symptome Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit vergessen; Rechnen bleibt stures Abzählen; Rechenarten werden verwechselt; Zahlendreher (24 statt 42); Multiplikationsreihen werden wie ein Gedicht aufgesagt. Psychische Auffälligkeiten: Ein- und Durchschlafschwierigkeiten, Ängste vor Leistungsanforderungen, Tränenausbrüche bei den Hausaufgaben, Verweigerungsstrategien, Misserfolgserwartungen, beeinträchtigtes Selbstwertgefühl, Kopf- und Bauchschmerzen. Informationen: Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche Chemnitz-Zwickau Telefon: 0371 4331215; E-Mail: chemnitz@ztr-rechenschwäche.de www.ztr-rechenschwaeche.de
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Rechenschwäche – Die falsche Gleichung: Mathe fünf = dummes Kind

„Rechensschwäche – ein Lebensproblem?“ So der Titel des Kongresses, zu dem mitteldeutsche Elterninitiativen zur Förderung rechenschwacher Kinder nach Leipzig geladen haben. Etwa 180 Teilnehmerinnen, meist Lehrerinnen und Eltern betroffener Kinder, sitzen lose verstreut im Hörsaal. Betroffene Catrain Bretschneider – kann sich an drei Fingern abzählen, dass sie an der Supermarktkasse keine Kontrolle hat. Unter ihnen Catrain Bretschneider, eine Betroffene. Die heute 40-Jährige musste in der neunten Klasse ihrer schlechten Mathenoten wegen zum Psychologen. „Die wollten feststellen, ob ich zu blöd bin oder zu faul.“ Keines von beiden. Experten erklärten der Mutter, bei phantasievoller Vermittlung habe Catrain keine Verständnisprobleme. „Mehr ist dann aber nicht passiert“, erinnert sich die heute 40-Jährige. Abgesehen von der vier in Mathe auf ihrem 10.-Klasse-Abschlusszeugnis, also „ausreichend“. Von wegen, ausreichend. „Beim Einkaufen tu ich immer so, als ob ich beim Wechselgeld mitrechne. Aber ob mir richtig rausgegeben wird? Keine Ahnung.“ Als ihre eigene Tochter in die Schule kam, hoffte Catrain auf eine neue Chance. „Einfach bei der Tochter mitlernen, noch mal von Anfang an.“ Pustkuchen. Catrain verstand Bahnhof wie zu Schulzeiten, rechnet noch heute mit den Fingern und schickte die Tochter zwecks Hausaufgabenhilfe zur Oma. Catrain hangelte sich von Job zu Job, erst Klavierbauerin, Polstermacherin, Fliesenlegerin, zuletzt eine ABM in einem Jugendclub – ausgerechnet hinterm Tresen. Catrain schüttelt sich. „Abrechnen, Geld nehmen, Wechselgeld rausgeben – das war der blanke Horror.“ Stimmte die Abrechnung nicht, ging das auf Catrains Kosten. Vom Kongress erhofft sie sich einerseits Rechentipps und zum anderen Hinweise, wie sie die Klammer sprengt, die ihr das fehlende Zahlenverständnis im Leben aufzwingt. Jeder vierte Zweitklässler kann nicht rechnen Die Leipzigerin ist kein Einzelfall. Zahlen über betroffene Erwachsene existieren nicht. Dafür aber über Kinder: „25 Prozent aller Zweitklässler können nicht rechnen“, zitiert Olaf Steffen vom Leipziger Zentrum zur Therapie von Rechenschwäche das Ergebnis einer Studie. Für Olaf Steffen rechnen die Behörden falsch: Früherkennung und Therapie ist langfristig billiger, als Rechenschwache in die Arbeitslosigkeit zu treiben. Eine Katastrophe, die ihr Potenzial langfristig entfaltet. Steffen skizziert, wie das Dilemma seinen Lauf nimmt: Schwache Rechner werden abgeschoben auf Sonderschulen, scheitern in Berufsschulen, landen in der Arbeitslosigkeit. Endstation: Sozialhilfe. Andere quälen sich mühselig durch Mittelschulen und Gymnasien. Auch bei ihnen bestimmt mangelndes Mathematikverständnis ihre Berufswahl und damit ihr Leben. Nicht umsonst gilt die Note in Mathematik landläufig als Maßstab für Intelligenz. Für diese falsche Gleichung zahlen Betroffene lebenslang. „Dabei ist die Behebung einer Rechenschwäche in 90 Prozent aller Fälle möglich“, behauptet Therapeut Steffen. Doch das kostet. Je nach Anbieter 200 bis 250 Euro pro Monat. Für Privathaushalte ist das meist unbezahlbar, vor allem, wenn Therapien bis zu drei Jahre dauern. Hilfe aus dem Sozialgesetzbuch Trotzdem gibt es Möglichkeiten, Kindern den Weg zum Mathematikverständnis zu erstreiten. Erste Hilfe bieten Elterninitiativen. Sie kennen die Problematik aus Erfahrung mit den eigenen Sprösslingen, geben Hinweise auf Therapeuten und Anlaufstellen, Tipps für den Umgang mit Behörden und Gutachten. Für die Kosten der Therapien gibt es verschiedene Träger. Das ist das Spezialgebiet von Peter-Christian Kunkel, Abitur mit Mathe-Fünf, heute Professor an der Fachhochschule Kehl: Spezialgebiet Sozialrecht. Als potenzielle Leistungsträger nennt Kunkel Sozialamt, Jugendamt und Arbeitsamt. Peter-Christian Kunkel: Arbeitsagentur denkbar als Träger von Rechenschwäche-Therapie. Arbeitsamt? Catrain horcht auf. „Damit können Sie der Bundesagentur den Angstschweiß auf die Stirn treiben,“ grinst Kunkel, denn schließlich behindert eine Rechenschwäche die Eingliederung ins Arbeitsleben, es drohen seelische Schäden. Kunkel zitiert aus dem Sozialgesetzbuch: „Behinderten Menschen können Leistungen zur Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben erbracht werden, (…), um ihre Erwerbsfähigkeit zu erhalten, verbessern, herzustellen oder wiederherzustellen und ihre Teilhabe am Arbeitsleben zu sichern.“ Ein Weg, sich auch als Erwachsener doch noch die Welt der Mathematik und des Berufslebens zu ebnen – eben durch das Hindernis des fehlenden Zahlenverständnisses. Kunkel hält den Weg übe die Arbeitsagentur für gangbar. Doch ob ihn jemand einschlägt? Der Offenbarungseid „Ich kann nicht rechnen“ vor Beamten in einer Behörde erfordert Selbstbewusstsein. Und das ist bei vielen Betroffenen vermutlich so groß wie ihr Verständnis für Zahlen. Liane Watzel
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Mathematik mit Fingern in Klasse 9? Wenn das Verständnis für grundlegende mathematische Einsichten fehlt.

Katrin G. ist 16 Jahre, lebenslustig, intelligent und hat einen Berufswunsch: Krankenschwester. Ihre Lehrer bescheinigen ihr eine hohe sprachliche und künstlerische Begabung, im Umgang mit anderen Menschen zeigt sie sich einfühlsam, offen und interessiert. Gute Voraussetzungen, um den Beruf als Krankenschwester auszuüben, wäre da nicht ein Problem, das Katrin seit der Grundschule begleitet. Katrin hat von Beginn an Schwierigkeiten mit den Zahlen. Anfangs konnte sie die Anforderungen in Mathe noch durch das Auf- und Abwärtszählen mit den Fingern bewältigen. Als die Zahlen jedoch immer größer wurden und die Multiplikation und Division hinzukamen, reichten die Finger nicht mehr aus und sie musste neue Methoden erfinden, um die Mathearbeiten zu schaffen. Im Laufe der Jahre kamen zu den Fingerzählverfahren einige auswendig gewusste Aufgaben hinzu und auswendig gelernte Rechenverfahren. Mit viel zusätzlichem Üben und Nachhilfe schaffte Katrin dann meistens gerade so eine 4 auf dem Zeugnis in Mathe. Erst als sie die 9. Klasse auch beim zweiten Anlauf wegen einer 6 in Mathe nicht schaffte, erfuhren die Eltern aus der Zeitung, dass es eine Teilleistungsschwäche auch im Bereich des Rechnens gibt. Methode des "Lauten Denkens" als Test Dyskalkulie oder Arithmasthenie lauten die Fachbegriffe für diese Teilleistungsstörung, die auch in Verbindung mit der Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) auftreten kann. Nach Untersuchungen der Charite (Prof. Neumärker) liegt bei 6,6 Prozent aller Grundschüler eine Rechenschwäche vor. Erkannt wird diese jedoch oft erst im fortgeschrittenen Schulalter, da das Vorliegen einer Rechenschwäche sich, gerade in der Grundschule, nicht in den Zensuren widerspiegeln muss. Eine Rechenschwäche liegt dann vor, wenn kein Verständnis für grundlegende mathematische Einsichten vorhanden ist. Anhand von Leistungstests lassen sich diese Einsichten jedoch nicht überprüfen. Die Methodik des "Lauten Denkens" wird in einem qualitativen Test genutzt, um die, teilweise hochkomplizierten, eigenen Theorien der Kinder über die Mathematik sichtbar zu machen. Das Problem der Kinder mit einer Rechenschwäche ist es gerade nicht, dass sie nicht logisch denken können. Sie haben lediglich die Grundlagen der Mathematik nicht verstanden und sind deshalb gezwungen, sich ihre eigene Theorie zu basteln, deren innere Logik oft verblüffend ist. Durch den speziellen Test lässt sich feststellen, an welcher Stelle der Mathematik das rechenschwache Kind "ausgestiegen" ist. Meistens ist es den Kindern in der Schule nicht gelungen, Quantitäten zu begreifen. Zwar kennen sie die Ziffern und die Zahlwörter, können diese gedanklich aber nicht mit mathematischen Mengen in Verbindung bringen. Fehlt der hinter den Ziffern stehende Inhalt, ist die Zahlenreihenfolge nichts anderes als eine Abfolge von Zeichen, die auswendig gelernt werden muss, wie das Alphabet. Wenn ein Kind große Probleme beim Rechnen hat, muss es nicht dumm oder faul sein. Es kann eine Teilleistungsstörung vorliegen, die in neun von zehn Fällen behoben werden kann. Als Auslöser für das Entstehen einer Rechenschwäche kommen medizinische Ursachen in Frage, denen die Therapeuten allerdings auch meist machtlos gegenüber stehen. Häufiger sind psychischer Druck oder Erkrankungen in entscheidenden Lernphasen die Ursachen. Als Hauptgrund ist jedoch die mangelhafte Vermittlung mathematischer Zusammenhänge in der Schule zu sehen. Der Lehrplan, der für alle Kinder das gleiche Lernpensum in der gleichen Zeit vorschreibt, wird ebenso wenig den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Kinder gerecht wie die Methoden der Vermittlung. Üben bringt nicht den gewünschten Erfolg Erkannt wird das Problem des Kindes in der Schule in der Regel erst dann, wenn die Leistungen schlechter werden. Meist fordern die Lehrer die Eltern dann auf, mehr zu üben. Die Eltern merken jedoch relativ schnell, dass das Üben nicht den gewünschten Erfolg bringt. Da sie die Zukunftschancen ihrer Kinder gefährdet sehen, üben sie oft dennoch verzweifelt weiter, was zu einer erheblichen Belastung der Eltern-Kind-Beziehung führt. Nicht selten enden aufreibende Übungssituationen in Schuldzuweisungen und Tränen. Oft sind körperliche und seelische Probleme eine Folge des psychischen Drucks. Zur Prophylaxe oder zur Behebung dieser Folgewirkungen hat der Gesetzgeber im Kinder- und Jugendhilfegesetz für die Eltern der betroffenen Kinder die Möglichkeit geschaffen, die so genannte "Eingliederungshilfe" zu beantragen. Die Hilfe sieht vor, die Ursachen für die "drohende seelische Behinderung" oder die bereits eingetretene "seelische Behinderung" zu beseitigen. Im Fall der Rechenschwäche sind die Leistungsprobleme in Mathematik die Ursache. Zum Antrag, der beim Allgemeinen Sozialen Dienst der Stadt oder im Landkreis zu stellen ist, werden verschiedene Expertenmeinungen eingeholt. In Dresden bietet das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) nach einer umfangreichen Diagnostik Therapiemöglichkeiten an. Die Mitarbeiter sind Psychologen und Pädagogen, die eine institutsinterne Weiterbildung zum Dyskalkulietherapeuten absolviert haben. Damit eine Rechenschwäche so früh wie möglich erkannt wird, ist den Eltern zu raten, ihre Kinder beim Erledigen der Hausaufgaben aufmerksam zu beobachten. Wenn die Anzeichen für eine vorliegende Rechenschwäche (siehe Kasten) sich häufen, nützt dem Kind weder stundenlanges Üben, noch Eselsbrücken oder das Androhen von Strafen. Bei dauerhaft anhaltenden Problemen sollte ein Fachmann konsultiert werden. Typische Symptome für eine Rechenschwäche Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen Rechnen bleibt stures Abzählen Es wird auch da gezählt, wo Zählen sich erübrigt (nach 7+8=15 wird 7+9 erneut ausgezählt) Dekadische Transferleitungen sind nicht möglich (3+4=7; 13+4 wird neu durchgezählt) Alle aus der Logik des Zahlaufbaus und dem Zusammenhang der Operationen sich ergebenden Rechenerleichterungen bleiben systematisch ungenutzt (3+4=7; 7-4 wird neu abgezählt) An die Stelle des stupiden Zählens tritt häufig das begriffslose, rein mechanische Rechnen, auch da, wo sich die Mechanik logisch "verbietet" (13-12 wird gerechnet als 10-10=0, 3-2=1) Rechenarten werden verwechselt Zahlendreher (24 statt 42), Missachtung der Stellenwerte (30+25=82) Multiplikationsreihen werden begriffslos wie ein Gedicht aufgesagt (9x9=81, 8x9=72; 81-9 muss neu abgezählt werden) Offensichtlich falsche Lösungen werden nicht erkannt, häufige Produktion von Traumergebnissen" (200:2=1) Platzhalteraufgaben wie x-8 =6 können nicht gelöst werden Bei Textaufgaben zeigt sich völliges Unverständnis (falsche Frage, Frage nach schon gegebenen falsche Rechnung, Antwort passt nicht zur Frage) Der rechnerische und praktische Umgang mit Größen (Strecken, Gewichten, Geld, Zeiten) gelingt nicht Irngard Slotta
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Kalkuliertes Chaos

Rechenschwäche bei Schülern wird meistens ignoriert oder als Dummheit abgetan – zu Unrecht 3+4 muss nicht immer gleich 7 sein. Für Dennis könnte das Ergebnis auch 6 oder 99 heißen. Zahlen ergeben für ihn ebenso wenig Sinn wie chinesische Schriftzeichen, denn Dennis ist rechenschwach. Dass er trotzdem den Realschulabschluss geschafft hat, liegt an einem Abkommen mit seinem Lehrer. Der versprach: Wenn du nicht störst, dann bekommst du eine Fünf in Mathe. Da hat Dennis nicht gestört und die Note hat für den Abschluss gereicht, aber rechnen kann er immer noch nicht. Rechenschwach gleich Rechnen schwach? Der Begriff irritiert. Er suggeriert, es ginge lediglich um eine „Schwäche“ im Rechnen, verursacht durch mangelnden Fleiß oder die Unfähigkeit, logisch zu denken. Ein häufiges Vorurteil. Aber Rechenschwäche, auch Dyskalkulie oder Arithmasthenie genannt, bedeutet mehr – nämlich die gänzliche Abwesenheit von einem Verständnis für Zahlen, Rechenregeln und Mengenverhältnisse. Statt zu rechnen wird gezählt, mit Fingern, Füßen oder im Kopf. Addition ist Vorwärtszählen, Subtraktion Rückwärtszählen. Hohe Heilungsquote Rechenschwache zählen auch da, wo sich Zählen erübrigt. Nach 7+8=15 zählen sie 7+9 erneut aus. So genannte dekadische Transferleistungen und Schätzungen sind ihnen nicht möglich, sie verwechseln Rechenarten und vergessen anscheinend Gelerntes schnell wieder. „Viele Betroffene komponieren sich ein eigenes algorithmisches Regelwerk, nach dem sie dann ‚rechnen’, also abzählen, um dem Unverständlichen eine Struktur zu geben“, erklärt Olaf Steffen, wissenschaftlicher Leiter der privaten Zentren zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Halle und Leipzig. Obwohl Rechenschwache falsche Ergebnisse produzieren, folgen diese „Regeln“ oft sogar subjektiven Gesetzmäßigkeiten – der Vorwurf mangelnden logischen Denkens ist daher unbegründet. Viel spricht laut Steffen ebenso gegen eine Konzentrationsschwäche: „Die können sich konzentrieren wie die Wahnsinnigen.“ Jeder beherrscht doch das kleine Einmaleins, oder? Sind Kinder wie Dennis also Einzelfälle? Leider nicht. Eine Studie des Jugendpsychiaters Klaus-Jürgen Neumärker von der Charité ergab, dass 6, 6 Prozent aller Berliner und Brandenburger Grundschüler eine meist unentdeckte Rechenschwäche aufweisen. Unter den 120 000 Berliner Schülern wären also rund 10 000 Rechenschwache. Doch trotz dieser erschreckenden Häufigkeit ist Rechenschwäche – im Gegensatz zur Schreib-Lese-Schwäche Legasthenie – nahezu unbekannt. Der Lerndefekt wird meist ignoriert oder als „Dummheit“ abgetan. „Nur etwa zwei von hundert Rechenschwächen werden entdeckt“, beklagt Rudolf Wieneke, Erziehungswissenschaftler und Leiter des ZTR in Berlin. Das Institut feierte jetzt sein zehnjähriges Bestehen. Lediglich 130 Kinder und Jugendliche sind derzeit bei den Dahlemer Psychologen, Pädagogen und Mathematikern in Behandlung. Insgesamt sind es 420 Patienten in bundesweit 14 Einrichtungen. Dabei liegt die „Heilungsquote“ bei 95 Prozent, denn die Rechenschwäche ist keine Krankheit, sondern ein „kumuliertes Wissensdefizit“, wie Irmgard Slotta, Leiterin des Dresdener Instituts betont. Und damit auch therapierbar: Während wöchentlicher Einzelsitzungen, meist ein bis zwei Jahre lang, versucht der Therapeut im Dialog mit dem Kind ein neues Zahlenverständnis zu erarbeiten. Denn was den Kindern fehlt, ist der Kardinalzahlbegriff: Sie verstehen nicht, dass Zahlen Mengen symbolisieren. „Ihnen fehlt der grundlegende Baustein in der mathematischen Lernhierarchie, von diesem Zeitpunkt an tut sich eine Verständnislücke für alle weiteren Rechenschritte auf“, weiß die Psychologin. „Da muss nichts Besonderes passiert sein.“ Unentdeckte Hör- oder Sehschäden, Epilepsie oder eine Konzentrationsstörung sind nur in gut einem Drittel der Fälle die Ursache. Alle anderen Kinder sind unauffällig; Intelligenz oder soziales Umfeld haben anscheinend kaum Einfluss. Die ZTR-Therapeutin sieht vor allem ein Versagen bei den Lehrern: „Es wird nicht geguckt, wie das Kind rechnet, sondern nur abgehakt, ob das Ergebnis richtig oder falsch ist.“ Auch kritisiert sie die Didaktik im Matheunterricht: Die Lehrer seien bei Lernstörungen meist ratlos. Die wenigsten wurden im Studium auf eine sinnvolle Strukturierung der Lerninhalte vorbereitet. Das sei der Nährboden für nicht diagnostizierte Rechenschwäche. „Der ist noch nicht so weit“, heiße es dann, berichtet Slotta. Die Kinder starten eine „Nachhilfekarriere“, werden „übertrainiert“ und bleiben trotz Fleiß immer erfolglos. Viele müssen Klassen wiederholen – aber die Rechenschwäche bleibt. Was man nicht begreift, kann man nicht lernen. Die Folge: Mathe-Angst, die sich zu allgemeinem Schulfrust steigert. Dadurch nimmt die Leistung in anderen Fächern ab, das Selbstwertgefühl leidet, es gibt Ärger mit den Eltern. Ein Teufelskreis: „Die Kinder werden stigmatisiert und als ,dumm’ hingestellt – und irgendwann fühlen sich auch so“, sagt Slotta. Selbst bei ansonsten befriedigenden Leistungen ist der Abstieg auf die Förderschule vorgezeichnet. Die Schulkarriere endet meist ohne Schulabschluss. Arbeitslose von morgen Nicht umsonst sieht der Gesetzgeber in der Rechenschwäche eine „drohende seelische Behinderung“. Schließlich ist diese kein reines Schulproblem, das sich irgendwann von selbst erledigt, sondern Auslöser einer langen Leidenslaufbahn. „Der Rechenschwache von heute ist der Arbeitslose von morgen“, sagt Olaf Steffen. Studien ergaben eine extreme Häufung der Rechenschwäche bei jungen Sozialhilfeempfängern und benachteiligten Jugendlichen, die in Berufsbildungswerken „ausbildungsreif“ gemacht werden sollen. Ein normales Berufsleben ist für die meisten von ihnen nicht möglich. Selbst wer einen Ausbildungsplatz ergattert, der ist ihn schnell los, wenn der Chef den Mathe-Mangel erkennt. Rechenschwache müssen sich durchs Leben schlängeln und schummeln, immer hoffend, dass niemand sie als „dumm“ outet. Ähnlich wie Analphabeten gehen sie dabei oft recht geschickt vor und versuchen alles zu vermeiden, was mit Rechnen zu tun hat. Doch das ist fast unmöglich: Ob Wahlergebnisse oder Schlussverkauf, Autokredit oder Börsenkurse – der Alltag steckt voller Mathematik. Trotzdem kommen kaum Erwachsene zur Therapie. „Sie haben sich mit einem Leben ohne Zahlen arrangiert“, sagt Wieneke, „und manche haben sogar studiert und Karriere gemacht.“ Juliane von Mittelstaedt
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Keine Angst vor Mathe

Der Patient: Martin Frömmig (12), Mittelschüler (6. Klasse) aus Wurzen: In Mathe war ich von Anfang an nicht gut. Bei 24 + 19 kam alles mögliche raus, bloß nicht das richtige Ergebnis. Ich verstand auch nicht, dass sich eine 7 in 2 und 5 oder in 3 und 4 zerlegen lässt. Ich wusste einfach nicht, wie ich rechnen sollte. So fingen alle Probleme in der Schule an. Stören statt lernen. Im Unterricht machte ich mich klein, damit ich nicht dran kam. Ich wurde in allen Fächern schlechter, fiel nur dadurch auf, dass ich den Unterricht störte und mich mit den Mitschülern prügelte. Meine Eltern waren fix und fertig. Sie verstanden nicht, warum ich nicht rechnen konnte. Dann gingen sie mit mir ins Leipziger Therapiezentrum. Ich machte einen Test. Das Ergebnis: Ich leide an Rechenschwäche. Seit Oktober 2 000 habe ich einmal pro Woche eine Einzelstunde bei Frau Slotta. Ich gehe gern hin. Sie erklärt mir Mathematik so gut, dass ich es schließlich kapiere. Ehrenrunde. Die 5. Klasse musste ich wiederholen. Am Ende hatte ich eine 4 statt einer 5 in Mathe. In vielen Fächern kam ich auf eine 2 oder 3. Jetzt bin ich in der 6. Klasse und weiß in Mathe oft die richtige Antwort. Meine Eltern sind begeistert. Ich auch. Im Sommer 2002 kann ich die Therapie beenden. Die Therapeutin: Irmgard Slotta (32), Diplom-Psychologin, Therapeutin für Rechenschwäche: Sechs bis acht Prozent aller Kinder haben eine Rechenschwäche, Dyskalkulie genannt. Doch im Gegensatz zur Lese-Rechtschreibschwäche ist sie wenig bekannt und wird leider auch von vielen Schulbehörden und Jugendämtern nicht ernst genommen. Eigene Regeln. Rechenschwäche ist ein systematisches Lernversagen beim Erwerb grundlegender arithmetischer Einsichten. Die Schüler verstehen nicht wie Zahlen und Mengen zusammenhängen. So rechnen sie durch stures Abzählen oder nach eigenen Regeln, verdrehen mehrstellige Zahlen und verwechseln Rechenarten. Große Lücken. Mit Dummheit oder fehlendem logischen Denkvermögen hat das nichts zu tun. Oft führen Krankheit, Familienprobleme oder schlechter Unterricht dazu, dass Kinder die ersten Denkschritte nicht verstehen. Die Wissenslücken werden dann mit der Zeit immer größer. Daher nützen gewöhnliche Nachhilfestunden sehr oft nichts. Angebot. Wir bieten eine grundlegende Lerntherapie in wöchentlichen Einzelstunden. Tests zeigen, an welchen Stellen das Kind der Rechenlogik nicht folgen kann. Die Therapeuten bauen das mathematische Verständnis neu auf. Bei 90 Prozent der Kinder hat eine zweijährige Therapie Erfolg. Leider müssen in den meisten Fällen die Eltern diese Therapie (230 € im Monat) zahlen. INFO: Es gibt in Deutschland 40 Zentren zur Therapie der Rechenschwäche ZTR Leipzig: Kreuzstr. 3 b, 04103 Leipzig. Info-Tel. 0341/2 68 95 20

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